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Freitag, 14. September 2007

5768

„Lidl wäre auch eine Option“, sagt Arthur. „Lass uns doch zu Lidl gehen, da waren wir lange nicht mehr.“

„Stimmt. Aber wir bleiben jetzt hier.“

„Ich kaufe nun mal lieber bei Discountern ein“, jammert mein Freund.

Wir sind gemeinsam auf dem Markt am Maybachufer, ausnahmsweise scheint in dieser Stadt die Sonne. Es ist eine Versöhnungsgeste. Wir kaufen ein für Lulu und Charlotte und unser gemeinsames Wochenendabendessen. Angesichts der herbstlichen Stimmung hat Charlotte ein Raclette vorschlagen, dann müsse, so Arthurs Freundin, auch niemand kochen, schon gar nicht Lulu. Arthur und ich hätten ja soviel Zeit und könnten die nötigen Besorgungen erledigen. Und deshalb stecken wir nun mitten im Gedränge fest.

„Es gibt hier eine erstaunlich hohe Anzahl erstaunlich dicker Frauen mit Kopftüchern, die sich in rabiatester Manier ihren Weg bahnen“, sage ich und weiche in letzter Sekunde einem Zwillingskinderwagen aus.

Arthur zieht einen Fünfeuroschein aus der Tasche: „Das ist mein gesamtes Barvermögen. Ich fürchte, meine Kreditkarte wird auf Jahre hinaus nicht einsatzfähig sein. Ich konnte gerade noch so die Annonce bezahlen.“

Endlich ist sie erschienen: Arthurs Anzeige. „Dringend gesucht: Postmoderne Frau.“ Plus Emailadresse. Sonst nichts. Ich hätte den Text ja ein wenig ausführlicher formuliert. Sehr effektiv war die Annonce bisher jedenfalls nicht: In den ersten 48 Stunden seien, so mein Freund, weder post-, noch prämoderne, noch sonstige Bewerbungen eingegangen und eigentlich sei das gesamte Projekt sowieso von vornherein zum Scheitern verurteilt.

„Vielleicht meldet sich Klara“, sage ich.

„Das wäre wirklich zu billig“, erwidert Arthur und setzt sich meine Sonnenbrille auf. „Was für ein idiotischer Gedanke. Wie gedenkst Du eigentlich Deinen Geburtstag nachzufeiern?“

„Bier, Humus, Karaoke. Was sonst.“

„Bei Aldi in Spandau hat es mir wesentlich besser gefallen als auf diesem Markt. Der Weihrauchduft ist unerträglich.“

Zu unserer Linken wird in der Tat eine Substanz namens „Elbenzauber“ angeboten. Daneben gibt es feinste internationale Mode – „Restposten aus Paris“.

„Ich habe entschieden, heute nicht zu lügen“, sagt ein türkischer Gemüsehändler zu einer Kundin.

„Gleich passieren wir die schönste Frau des ganzen Marktes“, bemerkt mein Freund.

Seit Jahren schon preist er mir die Vorzüge einer gewissen Blumenhändlerin hier am Ufer. Sie ist etwa Anfang vierzig und meines Erachtens zwar keine außerirdische Schönheit, doch ich verstehe schon, was Arthur meint. Allein: Postmodern ist dieses Blumenmädchen nicht – zumal man sie niemals ohne Kopftuch sieht.

„Ich wäre da nicht so vorschnell“, sagt mein Begleiter, während er sich durch die Menschenmenge schiebt. „Wer weiß schon, wie viele hochgradig postmoderne Frauen sich beispielsweise unter Burkas verbergen.“

„Keine einzige, würde ich sagen.“

„Möglicherweise werden Burkas sogar schon sehr bald so modisch sein wie Palitücher.“

Talitücher?“

„Dieses Raclette wird die Hölle“, murmelt Arthur. „Ich weiß nicht, was das Ganze soll.“

