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Mittwoch, 19. Dezember 2007

Wannsee in Flammen

„Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr“, sagte Arthur, als er mir von der erkalteten Pizza erzählte. Charlotte hat die Margherita nicht gegessen. Sie hat sie einfach im durchgeweichten Pappkarton auf ihrer Fußmatte liegen lassen, wo mein verzweifelter Freund sie am nächsten Tag – ungegessen, gleichsam als Tiefkühlpizza – wieder aufhob. Arthur aß sie dann eben selbst, für seine Verhältnisse langsam und ohne großen Appetit, doch er aß auch diese kalte, verrottete Margherita bis zum letzten Bissen auf. Natürlich aß er sie auf. Und jetzt stehen wir hier am Wannsee, wir stehen schon wieder an einem Grab, einem Selbstmördergrab, und warten auf Moby Dick.

„Ich bin innerlich so wund“, stöhnt mein Gefährte, „dass mir, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht weh tut, das mir darauf schimmert.“

„Das könnte auch mit deinem Kokainkonsum zu tun haben.“

„Why does my heart feel so bad?“ Mein Begleiter nimmt einen kräftigen Schluck Schweizer Absinth, den wir extra für diesen Ausflug aus Tim Verlaines Kellerversteck entwendet haben. „Wusstest du, dass Moby der Ur-Ur-Großenkel von Herman Melville ist?“

„Klar, das wusste ich. Aber ich glaube kaum, dass Moby Dick heute noch kommt. Könnte es möglicherweise so was wie eine Winterpause für Ausflugsschiffe geben?“

„Verdammte Scheiße“, murmelt Arthur.

Wir hatten beinahe schon dergleichen vermutet, als wir versuchten, das Menü zu buchen, wollten es aber nicht wahrhaben. Denn der Wannsee ist ja, das kann selbst ein Blinder erkennen, nicht zugefroren. Man braucht weder einen Eisbrecher, noch einen Walfänger, um dieses Gewässer zu befahren, nur Berlins beliebtesten Ausflugsdampfer Moby Dick sowie ein Ticket für Wannsee in Flammen. Ich wollte Arthur aufheitern, zumal er übermorgen Geburtstag hat und in Kürze Vater einer Tochter namens „Clara“ wird. Das Erlebnispaket Wannsee in Flammen auf der MS Moby Dick schien genau die passende Ablenkung zu sein: ein maritimes Abenteuer auf der Südseite der Stadt. „Wir können Ihnen zwar nicht die Sterne vom Himmel holen“, hatte die Reederei behauptet, „lassen aber auf imposante Art den Himmel für unsere Gäste erstrahlen.“ Ein spektakuläres Höhenfeuerwerk sollte uns in seinen Bann ziehen: „Der Wannsee im Feuerzauber, da heißt es: Alle Mann auf’s Oberdeck, Blick zum Himmel und staunen - Sie werden ‚Feuer und Flamme’ sein!“ – so die Reederei, so hatten wir uns das vorgestellt, Arthur und ich. Wir wollten unser Bordmenü, wie empfohlen, reservieren – Arthur das Kesselgoulasch mit Gemüse und Kartoffeln ergänzt durch das Eisdessert „Copa, ich selbst die Poulardenbrust mit Champignonsauce und Gemüsereis sowie Tiroler Apfelkuchen, danach vielleicht noch einen Kaffee und zwanzig Schnäpse –, doch niemand ging ans Telefon. Mein Freund und ich sind also direkt zum Wannsee gefahren. Und jetzt ist die Enttäuschung uferlos: Von Moby Dick keine Spur, der Ticketschalter war nicht mal besetzt. Nicht am Großen und auch nicht am Kleinen Wannsee, wo wir nun stehen, Absinth aus der Flasche trinken, ohne Feuerritual, und nicht weiterwissen. Vor uns das Kleist-Grab, morgen geht der Flieger nach Stavanger. Der Wannsee ist dunkel wie ein Friedhof zur Geisterstunde.

„Könnten wir nicht wenigstens eine kleine Mondscheinfahrt machen?

„Arthur, es fahren einfach keine Schiffe. Nicht im Winter. Lass uns nach Hause gehen und unsere Sachen packen. Norwegen ist herrlich. Allen UN-Statistiken zufolge das reichste, sicherste und gesündeste Land der Erde. Ein Paradies eben. Mit oder ohne Sophie.“

„Ohne Charlotte ist das Paradies für mich verriegelt.“

„Erstens geht es dir, wenn du mich fragst, gar nicht um Charlotte, sondern um Klara, beziehungsweise Clara. Und außerdem bleibt uns jetzt nichts anderes übrig, als diese Reise ans Ende der Welt machen, damit wir sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist. Dieses verriegelte Paradies.“

„Was faselst du da eigentlich? Meinst du, wir müssten wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?“

„Allerdings“, sage ich, während mir die Grüne Fee bereits das Hirn vernebelt. „Das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“

„Du bist ein Idiot“, erwidert Captain Arthur. „Ich will ein Kesselgoulasch. Moby Dick. Den Wannsee in Flammen sehen!“

Und mein Freund schließt wieder seine Augen, unter der himmelhohen Eiche am Grab von Heinrich und Henriette, denen auf Erden einfach nicht zu helfen war – um diese Augen dann blitzartig weit aufzureißen:

„Moment!“ ruft er. Wannsee in Flammen! Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe!”

Gut zwei Stunden später, die Finsternis ist vollkommen, torkeln wir durch den Prenzlauer Berg. Wir mussten noch bei Arthur vorbeifahren, er wollte sein Löwenkostüm holen, was ich ihm jedoch ausreden konnte. Den Schuhkarton, diese abwechslungsreiche und schillernde, von Charlotte stets mit Befremden betrachtete Kollektion alter Liebesbriefe, trägt er indes unter dem Arm. Wie die Pizza vor einigen Tagen. Und wieder stehen wir vor dem selben Haus. Kein Mensch ist zu sehen, keine Nachtigall zu hören.

„Ist noch Absinth da?“ fragt Arthur, während er hektisch seine Taschen durchwühlt.

