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Mittwoch, 7. November 2007

Charlottes Welt III [Der Teufelsberg, Teil 2]

„Was war das?“ flüstere ich.

Rundherum ist alles dunkel. Einige Äste ächzen im Wind.

„Keine Ahnung. Aber jetzt hört man nichts mehr.“

„Es klang wie ein Stöhnen.“

„Dieser teuflische Berg ist zaubertoll“, sagt Arthur, der nun wieder sein Kostüm trägt. „Vor allem an Halloween. Heute ist alles möglich. Aber sollte das ein Tier gewesen sein, so stehen die Chancen, dass es in der Tier-Hierarchie über mir, dem Löwen, steht, relativ gering.“

„Und wenn es kein Tier war?“

„Dann war es vermutlich Charlotte und alles wird gut.“

Ich nehme einen großen Schluck Tequila. Mein Freund und ich befinden uns noch immer auf dem Teufelsberg, an diesem mit NATO-Draht gesicherten Zaun, der die verlassene und allmählich vom Grünzeug geschluckte Abhörstation vor ungebetenen Besuchern schützt. Ich hätte nicht gedacht, dass es in Berlin so dunkel werden kann – und das bereits am frühen Abend. Die Stadt erhellt zwar den Himmel, doch hier, auf dem Gipfel, herrscht beinahe vollkommene Finsternis. Selbst Arthurs Raubtierkonturen kann ich nur schemenhaft erkennen. Von der zugewachsenen Spionageanlage sehen wir gar nichts, einzig die irgendwie arktisch anmutende weiße Kuppel ist in der Dunkelheit auszumachen.

„Komm’, wir müssen auf die andere Seite – da sind manchmal Löcher im Zaun. Geheimtipp von Aaron.“

I wasn't lookin', but somehow you found me

Als Agent des Chaos Computer Clubs und Connaisseur anachronistischer Fernmeldetechnik hat Aaron eine Fülle an Informationen über diese schattenhafte Station gesammelt und sie eines nachts im Paradise mit uns geteilt. Doch die Festplatte in meinem Kopf braucht keinen Hacker: Als ich meinen blauen Drachen – präziser: einen der 47 blauen Drachen, die ich im Laufe der Jahre verschliss, sie waren immer blau – auf dem Drachenhügel steigen ließ, war diese von der NSA, dem amerikanischen Nachrichtendienst, betriebene Spionageeinrichtung noch online. 1500 Abhörspezialisten horchten dort rund um die Uhr. Während wir Kinder mit dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gelände nur indirekt in Berührung kamen, war der Kalte Krieg also mit Händen greifbar. Meine erste Erinnerung an die Station ist ein Wandertagsausflug, der uns auf Umwegen, die von den Lehrkräften wohl nicht geplant gewesen waren, auch zu diesem Stacheldrahtdoppelzaun führte. Schäferhunde und GIs mit Maschinenpistolen, grimmige Gesichter. Nirgendwo sonst in Berlin durften amerikanische Soldaten mit scharfen Waffen patrouillieren, nur hier. Ansonsten lief der tägliche Betrieb eher unauffällig ab und die wenigsten Spione trugen Schlapphüte. Rund um den Teufelsberg waren nie Militärfahrzeuge zu sehen – heute erscheint es mir nicht unwahrscheinlich, dass die autarke Station aus der Luft versorgt wurde. Seltsame Zeiten. Der Teufelsberg erwies sich für die NSA jedenfalls als optimaler Standort, um die Staaten des Warschauer Paktes (und zweifellos auch die BRD) mit glühenden Ohren abzuhören – zumal es, wie gesagt, nur eine Himmelsrichtung gab: den Osten. Die hier stationierten Einheiten seien so erfolgreich gewesen, resümierte Aaron im Paradise seinen Bericht, dass sie die so genannte „Travis Trophy“, eine Art Meisterschale der Fernmeldeaufklärer, gleich zweimal gewinnen konnten. Ich frage mich, wo dieser Pokal heute steht, da die Anlage vergessen wurde – allerdings nicht von meinem Freund und mir. Vergeblich suchen wir Charlotte, vergeblich suchen wir Arthurs Schlüssel und sein verlorenes Kurzzeitgedächtnis – und finden stattdessen all das, was wir niemals vergessen werden.

„Erinnerst du dich, was Aaron über das Riesenrad gesagt hat?“ fragt er.

„Nein.“

Wir schleichen durchs Gebüsch, am Zaun entlang.

„Also, eines Tages bemerkten die Spione hier, dass sich gewisse Signale zu einer bestimmten Jahreszeit zwei Wochen lang viel besser empfangen ließen. Sie wussten aber nicht, warum. Irgendwann fiel einem besonders schlauen Schlapphut jedoch auf, was genau zu diesem Zeitpunkt immer stattfand: das Deutsch-Amerikanische Volksfest nämlich. Und das Riesenrad dort wirkte für einzelne Frequenzen offenbar wie eine Art Verstärker. Daraufhin blieb es dann Jahr für Jahr einfach ein bisschen länger stehen, es wurde einfach ein bisschen länger gefeiert. Das dumme Volk hat sich gefreut.“

„Das heißt, während wir in aller Unschuld mit unseren nach Himbeerkaugummi duftenden Mitschülerinnen in einer romantischen Riesenradgondel saßen, wurden wir von heimtückischen Agenten des Kalten Krieges als Resonanzkörper missbraucht?“

„Exakt. So wie ich dich missbrauchen werde, wenn du mir noch einmal auf den Schwanz trittst.“

„Pardon“, sage ich, „es ist ein bisschen dunkel hier oben. Aaron meinte auch, dass sich Amerikaner und Briten die Anlage teilten und ziemlich reibungslos zusammenarbeiteten. Nur die Toilettenfrage lösten sie unterschiedlich.“

„Die Toilettenfrage?“

„Während die Briten drei verschiedene Klos hatten – nämlich Damen, Herren und Offiziere –, mussten die Amerikaner mit zwei Varianten vorlieb nehmen.“

„Und das Ganze auf den Ruinen von Germania!“

„Das muss eine komische Gesellschaft gewesen sein, auf diesem Berggipfel. So völlig isoliert. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Spione mit dem anbrechenden Tauwetter auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs nach und nach immer dekadenter wurden und irgendwann nur noch Telefonsex-Hotlines abhörten oder irgendwelche Bekannten. Wer weiß, was für Orgien hier im Untergrund, im Inneren des Teufelsberges stattfanden.“

Der Löwe lacht: „Wahrscheinlich haben sie ihre Station gerade noch rechtzeitig verlassen, bevor alle komplett dem Wahnsinn verfielen. Aber wäre es nicht toll, wenn wir das Ding irgendwie flott kriegen könnten, um mal ein bisschen in die Gespräche von Charlotte und Lulu reinzulauschen?“

„Willst du wirklich hören, was die über uns sagen?“

„Ja, natürlich. Beim Barte des Propheten, was bin ich schon wieder besoffen.“

Da wir nun direkt vor dem Haupteingang stehen, scheint offenkundig, dass selbst ein Korps der avanciertesten Fernmeldetechniker diese Station nicht mehr „flott kriegen“ würde. Sie ist nicht nur vergessen, sie ist verloren. Sämtliche Scheiben sind zerstört, sogar die kugelsicheren, als wäre eine Horde Tataren eingefallen. Das ganze Gelände erinnert an einen Schrottplatz.