„Von Deiner Anzeige sollten wir bei Tisch wohl besser nicht reden.“

„Ist auch egal. Wahrscheinlich würden wirklich postmoderne Frauen sich ohnehin nicht auf so eine Annonce bewerben. Sondern eher, ganz spielerisch, auf eine richtige Kontaktanzeige. Wie sie am Wochenende in den großen Zeitungen erscheinen.“

„‚Reeder, zuhause auf allen Weltmeeren, attraktiv, sportlich und finanziell unabhängig, sucht nach Schicksalsschlag neues Glück.’“

„Genau. Darauf würde ich auch antworten.“

Zwei Ausflugsboote fahren vorbei, „Spreeprinzessin“ und „Delphin“. Die Stadtführer beten allerlei belanglose Statistiken herunter. Arthur wirkt lädiert und deprimiert wie lange nicht, er antwortet schon gar nicht mehr auf meine Fragen.

„Wir können auch morgen noch einkaufen“, sage ich also. „Jetzt gehen wir in die Ankerklause und feiern das jüdische Neujahrsfest. Heute beginnt das Jahr 5768.“

„Das ist doch mal eine Idee mit Überzeugungskraft. Wenn das neue Jahr nicht besser wird als das alte, springe ich in diesen Kanal. Glaub' mir: Ich habe entschieden, heute nicht zu lügen.“

Der Krishna-Jünger mit seinem Gitarrenverstärker summt sein sanftes Mantra, eine Bettlerin fragt uns nach Kleingeld. Arthur zückt den Fünfeuroschein und stopft ihn in ihren Plastikbecher.

„Frohes neues Jahr“, sagt er grimmig.

Dienstag, 4. September 2007

Hatikva [Breakfast Club II]

Es gibt Dinge, die man weiß, sagt Huxley, und es gibt Dinge, die man nicht weiß. Und dazwischen sind die Türen. Aber ich weiß ja, was sich hinter dieser Tür verbirgt: eine dreißig Meter lange Schlange zugekokster Nachtmenschen. Die Tanzfläche. Die Party. Der Breakfast Club. Das Problem: Die Tür geht nicht mehr auf. Irgend etwas hat sich verhakt, keine Ahnung, wie das passieren konnte – doch selbst mit brachialstem Körpereinsatz lässt sich diese Eisentür nicht öffnen. Da es im Breakfast Club viel zu laut ist und eine längere bis sehr lange Verweildauer auf der Unisextoilette offenkundig für normal erachtet wird, kommt mir auch niemand zu Hilfe. Ich habe ein paar mal gerüttelt, ein paar mal geschrieen – vergeblich. Und jetzt fehlt mir die Kraft, schon wieder knie ich kotzend auf dem Boden. Ich übergebe mich ununterbrochen seitdem ich in dieser Klokabine gefangen bin. Das Erbrochene ist rot wie die „Lady in Red“, rot wie Blut und wie Red Bull. Den Wodka sieht man nicht. Wenn ich wenigstens etwas Humus gegessen hätte. Doch am Ende bleibt nur Red Bull, das erbärmlichste Getränk des Planeten – und sonst nichts.

Arthur ist weg. Das Blumenmädchen hat ihn mit nach Hause genommen und versengt ihm zur Stunde mit ihren Mentholzigaretten die Schamhaare. Ich bin allein. Ich habe noch allein getanzt, allein getrunken. Gewartet. Sarah ist nicht gekommen. Natürlich nicht. Ich bin der größte Versager im Gelobten Land, eingeschlossen auf einer verdreckten Toilette. Auf der Klobrille sind Pulverspuren, wie mir auffällt, als ich mit dem Kopf dagegen stoße. Ich erwäge kurz, mir aus den Überresten eine Mini-Line zu legen, entscheide mich dann jedoch dagegen. Erstens ist mir zum Koksen viel zu schlecht. Zweitens nehme ich eigentlich kein Kokain. Und drittens wäre eine derartige Handlung mein endgültiger Abschied vom Abendland und der dazugehörigen Kultur und möglicherweise niemals wieder gutzumachen. Andererseits: Ich bin im Nahen Osten. Und ich bekenne: In meiner Verzweiflung habe ich vorhin sogar noch versucht, Oklahoma-Lizzy ganz unchristlich hedonistisch abzuschleppen. Ich hätte mit Lizzy geschlafen. Ich hätte sogar mehrfach mit ihr geschlafen. „Wer ist jetzt Dein Messias?“ hätte ich sie im Verlauf des Akts keuchend gefragt. Aber sie war dann auf einmal verschwunden.