„Ein kleiner Schluck. Hier, für dich.“

Mein Freund setzt die Flasche mit der grünen Flüssigkeit an seine Lippen, der Wermut läuft ihm dabei über Gesicht und Hände. Er sieht aus wie ein Irrsinniger, selbst für mich. Was Fremde denken könnten, will ich mir gar nicht ausmalen. Dieses Haus hat keinen eigentlichen Vorgarten, sondern bloß einen schmalen Grünstreifen zur Straße hin, wo irgendjemand Rosen gepflanzt hat, die im Dunkeln bläulich schimmern.

„Was Kate Moss kann, kann ich auch“, sagt Arthur entschlossen und schüttet den gesamten Inhalt seines Schuhkartons neben dem Blumenbeet aus – Hunderte Liebesbriefe, wohlformulierte und legasthenische, deutsch- und fremdsprachige, mit Herzblut verfasste und verlogene, flattern über die Wiese. Ich meine, Ayşes Namen zu lesen. Charlotte. Julia. Keine Ahnung, wer Julia ist. Vielleicht hat Arthur sich diesen Brief selber geschrieben.

„So. Jetzt das Streichholz.“

Und Arthur Müller legt Feuer. Mit einem Streichholzbriefchen aus dem Quatro Stagione all’Inferno. Es breitet sich gemächlich, aber unaufhaltsam aus. Der eisige Dezemberwind. Ein Scheiterhaufen aus Liebesbriefen.

„Charlotte!“ ruft mein Freund und sein Gesicht wird schon vom Flammenschein erhellt. „Charlotte!“

„Pass auf“, sage ich.

„Das Feuer ist noch nicht groß genug.“

Arthur nimmt ein weiteres Streichholz, zündet es an – und schreit auf: Arthur brennt. Als ich es merke, brennt er wohl schon zehn Sekunden lang. Nicht nur die Liebesbriefe, sondern auch seine Hände stehen nun in Flammen. Ich denke einmal mehr an meinen Todestraum, das Höllenlicht, ich denke an Prag und Alphaville, verharre wie gelähmt auf der Stelle.

„Scheiße, der Absinth! Hilf mir doch!“

„Was soll ich denn machen?“

Mein Freund bewegt sich wie ein Veitstänzer, klopft mit den Händen wild auf den Boden, auf die Blumen, bis seine Finger nicht mehr brennen. Die Briefe aber brennen weiter.

„Was ist denn hier los? Ich glaub’, ich spinne!“

Ein Fenster ist aufgegangen und ein Hausmeistertyp im Feinrippunterhemd schaut heraus, das Handy in der Hand.

„Ihr habt se ja wohl nich’ mehr alle!“ brüllt er.

Dieser Mann, das steht fest, wird jetzt nicht nur die Feuerwehr oder die Polizei, sondern die Feuerwehr und die Polizei rufen, die Arthur und mich dann in ein Arbeitslager bringen werden. Die Kosten für die zertrampelten Rosen nicht zu vergessen. Was für ein verdammtes Balagan. Doch Arthur sieht ihn nicht mal, diesen Hausmeister, obwohl er bloß wenige Meter entfernt ist. Mein Freund starrt nach oben, zur dritten Etage, denn dort steht Charlotte. Auf ihrem Balkon. Trotz des entfesselten Feuers, das nunmehr auf das gesamte Rasenstück übergegriffen hat und vermutlich den Prenzlauer Berg mit all seinen Kinderwagen und Bier- und Bionadetrinkern in Schutt und Asche legen wird, kann ich nicht erkennen, ob sie lächelt oder weint, mädchenhaft errötet oder ausspuckt. Sie steht dort, im weißen Nachthemd, auf ihrem Balkon, die Hand an der Wange, und schaut auf uns und die brennenden Briefe herab.

Und Arthur schaut zu ihr hoch.

„Charlotte!“ ruft er mit silbern-süßer Stimme. „Charlotte! Ich fliege morgen nach Norwegen.“


[Dies ist das letzte Kapitel der zweiten Staffel der Geschichte von Arthur und mir und der Welt. Balagan Blues dankt allen Lesern und Unterstützerinnen, Freunden und Feinden. Doch die Reise muss weitergehen. 2008 wird wie kein anderes Jahr zuvor im Zeichen des Balagans stehen. Near. Far. Wherever you are.]

Dienstag, 4. Dezember 2007

Licht und Blindheit

„Berlin“, sagt David Bowie, „ist eine Stadt voller Bars für traurige, enttäuschte Menschen – das liebe ich.“ Auch im Quatro Stagione all’Inferno, wo Arthur nun als Pizzabäcker am Ofen dilettiert, herrscht einmal mehr gedrückte, wenngleich liebenswürdige Stimmung. Tim Verlaine, der Besitzer, lehnt wie immer mit seinen langen dünnen Gliedmaßen an der Bar, raucht und starrt ins Leere. Vielleicht glaubt er, wie ein Killer aus dem Film Der Clan der Sizilianer auszusehen, doch er bleibt nur ein trauriger Harlekin. Mitunter wechselt Tim die Musik oder ruft meinem schwitzenden Freund, der kurz vor einer verheerenden Eruption zu stehen scheint – nicht zuletzt, weil er bei der Arbeit ein buntes Quatro Stagione all’Inferno-T-Shirt tragen muss –, ein Kommando zu. In einer Ecke sitzt ein Paar mit einem Dackel, das Bionade trinkt. Arthur trinkt Absinth. Die Beleuchtung ist – vermutlich aufgrund von Sparzwängen – auf ein Minimum heruntergedimmt. Dies alles sehe ich durch die beschlagene, milchige Scheibe, bevor ich den Laden betrete.