„Du hast eine Taschenlampe dabei?“ frage ich Arthur, der den Halogenstrahl auf ein durchlöchertes Schild richtet.

„Nein, das ist ein Laternenfisch.“

Resort Teufelsberg Berlin – Fertigstellung 2002.

„Nun ja“, sage ich, „da hat sich wohl jemand ein wenig übernommen.“

„Hier sollte eine Seniorenresidenz entstehen, für Menschen im Herbst ihres Lebens – wie uns beide. Samt Spionagemuseum. Die Investoren waren nach etwa drei Tagen pleite.“

„Ich hätte ein Sanatorium für Lungenkranke eröffnet. Für pensionierte sowjetische Agentinnen mit schwarzen Augen und Schwindsucht.“

Während ich eigentlich nur darum ringe, einigermaßen die Balance zu wahren, sucht Arthur den Zaun nach einem Schlupfloch ab. Die Vandalen haben ganze Arbeit geleistet, er wird schnell fündig.

„Glaubst du wirklich, das passt mit dem Kostüm?“

Mein Freund antwortet nicht, er kriecht bereits unter dem Metallzaun hindurch. Für einen Moment scheint er festzustecken, ich breche etwas vorschnell in schadenfrohes Gelächter aus, doch letztlich gelingt es ihm irgendwie, sich zu befreien. Ich knie ebenfalls nieder. Als ich mich auf der anderen Seite der Absperrung wieder erheben will, fehlt mir plötzlich die Kraft dazu. Ich bleibe liegen, das Gesicht auf dem Boden.

„Gib’ mir den Tequila, mein Bruder, und lass’ mich hier zurück.“

„Schau’ mal, was ich gefunden habe.“

„Charlotte?“

„Negativ.“

„Eine Wehrmachtspistole?“

„Nein, jetzt komm’ schon!“

Ich raffe mich also auf, vielleicht zum letzten Mal jenseits von Eden, und folge dem Löwen mit der Taschenlampe. Arthur steht ein paar Meter entfernt, inmitten irgendwelcher Ruinen, und in den Pranken hält er eine Violine.

„Hör’ mal, sie hat noch drei Saiten. Die Geige ist zwar total kaputt und es ist auch nicht so einfach mit diesen Tatzen, aber wenn du ganz leise bist, kannst du mich zupfen hören. Welcher Zigeunerjunge die wohl verloren haben mag...“

Ich schreie auf.

„Du solltest leise sein, du Idiot“, sagt Arthur.

„Da ist irgend was über meine Füße gelaufen!“

„Meine Güte.“

Wir bewegen uns auf Zehenspitzen über das Areal. Was für ein Balagan. Lulu war hier mal auf einer illegalen Party, die, gelinde gesagt, recht ausschweifend gewesen sein muss. So sieht es auch aus. Als wäre die Station vom Evil Empire bombardiert worden, um sie für immer auszulöschen. Tatsächlich galt der Teufelsberg im Fall eines sowjetischen Luftangriffs als erstes Ziel – sämtliche entsprechenden Übungen der Roten Armee wurden stets mit den Koordinaten unseres scheinbar so friedlichen Abenteuerspielplatzes durchgeführt. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir und meinem blauen Drachen das damals irgendjemand erzählt hätte. Außerdem entbehrt die Strategie, ausgerechnet einen Trümmerberg in Schutt und Asche zu bomben, nicht einer gewissen Ironie. „Berlin baut sich aus Trümmern Berge und macht damit aus der Not eine Tugend!“ freute sich eine Wochenschau von 1947. Und heute ist hier kein Stein mehr auf dem anderen, Graffiti an jeder Wand, überall liegt Müll, rostige Fässer, Kanister und Glasflaschen. Die Ruinen des Kalten Krieges auf den Überresten des heißen. Ich frage mich, ob es jemals eine dritte Schicht geben wird.

I tried to hide from your love light

Arthur versucht vergeblich, eine Tür zu öffnen.

„Ha, siehst du! Eine Bionadeflasche! Charlotte muss hier irgendwo sein.“ Er lässt den Lichtschein über das Gelände wandern. „Vielleicht wird Dimona irgendwann auch mal so aussehen.“

„Deine Tochter?“

„Ich rede von der Chocolate Factory. Wenn die letzten Ratten das sinkende Schiff verlassen haben.“

„Ich fürchte, dieses Schiff haben sie gerade nicht verlassen.“

Das Hauptgebäude mit der futuristischen Kuppel ist frei zugänglich – hier existiert schlicht keine Tür mehr, die man absperren könnte. Wir betreten einen dunklen, bunkerartigen Raum, ich habe erhebliche Orientierungsprobleme.

„Und Charlotte ist hier wirklich regelmäßig?“

„Bestimmt nicht jede Woche. Sie arbeitet ja sowieso fast immer. Aber Charlotte mag verlassene Orte. Verlassene Orte sind weniger verlassen als von Menschen überlaufene, hat sie mal zu mir gesagt. Sie ist gern allein. Nur manchmal eben auch nicht – und ich weiß dummerweise nie, wann.“

„Im Wald ist man ja auch allein, ohne sich einsam zu fühlen.“

„Ja, aber der Wald ist für sie nicht so ein Hermann-Hesse-Hippie-Wald. Natürlich nicht. Ich schwängere prinzipiell keine Hesse-Hippie-Huren. Weißt du...“, Arthur zögert, doch ich habe den Eindruck, die Dunkelheit und das Löwenkostüm wirken bei ihm wie ein Wahrheitsserum – vom Schnaps ganz zu schweigen. „Für mich“, fährt er erstaunlich luzide fort, „ist der Wald überflüssig. Auf anderen Planeten gibt es schließlich auch keine Bäume. Ich mag eben Beton. Doch bei Charlotte stört es mich überhaupt nicht, dass sie ab und zu im Wald spazieren geht. Bei ihr ist das völlig okay. Trotzdem war es von Anfang an ziemlich schwer, in diese Einsamkeit, die sie manchmal umgibt, einzudringen. Wahrscheinlich sollte ich da auch gar nicht eindringen. Obwohl sie mir das immer vorwirft, dass ich nie irgend etwas Substantielles von mir preisgebe, ist meine Freundin bisweilen so verschlossen wie meine Wohnung zur Zeit. Es existiert einfach kein Schlüssel. Oder ich finde ihn zumindest nicht.“ Er seufzt. „Und es gab immer wieder Momente, das weiß sie auch selbst, da habe ich sie angeschaut und hatte das Gefühl, ich würde komplett durch sie hindurchsehen, als wäre sie mir völlig fremd. Ich darf sie dann auch nicht berühren, nicht mal mit der Fingerspitze. Seitdem sie schwanger ist, ist alles noch komplizierter geworden. So ein Augenblick, wo ich plötzlich in ihre Seele blicken konnte, wie Pete bei Kate, als er sie auf der Tanzfläche sah, war jedenfalls nie da.“

„Glaubst du, Kate Moss hat eine Seele?“

„Sofern sie sie noch nicht verkauft hat natürlich. Bei Klara“, lallt der Löwe in der Finsternis, „war das ganz anders. Ich musste nie darüber nachdenken. Es gab einfach keinen Zweifel. Dachte ich zumindest. Erst durch meine Vision habe ich das richtig verstanden. Love will tear us apart.“

„Noch mal: welche Vision?“

„Charlotte hingegen – das war von Anfang an Nachdenken und Überlegen, richtig harte Arbeit. Ich musste mir alles erarbeiten, nicht nur ihre Zuneigung, ihr Lächeln und ihre Blowjobs, sondern auch meine eigenen Gefühle. Obwohl Charlotte eindeutig schöner, intelligenter und phantasievoller ist als Klara. Und schwangerer. Außerdem ist sie viel netter und steht auch zu mir – meistens zumindest. Aber noch immer ist es ein Kampf, jeden Tag, und offenbar ist es niemals genug.“

Arthur holt tief Luft.