In etwa acht Stunden werden Arthur und ich im Taxi zum Flughafen sitzen. Wir werden unseren Lieblingstaxifahrer wiedersehen, die Fahrt ist bereits fest gebucht. Er wird uns noch einmal den Zusammenhang von Humus, Humus, Humus und big big big tits erklären. Arthur wird die ganze Fahrt nur lachen. Ungeduscht wird er – mit Ray Ban-Pilotengläsern – von seiner Jewish Princess schwärmen. Dem Mädchen mit der Blume im Haar und der Dildosammlung unter dem Bett. Ihren Namen wird mein Freund nicht mehr wissen, doch wird er mir deshalb nicht weniger freudig davon berichten, wie das Blumenmädchen bereits während des eher knappen Vorspiels damit begann, Gaskammerwitze zu erzählen. „Sehr erotisch“, werde ich bemerken, und Arthur wird lauthals lachen und ihre Begeisterung über sein unbeschnittenes Geschlechtsteil sehr offenherzig mit mir teilen. „Vielleicht hast du die postmodernste Frau endlich gefunden“, werde ich sagen, aber mein Freund wird nur lachen und lachen, wie irgendein dummer Kiffer, der Taxifahrer wird einstimmen und ein paar Schwänke aus dem Sechstagekrieg zum Besten geben und Arthur wird sein T-Shirt hochziehen und mir seinen völlig zerkratzten Rücken präsentieren. „Respekt“, werde ich murmeln, und dann wird mir mein Reisegefährte erläutern, dass die blutigen Kratzer keinesfalls auf die Blumenmädchenfingernägel zurückzuführen seien – diese hätten seine eigenen an Länge kaum überragt. Zum Glück. Doch das Blumenmädchen hielte nicht nur achtzehn verschiedene Dildos, sondern überdies drei Katzen in ihrer winzigen Wohnung, die eher einem Treibhaus gliche, und diese Katzen – Adolf, Hermann und Joseph – hätten ihm im Schlaf in heimtückischster Manier den Rücken zerkratzt. Jetzt kehre er wahrlich als Schwerstbeschädigter in die Heimat zurück. Der Sex jedoch, der sei phantastisch gewesen. „Sakral“, wird der gottlose Arthur Müller sagen und: „All was well“, bevor er sich beim Aussteigen noch mal gefährlich den Kopf stoßen wird.

Am Ben Gurion-Airport werde ich mich sofort erbrechen, während mein Freund bei McDonald’s einen koscheren Big Mac verspeisen wird. Ich werde mich einer Befragung durch eisigste Grenzbeamten unterziehen müssen, stundenlang. Jedes einzelne Stück Schmutzwäsche aus meinem Rucksack wird auf Sprengstoffspuren untersucht werden. Wir werden in buchstäblich letzter Sekunde in unsere Austrian Airlines-Maschine steigen, die – wirklich wahr – den Namen „Kurt Cobain“ tragen wird. Fasten your seat belts, please. It’s better to burn out than to fade away. „Welcher österreichische Volltrottel ist bloß auf diese Namenswahl verfallen?“ werde ich fragen, und Arthur wird weiterlachen wie ein Kind und die Stewardess en passant um etwas Junk bitten. Sie wird daraufhin mit einer abrupten Notlandung drohen und Arthur wird ihr ein freundliches „Sissy“ hinterher zischen. Naturgemäß wird ein Hugh Grant-Film laufen. Emotionale Pornographie. „I hate myself and I want to die“, werde ich sagen und ein Bier bestellen und Arthur wird lachen und lachen.