Arthur blickt auf, mit finsterer Miene: „Du brauchst dich hier gar nicht blicken zu lassen. Du bist an allem schuld.“

„Hallo, Arthur! Hallo, Tim!“

„Wenn du Charlotte im Rausch nichts von Dimona erzählt hättest, wären wir jetzt noch zusammen.“

Keine Reaktion von Tim. Er lehnt am Tresen wie ein Blinder. Ein Blinder der sich zusätzlich zu seinem nicht vorhandenen Sehvermögen noch Wachs in die Ohren stopft, um die Außenwelt mit ihren Finanzbehörden, Gesundheitsämtern und geizigen Gästen komplett auszuschalten und fortan in ewiger Dunkelheit zu leben. Ich nehme auf einem Barhocker Platz und frage freundlich:

„Wie läuft denn das Pizzabacken?“

Da Arthur sich einer Antwort enthält, füge ich noch hinzu:

„Also, zunächst mal kann ich mich nicht erinnern, Charlotte von deiner Namensidee berichtet zu haben.“

„Schwachsinn! Man kann sich an alles erinnern, wenn man nur will.“

„Außerdem hättet ihr die Namensfrage sowieso bald besprechen müssen. So ein Kind darf nicht lange namenlos bleiben. Aber das ist ja ohnehin alles vollkommen egal – Charlotte hat sich ganz sicher nicht von dir getrennt, weil du eure Tochter nach einer Atomwaffenfabrik taufen wolltest. Ich hätte auch gerne einen Absinth.“

„Clara!“ Arthur schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Meine Tochter wird ‚Clara’ heißen! Das ist der größte anzunehmende Unfall.“

„Es ist vor allem der größte anzunehmende Zufall. Das glaubt kein Mensch, wenn ich es aufschreibe. Weiß Charlotte wirklich nichts von Klara? Vielleicht hat sie einen alten Liebesbrief in deinem Schuhkarton entdeckt?“

„Glaubst du, wenn sie von Klara wüsste, würde sie unsere Tochter so nennen? Das wäre ja Irrsinn. Außerdem hat Klara mir nie auch nur einen einzigen Liebesbrief geschrieben.“

„Ach ja.“

Clara wird mich Papa rufen. Mein Gott, das ist der Untergang.“

„Ich gehe mir jetzt einen Schuss setzen“, sagt Tim Verlaine, bewegt sich jedoch nicht von der Stelle.

Arthur hat mir Charlottes letzten Liebesbrief gezeigt. Ihre Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich fürchte, unsere Suche ist vorbei. Sollte Charlotte wirklich wegziehen, nach Paris beispielweise, wären wir beide, Arthur und ich, wieder allein. Und ‚Clara’ wäre in der Tat ein noch absurderer Name als ‚Dimona’.

„Vielleicht kannst du ja wenigstens den Namen verhindern“, sage ich. „‚Clara’. Dafür ist es noch nicht zu spät.“

„Es ist für gar nichts zu spät. Wenn Charlotte mich wirklich liebt, kann sie mich nicht verlassen. Liebe macht blind.“

„Und Liebe vergisst nicht. Wenn sie in der Agentur kündigen kann, kann sie auch dir kündigen.“

„Nein. Nein, nein, nein! Das macht keinen Sinn. Das ist alles auch eine Folge der Schwangerschaft und dieser ständigen hormonellen Achterbahnfahrt. Scheiße!“ Arthur schreit auf, fast fällt ihm die Pizzapfanne aus der Hand. „Schon wieder! Ich habe mich heute schon dreimal an diesem verdammten Ofen verbrannt!“

„So merkst du wenigstens, dass du am Leben bist“, meint Tim. „Hast du doch selbst gesagt. Nimm nicht so viele Sardellen.“

„Genau!“ Arthurs Augen blitzen. „Ich bin noch am Leben und ich gebe nicht auf. Ich werde Charlotte eine Pizza backen.“

Ich muss, bei aller Wehmut, lachen: „Du willst sie mit einer Pizza zurückgewinnen? Nach diesem Brief?“

„Es wird ja nicht irgendeine Pizza sein. Außerdem ist es der perfekte Vorwand, bei ihr vor der Tür zu stehen, als Pizzabote sozusagen. Sie liegt ja offensichtlich zuhause im Bett.“

„Dieser Brief liest sich eher wie das Gegenteil einer Pizzabestellung bei dir.“

Tim erhebt sich seufzend: „Wenn du weiter so viele Sardellen nimmst, kann ich den Laden morgen schließen. Aber das kann ich ja sowieso.“ Er wechselt die Musik.

Drei, vier klirrende Pianotöne. Ich weiß sofort, was wir jetzt hören: die vielleicht deprimierendste Platte aller Zeiten, Lou Reeds Berlin. Der schwarze Nachfolger seines Glamrock-Albums Transformer. Doch wenn man vom Glamrock den Glamour abkratzt, Make-up und Goldlack entfernt, kommt darunter nicht einfach wieder Rock zum Vorschein, sondern eben ein Werk wie Berlin. Rock’n Roll, der durch die Hölle gegangen ist und nun erbarmungslos – mit schmutziger Sentimentalität – von diesem Ausflug erzählt. Ähnlich wie Bowie Jahre später, singt auch Lou Reed von den traurigen, enttäuschten Menschen in den Bars dieser Stadt. Berlin ist die abgründige Geschichte eines Junkie-Paares im Schatten der Mauer. Anders als Bowie, der zu „Heroes“-Zeiten eine Wohnung mit zehn schwarzgestrichenen, lichtlosen Zimmern in Schöneberg bewohnte und ab und zu wie Charlotte durch den Grunewald streifte, kannte Lou Reed Berlin überhaupt nicht. Der Titel ist eine Discounter-Metapher für alles, wofür die Stadt im Jahr 1973 vermeintlich oder tatsächlich steht: Zerrissenheit. Zorn. Sprachlosigkeit. Eifersucht. Dekadenz. Und Heroin, natürlich. Warum Selbstmord machen, wenn man diese Platte kaufen kann.

„Gute Wahl“, sage ich zu Tim. „Sehr erfrischend. Genau das, was dieser optimistische Laden braucht.“

„Was mein Laden braucht, sind Gäste, die mehr als eine Bionade trinken.“ Er gibt sich keinerlei Mühe, seine Stimme zu senken. „Oder einen Idioten, der ihn mir abkauft.“

„Eine Pizza Hawaii, bitte!“ sagt Aaron, der im selben Augenblick – wie immer milde lächelnd – das Quatro Stagione all’Inferno betritt. Sophie ist auch dabei. Sie trägt eine gigantische Tasche über der Schulter und ein paar Schneeflocken im schwarzen Haar. Ihr Gesicht ist wintergerötet. Sie lächelt ebenfalls, und zum wiederholten Mal frage ich mich, ob Aaron und diese Sophie eigentlich zusammen sind oder nicht und was sie eigentlich in ihrer Tasche hat.