„Der Kampf muss weitergehen“, sage ich, ein wenig hilflos, „auch wenn alles untergeht und kein Mensch am Leben bleibt.“

„Allerdings. Aber dazu muss ich sie erst mal finden, verdammt.“

„Glaubst du, sie liebt dich?“

„Ich weiß es.“

Die Liebe, das weiß wohl auch Charlotte, ist ein Trümmerberg. Ein vergiftetes Paradies. Unter der pastoralen Picknickwiese liegt das Balagan begraben. Man kann endlos viele Schichten darüber auftürmen und wird das Innere aus Schutt und Asche doch nie ganz verbergen können. Es genügt, ein kleines Loch zu schaufeln, schon kommt die Wahrheit ans Tageslicht. Die Welthauptstadt Germania, eine geladene Wehrmachtspistole oder eben ein gebrochenes Löwenherz. Charlottes Traurigkeit hat nichts mit Naivität zu tun – im Gegenteil. Ich glaube, sie sieht klarer als Arthur und ich. Immer wenn ich meinen Freund fragte, warum ihn Klara damals, nach ein paar Monaten, so plötzlich verlassen hätte wie die Schlapphüte ihre Station, erwiderte er nur: „Keine Ahnung.“ Und ich fürchte, es handelt sich nicht um eine der typischen, ausweichenden Arthur-Antworten. Er hat wirklich keine Ahnung. Das ist der Kern des Problems. Und bereits ein knappes Jahr später, als ich aus Amerika zurückkehrte, war der immer noch genauso ahnungslose Arthur bereits mit Charlotte liiert.

But like heaven above me, the spy who loved me

„Das ist ja großartig!“ ruft er.

Der Lichtkegel erfasst zunächst eine Tür mit der enigmatischen Aufschrift: Military Police – Shadow Watch, dann eine Wand, an der ein Motivationsslogan prangt:

LEAD, FOLLOW OR GET THE HELL OUT OF THE WAY.

„Na, das lass’ ich mir doch nicht zweimal sagen”, bemerkt mein Freund und geht voran. Dabei zupft er den einen oder anderen heiteren Ton auf seiner Trümmergeige.

„Nicht so schnell“, sage ich.

„Psst!“

„Was?“

Ich hole Arthur ein, fasse ihn an der Schulter. Wir scheinen uns nun im Zentrum der Anlage zu befinden, jedenfalls ist dies bislang der größte Raum. Die Lampe brennt nur noch als Funzel, es ist so dunkel wie in der Tiefseeabteilung des Aquariums. Mit den Füßen bleibe ich immer wieder an Kabeln oder anderen, nicht identifizierbaren Objekten hängen. Außer dem Atem des Löwen höre ich nichts, es riecht jedoch auffällig streng.

„Da war es wieder“, flüstert er. „Dieses Geräusch.“

Wir horchen. Tatsächlich: Es ist weniger ein Stöhnen, als ein Quieken. Ich weiß nicht, ob Ratten so klingen.

„Vielleicht ist das eine Art Notruf, eine Botschaft, die der alte Commander der Station hinterlassen hat, bevor er Zyankalikapseln schluckte. Es kommt dahinten aus der Ecke. Von rechts. Pass auf, ich werde nun ganz langsam in diese Richtung leuchten.“

Es raschelt jetzt, es raschelt und quiekt. Ich trete einen Schritt zurück und Arthur richtet die Lampe auf den verdächtigen Winkel. Man kann zunächst kaum etwas erkennen, der Strahl ist viel zu schwach, doch nach und nach zeichnet sich vor meinem Auge die Gestalt einer Kreatur ab. Wir sind nicht allein. Jenes Wesen, welches dort an der Wand hockt, ist gedrungen und massiv und steht auf ziemlich kurzen Beinen. Der Kopf wirkt dafür übergroß, mit winzigen Ohren und schräg nach vorn gerichteten Augen. Zottige Borsten, aufgestellt zu einem Kamm. Die Schnauze scheint zur Stirn hin etwas eingedellt. Eine Ratte ist dies nicht.

„Ein Wildschwein“, flüstert Arthur. „Ich glaube, es hat Angst vor uns.“

„Vor dir. Es hat sicher noch nie einen Löwen gesehen.“

„Das ist ein Frischling. Er sieht genauso aus wie bei Asterix.“

„Lass uns abhauen. Die Mutter ist bestimmt nicht weit.“

Doch das Borstenvieh ist gar nicht so klein, wie es zunächst den Anschein hatte – und kommt plötzlich direkt auf uns zu.

„Scheiße, die Zähne“, zischt mein Freund.

Ich bin zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem Raum gestolpert, höre noch, wie Arthur offenbar die Violine auf das Wildschwein wirft und sich mit einem lauten Knall den Kopf an einem Stahlbalken stößt. Sein Fluch muss meilenweit vernehmbar sein. Wir treffen uns erst wieder draußen am Zaun. Vom schwarzen Schwein ist nichts zu sehen.

Lead, follow or get the hell out the way“, keucht Arthur. „Hast du die Zähne bemerkt? Die schöne Geige!“

„Es hat mit den Hinterbeinen gescharrt und Urin verspritzt. Das ist immer ein schlechtes Zeichen.“

Erst auf der sicheren Seite der Absperrung können wir durchatmen.

„Wir hätten das Vieh erlegen sollen. Fällt dir auf, dass ich binnen kürzester Zeit von mehreren Kampfkatzen, einem Krokodil und nun auch noch von einem Keiler attackiert wurde?“

„Er hat dich nicht attackiert.“

„Weil ich mich zu wehren wusste. Und jetzt habe ich eine Gehirnerschütterung. Prost.“

„Zum Wohl. Ich denke, die Tataren hätten sich ganz anders gewehrt.“

Der Tequila brennt in meiner Kehle, viel ist davon nicht mehr übrig. Obwohl ich krank bin, sind meine Sinne geschärft. Die Luft duftet nach feuchtem Laub. Auch wir verlassen nun die Abhörstation, die vielleicht heimlich noch weiter empfängt, weiter sendet, auf Autopilot, bis die Welt untergeht. Wer weiß schon, was unterhalb der Ruinen noch für Strukturen existieren, was diesen Berg im Innersten zusammenhält. Womöglich sind gar nicht alle Spione geflüchtet. Arthur ritzt mit seinem Taschenmesser ein Zeichen in einen Buchenstamm.

