Posts mit dem Label Arthurs verlorene Nacht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Arthurs verlorene Nacht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 21. November 2007

Charlottes Welt IV [Der Friedhof der Namenlosen]

Wir sind alle Detektive, sagt David Lynch. Sobald es dunkel wird, fragen wir uns: Was ist da? Was ist dort? Wir suchen nach Hinweisen, bis wir etwas finden. Am Ende der Straße, am Ende der Reise. Und langsam öffnet sich die Welt.

Oder der Wald. Die Teufelsseechaussee am Teufelsberg, der finstere Pfad durch den Wald.

Arthur stöhnt auf: „Ich kann nicht glauben, dass wir schon wieder hier sind. Unsere Suche ist ein einziges logistisches Debakel. Wir hätten das an Halloween erledigen sollen.“

„Du hast mir nie erzählt, wo dieser Friedhof sich befindet.“

„Mitten im Grunewald. Du hättest ja mal auf die Karte schauen können. Ein kleiner blauer Stern mitten im Wald.“

„Es wird bald Nacht.“

Irgendwie scheint unsere Suche auf mysteriöse Weise fast immer im Dunklen zu verlaufen. Der Schlüsselbund ist immerhin gefunden, wir vermissen jetzt nur noch Charlotte – diese allerdings sehr. Tim, der depressive Pizzabäcker, hat Arthur einen Tag Aufschub gewährt, bevor mein Freund dann sein neues Handwerk erlernen darf. Und genau wie an Halloween – allerdings ohne Tequila und Löwenkostüm – spazieren wir die Teufelsseechaussee entlang, am Trümmerberg vorbei, steuern geradewegs aufs Waldesinnere zu. Dort befindet sich der Friedhof der Namenlosen, der einstige Selbstmörderfriedhof Berlins, wo Nico begraben liegt und von Charlotte mitunter besucht wird. Der Wald ist nass und kalt, Arthur und ich sind leider völlig nüchtern. Die weißen Kuppeln der Abhörstation zeichnen sich in einiger Entfernung auf dem Gipfel ab.

The killer awoke before dawn, he put his boots on.
He took a face from the ancient gallery
. And he walked on down the hall.

„Ich plane ein Zweitstudium“, sagt Arthur. „an der David-Lynch-Universität auf dem Teufelsberg. Es ist exakt die Uni, von der ich immer geträumt habe.“

„Wenn es wirklich eine David-Lynch-Akademie wäre. Aber was dort entsteht, scheint mir deiner eher unangepassten Persönlichkeit nicht ganz zu entsprechen.“

„Die Sache mit dem Meditationszentrum ist doch bloß ein Trick. Ein typischer Lynch-Kunstgriff. In Wirklichkeit wird es nur um den Meister und seinen Kosmos gehen, eine ganzheitliche Lynch-Erfahrung.“ Meinen Freund ergreift nun ein beinahe religiöser Eifer: „Wie das Haus in Lost Highway wird David auch diese verfallene Abhörstation eigenhändig einrichten und neu designen. Alles wird nach seinen ästhetischen Prinzipien gestaltet sein. Wie ein Traum, in rot und schwarz, mit verborgenen Kammern und brennendem Feuer. Starlet-Tränen, verlaufener Lidschatten. Roy Orbison-Songs aus unsichtbaren Lautsprechern. Der Sternenhimmel über dem Teufelsberg.“

„Und Isabella Rossellini wird in den Unterrichtspausen feinsten Espresso servieren. Ohne dabei zu lächeln, natürlich.“

„Überall geheimnisvolle Gegenstände. Schlüssel ohne Schloss. Entstellte Menschen. Abgeschnittene Ohren. Fratzen und Visionen.“

„Wie finanziert er diese Stiftung eigentlich?“

„Mit Gucci-Werbespots. Das heißt, jedes japanische fashion victim kauft mit der neuesten Gucci-Tasche auch ein kleines Stück unseres Traums: die David-Lynch-Universität zu Berlin. Wenn irgend jemand diesen Horchposten wieder in Gang setzen kann, dann ja wohl dieser Mann. Wir würden wahrhaftig unbesiegbar sein. Wie ich es früher war.“