„Das ist hier nicht das Paradise“, entgegnet Arthur grinsend. Im Gegensatz zu mir schafft es Aaron zuverlässig, ihn zum Lachen zu bringen. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden nicht so eng befreundet sind. Mein Freund fährt fort: „Hier gibt’s nur allerfeinste Pfannenpizza ohne Ananas, dafür mit Dosenchampignons und all-you-can-eat-Sardellen.“

„Wenn du noch einen einzigen Schluck Absinth trinkst“, murmelt Tim, „bist du gefeuert.“

„Ich möchte auch Absinth trinken“, sagt Sophie. „Kann ich hier irgendwo mein Gepäck abstellen? Das ist die winzigste Pizzeria, in der ich jemals war.“

Der Wirt stöhnt auf, nimmt Aarons Freundin jedoch die schwere Tasche ab und stellt diese mit schmerzverzerrtem Ausdruck irgendwo hinten in der Küche ab.

„Wo ist das Narbengesicht?“ fragt Aaron. „Wo ist Charlotte?“

Arthur deutet auf die Brandnarben an seinen Unterarmen.

„Charlotte hat ihre Tage“, sagt er dann.

„Was ist denn nun eigentlich mit unserer Norwegenreise?“ will ich wissen.

„Ist praktisch alles klar. In zehn Tagen oder so geht’s los. Ich sag’ euch noch mal Bescheid. Zieht euch warm an.“

„Ich würde auch mitkommen.“ Sophie reibt sich die Hände. „Ein bisschen im Dunkeln sitzen. Den Mond anheulen. Selbstgebrannten Schnaps trinken. In Berlin hab ich zu all dem keine Lust.“

„Der Norweger von heute“, sagt Aaron, „trinkt keinen Brennspiritus mehr, sondern erlesensten Champagner. Niemand wird heute noch blind. Und das Licht ist gerade auch zu dieser Jahreszeit einfach fabelhaft.“

„Wie geht das jetzt genau?“

Ich zeige Sophie, deren apartes Gesicht noch immer glüht, wie das feuerfreie Absinthritual vonstatten geht. Wir erfreuen uns am Louche-Effekt, der das grüne Getränk milchig-undurchdringlich einfärbt und Klarheit und Vernunft in Blindheit und Delirium verwandelt.

„Komm’ doch mit“, sage ich plötzlich zu Sophie. „Nach Norwegen. Es wird bestimmt lustig. Was ist eigentlich in der riesigen Tasche, die du immer mit dir herumträgst?“

„Dieser Song handelt von Nico“, bemerkt Arthur ebenso unvermittelt, indem er recht sinnfrei auf Tims Stereoanlage deutet. Er hat uns gar nicht zugehört. „Das behauptet Charlotte jedenfalls immer. Von Nico und ihrem Sohn.“

Da das Bionade-Paar verschwunden ist und Tim Verlaine sich in der Küche versteckt, stellt mein Freund das Pizzabacken ein und setzt sich zu uns an die Theke.

„Natürlich.“ Aaron nickt. „Das ist ein Lied über Nico und Ari. Ein Abschiedsbrief. Der letzte Liebesbrief. Wobei Lou Reed ziemlich abgefuckte Liebesbriefe schreibt.“

„Dieser Sohn, den sie mit Alain Delon hatte, muss auch ziemlich abgefuckt sein“, sagt Sophie. „Wir haben ja letztes Mal mit Charlotte schon darüber gesprochen.“


„The Kids“ ist das achte und wohl unerträglichste Lied auf Berlin. Und natürlich hat Charlotte recht – zum ersten Mal fällt mir auf, dass „The Kids“ eigentlich nur von „Le Kid“ handeln kann. Oder Christian Aaron Päffgen Delon Boulogne. Wie auch immer dieses Unglückskind heißen mag. Es erzählt von Andy Warhols allerschönster Frau und Lou Reeds zeitweiliger Geliebten Nico und ihrem albtraumhaften Leben. Nicht mal die Vergewaltigung durch einen GI in ihrer Jugend wird dabei ausgespart. „That miserable rotten slut couldn't turn anyone away”, erklärt Lou mit trauernder, tonloser Häme. Und dann beschreibt er, wie der Junkie-Mutter im Song ihre Kinder weggenommen werden. Dass dabei von einer Tochter die Rede ist, spielt keine Rolle, denn Lou meint offenkundig Nicos Ari, dessen Existenz als eine Art Maskottchen der Warhol-Factory in New York auf diese Weise beendet wurde. Obwohl Alain Delon seinen Sohn niemals anerkannte, ließ ihn seine Mutter – Aris Großmutter –, die aus der Klatschpresse von den Factory-Exzessen erfahren hatte, nach Frankreich entführen, wo er nicht mehr von Nicos bunten Pillen naschen konnte. Und so kam es, dass „Le Kid“ in einem Pariser Kleinbürgervorort aufwuchs. Als Adoptivsohn eines Metzgermeisters. Delon verstieß daraufhin nicht nur seinen Sohn, sondern auch seine eigene Mutter, die trotzdem allabendlich mit Ari Alain Delon-Filme im Fernsehen schaute. „Ich habe keinen Vater“, sagt „Le Kid“ heute. Noch schlimmer: Er hat nicht mal einen Namen. Deshalb nennt er sich ‚Ari’, einfach nur ‚Ari’, so wie seine Mutter immer nur ‚Nico’ hieß und ‚Klara’ immer nur ‚Klara’.

„Diese Schreie sind ja fürchterlich“, sagt Sophie, während aus den Boxen infernalisches Kindergebrüll ertönt – Kinder, die nach ihrer Mutter rufen.

„Allerdings“, erwidert Aaron. „Das liegt daran, dass sie echt sind.“.

Der Produzent des Tracks, erläutert er, hätte auf der Suche nach einem besonders haarsträubenden Effekt seinen Kindern mal eben erzählt, ihre Mama sei bei einem furchtbaren Autounfall ums Leben gekommen. Bei den Schreien, die letztlich auf der Platte zu hören sind, handele es sich um ihre verständlicherweise entsetzte Reaktion auf diese frei erfundene Unglücksbotschaft.