„Das ist Rotwelsch“, murmelt er trunken. „Es bedeutet: Charlotte, du bist die allerschönste Frau! Komm endlich zurück zu mir! Ich habe meine Geige für dich geopfert, im Kampf gegen die Bestie. Nur meine Freundin beherrscht noch die Sprache der Räuber und des Waldes. Nur sie kann das verstehen.“

Die Buche blutet. Arthur tunkt seine Pranke in das tropfende Harz und streicht mir mit der klebrigen Masse über den Hals. Ich stoße ihn weg. Dabei stürze ich fast auf diesem Wurzelpfad, von überall dringen sonderbare Laute an unsere Ohren. Möglicherweise formieren sich die Wildschweine des Waldes in diesen Minuten zu einer Art Sturmtruppe. Hier in der Gegend kennt das ja jeder – die Biester sind auf gefährliche Weise assimiliert, sie verwüsten ganze Grundstücke und gehen des nachts auf der vielbefahrenen Heerstraße spazieren. Wir passieren eine Holzbrücke, die über eine kleine Schlucht führt. Während die Halloween-Kids Berlins wahrscheinlich schon von Tür zu Tür ziehen und Süßes sammeln – ein Vergnügen, welches, so steht zu befürchten, auch noch auf Arthurs Agenda steht –, sind wir allein im verzauberten Wald. Die Stadt: ein dumpfes Hintergrundrauschen.

Is keeping all my secrets safe tonight.

„Ich glaub’, wir haben uns verlaufen“, sage ich. „Die Teufelsseechaussee muss woanders sein.“

„Was ist das denn?“

Mein Freund ist wieder mal vorausgegangen. Nun macht er Halt, vor einem Felsblock, der wie ein Kriegerdenkmal mitten im Wald platziert wurde.

„Das ist der Kletterfelsen“, sage ich, ohne eine Sekunde zu zögern.

Errichtet vom Berliner Alpenverein, einer dubiosen Sekte, treffen sich hier die Hobby-Bergsteiger der Hauptstadt, um das Klettern zu üben. Der Felsen hat nicht gerade Alpenniveau, ist jedoch gar nicht so leicht zu bezwingen. Für die weniger Ambitionierten gibt es auch eine Leiter, die Arthur, der Löwe, jetzt erklimmt.

„Ich glaube, ich blute am Kopf. Unter dem Fell. Es ist ganz warm und feucht.“

„Dann komm’ da runter. Du wirst dir noch den Löwenschädel brechen.“

„Du hast keine Ahnung, wie schwer es ist, in diesem Kostüm hier hochzusteigen.“

Mein Freund klettert trotzdem weiter, die Flasche in einer Pranke. Auf der Plattform haben die beflissenen Alpinisten sogar ein kleines Gipfelkreuz aus Holz angebracht. Oben angelangt, lehnt Arthur sich dagegen und nimmt den letzten großen Schluck.

„Ich bin der König der Löwen auf dem Teufelsberg!“ brüllt er. „Ich rufe den Teufel!“

Keine Antwort. Mein Freund reißt sich die Maske herunter und richtet die Lampe auf sein Gesicht. Blut läuft ihm über beide Wangen, es vermischt sich mit dem Schweiß und gibt seinem Antlitz einen monströsen Glanz. Der Zusammenstoß mit dem Stahlbalken war wohl doch nicht so harmlos, wie es schien. Aber ein Löwe kennt keinen Schmerz, erst recht nicht nach einer halben Flasche Agavenschnaps. Arthur wirkt wesentlich besoffener als ich, der kaum noch stehen kann, vermutlich nicht mal liegen könnte.

„Ich rufe den Teufel! Zeige dich jetzt!“

„Was faselst du da?”

„Ich liebe das, was sie ist. Nicht das, was sie tut. Das habe ich nun begriffen. Nur sie kann ich dafür lieben, was sie ist. Und deshalb bin ich für immer verflucht. Und Charlotte auch.“

„Was?“

Mein Freund schwankt, er greift mit beiden Händen nach dem Kreuz und flüstert ziemlich theatralisch: „Klara. Meine Vision. In der Jewish Princess. Ich habe meine Seele an Klara verkauft!“

„Komm’ jetzt da runter!“

Doch auf einmal ist alles erleuchtet. Ein Knallen, gar nicht weit von hier. Schwefelgeruch zieht herüber. Farbige Blitze zucken am Himmel, grüne und gelbe, die Dunstglocke über der Stadt steht lichterloh in Flammen. Wie der Himmel auf CNN, denke ich, der Himmel über Bagdad. Arthur lehnt an diesem Kreuz, blutend, als trüge er das ganze Leid der Welt auf seinen Löwenschultern: „Der Feuersturm!“ ruft er immer wieder, oder: „Ein Tausend-Bomber-Angriff!“. Und selbst als mein vernebeltes Gedächtnis mich endlich nicht mehr alleine läßt und mir mitteilt, dass heute, an Halloween, gleich nebenan auf dem Maifeld am Olympiastadion, das Finale der so genannten Pyronale, der Weltmeisterschaft der Feuerwerker, stattfindet, starre ich noch wie gebannt auf dieses Licht. Das gelbe Licht: Es ist das Höllenlicht aus meinem Todestraum, am Himmel über dem Teufelsberg.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Le Bateau Ivre I

„Delphine in der Ostsee“, sage ich. „Als Folge des Klimawandels. Habt ihr das gelesen?“

„Delphine ist auch ein schöner, altmodischer, französischer Vorname“, bemerkt Charlotte.

Arthur bleibt abrupt stehen: „Hallo? Erde an Charlotte? Wie oft soll ich es noch sagen: Unsere Tochter wird keinen französischen Namen bekommen.“

„Wieso denn nicht? Muss es unbedingt ein deutscher sein? Außerdem habe ich letztlich die Entscheidungsgewalt.“

„Gewalt“, sagt Arthur. „Eben. Deutscher geht es ja gar nicht.“

Sonntagsspaziergang im Treptower Park, mit einer schwangeren Schönheit und einem verfressenen Psychopathen. Arthur und ich saßen vis-à-vis vom Osthafen am Wasser und tranken minderwertiges Dosenbier, da wir uns Barbesuche vorerst nicht mehr leisten können. Dass wir spätestens nächste Woche wieder in einer Bar sitzen und trinken werden, selbst wenn wir die Zeche prellen oder den Wirt töten müssen, steht gleichwohl außer Frage. Was sollen wir auch sonst machen. Arthur hat binnen sechzig Minuten drei Bismarckbrötchen auf meine Kosten gegessen, wir haben ohne große Leidenschaft über die enigmatische Antwort auf seine Annonce, welche postmoderne Frauen und Männer per se zu unsternbedrohten Geschöpfen erklärt, diskutiert, und irgendwann fragte mich mein Freund, ob er mir eigentlich schon von seiner Vision berichtet hätte.

„Nein“, sagte ich. „Welche Vision?“

„Als ich in der Jewish Princess auf den Tresen gefallen bin, hatte ich eine Vision. Hast du das nicht gemerkt?“

Arthur befühlte die fast verheilten Wunden in seinem Gesicht, wollte mir gerade von seinem Erlebnis erzählen – doch im selben Moment kam Charlotte dazu, um uns abzuholen. Und seitdem streiten sich die beiden über Mädchennamen. In Wahrheit haben beide ja längst ihre Wahl getroffen, nur dummerweise unabhängig voneinander. Und da Arthur sich nicht traut, seiner Freundin endlich den „Dimona“-Vorschlag zu unterbreiten, welchen Charlotte naturgemäß ohnehin nie akzeptieren würde, behält sie auch ihre Idee für sich. Ein Kompromiss scheint ausgeschlossen.