„Auch für die Wildschweine hätte er sicher Verwendung.“

Arthur und ich könnten noch stundenlang über die Akademie unserer Träume reden, doch wir kommen nun an einen schwarzen Tümpel, den Teufelssee am Fuß des Berges, in welchem – Charlotte zufolge – ein Schatz vergraben liegt. Wenn er sein Löwenkostüm trüge, so Arthur, würde er jetzt sofort schwimmen gehen und nach diesem Schatz tauchen, aber ohne den Schutzpelz sei er einfach nicht er selbst. Zudem hätte er sich ja bereits in der Spree ein fürchterliches Ekzem zugezogen, das immer noch nicht verheilt sei. Ich zeige auf einen Stein. Dort liegen, ordentlich gefaltet, eine Hose und eine Jacke, daneben ein Paar schlammige Motorradstiefel. Die Lufttemperatur beträgt etwa fünf Grad.

„Da!“ ruft mein Freund.

Wir trauen unseren Augen nicht: Ein älterer Herr, etwas verwildert, badend. Der Mann hat uns jetzt wohl bemerkt, er schwimmt aufs Ufer zu. Als er sich aus dem flachen Gewässer erhebt, sehen wir, dass er vollständig nackt ist, ein weißer, drahtiger Körper in der Abenddämmerung. Arthur winkt ihm zu, ohne irgendeine Reaktion zu erhalten. Der einsame Schwimmer klettert an Land. Dabei scheint er sich seiner Nacktheit in keiner Weise zu schämen. Er scheint auch nicht zu frieren. Dieser Mann könnte sechzig sein, aber auch doppelt so alt – zumal er dieses Stahlbad vermutlich jeden Abend durchwatet.

„Guten Abend“, grüßt Arthur freundlich. „Haben Sie in diesem See vielleicht irgendwo einen Schatz entdeckt?“

Der Nackte schaut uns nur verächtlich an, wie unerwünschte Eindringlinge in intimstes Territorium. Er sagt: nichts. Ich sehe: eine handgroße gezackte Narbe, die sich über seine ganze rechte Wange zieht.

„Pardon, wir wollten nicht stören“, entschuldige ich mich, während der Fremde sich langsam und mit großer Sorgfalt ankleidet, ohne Arthur und mich eines weiteren Blickes zu würdigen. „Lass uns weitergehen.“

Mein Freund zuckt mit den Achseln. Wir kehren zurück auf den Hauptweg, der vom Scheinwerferlicht eines sich nähernden Fahrzeugs schwach erleuchtet wird.

„Was für ein Freak.“

„Noch ein Narbengesicht“, bemerke ich.

„Hast du mein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche bemerkt? Ein Löwe. Der Teufelssee enthüllt unser wahres Wesen. Hey, hier dürfen doch gar keine Autos fahren.“

Gleichwohl hält in diesem Augenblick eine schwere Limousine mit verdunkelten Scheiben in etwa zwanzig Metern Entfernung. Ein Fenster wird heruntergekurbelt. Der kaum zu erkennende Beifahrer schaut heraus, auf den Teufelssee und auf uns. Vielleicht täusche ich mich, aber offenbar hält er ein Fernglas in den Händen. Reifenquietschen. Das Auto wendet und fährt davon, in die Richtung, aus der es gekommen ist.

„Was spielt sich hier eigentlich ab?“

Ich drehe mich noch mal um, das Narbengesicht ist verschwunden.