Aber noch knie ich hier auf diesem vollgepissten Toilettenboden und bin erneut im Erbrechen begriffen. Es ist das neunte Mal. Was für ein Balagan. Die Farbe der Kotze erinnert mich wieder an „Lady in Red“, den irischen Billigbarden mit der Monoaugenbraue – und sobald ich an Chris de Burgh denke, muss ich mich ein zehntes Mal übergeben. Vielleicht sterbe ich auch. Denn wie in einer Telenovela oder einem miserablen Fortsetzungsroman im Internet läuft eine Art Trailer-Version der letzten zwei Monate noch mal vor meinem inneren Auge ab. Alles vermischt sich – und alles scheint irgendwie zusammenzuhängen, ohne dass es am Ende irgendeinen Sinn ergibt: Jakob, der Lügner, und die Atomwaffenfabrik bei Dimona. Die „Altstadt“ von Be’er Sheva. „Results without Apologies.” Spring Break in Eilat. Der warme Wüstenwind. Ausgebombte jordanische Häuser und Oasen am Toten Meer. Konrad, der verschollene Idiot. Ein Liebesbrief von Jesus. Das Goldene Kalb und Arthur an der Klagemauer. Der Todesengel von Santa Monica. Delphine Nussbaum. Delphine Nussbaum und ihr heißer Tanz. Irgendwie geht die Welt aus dem Leim. Nelson, Lucky, Otis, Charlie und Lefty Wilbury. Harry Potter. Die Sexualpraktiken der Haredim. Tel Aviv, die weiße Bauhaus-Stadt. Banana Beach. Die ausradierte Dolphin-Bar. Die Clara-Bar. Jewish Princess. The Princess has come of Age. The Jewish Princess has come of Age. Arthur Curtis Wilson. Sex mit Engeln. David Bowie und Roy Orbison. The New Romantics. Gainsbourg Girls. Debbie, Rachel, Lizzie, Sarah. Charlotte, Charlotte, Charlotte. Klara. Der Schuhkarton. Die postmodernste Frau. Die blaue Blume. Arthurs blaues Auge. Love Will Tear Us Apart.

Der Herbst ist da. Zumindest in Berlin. Da müssen wir jetzt durch, mein bester Freund und ich. Doch diese Klotür geht einfach nicht auf. Ich höre: Frauenlachen. Unverständliches Hebräisch. Dumpfe Bässe. Stille. The Sound of Silence. Urplötzlich eine verzerrte Gitarre. Die erste seit diesem obskuren Neunziger-Song, dessen Titel ich noch immer nicht herausgefunden habe. I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live by the sea. Momentan bin ich eher ein Hund, keine Frage. Die Gitarre heult auf. Jimi Hendrix, denke ich, The Star Spangled Banner. Und: Warum spielt die D-Jane hier im Breakfast Club – Magical Mystery Madeleine – so einen Hippie-Dreck. Es gibt Dinge, die man weiß, und es gibt Dinge, die man nicht weiß. Ich fand Hendrix schon immer langweilig, selbst wenn das keinen interessiert. Doch dann merke ich: Es ist gar nicht die US-Nationalhymne, die da mit maßlos viel Feedback, nun ja, dekonstruiert wird, sondern natürlich die israelische. Hatikva. Hoffnung. Die Hoffnung von 2000 Jahren, wie es im Text heißt. Vermutlich der rituelle Abschluss von Madeleines DJ-Set. Und der ganze Breakfast Club singt mit. Aufgrund meiner aktuellen Isolationshaft höre ich die Stimmen nur gedämpft. Doch alle singen dieses pathetische und eigentlich recht hoffnungslose Lied, schrill, falsch und sturzbesoffen. Das ist doch ein angemessener Schlussakkord für diese Nacht, für diese Reise, denke ich. Schade, dass Arthur jetzt nicht hier sein kann. Fast möchte ich einen Orangenbaum pflanzen. Ich liege auf dem Toilettenboden, lausche der wehmütigsten Hymne der Welt, meine Kehle schnürt sich zusammen. Vielleicht wäre dies der richtige Zeitpunkt, um mal wieder zu weinen, denke ich, nur ein bisschen, dann wird es mir besser gehen. Und während ich „Hatikva“ höre und in Tränen ausbrechen will, merke ich, dass ich schon wieder kotzen muss.