Aaron nippt an seinem Absinth: „Berlin ist nicht nur Lou Reeds bestes, sondern auch sein mit Abstand zynischstes Album.“

„Ich kann mir gut vorstellen“, bemerkt Sophie, „dass Ari so geschrieen hat, als er aus der Factory in diesen Fleischerhaushalt entführt wurde. Das ist ja Kidnapping.“

„Du verbreitest mal wieder Mythen“, sage ich zu Aaron. „Der Produzent hat seine Kinder einfach nur gebeten, ein bisschen zu schreien. Deine Geschichte ist zwar gut, aber schlicht und einfach unwahr.“

Keine Zweifel gibt es hingegen daran, dass Ari, der namen- und vaterlose Sohn, nicht für immer im Haus seiner Oma in Bourg-la-Reine blieb. Jener Oma, deren zweiter Ehemann nun offiziell sein Vater war, die ihn selbst jedoch nicht adoptieren konnte, da sein leiblicher Vater, Alain Delon, ja dann zu Aris Bruder mutiert wäre. Was für ein Balagan. Ari flüchtete, noch als Teenager, zu Nico nach New York. Sie zogen weiter, Hand in Hand, Richtung Nordengland, wo Mutter und Sohn Bett und Spritzbesteck teilten. Und dort, in Manchester, traf Ari Päffgen Ian Curtis, den Sänger von Joy Division.

An keinem Ort der Welt war Nico so glücklich wie in dieser grauen, drogenverseuchten, dabei auf entfesselte Weise kreativen Stadt. Auch in Manchester gab es ja eine Factory – Tony Wilsons neugegründetes Label Factory Records. Die wahren New Romantics, die Helle und Erleuchtung in den Schattenwelten verrotteter Industrieruinen suchten. Angeregt durch den Manager seiner Mutter, Alan Wise, stand Ari eines abends vor der Tür von Ian Curtis’ Reihenhaus und fragte ihn, was der Titel „Love Will Tear Us Apart“ – der Song war offiziell noch nicht erschienen, kursierte jedoch bereits in der Stadt – bedeutete. Ian sagte es ihm. Die beiden tranken Tee und schluckten alles, was gerade im Medizinschrank parat lag. Und viel später, in der Morgendämmerung, sangen sie gemeinsam das „Deutschlandlied“ – jene Hymne, die auch bei Ians Hochzeit gespielt worden war und die Ari, der sonst kein Wort Deutsch sprach, von seiner Mutter kannte. Nico widmete das Lied bei Auftritten gerne Andreas Baader. Ari und Ian sangen „Deutschland, Deutschland über alles“, schworen sich ewige Freundschaft. Doch bereits in der Folgewoche erhängte sich Ian Curtis und Ari lag wieder mit seiner Mutter im Bett. Auch als Nico, die Nokturnen-Königin, mit schwarzem Kopftuch und schwarzen Lederhosen im gleißenden Sonnenlicht der Balearen vom Fahrrad fiel, war ihr Sohn nicht weit. Er küsste ihre Augen und kotzte. Kurz zuvor hatte sie noch mal das „Deutschlandlied“ vorgetragen, unter einem Elektromond, in der künstlichen Finsternis des Berliner Planetariums. An ihrem Grab auf dem Friedhof der Namenlosen sang Ari nun „Mütterlein“. Oder er spielte die Kassette mit der Stimme seiner Mutter ab. Niemand weiß das mehr so genau, niemand kann sich erinnern.

„Was ist danach mit Ari passiert?” fragt Sophie und rührt in ihrem Absinthglas.

„Das kann ich dir genau sagen“, erwidert Arthur seufzend. „Charlotte hat es mir tausendmal erzählt. Bevor sie mich verlassen hat.“

„Was?“

„Also, Nicos Manager, der später auch mit den verbliebenen Joy Division-Mitgliedern auf Tour ging, kümmerte sich darum, dass Ari nicht nur ihre Schulden, sondern auch ein paar Tantiemen erbte. Als Ari die ersten Tantiemenzahlungen erhielt, gab er das Geld sofort für Heroin aus. Von da an nahm er täglich ein Gramm. Er ließ sich in Paris in die Psychiatrie einweisen. Kam runter vom Junk. Dann lag ein Scheck von Velvet Underground in seinem Briefkasten, mit dem er sich ein Ticket nach Raroia leistete.“

„Raroia?“

„Das ist natürlich auf Tahiti. Dort konsumierte Ari Valium, Pot und Bier, wurde zusammengeschlagen und verhaftet und jemand versuchte, ihn mit einer Harpune zu töten. Zurück in New York, verlor er dann völlig den Verstand. Auf Staten Island fiel er von einer Getreidemühle. Seitdem hat er Unmengen Metall in seinem Körper. Im Winter, den er auf der Straße verbrachte, fiel er auch noch in den Hudson River. Jedes Mal wurde er zufällig gerettet, wie eine Katze mit neun Leben.“

„Wie sein Vater, der Leopard“, sagt Sophie.

„Er hatte kein Geld und keinen Pass. Die Polizei brachte Ari wieder in die Psychiatrie, wo er Elektroschocks bekam. Ein Freund holte ihn da raus. Dann wieder Paris. Sein Vater, dieses rechtsradikale Schwein, verstieß ihn ein weiteres Mal. Und so weiter und so fort. All the children are insane. Und außerdem schreibt Ari seit 25 Jahren an einem Roman, der Sordide Sentimental heißen soll und garantiert nie erscheinen wird.“ Arthur schlägt mit der flachen Hand auf den Tresen. „Mir wird es bald ähnlich gehen, fürchte ich, wenn meine Tochter als ‚Clara’ auf die Welt kommt. Das ist der letzte Kick, den ich noch brauche, um genau den gleichen Weg zu gehen wie Ari Delon. Obwohl meine Mutter keine teutonische Chanteuse ist.“

„Es ist erstaunlich“, sage ich, „dass Alain Delon Herzprobleme hat. Das dürfte rein biologisch gar nicht möglich sein.“

„Das ist so, als würde ich unter erektilen Störungen leiden“, meint Sophie.

Aaron flüstert beschwörend, wie er es mitunter tut: „Mahnend zieht die Nacht den Mantel vor des Unterganges Tore und die Herzen fühlen alle, wer verloren, wer gewonnen.“

„Noch jemand Absinth?“ Arthur hält die Flasche hoch. „Geht aufs Haus.“

„Nein, geht er nicht“, ruft Tim, der aus der Küche kommt. „Hier geht gar nichts aufs Haus.“ Er macht die Musik aus, die Kinder sind still, selbst Lou Reed schweigt. „Gleich kommt mein Vater“, fügt der Besitzer noch müde und beinahe ängstlich hinzu. „Er ist ein bisschen eigen.“

„Aaron, mein Freund.“ Arthur legt seinen Arm um den Paradise-Barmann. „Wenn du eine Frau mit einer Pizza zurückgewinnen wolltest, welche Pizza würdest du dann backen?“

„Das kommt auf die Frau an.“ Aaron lacht.