„Wir brauchen eine Fackel“, sagt Arthur. „Wie sollen wir sonst diesen Friedhof finden? Im übrigen ist mir das Narbengesicht aus dem Teufelssee immer noch lieber als meine gleichnamige Bekanntschaft. Ich habe letzte Nacht von ihr geträumt.“

„Gab es in diesem Traum vielleicht irgend welche Hinweise auf die Identität dieser Frau?“

„Das nicht. Aber ich kann mich nun, glaube ich, klarer an sie erinnern. Wobei ich nicht weiß, ob ich mich nur an den Traum erinnere oder tatsächlich an jene verlorene Nacht.“

„Der Louche-Effekt.“

Arthur seufzt: „Im Traum habe ich das Narbengesicht sogar geküsst. Und jetzt trage ich das unbestimmte Gefühl auf den Lippen, es auch im realen Leben geküsst zu haben.“

„Du hast sie geküsst?“

„Ich weiß nicht. Wirklich nicht. Da ist eine Art Nachgeschmack, der nicht verschwindet. Vielleicht ist es aber auch der Absinthgeschmack. Alles, was ich ganz genau weiß, ist folgendes: Ich will dieses Gesicht niemals wieder sehen. Niemals.“

„Womöglich wird sie schon sehr bald wieder neben dir sitzen – als Kommilitonin an der David-Lynch-Universität zu Berlin.“

„In diesem Fall könnte ich für nichts garantieren. Selbst ein Lynchmord käme dann in Betracht. Dämonen gilt es zu vertreiben.“

„Ich weiß nicht, ob ich jetzt wirklich noch tiefer in diesen Wald eindringen will.“

Aber, das ist ja nichts Neues, die Suche muss weitergehen, notfalls mit Taschenlampe. Ob wir Charlotte nun finden oder nicht, wir werden es wenigstens versucht haben. Und so folgen wir dem Pfad, den wir wohl besser nicht verlassen sollten, sonst wären wir verloren. Im Unterschied zum Teufelsberg und zum Aquarium verbinden mich mit dem Friedhof Grunewald-Forst, wie er offiziell heißt – Charlotte spricht aber immer vom „Friedhof der Namenlosen“ –, keinerlei Kindheitserinnerungen. Natürlich nicht. Welche Kinder spielen schon auf Begräbnisstätten. Selbst heute meide ich Friedhöfe, wo ich nur kann, sogar so genannte Prominentengräber. Auf unserer letzten gemeinsamen Reise durch Nordengland musste Arthur Ian Curtis allein beehren, ich trank lieber Starkbier und schaute ein Premier League-Spiel.

He went into the room where his sister lived, and...
then he
paid a visit to his brother,
and then he
walked on down the hall, and...

Doch heute bin ich gut vorbereitet: Ähnlich wie in Wien, nahe der Donauquelle, gibt es auch in Berlin einen Namenlosenfriedhof. Nicht weit davon entfernt, in der Bucht von Schildhorn, macht die Havel einen Knick, weshalb dort immer wieder Wasserleichen angespült wurden – Selbstmörder zumeist. Ganz gleich, wo man sich desperat in die Havel stürzte, eine unterirdische Strömung sorgte mit verblüffender Zuverlässigkeit dafür, dass die eigene Wasserleiche in der Schildhorner Bucht landete. Da die christlichen Kirchen diesen Menschen und ihren Familien bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein offizielles Begräbnis verweigerten, musste die Forstverwaltung sich ihrer annehmen. Man beschloss also, die Toten, die keiner haben wollte, auf einer Waldlichtung zu bestatten, nahe der verfluchten Bucht. Nachdem sich diese Praxis herumgesprochen hatte, begruben einzelne Angehörige ihre Lieben einfach eigenhändig im Wald. Und manche Selbstmörder wählten mit Bedacht einen Ort in der Nähe der Lichtung für ihren Abschied aus, um ihren Familien nicht auch noch Probleme mit den Betonköpfen von der Friedhofsverwaltung zu bescheren. Doch die meisten Leichen blieben namenlos. Allmählich wurde der Namenlosenfriedhof zu einer festen Institution, es entstand ein kirchenferner Begräbnisplatz, der erst um 1928 herum eine feste Begrenzungsmauer erhielt. Nach dem zweiten Weltkrieg fanden dort nicht mehr allein Selbstmörder ihre letzte Ruhe, sondern auch Menschen, die sich diesen idyllischen Bestattungsort zu Lebzeiten selbst ausgesucht hatten. Einer dieser Menschen war Nico. Nico alias Christa Päffgen, als The Velvet Undergrounds Femme Fatale von Anfang an dem Morbiden nicht abgeneigt. Schon bei jener gleichsam in Andy Warhols Labor gezüchteten Kunstband zählte immer nur Pop, glitzernd und hell. Doch diese Helle von Velvet Underground hatte rein gar nichts mit Hoffnung und Utopien zu tun. Der Traum, den sie träumten, glich dem letzten Rest Amphetamin auf einem blinden Spiegel im Dämmerlicht des anbrechenden Tages. Und Nico schminkte sich mit Hilfe dieses Spiegels. Noch viele Jahre nach La Dolce Vita, nach Velvet Underground, klang Christa Päffgen, aufgewachsen im Spreewald, wie man sich Hildegard von Bingen auf Speed vorstellt. So seltsam sich das anhören mag: In ihrem Timbre hört man immer den Rhein – und den Tod.