„Vielleicht solltest du entscheiden“, sagt Arthur zu mir.

Charlotte nickt: „Ja, schlag’ du mal was vor.“

„In Asien soll ja ‚Manchester United’ ein überaus beliebter Vorname sein. Für Jungen und Mädchen. Wäre das hier eine TV-Serie oder irgend so ein Ding im Internet, würde ich an eurer Stelle einfach die Leser abstimmen lassen.“

„Die Leser“, sagt Charlotte, „würden sich auch für die Todesstrafe aussprechen.“

„Die Leser“, sagt Arthur, „würden Princess Diana zur Heiligen erklären lassen.“

„Das kann man schon so sehen“, entgegne ich. „Aber man kann es auch anders sehen. Als die Macher des KNAX-Heftes vor einigen Jahren eine neue Figur einführen wollten – ein keckes, possierliches Eichhörnchen –, haben sie einfach eine Umfrage durchgeführt. Die allerjüngsten Sparkassenkunden durften ihre Meinung abgeben. Mit durchschlagendem Erfolg.“

„Ich hätte da auch ein paar Ideen gehabt“, murmelt Arthur.

„Nach einigen Monaten wurde das Ergebnis feierlich bekannt gegeben: Kiki.“

„Kiki?“

„Ja, und so heißt das kleine Eichhörnchen heute noch.“

„Soviel zur so genannten Schwarmintelligenz“, sagt Charlotte.

„Ich könnte noch so ein Fischbrötchen vertragen“, bemerkt Arthur. „Charlotte, wenn du mir für den Rest des Tages – also bis zum Sonnenaufgang – meinen Fischbrötchen- und Bierkonsum finanzierst, darfst du das Kind in deinem Bauch nennen, wie du willst. Nur nicht Delphine.“

Seine Freundin lächelt leicht bösartig: „Ich werde es auf jeden Fall so nennen, wie ich will – ohne dass für dich auch nur ein Tropfen Bier abfällt.“

„Du bist heute so hasserfüllt“, sagt Arthur. „Was ist mir dir?“ Er schaut mich an. „Für dich gilt das selbe Angebot, allerdings nicht auf deinen, sondern auf Charlottes Bauch bezogen.“

„Ich kaufe ja schon Bier“, sage ich. „Und die Namensrechte werde ich versteigern. Wie es bei Fußballstadien schon lange üblich ist.“

Die Stahlskulptur Molecule Man wirft einen löchrigen Schatten über den Fluss, in den auch heute Nacht wieder die Milchstraße fließen wird. Während Charlotte sich auf einer Bank niederlässt, folgt Arthur mir zur Fischbude.

„Dimona klingt ja ganz verführerisch.“ Ich fasse ihn am Arm. „Aber willst du dein eigen Fleisch und Blut wirklich nach einem Atomreaktor benennen?“

Arthur schüttelt den Kopf: „Das ist nicht fair. Du weißt, dass ich Atomstrom ablehne. Doch ich will meine Tochter ja nicht ‚Krümmel’ oder ‚Brunsbüttel’ taufen, sondern Dimona. Das hat doch eine ganz andere Qualität. Wir reden hier immerhin vom Herzstück der gesamten – ambivalenten – israelischen Abschreckungsstrategie. Oder willst du Israel das Existenzrecht absprechen?“

„Schon gut“, sage ich. Und: „Könnten sie die Flaschen bitte gleich öffnen?“

Charlotte gähnt, als Arthur ihr seine Hand reicht. „Ich habe jetzt fünf Minuten die blöde Spree ganz genau beobachtet und keinen einzigen Delphin gesehen.“ Sie bindet ihr langes dunkelblondes Haar zu einem Zopf.

„Wir müssen Geduld haben“, erwidere ich. „So nah ist die Ostsee nun auch wieder nicht. Es gab übrigens keine Bionade.“

„Zum Glück“, sagt mein Freund. „Dieses ekelhaft snobistische Getränk sollte sowieso verboten werden. Ebenso wie Hybrid-Autos und Windräder und die ganze so genannte bessere Welt an sich.“

„Du willst das einzige Getränk verbieten, das ich noch trinken darf?“

„Auf Einzelschicksale können wir in dieser prinzipiellen Frage leider keine Rücksicht nehmen.“

„Ich hätte dir das Bier nicht bezahlen sollen“, sage ich.

„Oh wie gerne hätt’ ich es allen, allen Kindern der Erde geschenkt“, erwidert Arthur fröhlich, „und ihnen auch die lustigen, drallen, kleinen Delphine zugelenkt.“

Wir passieren den Biergarten der so genannten Eierschale Zenner, wo – wie jeden Sonntag – zahllose Seniorenschnapsdrosseln und interessanterweise auch ein paar Träger des Down-Syndroms ausgelassen und ziemlich freizügig zu Schlagerklängen übers Tanzparkett schweben. Arthur schlägt vor, entweder mitzutanzen, und wenn schon, dann richtig, oder bei der behutsam in das historische Gebäude integrierten Burger King-Filiale eine Kleinigkeit zu essen. Wir legen in beiden Fällen unser Veto ein.

„Das heute ist vielleicht der letzte Sommertag“, sage ich. „Der Winter wird sehr kalt werden. Wir könnten doch zurücklaufen zum Club der Visionäre. Musik hören. Vielleicht kommt Lulu auch dahin.“

Charlotte schüttelt den Kopf: „Das glaube ich kaum. Die ist beschäftigt.“

„Außerdem“, sagt Arthur, „ist der Zutritt dort ausschließlich Visionären gestattet. Ihr beide habt im Club der Visionäre nichts verloren.“

„Und was genau ist deine Vision, Schatz?“

„Mehr Bier, natürlich.“

In diesem Moment entdecken wir den Tret- und Ruderbootverleih am Ufer, wo Hobby-Kapitäne und Profi-Skipper gleichermaßen zu fairen Preisen versorgt werden. Charlotte, ermüdet von unserem Spaziergang, ist sofort begeistert – eine kleine Bootspartie zu dritt sei jetzt genau das Richtige.

„Wie stellst du dir das vor, Charlotte?“ fragt ihr Freund. „Du bist doch viel zu fett. Das Boot wird untergehen.“

Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Elchfleisch gegessen. Du hast an einem einzigen Abend einen halben Elch gegessen.“

„Ich hätte auch Lust“, sage ich. „Aber ich bestehe auf einem Tretboot. Das hat wesentlich mehr Stil.“

Arthur seufzt: „Dieses Schiff ist bereits jetzt unsternbedroht.“

„Was faselst du da wieder?“ Charlotte schubst ihn Richtung Wasser.

„Mannschaft und Maat, von Indianern erschlagen, liegen schon lang und sehr weit hinter mir.“

Der Betreiber des Bootsverleihs, ein Seebär alter Schule, geht auf Nummer sicher und lässt sich meinen Personalausweis als Pfand aushändigen.