„Nehmen wir mal an, bei dieser Frau handelt es sich um Charlotte.“

„Was ist denn mit Charlotte?“ fragt Sophie, die ich sehr gern mal ohne Aaron und ohne Arthur in einer weniger traurigen Berliner Bar treffen würde, doch in diesem Moment geht die Tür auf, eine eisige Winterböe weht in den Raum und von draußen aus der Finsternis tritt Tims Vater humpelnd ins Quatro Stagione all’Inferno.

Mittwoch, 14. November 2007

Der Louche-Effekt

Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Italiener ein. Dies hat, so sonderbar es scheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Berührungspunkte geben, sie sind einander ähnlich in dem einen, dass man mit ihnen – allerdings mit dem einen weniger als mit dem anderen – abgeschlossen hat. Man spricht von dem Indianer kaum anders als von dem „sterbenden Mann“, während jeder, der die Verhältnisse kennt, den Italiener zumindest als den „kranken Mann“ bezeichnen muss. Nur Tim sollte dies besser nicht hören, obwohl er sicher nicht widersprechen würde. Tim heißt der Inhaber der Pizzakneipe in meinem Haus, die Arthur und ich, wenn gerade mal kein rohes Fleisch im Kühlschrank ist, regelmäßig aufsuchen. Quatro Stagione all’Inferno lautet der Name des Lokals. Dabei ist Tim gar kein Italiener. Eher eine Promenadenmischung aus Italo-Amerikaner, Kroate und Kreuzberger. Bereits sein voller Name scheint verdächtig, ja, anrüchig: Tim Verlaine. Der Pizzabäcker hat ihn in einem haltlosen Moment geändert, urkundlich sogar – als Tribut an den von ihm verehrten Gitarristen, Television-Frontmann und Ex-Lover von Patti Smith Tom Verlaine. Nicht zu unrecht, meint Tim. Tim Verlaine wie Tom Verlaine hätten sich diese gegenseitige Ehrbezeugung beide redlich verdient. Seiner eigenen Post Punk-Band Friends of the Italian Opera seien damals in den Achtzigern zwar keine kommerziellen, wohl aber künstlerische Meriten beschieden gewesen. Und Bob Dylan, so der Wirt, der große Bob Dylan, hätte die Welt ja schließlich auch nicht als „Robert Zimmermann“ erobert. Bei seinem Namenswechsel handele es sich somit um eine legitime Distanzierung von der eigenen Vergangenheit, über die er weder heute, noch irgendwann sonst jemals sprechen werde. Unter den Stammgästen kursieren finsterste Gerüchte, doch keine Beweise.

„Bob Dylan“, sage ich, „ist ja auch kein Pizzabäcker.“

„Moment“, erwidert der heute unkostümierte Arthur. „Wenn ich schon Pizza backe, dann auf keinen Fall ironische Pizza. Sondern richtige Pizza.“

„Was soll denn bitte eine ironische Pizza sein?“

„Es geht darum, wie eine Pizza aussieht – und wie sie ist. Und den Graben dazwischen. Als Pizzabäcker will ich mich auch am Ofen verbrennen. So wie ich als Fußballer Gras fressen würde und als Prostituierte... na ja.“

Tim stöhnt auf: „Dieser Ofen ist heißer als die Hölle.“

Er zeigt uns die Brandnarben an seinen Unterarmen – und verfällt sofort wieder in die für ihn charakteristische, an eine Monet-Skulptur erinnernde Pose. Ich fürchte, dieser traurige Harlekin hat seit mehr als einer Woche nicht gelächelt. Außer unseren Plätzen ist keiner besetzt, was mit Tims wie eine Bleischicht auf den Tischen lastenden Depressionen und seiner offenen Abneigung Gästen gegenüber in Verbindung stehen könnte. Auch die Pizza schmeckt hier irgendwie depressiv. Sogar Türken und selbst Indianer backen bessere Pizza als Tim Verlaine. Doch im Quatro Stagione all’Inferno wird es womöglich schon morgen zu einer Revolution kommen. Arthur hat zwar nicht Charlotte, seine allerschönste Frau, wohl aber seinen Schlüsselbund und – noch verblüffender – einen Job gefunden. Probeweise zumindest. Nach dem Teufelsberg-Abenteuer wollten wir die große Suche fast schon aufgeben. Ich habe noch immer Fieberträume. Mein von seinem Missgeschick in der Abhöranlage gezeichneter Freund wirkte beinahe so deprimiert wie der Pizzabäcker – beim Ausziehen des blut- und schweißverschmierten Löwenkostüms riss er sich zudem fast ein Ohr ab. Und Charlotte? Charlotte ging nicht ans Telefon. Charlotte geht nicht ans Telefon. Es scheint mehr als fraglich, ob sie jemals wieder ans Telefon gehen wird. Von Arthurs Vision haben wir nur noch ein einziges Mal gesprochen.

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, murmelte der müde Löwe. „So wie du übrigens auch.“

Nur wenig später jedoch fanden wir dann seinen Schlüsselbund wieder. Und das kam so:

Wir wollten eine Pizza essen gehen, im Quatro Stagione all’Inferno. Anschreiben lassen, versteht sich.

„Hier war ich auch“, sagte Arthur vor dem Eintreten, „in der verfluchten Nacht. Aber ich hab’ Tim schon nach dem Schlüssel gefragt. Er hat nur den Kopf geschüttelt. Ich weiß wirklich nicht, wo ich noch Geld herkriegen soll.“

Es ist ja keinesfalls so, dass er sich gar nicht bemühen würde. Selbst bei der Berliner Samenbank im Wedding, der einzigen Bank, wo Arthur überhaupt noch Zutritt hat, wollten sie die Dienste meines Freundes nicht in Anspruch nehmen. Vermutlich stellte er zu viele Fragen. Und für ein verdächtig hoch bezahltes pharmazeutisches Experiment, nach dem wir uns erkundigten, waren seine Leberwerte zu schlecht. „Wir möchten sie ja nicht auf dem Gewissen haben, junger Mann“, sagte die freundliche Krankenschwester und schenkte uns ein Pfefferminzbonbon.