„Wenn Nico schon mit 18 wusste, dass sie auf dem Namenlosenfriedhof begraben werden wollte“, frage ich, „heißt das, sie wusste schon mit 18, dass sie sich umbringen würde?“

„Sie hat sich ja nicht umgebracht. Nico ist vom Fahrrad gefallen, auf Ibiza. Herzschlag. Sie war die einzige, die ihren zwischenzeitlichen Lover Lou Reed zum Schweigen gebracht hat – mit dem Satz: ‚I cannot make love to Jews anymore.’“

„Minna Braun liegt auch auf diesem Friedhof.“

Minna Braun ist ein, vorsichtig gesagt, spezieller Fall. Eine junge Krankenschwester, die kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges leblos nahe der Havelchaussee aufgefunden wurde. Selbstmord durch Schlafmittel, sagte der Arzt. Selbstmord aus Liebeskummer, sagten ihre Freundinnen. Man brachte Minna also zum Selbstmörderfriedhof und legte sie dort in einen Sarg. Als am nächsten Tag ein Kriminalbeamter die Leiche des Mädchens untersuchen wollte, konnte er ein gewisses Erstaunen nicht verbergen: Minnas Kehlkopf bewegte sich – offenbar war das Mittel nicht hoch genug dosiert gewesen. 24 Stunden später erwachte die Scheintote im Krankenhaus aus ihrem Starrkrampf.

„Ganz Berlin“, erzähle ich, „war nach diesem Ereignis in höchstem Maße beunruhigt. Die alte Debatte: ‚Wie vermeide ich es, lebendig begraben zu werden?’ erlebte eine Renaissance. Särge mit Glasfenstern kamen in Mode.“

„Und Minna?“

„Minna Braun verdoppelte drei Jahre später die Dosis. Diesmal erfolgreich. Wieder Liebeskummer.“

„War es der selbe Mann?“

„Das weiß ich nicht. Ich fürchte fast, es war ein anderer. Sind wir gleich da?“

Arthur wirkt leicht verstört: „Wie vermeidet man es denn nun, lebendig begraben zu werden? Ich will auf keinen Fall einen gläsernen Sarg!“

Seit der befremdlichen Begegnung am Teufelssee ist uns kein Mensch mehr über den Weg gelaufen. Selbst die Wildschweine halten sich bedeckt. Das Laub raschelt, die Zweige knacken, wir folgen dem düsteren Pfad.