„Keine Sorge, mein Freund“, beruhigt Arthur den guten Mann, „wir fahren nur mal eben ans Ende der Welt. Nachschauen, ob es dort trinkbares Bier gibt.“

Charlotte zahlt für unsere große Überfahrt, während der Bootsverleihbetreiber sich in Berliner Mundart nach dem Geschlecht des noch ungeborenen Kindes erkundigt. Sie sagt es ihm lächelnd.

„Wenn es ein Eichhörnchen wird, nennen wir es Kiki“, ergänzt Arthur. „Haben Sie nicht ein etwas futuristischeres Modell?“

Doch hier sitzen alle im gleichen Boot, die Auswahl ist auf ein einziges, himmelblaues Fabrikat beschränkt. Ich steige als erster ein, platziere meine Flasche unter dem Sitz und helfe dann Charlotte, die sich am Heck niederlässt. Arthur hüpft auf einem Bein hinterher, so dass unsere bescheidene Barkasse bedenklich ins Wanken gerät.

„Gute Fahrt!“ wünscht der Seebär. „In einer Stunde bitte wieder hier sein. Und passen Sie gut auf Madame auf.“

Er lässt die Leinen los, Arthur und ich treten gleichzeitig in die Pedale.

„Schneller!“ ruft mein Freund. „Viel, viel schneller!“ Und: „Achtung, ein Eisberg!“

Wir fahren los, lachend, in Richtung Elsenbrücke, die im Sonnenlicht wie ein Messer aufblitzt – horizontwitternde Abenteurer in einem viel zu kleinen Boot, einsame Herzen auf seetollem Floß.

Mittwoch, 19. September 2007

This Side of Paradise

„Ich bin nicht sentimental!“ ruft Arthur und streckt alle Glieder von sich. „Nein, nein, nein!“

„Doch, bist du. Ich versteh’ nicht, was mit dir los ist.“

„Ein sentimentaler Mensch glaubt, die Dinge blieben so, wie sie sind.“ Mein Freund spricht jetzt mit geschlossenen Augen, was ausgesprochen arrogant wirkt. „Ein romantischer Mensch hingegen vertraut verzweifelt darauf, dass sie eben nicht so bleiben, wie sie sind.“

„Wer sagt das?“ will ich wissen.

„Ich.“

„Ich finde, du wirst jeden Tag sentimentaler. Seitdem du in der Jewish Princess auf den Tresen gefallen bist.“

„Vielleicht hatte ich dort eine Art Vision. Vielleicht auch nicht.“

Arthur öffnet noch immer nicht die Augen, verharrt auf dem marmorierten Untergrund.

„Ich frage mich nur“, sage ich, „was wir hier eigentlich machen. Was du hier machst.“

„Ich will ja gar nicht, dass dieser Flughafen so bleibt, wie er ist. Ich fordere eine neue Blüte. Eine Renaissance des Sublimen.“

Seit einigen Minuten stehe ich im Hauptgebäude des Tempelhofer Flughafens. Diese so genannte Ehrenhalle hat einiges an Pracht und Monumentalität eingebüßt, nachdem in den fünfziger Jahren eine bedrückend niedrige Zwischendecke eingezogen wurde. Ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin. Oder doch: Ich bin allein deshalb hier, weil Arthur mich gerufen hat. Ich solle sofort herkommen, hat er gesagt, es sei dringend, ich müsse ihm bei etwas helfen, hier am einstigen Zentralflughafen. Tempelhof ist der einzige scheintote Airport der Welt, denke ich. Das Gebäude ist zwar wie ausgestorben, doch der Flugverkehr ruht keineswegs komplett – darauf lassen nicht nur die Lautsprecherdurchsagen schließen. Die Metapher vom schlafenden Riesen drängt sich hier förmlich auf. Und Arthur sitzt mitten in dieser gewaltigen Ehrenhalle auf dem Boden, an einen alten Propeller gelehnt, und weigert sich, aufzustehen.

„Arthur, es ist zwölf Uhr mittags. Du siehst aus, als hättest du drei Nächte nicht geschlafen. Was machst du hier?“

Mein Freund schaut mich mit glasigen Augen an, ich prüfe seine Pupillen, doch die wirken eigentlich ganz normal, soweit ich das beurteilen kann.

„Ich wollte einen Flug buchen“, sagt er schließlich.

„Einen Flug?“

„Nach Tel Aviv.“

„Du wolltest von Tempelhof nach Israel fliegen?“

„Du hast mich sehr gut verstanden.“ Arthur schließt wieder die Augen. „Aber ich hatte kein Geld. Der Geldautomat vorhin hat sogar nach mir geschnappt.“

„Ich gehe“, sage ich und setze auch tatsächlich dazu an, doch mein Freund hält sich mit beiden Armen an meinem Bein fest, wie es garstige Kinder mitunter tun.

„Eine Frau hat sich auf meine Annonce beworben“, sagt er.

„Was für eine?“

„Sabine Christiansen.“

Arthur lächelt. Ich nicht.

„Ich bin mir sicher, es hat überhaupt niemand geantwortet“, sage ich. „Und wahrscheinlich wird auch niemand antworten. Deine Mission ist gescheitert.“

„Im Unterschied zu meinen Frauen mag ich meine Flughäfen am liebsten völlig unpostmodern“, murmelt er.

In diesem Moment erscheint ein sehr kleiner Mann mit einem offiziösen Wappen auf der Uniform und bittet uns barsch, hier nicht herumzulungern und, vor allem, etwas mehr Abstand zu diesem historischen Propeller zu halten – so etwas werde heutzutage gar nicht mehr hergestellt.

„Siehst du“, sagt Arthur im Aufstehen. „Dieser Mann ist sentimental.“

„Ich empfinde die Rosinenbomber-Romantik, die dieser Flughafen mittlerweile verströmt, als ziemlich unangenehm.“

„Es geht mir nicht um Rosinenbomber-Romantik.“

„Sondern? Um Nazi-Romantik?“

„Nein. Nein, nein, nein. Du willst mich heute nicht verstehen.“

„Das könnte sein“, sage ich.

„Ich meine die Romantik des Fliegens überhaupt.“ Arthur seufzt. „Was haben wir denn heute? Ryan Air. Easy Jet. Fliegen ist trashiger als Bahnfahren geworden. Fliegen ist sogar trashiger als Busfahren geworden. Bald wird es vielleicht trashiger als Skateboardfahren sein.“

„Du bist sentimental. Du redest wie Christian Krachts Oma.“

Langsam schlendern wir durch die leere Halle. Noch kann man hier zwar eine der auf dem weiten Flugfeld wie Modellbauflugzeuge wirkenden Maschinen besteigen, doch die landet dann eben in Friedrichshafen oder in Dortmund oder maximal in Brüssel. Das ist schon ziemlich deprimierend.

„Schau’ dir doch mal diese Easy Jet-Stewardessen an!“ Mein Freund macht eine wegwerfende Handbewegung. „Die sehen aus wie die Spice Girls – bevor sie die Spice Girls wurden. Und sie lachen auch so vulgär. Wahrscheinlich würde Easy Jet sogar diesen Terminal orange streichen.“

„Vom Adler über dem Hauptportal ist ohnehin nur noch der Kopf übrig. Ich hätte da übrigens zwei Fragen.“

„Nur zwei?“ Arthur schwankt etwas. Seine Wunden, fällt mir auf, sind noch immer nicht verheilt.