Montag, 3. September 2007

Götzendämmerung [Breakfast Club I]

„Normalerweise lehne ich Frühstück ja ab“, brüllt Arthur über brechreizerregende Bässe hinweg. „Aber der Breakfast Club ist schon eine tolle Einrichtung.“

Der letzte Vorhang, die wirklich letzte heilige Nacht – und wir verkriechen uns in einem dunklen Keller. Wie Debbie aus der Clara Bar schon sagte: Alle Wege in Tel Aviv führen irgendwann in den Breakfast Club. Es sei denn, man scheitert an der Tür. Aber trinkfeste Touristen wie Arthur und ich sind hier – im Unterschied zu schlecht besoldeten Army-Kids – überall gern gesehen. Dabei schreitet unser Bankrott unaufhörlich voran, und zwar auf allen Ebenen. Anstatt noch eine Hostel-Nacht zu bezahlen, haben wir also beschlossen, gar nicht zu schlafen und die gesparten Devisen lieber in Wodka Red Bull zu investieren. Welch weise Entscheidung. Wir klopfen uns immer wieder gegenseitig auf die Schulter. Ab jetzt ist alles möglich: Arthur und ich müssen nur irgendwie morgen, um 16. 30 Uhr, am Flughafen sein und eine Maschine von Austrian Airlines besteigen.

Stalin, Dali, Kim Il Sun: Die Wände dieses Clubs sind eine Augenweide, Porträts blutrünstiger Potentaten sorgen für ein angemessen aggressives Ambiente. Auch auf der Tanzfläche fließt Blut, beinahe zumindest. Hypnotischer House, der Raum ist vernebelt von Zigarettenrauch, ständig verschüttet jemand seinen Drink, doch vor allem – selbst eine Nonne könnte es nicht anders sagen – liegt Sex in der Luft. Der Breakfast Club ist purer Sex. Es scheint, als könne das Tanzvergnügen von einer Sekunde zur anderen in eine Massenorgie umkippen. Mal sehen. Ich lehne an der Bar, warte auf Sarah. Endlich hat es geklappt, in dieser letzten Nacht, wir sind hier fest verabredet. Wir werden die Nacht von Berlin wiederholen, hat sie am Telefon gesagt, nur eben in Tel Aviv, auf ihre, Sarahs, Art. Ich sollte vielleicht ein wenig langsamer trinken, damit ich sie überhaupt noch erkenne. Meinem Freund sind derlei Sorgen fremd. Er trägt heute meine Sonnenbrille, die sein entstelltes Gesicht jedoch nur unzulänglich verbirgt. Als er die Treppe in dieses Kellergewölbe hinunterstieg, hat Arthur sich – aufgrund der dunklen Brille – ein weiteres Mal überaus unglücklich den Kopf gestoßen. Und wenig später schlug ihm ein Amerikaner auf der Tanzfläche mit seiner Bierflasche ein Stückchen Schneidezahn aus. Doch Arthurs lässt sich nichts anmerken, seine Attraktivität scheint unter all den Blessuren kaum gelitten zu haben. Im Gegenteil: Er tanzt, als ob der nächste Selbstmordattentäter schon im Anmarsch wäre – und die Menge tanzt um ihn herum. Arthur ist hier das goldene Kalb. Der glänzende Götzengott mit Ray Ban-Gläsern, einen Kopf größer als alle anderen, dem die Töchter Abrahams bereitwillig huldigen. Ein hinreißendes Bild. Mein Freund verliert allmählich die Kontrolle, glaube ich. Doch das kann täuschen. Sein Verhältnis zu Charlotte jedenfalls scheint inzwischen auf der Ebene der Hamas/Fata-Beziehungen angelangt zu sein, wobei ihm fraglos der Hamas-Part zufällt, wenngleich Charlotte naturgemäß nicht annähernd so korrumpiert ist wie ein Fata-Funktionär. Ich weiß nicht, was in Berlin passieren wird. Wie ein Friedensplan überhaupt aussehen könnte. Aber jetzt bin ich nicht in Berlin, sondern im Breakfast Club, warte auf Sarah und lasse mich einfach mal fallen.