„Ich gebe zu“, sagt mein Freund, „dass wir vielleicht ein wenig spät dran sind. Möglicherweise hätten wir nicht bis halb zwei schlafen sollen. Charlotte war zwar mit zwölf in Nico verliebt – ich bin also gewissermaßen Nicos Nachfolger –, aber es erscheint mir eher unwahrscheinlich, dass wir sie jetzt an diesem Grab finden werden. Ah, da geht’s nach rechts.“

„Wir wollten doch niemals vom Weg abkommen.“

Ein in der Finsternis kaum zu entzifferndes Holzschild bestätigt allerdings den Führungsanspruch meines Freundes. Nach etwa dreihundert Metern erreichen wir das Friedhofstor.

Arthur lacht: „Hast du gelesen, dass Lulu einen neuen Freund hat? Delirious Dirt, Folge 173. Und im Gegensatz zu dir erfindet sie nie irgend etwas dazu.“

„Was ist mit dem Herzschrittmacher passiert?“

„Vielleicht das gleiche wie mit Minna Braun. Der neue heißt Sailor. Lulu und Sailor.“

„Ein Matrose?“ Ich spucke aus. „Was ist mit dir? Hast du zuhause irgendwelche Liebesbriefe vorgefunden?“

„Abgesehen vom Inhalt meines Schuhkartons? Nein. Nur Rechnungen. Und eine tote Maus hinter dem Herd. Natürlich nichts von Charlotte. Vielleicht hat sie mir eine Nachricht auf Nicos Grab hinterlassen.“

„Isabella Rossellini hat sich von David Lynch getrennt, nachdem sie eine tote Maus im gemeinsamen Kühlschrank gefunden hatte.“

„Für organische Strukturen gibt es wohl kaum einen besseren Aufbewahrungsort.“

Der Friedhof der Namenlosen ist nicht viel größer als ein Basketballfeld und völlig überwuchert. Keine auffälligen Monumente oder Grabschmuck, die meisten Toten hier liegen nicht nur unter der Erde, sondern werden zudem noch von schweren Tannen bedeckt. Und selbst auf einem Friedhof läuft irgendwann die Zeit ab: Viele Gräber zieren Plastikfähnchen mit der Aufschrift: „Nutzungsdauer abgelaufen. Bitte bei der Friedhofsverwaltung melden“.

„Russen“, sage ich und deute auf die fünf Andreaskreuze mit kyrillischen Buchstaben, „die vor der Oktoberrevolution geflohen waren. Sie waren so erschüttert vom Tod ihres geliebten Zaren, dass sie in Berlin sofort in die Havel sprangen.“

„Keine Ahnung, wo Nico liegt. Ich habe auf dem Friedhof Montparnasse mal stundenlang nach Beckett gesucht, ohne ihn jemals zu finden. Als wäre Beckett auch ein Namenloser. Für Gainsbourg brauchte ich nur zwei Minuten.“

Ich schiebe etwas Laub beiseite, um eine Inschrift zu lesen: Er lebte nur für uns.

„Das möchte ich nicht auf meinem Grabstein stehen haben“, sagt Arthur.

Ich möchte ihm gerade raten, sich in dieser Hinsicht nicht allzu sehr zu sorgen, doch plötzlich zucke ich zusammen: „Da drüben steht Charlotte“, flüstere ich.

„Was?“

„Da! Da hinten. Am anderen Ende.“ Ich stoße ihn an.

Es ist nicht leicht, in der Finsternis viel mehr als Schatten und Konturen auszumachen. Aber die völlig regungslose Frau, die jetzt auch mein Begleiter bemerkt, hat – wie Charlotte – langes blondes Haar und ungefähr deren Größe. Sie kehrt uns den Rücken zu.

„Das ist sie nicht“, sagt Arthur.

„Ich weiß nicht. Du kennst sie besser als ich.“

„Ich kenne sie offenbar überhaupt nicht. Lass uns da rüber gehen.“

Wir stolpern, so gut es geht, zwischen den Gräbern hindurch. Ich frage mich, ob dieser Friedhof jemals schließt.

„Das kann sie nicht sein“, zischt mein Freund ein zweites Mal.