Ich hole tief Luft: „Erstens: Wo ist dein Schuhkarton? Du hast ihn fast nie mehr bei dir. Und, zweitens: Hast du am letzten Tag in Tel Aviv ein hellblaues Schwangerschaftskleid gestohlen?“

„Ich weiß auch nicht.“ Schulterzucken. „Der Schuhkarton langweilt mich irgendwie. Es kommen ja sowieso keine neuen Liebesbriefe mehr dazu. It’s all over now, Baby Blue.“

Mein Ärger ist mittlerweile verraucht. Ich lasse mich sogar dazu hinreißen, meinem Freund zu versichern, dass bestimmt noch die eine oder andere postmoderne oder gar die postmodernste Dame überhaupt auf seine Anzeige antworten werde, wahrscheinlich seien all diese Frauen gerade noch mit der Erstellung ihrer Hochglanzbewerbungsmappen beschäftigt, so etwas brauche ja seine Zeit, wenn das Ergebnis nicht allzu primitiv wirken solle – und das sei doch ganz in seinem, Arthurs, Interesse.

„Außerdem könntest du dich bis dahin vielleicht mal ein bisschen um deine Freundin kümmern“, füge ich noch hinzu.

„Nur wenn du dich um Lulu kümmerst. ‚Wer ist Dimona?’, hat Charlotte mich gefragt. Als ob ich das wüsste. Erinnerst du dich noch an die Katakomben?“

Natürlich erinnere ich mich. Arthur und ich durften diesen Flughafen nämlich schon mal eingehend besichtigen. Wir haben uns einer größeren Seniorengruppe – Genossen des SPD-Ortsvereins Bielefeld-Nord – angeschlossen und an einer Führung teilgenommen, die Arthur und mir und den dreißig Westfalen sogar den Zugang zu den mythenumwobenen Kellergeschossen eröffnete. Dort befand sich, bis die alliierten Eroberer es versehentlich in Brand setzten, ein Filmdepot. Ein uferloses Filmdepot. Nicht eine einzige Zelluloidrolle überstand das große Feuer. Und seitdem überlegen wir regelmäßig, was da unten, in diesen mit bizarren Graffiti und Strichlisten verzierten Räumen, für Streifen gelagert haben könnten. Pornos, meint Arthur – und einige epochale Meisterwerke, die wir uns heute gar nicht mehr vorzustellen wagten und deren Anblick man diesseits des Paradieses auch gar nicht ertragen könne. So energisch, so verwegen seien diese Filme. Ich sage: So lange dort keine Filme mit Hugh Grant aufbewahrt wurden, gebe ich mich mit allem zufrieden. Andernfalls müsste man diese Feuersbrunst völlig neu bewerten.

„Schau dir diese Türgriffe an!“ Arthur streicht sanft über das Holz. „Heute gibt es gar keine Türgriffe mehr auf Flughäfen!“

„Heute findet hier das Red Bull Air Race statt. Das ist wirklich degoutant. Als würde man Pisse aus Goldpokalen trinken.“

„Und erst diese Treppengeländer!“

„Du sentimentaler Tränensack.“

„So ein aufheulender Flieger, der sich wie auf Adlerschwingen in die Lüfte erhebt, ist schöner als die Nike von Samothrake. Deine zweite Frage kann ich übrigens uneingeschränkt bejahen.“

Wir stehen nun am Ausgang, vor einem Imbiss mit dem Namen Air Snack. Und weil Arthur, wie er betont, Hunger und überdies ungeheuerlichen Durst hat, werden wir hier wohl noch ein Weilchen stehen bleiben.

Freitag, 24. August 2007

Jewish Princess II

„Ich kann nicht glauben, dass wir die Jewish Princess gefunden haben! Arthur strahlt. „Du bist die schönste Jewish Princess der Welt!“

Sharon, an die diese Worte gerichtet sind, bedankt sich mit einer kleinen Verbeugung. Arthurs Euphorie ist nicht ganz unberechtigt: Nach achtstündiger Suche haben wir endlich jene Bar gefunden, die allmählich schon zu einer fixen, utopischen Idee in unseren vernebelten Köpfen geworden war: Jewish Princess. Es ist fünf Uhr morgens, wir sitzen am Tresen. Ich habe meinen Freund lange nicht so betrunken erlebt. Er redet fieberhaft auf Sharon ein, die hier Platten auflegt und immer wieder Zärtlichkeiten mit ihrer äthiopischen Freundin austauscht. Sie sei nach Tel Aviv gezogen, sagt sie, weil man hier das beste Kokain im ganzen Nahen Osten bekäme. Vielleicht war es ein Witz, doch ich habe so meine Zweifel.

„Wie lange habt ihr denn nun gesucht?“ fragt die D-Jane.

„Von außen ist die Bar wirklich sehr unscheinbar“, sage ich.

„Nur wenn man blind ist.“

„Wenn wir die Jewish Princess nicht gefunden hätten, hätte ich mich im Morgengrauen erhängt“, bemerkt mein Begleiter.

Sharon – die sich bereits mehrfach in aller Deutlichkeit vom komatösen Ex-Premier distanziert hat – setzt ihre Kopfhörer auf.

And we're changing our ways, taking different roads.

„Ich bleibe in Tel Aviv“, murmelt Arthur. „Es geht nicht anders.“

„Findest du nicht, dass es langsam reicht? Fällt dir auf, dass wir beide niemals arbeiten?“

„Wir arbeiten sehr wohl: Wir denken nach. Wir entwickeln Ideen. Wir trinken. Und wir suchen. Und wenn’s nur die Jewish Princess ist, die wir suchen.“

„Und trotzdem werden wir nächste Woche zurück nach Berlin fliegen. Da können wir dann weitersuchen. Ich will nach Hause.“

„Ich kann nicht“, sagt mein Freund. „Der point of no return ist überschritten. Charlotte wird mich massakrieren.“

Da musst du wohl durch, denke ich. Es ist wirklich eine aparte Bar, welche durchaus die Achtstundensuche rechtfertigt. Selbst auf den Toiletten wird sehr viel gelacht. Als ich vom Klo wiederkomme, flüstert Arthur gerade Sharon etwas ins Ohr. Die D-Jane nickt daraufhin.

„Was hast du sie gefragt?“ will ich wissen.

„Ich habe ihr einen Vorschlag gemacht: Let’s get lost! Wanna be my Jewish Kate Moss?“

Ich würde es ihm zutrauen, doch mein Freund steht, soviel ist klar, kurz vor dem Kollaps. Er denkt auch gar nicht mehr an seinen Schuhkarton. Seitdem uns der lachende Zwerg in der Lilienblum Street seine ganz spezielle Theorie zur postmodernen Frau an sich erläutert hat, müssen wir in mehr als zehn verschiedenen Trinklokalen gewesen sein. Und in jedem einzelnen haben wir – auf der Suche nach der verlorenen Jewish Princess – mindestens einen Tequila konsumiert. Zwar kann ich selber kaum noch auf meinem Hocker sitzen, doch verglichen mit Arthur bin ich nüchtern wie ein Mormone.