Tims völlig leeres Lokal: Der Besitzer, Anfang vierzig, lichtes Haar, Amateur-Gitarrist, verharrte dort in der üblichen Starre auf einem Barhocker, die Zeitung fest fixierend, mit beiden Ellenbogen auf den Tresen gestützt. Er würdigte uns keines Blickes. Bryan Ferry, „More than this“, ein schmierig-schönes Liebeslied.

Arthur summte mit: „Das hab’ ich mal Karaoke gesungen. In Tokio. Oder war’s Bangkok? Hallo, Tim!“

„Hi, Tim!“

Keine Antwort.

„Es wurde was für dich abgegeben, Arthur“, sagte Tim Verlaine dann müde. „Hier.“

Er legte das Fundstück auf den Tisch – ein Joy Division-Schlüsselband, Arthurs Schlüsselbund, den ich seit Wochen auf dem Grund der Spree gewähnt hatte. Wir waren naturgemäß sprachlos.

„Wo hast du den denn auf einmal her?“ fragte mein Freund.

„Diese Frau hat ihn abgegeben. Die Frau, mit der du hier warst. Die mit dem Narbengesicht.“

„Scheiße.“

„Wie kommt die bitte zu deinem Schlüssel?“ wollte ich wissen.

„Sie meinte, sie wüsste auch nicht, wie der Schlüssel in ihre Tasche käme, aber es hätte vielleicht irgend was mit meinem Laden zu tun. Wenn ich diese Psychopathin mit ihrem Spazierstock noch einmal hier sehe, kriegt ihr beide Hausverbot. Die vergrault mir die Gäste.“

„Du hast keine Gäste“, sagte ich.

„Das stimmt. Und ich hab’ auch keinen Pizzabäcker mehr. Der sitzt in Untersuchungshaft.“

„Hey, Tim“, rief Arthur, nun deutlich besserer Stimmung: „Vielleicht könnte ich das ja machen.“

„Du müsstest schon sehr viele Pizzen backen, unmenschlich viele, um deine Schulden hier zu bezahlen.“

Ich fürchte, Tim ahnte nicht mal, wie eng sich die Schlinge um meinen Freund inzwischen zugezogen hat. Da er seit Wochen seinen Briefkasten nicht leeren konnte, erhält er jetzt fast stündlich Anrufe von Blutsaugern und potentiellen Schlägertypen. Selbstredend schuldet Arthur mir zudem das Geld für den Heimflug aus Israel sowie mehr als zweihundert Biere – und Charlotte in etwa den Gegenwert einer Reise zum Saturn.

„Mein Gott“, sagte Arthur, „ich wollte heute morgen schon eine Kettensäge kaufen, um endlich meine Tür zu öffnen. Bei Aldi sind die gerade im Angebot.“

„Mit einer Kettensäge“, erwiderte Tim ernst, „wird man wohl kaum eine Wohnungstür aufkriegen. Aber du kannst es ja mal versuchen.“

„Jetzt hab’ ich ja meinen Schlüssel wieder.“

„Ich glaube, er meint das Pizzabacken.“

„Ernsthaft?“

Tim nickte traurig: „Komm’ doch morgen um vier mal vorbei.“

Er öffnete die Tür, der eisige Novemberwind fuhr in den pizzaofenwarmen Raum und wehte ein paar Blätter herein.

Ich murmelte: „Seufzer gleiten die Saiten des Herbsts entlang, treffen mein Herz mit einem Schmerz dumpf und bang.“

„Ich habe meinen Schlüssel wieder“, sagte Arthur, „und ich habe einen Job.“

Während Tim an der Bar brütet und bisweilen die Musik wechselt, sitzen wir daneben, verdauen versalzene Pizza und trinken auf die glückliche Fügung. Nach Roxy Music spielt der Wirt nun wieder Television: Tom Verlaine und Richard Lloyd duellieren sich förmlich mit ihren Gitarren, wobei die Instrumente keine Pistolen sind, sondern Floretts, die präzise ins Herz treffen wie die Saitenseufzer des Herbstes. Die berühmte Live-Aufnahme aus Brüssel.

„Wenn ich wieder in meine Wohnung kann, habe ich auch endlich meinen Schuhkarton wieder. Sonst ist mir ja nicht viel geblieben.“

„Vielleicht findest du sogar neue Liebesbriefe in deinem Briefkasten.“

„Ja, vermutlich hat Charlotte einen Sammelband mit herzzerreißenden Elogen auf mich verfasst.“

„Was ist mit der postmodernen Frau? Die Email mit dem Doors-Zitat?“

Arthur zuckt mit den Schultern: „Die postmodernste Frau ist mir egal. Sie war mir schon immer egal.“

„War Scarface eigentlich sehr postmodern?“

„Ich sag’ es jetzt zum letzten Mal: Ich kann mich weder erinnern, wo und wie ich diese Dame kennen gelernt habe, noch wer sie ist. Ich war gerade aus der Spree gestiegen und geistig ein wenig angegriffen.“

„Das kann ich so nicht glauben.“

„Okay, irgendwas ist da in meinem Gedächtnis. Die Frau sehe ich schon, aber keine Narben und erst recht keinen Spazierstock. All diese Erinnerungsfragmente sind durch keinerlei Bänder verknüpft. Weißes Rauschen. Nebel. Tausend Frequenzen zugleich oder keine. So muss sich ein Alzheimer-Patient fühlen.“

„Wir müssen dir unbedingt auf die Sprünge helfen. Wer weiß, vielleicht finden wir dann auch Charlotte.“ Ich winke Tim. „Womöglich haben wir im Paradise einfach nur das falsche Getränk gewählt. Ramazotti kann es nicht gewesen sein. Was hast du in jener Nacht noch getrunken?“

Arthur überlegt: „Bier. Bier. Und Bier. Whiskey, glaube ich.“

„Und eine halbe Flasche Absinth“, wirft Tim plötzlich ein.

„Was?“

„Klar. Zusammen mit deiner Begleitung. Eine Runde nach der anderen.“

„Dann ist also gar nicht das Pulver für meinen Filmriss verantwortlich, sondern der Absinth! Oder vielmehr: für diesen Film in meinem Kopf, der lauter Dinge zeigt, die gar nicht passiert sein können.“

„Natürlich“, erwidert Tim, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich hab’ das mal studiert: Absinth macht kriminell, führt zu Wahnsinn, Epilepsie und Tuberkulose. Aus dem Mann macht Absinth ein wildes Biest, aus Frauen Märtyrerinnen und aus Kindern Debile. Und Familien zerstört er sowieso. Schau’ mich an. Mich und meinen Laden.“

„Wir hätten gerne zwei“, sage ich.