Als wir nur noch wenige Grabsteine von dieser Frau entfernt sind, wird deutlich, dass es sich in der Tat nicht um Charlotte handeln kann. Die Dame auf dem Friedhof ist älter, ihre Haare sind blonder und länger. Außerdem ist sie in eine Art Sackkleid gehüllt, wie es Charlotte auch im achten Monat niemals anziehen würde. Sie sieht eher aus wie –

„Nico“, sagt Arthur leise.

„Kurz vor ihrem Tod.“

Jetzt hat die Fremde uns bemerkt, spätestens jetzt, und dreht sich langsam um. Sie schaut uns an mit einem völlig leeren, zugleich wissenden Blick. Ihr Make-up ist verlaufen wie nach drei durchtanzten Nächten und gibt ihrem eigentlich hübschen Gesicht ein beinahe fratzenhaftes Aussehen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie weint, in jedem Fall blutet sie aus der Nase. Nicos Haar schimmert silberblond in der Nacht. Keiner von uns dreien sagt ein Wort, Arthur und ich halten Abstand. Die Namenlose bückt sich, geht auf die Knie und entzündet mit einem Streichholz ein Licht, das eine Heiligenfigur von innen beleuchtet. Auch die in den Grabstein gemeißelten Buchstaben sind nun zu erkennen:

Margarete Päffgen
1910-1970

NICO
Christa Päffgen
1938-1980

Klein wie ein Kindergrab. Als wäre sie die Friedhofsgärtnerin und würde bloß die Blumen gießen, nimmt die Frau nun eine Weinflasche und gießt deren Inhalt über die letzte Ruhestätte von Nico und ihrer Mutter. Dann steht sie wieder auf, schaut noch mal auf das Grab und auf Arthur und mich und bewegt sich sehr langsam, mit schleppenden Schritten, Richtung Friedhofstor. Wir starren der Doppelgängerin hinterher, bis sie im Wald verschwunden ist.

„Das war wohl nicht Charlotte“, sage ich dann.

„Charlotte hätte niemals den guten Wein verschüttet. Sie hätte natürlich Bionade genommen. Schau mal, es ist die Heilige Theresia, die da jetzt leuchtet.“

„Und eine blaue Rose.“

„Diese Rose ist eindeutig schwarz.“

Blumen und Zettel, drei Weinflaschen und eine Handvoll Zigaretten bedecken das Grab, Spritzbesteck ist keines zu sehen, in einer Tanne hängt dafür ein Mango-Oberteil. Kieselsteine, wie man sie auf jüdischen Gräbern platziert – obgleich Lou Reed dereinst sicher woanders liegen wird. Doch im Vergleich zu Père Lachaise, wo Jim Morrison in einer wahren Hippie-Hölle seinen letzten Rausch ausschläft, wirkt Nicos Grunewald-Grab fast unberührt – so wie sie selbst, bei allen amourösen Exzessen, ewig unberührbar blieb.

And he came to a door...and he looked inside
Father, yes son, I want to kill you
Mother... I want to... fuck you.

Arthur kniet jetzt ebenfalls nieder und angelt sich ein zusammengerolltes Stück Papier. Nach kurzer Lektüre verzieht er angeekelt das Gesicht:

„Warum müssen diese Fan-Gedichte immer so peinlich und so abgeschmackt sein? Das hat Nico nicht verdient. Das hat nicht mal Jim Morrison verdient. Für mein eigenes Grab würde ich testamentarisch ein Poesie-Verbot erlassen. Weinflaschen, okay. Von mir aus kann jeder, der will, auf mein Grab pissen – aber bitte keine Gedichte.“

„Niemand würde dir ein Gedicht schreiben.“

„Doch. Du.“

„Mir fällt gerade auf“, sage ich und knie neben ihm nieder, „dass ‚The End’ ja nicht nur ein Doors-Song, sondern vor allem auch ein Nico-Song ist. Dieses Zitat – ‚Can you picture what will be, so limitless and free?’ –, was die potentiell postmoderne Frau dir geschickt hat, könnte sich also ebenso gut auf Nico beziehen.“