And what goes up must come down

„I want a nasty little Jewish Princess”, schreit Arthur. „Hast du noch Geld?“

Ich gebe ihm einen zerknüllten Schein aus meiner Hosentasche.

„Ich muss seit Stunden pissen“, sagt er. „Aber die Schlangen bei den Klos sind bestimmt dreißig Meter lang.“

„Let’s get lost. Wanna be my German Kate Moss?”

„Ich will einfach nur pissen. Das ist doch nicht zuviel verlangt. Du musst übrigens unbedingt dieses Video sehen, das ich Charlotte geschickt habe.“

„Wir können ja in Berlin einen netten Videoabend zu dritt machen“, sage ich.

„Zu viert. Du hast Dimona vergessen. Die postmoderne Prinzessin.“

Doch es ist viel zu laut, wir vertagen die Konversation. Arthur stolpert zurück auf den Tanzboden. Er wird sofort wieder von seinem Zirkel aufgenommen und vollführt dort einige expressive Bewegungen. Ich trinke, warte auf Sarah. Es gibt jetzt einen kurzen Break, die Bässe berühren mein Herz. Die Menge kreischt. Dann erstmals seit langer Zeit eine menschliche Stimme, irgendein Remix: I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live in the sea... Ich kenne den Song, kann ihn aber beim besten Willen nicht einordnen. Er wirkt deplaziert, geheimnisvoll funkelnd und verstaubt zugleich. Ein Wah-Wah-Echo aus einer anderen Zeit, das mich an irgend etwas erinnert, ohne dass ich wüsste, woran. Vielleicht ist es die Wodka Red Bull-Mischung, welche allmählich mein Gehirn zerfrisst. Oder es hat etwas mit Israel zu tun. Ich wähne mich plötzlich ganz woanders, in einer längst vergangenen Epoche – den neunziger Jahren. Der Sound klingt so dermaßen outdated, so unschuldig, dass es mir vorkommt, als ob alles, was ich damals gedacht und empfunden habe, ebenfalls völlig outdated sei. Ist es ja auch. Und schlagartig fällt mir ein: Nächste Woche werde ich dreißig. Das habe ich im Laufe dieser Reise ganz vergessen.

Ich sollte das jetzt klären, bahne mir also den Weg zum DJ-Pult, wo Magical Mystery Madeleine – so nennt sich die D-Jane – mit ihren Vinylscheiben jongliert. Auf dem Weg muss ich am goldenen Arthur-Kalb vorbei, das noch älter ist als ich und dessen Tanzbewegungen sich mittlerweile auf exakt zwei Frauen konzentrieren.

„Sex mit Engeln! Ich möchte Sex mit Engeln haben!“ ruft mein Freund schweißgebadet.

I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live in the sea... Als ich beinahe schon bei M-M-Madeleine angelangt bin, um sie nach der Herkunft dieses Songs zu fragen, tippt mir jemand auf die Schulter. Obwohl man in solchen Momenten ja gar keinen richtigen Gedanken fassen kann, glaube ich trotzdem für einen Sekundenbruchteil, es müsse Sarah sein, die mir da auf die Schulter tippt, Sarah und niemand anders. Doch die Frau, die mich angrinst, ist blond, etwas pausbäckig und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil einer Jewish Princess.

„Hey“, sagt sie. „Lizzy. Aus Oklahoma. Erinnerst du dich?“

Der Breakfast Club muss verhext sein. Erst dieser Neunziger-Flashback und jetzt Lizzy, die schwachsinnige Christin, mit der wir einen langen Nachmittag auf dem Hoteldach verbracht haben – in Jerusalem. Aber das hier ist doch Tel Aviv, denke ich. Tel Aviv. Lizzy gehört nicht hierher.