„Vielleicht sollten wir lieber Bionade trinken. Nachdem ich vor kurzem noch dachte, die Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem man niemals vertrieben werden kann, glaube ich jetzt, sie ist die Hölle.“

„Dann werden wir gemeinsam durch die Hölle gehen.“

„Ja, ja. Wie trinken wir ihn?“

„Auf keinen Fall das Feuerritual“, sage ich.

Noch so ein böses Souvenir: Prag, Mitte der neunziger Jahre. Schon damals war jeder einzelne Pflasterstein touristenverklebt. Diese Altstadt bringt es fertig, dass man irgendwann sogar Kafka verabscheut. Arthur und ich, Teenager auf Interrail-Tour durch den Osten, flüchteten also vor zahnlosen Huren und Auftragskillertaxifahrern in die Trabantensiedlungen an der Peripherie. Natürlich fanden wir dort ein anderes Prag, mein Freund liebt ja ohnehin den Beton. Wir tanzten in den anrüchigsten Diskotheken. Und in einem dieser Clubs tranken wir, gemeinsam mit zwei gutgelaunten Vorstadtpragerinnen, Absinth. Dabei bedienten wir uns der so genannten „tschechischen Trinkweise“, man will sich schließlich auch assimilieren. Runde um Runde legten wir ein, zwei in Wermutlikör getränkte Zuckerstücke auf einen Absinthlöffel und zündeten ihn an. Sobald der Zucker karamellisierte und Blasen warf, löschten wir die Flammen und schütteten das Ganze in den Absinth, der sich daraufhin in spektakulärer Manier entzündete. Arthur und ich konnten gar nicht genug davon bekommen. Doch zu vorgerückter grüner Stunde – Lena und Mascha schunkelten gerade zu Alphaville-Klängen – waren wir dermaßen blau, dass wir bei diesem Prozedere immer wieder einige Tropfen verschütteten. Auf den Boden. Über unsere Hände. Und plötzlich – bei „Big in Japan“ – fing meine rechte Hand Feuer. Sie stand lichterloh in Flammen, als hätte ich sie mit Benzin übergossen. Während die Tschechen rundherum hysterisch lachten, fiel ich beinahe in Ohnmacht, bis es mir endlich gelang, meine brennenden Finger zu löschen. Noch Wochen später bot diese Hand einen grauenhaften Anblick. Zum Glück wollte ich nie Pianist werden. Die Erinnerung, das steht fest, kann durchaus ein Inferno sein.

„Einmal das Feuerritual, bitte“, sagt Arthur zu Tim. „Ich werde mich sowieso noch an deinem Pizzaofen verbrennen. So spürt man wenigstens, dass man am Leben ist.“

„Kommt nicht in Frage. Ich bin nicht versichert. Hier wird nach der französischen Tradition getrunken.“

Er stellt drei Gläser des smaragdgrünen Elixiers auf den Tisch.

„Wie schön“, sage ich. „Es gibt wirklich kaum etwas Poetischeres als diese Farbe.“

„Hier sind die Löffel. Ich brauch’ jetzt auch einen.“

Tim, der zwar eine miserable Pizza fertigt, aber ansonsten im gesamten Bezirk für seinen Perfektionismus bekannt ist, besitzt tatsächlich echte Absinth-Löffel. Wir platzieren also jeweils ein Stück Würfelzucker auf dem Löffel und träufeln aus einem Pastis-Kännchen etwas Wasser darüber. Beim Umrühren im Glas trübt sich das klare Getränk sofort milchig.

„Ich liebe diesen Effekt“, sagt Arthur. „Aber er macht mir auch Angst. Etwas eigentlich relativ Klares wird plötzlich undurchsichtig und geheimnisvoll. Genau wie mein Gedächtnis. Es ist, als wären alle meine Erinnerungen aus jener Absinth-Nacht hinter einer Milchglasscheibe verborgen. Ganz ähnlich geht es mir übrigens mit der Zukunft.“

„Das offizielle Getränk für eine bessere Welt.“

„Wenn das so weitergeht, kann ich den Laden bald zumachen. Die ganze Saison war die Hölle.“

Wir stoßen an. Diesmal steht einzig meine Kehle in Flammen.

„Hast du dich damals eigentlich in ‚Tim Verlaine’ umbenannt, weil du in Patti Smith verknallt warst?“ will Arthur wissen.

„Ich war in Toms Gitarrenspiel verliebt, sonst nichts. Die Musik ist wichtiger als alles andere.“

„Und Patti“, sage ich, „hat ohnehin nur schwule französische Dichter begehrt. Und Mick Jagger.“

„Vielleicht kaufe ich diese Kettensäge trotzdem. Jetzt, wo ich mein erstes Glas Absinth getrunken habe, erscheint mir das plötzlich als eine hervorragende Idee.“

„Was macht dein Gedächtnis?“

„Ich sehe eine Art Saturn-Nebel. Einen planetarischen Saturn-Nebel. Milchig und undurchsichtig. Ein Tagebuch, das in saturnischen Versen verfasst ist, die niemand versteht. Oder zumindest auf japanisch. Keiner kennt die Übersetzung.“

„Außer dem Narbengesicht, vielleicht. Hatte sie die Narben eigentlich schon vor oder erst nach dem Absinthgenuss? Habt ihr mit dem Feuer gespielt?“

„Wenn das so weitergeht, kann ich bald zumachen“, klagt Tim.

„Ab morgen bin ich ja hier und backe Pizza.“

„Eben.“

„Wir sollten mehr Absinth trinken“, sage ich. „Und morgen gehen wir auf diesen Waldfriedhof. Den Friedhof der Namenlosen.“

Mir ist so warm wie lange nicht. Das geht mir immer so im Quatro Stagione all’Inferno, selbst ohne Grüne Fee. Auf einmal glaube ich, dass wir Charlotte finden werden.

„Das wäre der richtige Ort für mich“, sagt Tim Verlaine. „Der Friedhof der Namenlosen. Ich bin ein kranker, sterbender Mann. Wie wär’s mit einem kleinen Feuerritual?“