„Aha. Und wie hilft uns das jetzt weiter?“

„Es ging mir nur so durch den Kopf. Als Detektiv darf man keinen Hinweis unbeachtet lassen. Nicos Version von ‚The End’ in der Kathedrale von Reims ist jedenfalls bis heute unerreicht.“

„Zumal sie beinahe auch das Ende dieser Kathedrale bedeutet hätte. Das Bootleg der Live-Übertragung des französischen Rundfunks war jahrelang Charlottes Lieblingsplatte. Sie hat mich selten so beeindruckt wie bei unserem zweiten Treffen, als sie mir davon erzählte.“

Reims, Dezember 1974. Weihnachtszeit. Nico hat gerade das Album The End veröffenlicht, welches unter anderem das dreistrophige „Deutschlandlied“ enthält und von der Plattenfirma mit dem Slogan „Warum Selbstmord machen, wenn Sie diese Platte kaufen können?“ beworben wird. In Frankreich äußerst populär, gestalten sie und ihr Höllenharmonium nun das Vorprogramm der Berliner Avantgardisten von Tangerine Dream. Die riesige Kathedrale – akustisch der feuchte Albtraum eines jeden Sängers – ist nicht nur komplett ausverkauft, sondern völlig überbucht. Mehr als 6000 Menschen quetschen sich in den Zuschauerraum. Während der Show ist es darum unmöglich, die Kirche zu verlassen. Naturgemäß existieren innerhalb der Kathedralenmauern keine Toiletten, was dazu führt, dass einige Konzertbesucher in die Taufbecken urinieren. Und Nico steht einsam und entrückt auf der Bühne vor dem Altar. Sie verliert sich völlig in diesem Lied – „The End“, inklusive der, vorgetragen von einer Frau, eher bizarr anmutenden Ödipuspassage – und lässt Jim Morrison wie einen Schuljungen aussehen. Wie Nicos Harmonium kommt bei ihr auch dieser Song direkt aus einer grellen, kalten Hölle. Ein blinder Spiegel im Dämmerlicht des anbrechenden Tages. Lange vor Ian Curtis, der verkündet: „Love Will Tear Us Apart“, meint sie es eben genau so: Dieser Song ist das Ende. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Und obwohl sicher auch noch das eine oder andere Chagall-Fenster zu Bruch geht, hören die meisten Menschen Christa Päffgen aus dem Spreewald andächtig zu – in der Kathedrale von Reims, wo von jeher Frankreichs Könige gekrönt wurden.

„Am nächsten Tag verbot die katholische Kirche alle weiteren Popkonzerte auf Kirchengrund. Die Kathedrale von Reims wurde extra neu geweiht.“

„Charlotte hat immer gesagt, dass sie an diesem Abend überhaupt zum ersten Mal geweiht wurde.“ Noch immer knien wir vor Nicos Grab. Arthur entzündet tatsächlich die Kerze im Bauch der Heiligen Theresa, welche der Herbstwind ausgeblasen hat. „Ich muss sie unbedingt sehen“, sagt er leise.

„Komm!“ Ich klopfe meinem Freund auf die Schulter. „Ich hab’ genug von diesem Wald. Lass uns zu dir fahren. Vielleicht ist ja heute ein Brief von ihr gekommen. Dann wirst du wieder unbesiegbar sein.“

Wir springen auf, hüpfen wie Hürdenläufer über die Grabsteine, dem Ausgang zu, und folgen dem finsteren Pfad in der anderen Richtung.