„Was meinst du, wie ging der Film weiter?“ fragt er jetzt. „Was hat die blaue Blume noch so alles angestellt?“

„Das will ich gar nicht wissen“, sage ich. „Niemals will ich wissen, auf was für Ideen diese durch und durch widerliche Blume noch gekommen ist.“

Am Anfang unserer Suche, in einer Allenby Street-Bar mit 80er-Dekor, wurde ein Film an die Wand projiziert. Titel: The Princess Has Come Of Age. Ein pornographischer Animationsfilm, dessen erste Viertelstunde folgendes erzählt: Eine Prinzessin in irgendeiner fernen Galaxie hat das heiratsfähige Alter erreicht. An Kandidaten mangelt es nicht. Doch einzig der Mann, der all ihre sexuellen Phantasien vollauf befriedigen kann, wird den Zuschlag erhalten. Und der erste Bewerber ist eben diese hundsgemeine Blume, die sich nicht lange bitten lässt und ohne zu Zögern zur Penetration schreitet. Der Prinzessin – so schien es zumindest – gefällt’s. In der Jewish Princess läuft übrigens gerade ein Werner Herzog-Film: Stroyzek, glaube ich.

„Es war keine blaue Blume, sondern eine rote“, merke ich an.

„Sie war blau.“

„Du bist blau. Ich streue eine Prise Salz auf meinen Handrücken. The Jewish Princess has come of age.”

Sprichst du von Delphine Nussbaum?” Arthur lallt, wie ich es gar nicht von ihm kenne.

„Erinnerst du dich?“ Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Wir werden nie wieder so unschuldig wie Delphine durchs Leben schwimmen können.“

„Klara“, sagt Arthur.

„Was?“

„Die Clara Bar. Dort hat die kleine Rachel diesen großen Satz gesagt.”

„Ach so. Die Clara Bar. Die kleine Rachel hätte mir übrigens nicht erst im Breakfast Club den ziemlich großen Satz sagen müssen, dass sie mit einem zehn Jahre älteren Investmentbanker verlobt ist.“

Get a taste in my mouth, as desperation takes hold.

Während ich noch an die Frau mit den schwarzen Augen denke, die über Bowie reden konnte wie keine andere, springt Arthur plötzlich auf. Ich begreife erst, was vor sich geht, als ich ihn tanzen sehe. Es gibt hier ja gar keine Tanzfläche, doch er tanzt einsam und wie von Sinnen. Vielleicht ist es auch bloß ein epileptischer Anfall.

When routine bites hard and ambitions are low.

„Hast du dir das gewünscht?“ frage ich.

Sharon grinst: „Endlich tanzt hier mal jemand.“

Ich weiß: „Love Will Tear Us Apart“ ist Arthurs Lieblingslied. Schon immer. Keine allzu originelle Wahl, aber das ist Beethoven auch nicht – und der besitzt als Komponist ja trotzdem seine Qualitäten. Erst vorhin hat mir mein Freund erneut erzählt, wie Ian Curtis in der Nacht vor den Aufnahme-Sessions Frank Sinatra hörte. Forty Greatest Songs. Wieder und wieder. Natürlich wusste ich das längst – man muss nur genau hinhören: Why is the bedroom so cold, turned away on your side? Ein Post-Punk singt hier ganz im Stile eines Crooners, melodramatisch, aber wahr, egal, was er sonst so verbrochen hat.

„Joy Division sind die romantischste Band aller Zeiten“, sage ich, doch niemand hört mir zu.

Als der Song endet, auf diesem furiosen Schlussakkord, mit dem die Musikgeschichte eigentlich für immer vorbei sein müsste, ist Arthur schweißgebadet. Er stützt sich an der Theke ab, greift nach seinem Bier.

Sharons schöne Freundin gibt uns Tequila aus: „Fürs Tanzen.“

„Auf Tony Wilson“, sagt mein Freund. Er verschüttet die Hälfte seines Shots.

„Auf Tony Wilson“, sage ich ernst.

Da wir hier völlig aus der Zeit gefallen sind, haben Arthur und ich erst heute, durch puren Zufall, von Tonys Tod erfahren. Der Gründer des Factory-Labels, auf dem auch „Love Will Tear Us Apart“ – im selben Jahr wie Zappas „Jewish Princess“ übrigens – erschien, ist letzte Woche abgetreten. Ohne Zugabe. Am Rathaus von Manchester wehten die Flaggen auf Halbmast.

Love Will Tear Us Apart ist nicht nur der beste Popsong überhaupt. Arthurs Stimme zittert, doch er spricht jetzt erstaunlich klar: „Es ist mehr als das. Es ist die Essenz von Manchester. Das hat Peter Saville gesagt, in der F. A. Z., ausgerechnet. Und er hat verdammt recht.“

Peter Saville: Grafikdesigner, Genie, Mitbegründer von Factory Records.

Die Essenz von Manchester, hat er gesagt. Eigentlich die Essenz von Pop. Factory, Joy Division, New Order, die Haçienda, Rave. Das ganze große Gesamtkunstwerk. Und all das wurde nur möglich dank dieses einen ungeheuerlichen Opfers: Ian Curtis’ Tod. Sein Selbstmord. Verstehst du?“

Ich reiche ihm eine Serviette, denn Arthur schwitzt wirklich aus allen Poren.

„Gleich zu Beginn, bevor es überhaupt erst losgeht mit Factory und allem, steht da diese eine, gewaltige und vor allem auch gewalttätige Investition. Dank dieser Investition schafft es das Label, ein ganzes Jahrzehnt lang zu überleben, ohne je an Profit zu denken. Ians Opfer hat die Leute zusammengeschweißt und nichts Geringeres als ein modernes Wunder bewirkt.“

„Ein postmodernes Wunder.“

„Da waren keine Drogen im Spiel“, fährt mein Freund leicht manisch fort fast, als stünde er selbst unter Drogen: „Es war keine Krankheit, kein Wahnsinn und auch kein Unfall. Ian setzt sich hin. Er schreibt ‚Love Will Tear Us Apart’ und meint es genau so. Es ist die Wahrheit. Das wäre heute gar nicht mehr möglich.“

„Hat Peter Saville das alles gesagt?“ frage ich.

„Nordengland.“ Er keucht. „Die industrielle Revolution. Kapitalismus. Die jungen Romantiker überall. Das hängt alles eng zusammen. In Manchester träumten die jungen Romantiker damals noch von einem anderen Ort. Einem Ort, an den sie fliehen konnten. Wegen Ian Curtis und Tony Wilson, der sein Label ausgerechnet Factory nannte, also die ganze Industriescheiße in etwas Positives umdeutete, sind die gleichen jungen Leute in Manchester geblieben. Um den Ort zu verändern, an dem sie lebten. Nicht Duran Duran, diese Wichser, sondern die Factory-Leute sind die wahren New Romantics.“

„Was ist denn heute mit dir los? Wieso auf einmal dieses Pathos?“

„Love Will Tear Us Apart – again”, sagt Arthur Müller und stößt mal wieder mit mir an.

Jetzt bin ich ebenfalls blau wie die Nacht.

„Kann es sein, dass du – dass du eigentlich von Klara redest?“ frage ich.

Arthur schaut glasigen Blickes an mir vorbei.

Ich habe letzte Nacht dreimal von ihr geträumt, sagt er und sein Kopf schlägt mit voller Wucht gegen den Stahltresen.


Peter Saville's Alphabet of Colours