„Wo ist denn dein Freund?“ fragt sie mich. „Wir hatten dieses total intensive Gespräch über Moses. Ich denke immer noch viel darüber nach.“

„Das goldene Kalb“, sage ich. „Was machst du denn hier?“

Lizzy presst sich sehr dicht an mich. Sie duftet nach Zimtkaugummi.

„Was ich hier mache? Ich tanze.“ Helles Gelächter. „Ich bin eine hedonistische Christin.“

Stimmt, das hatte sie uns schon erklärt.

„Aber sagtest Du nicht, der hedonistische Aspekt Deines Glaubens würde sich gerade nicht auf weltliche Freuden beziehen, sondern lediglich auf geistliche?“

Ich kann selbst kaum glauben, dass ich mir diesen Satz gemerkt habe. Und dass ich ihn in diesem Augenblick durch den drogen- und sexgeschwängerten Breakfast Club brülle.

Lizzy strahlt. Ihre Wimperntusche ist verwischt. Sie trägt ein Tanktop und sehr enge Jeans.

„Weltliche Freuden stehen nicht immer im Gegensatz zu den geistlichen“, sagt sie. „Wir feiern hier heute auch den Erlöser.“

Turns into dust or turns into stone.

Ich muss kurz an die Haredim aus New York denken, die vorhin auf dem Rothschild Boulevard eine Art Techno-Parade abhielten – zu Ehren des Messias, den sie in einem unlängst verstorbenen Rabbiner entdeckt zu haben meinen. Sie tanzten ekstatisch und ziemlich unorthodox auf dem Dach eines VW-Busses. Mit Schofar-Horn und Schläfenlocken und gar nicht mal uncoolen Beats. Und Tel Aviv tanzte mit, wenn auch irgendwie ironisch, glaube ich. Ich schaue Lizzy an, deren Promillegehalt ihre Entrücktheit noch potenziert, sie lächelt zurück, und ich denke: Nein, diesen Engel will ich nicht ficken.

Im selben Moment tritt zum Glück Arthur hinzu, in Begleitung einer seiner beiden Tanzpartnerinnen. Sie sieht ein bisschen aus wie Amy Winehouse, nur nicht ganz so verkommen, und trägt eine Blume im Haar, soweit ich das im blauen Discolicht erkennen kann. Mein Freund umarmt unsere Jerusalem-Bekanntschaft von hinten. Keine Ahnung, wie er sie so schnell erkannt hat, zumal er noch immer die dunkle Sonnenbrille trägt.

„Lizzy, altes Haus! Ich hätte da eine Frage...“

„Was ist denn mit dir passiert?“ Sie befühlt Arthurs Stirn.

„Nur ein kleiner Terroranschlag. Danach Selbstgeißelung in der Via Dolorosa.“

Die hedonistische Christin nickt andächtig.

„Also, Lizzy“, mein Freund schwitzt wieder enorm und tut jetzt so, als würde er tief in sich gehen, „welche Rolle kann Jesus Christus in der Postmoderne überhaupt noch spielen? Wo ist er jetzt? Was macht der Erlöser in dieser durch und durch post- oder gar post-postmodernen Welt?“

Ihr redet hier von Jesus? Seid ihr total bescheuert?

Amy drückt ihre Zigarette auf Arthurs Unterarm aus. Dieser zuckt nur kurz zusammen. Was ist bloß aus den Blumenkindern geworden, denke ich. Lizzy lächelt, als hätte sie sich gerade einen Schuss gesetzt.

„Ich gehe mal nach Sarah schauen“, sage ich und fahre die Ellenbogen aus. Die Musik steigt mir zu Kopfe, die Bässe berühren mein Herz.

„Vier Wodka Redbull!“ ruft Arthur mir hinterher. „Diese Nacht darf niemals aufhören!“

[Wie soll diese Nacht noch enden? Werden wir unser Flugzeug verpassen? Die Fortsetzung folgt, vielleicht, im nächsten Post...]