Dienstag, 30. Oktober 2007

Paradise Lost

Wo die Wahl beginnt, sagt Arthur Miller, endet das Paradies, endet die Unschuld – denn was ist das Paradies, wenn nicht die Abwesenheit jedweder Wahlmöglichkeit? Demnach müssten hier, in Lulus Treppenhaus, paradiesische Zustände herrschen, denn mir blieb mal wieder keine Wahl. Die Schmerzmittel wirken nicht, mein Kopf ist heiß wie eine Herdplatte. Ich weiß kaum noch, wie ich überhaupt in diesen dritten Stock gekommen bin. Doch nun stehe ich vor Lulus Wohnungstür, um halb neun am Morgen, mein Fieberschweiß tropft fast auf ihre Fußmatte. Arthur hält sich eine Etage tiefer verborgen. Es wäre ja sonst denkbar, dass Lulu oder Charlotte – wenn sie ihn, den unerwünschten Gast, erblickten – die Tür sofort wieder verriegeln würden. Dann wäre die letzte Chance vertan. Allerdings gelte ich hier wohl beinahe ebenso sehr als persona non grata – Arthur und ich sind ja irgendwie eins, so unterschiedlich wir sein mögen. Ich stand schon oft vor dieser Tür, aber immer nur gemeinsam mit Arthur oder mit Arthur und Charlotte. Ein einziges Mal war ich mit Lulu allein. Ich kann mich sogar an das Datum erinnern. Ob sie sich überhaupt an mich erinnert, an mich und uns in jener Nacht, bezweifle ich in düsteren Momenten. Wir haben nie wieder darüber gesprochen.

„Jetzt klingel’ schon!“ zischt Arthur von unten.

Ich drücke auf den Klingelknopf, warte. Nichts passiert.

„Noch mal! Länger!“ flüstert mein Freund.

„Sei still.“

Mein Puls rast. Schritte. Lulu öffnet ruckartig und gar nicht vorsichtig die Tür. Auch ohne Gummistiefel, barfuss, nur mit einem übergroßen Herrenhemd bekleidet, ähnelt sie noch der Pocahontas aus meinem fürchterlichen Traum.

„Was ist denn jetzt los?“ Sie starrt mich an. „Was willst du denn hier?“

Ich möchte antworten, doch wie in meinem Traum versagt mir die Stimme. Ich sage – nichts.

„Alles in Ordnung?“ fragt Lulu zum Glück. „Du siehst aus wie eine Leiche. Total blass.“

Ich kann nicht umhin, mich darüber zu freuen. Denn wir berühren hier das Kernproblem meiner gesamten Existenz. Es besteht darin, dass alle immer denken, es ginge mir gut – selbst wenn ich mich miserabel fühle. Je kranker ich bin, desto frischer wirke ich. Je unerträglicher mein Kater, desto besser sehe ich offenbar aus. Damit könnte ich noch leben. Doch sogar schlimmste Depressionen sieht man mir, so scheint es, niemals an. Das liegt natürlich vor allem an mir, daran, dass ich auch lache, wenn ich traurig bin. Ich kann nicht anders. Und während alle Welt glaubt, es ginge mir blendend, schlittere ich an der Oberfläche der Dinge fröhlich lächelnd in den Abgrund. Darum freue ich mich, wenn Lulu Lilienblum mich als Leiche begrüßt.

„Morgen ist ja auch Halloween“, sage ich keuchend, den Blick von ihren bloßen Beinen abgewandt. „Ich glaub’, ich hab’ Fieber. Aber deshalb bin ich nicht gekommen.“

„Das ist ja auch keine Arztpraxis hier. Du hast mich geweckt.“

„Tut mir leid. Wirklich. Wir suchen Charlotte. Wir dachten, sie könnte vielleicht bei dir sein.“

„Wir? Was heißt denn wir?” Lulu guckt nun äußerst irritiert. „Wo ist denn Arthur, dieser Feigling? Hat er dich vorgeschickt, oder was?“

„Ich bin ja schon da“, sagt mein Freund, der im selben Augenblick die Treppe hochkommt. Er lächelt: „Guten Morgen, Lulu.“

„Morgen, Arschloch.“

„Wir waren gestern Abend schon mal hier.“

„Das freut mich. Ich war leider nicht zuhause. Und Charlotte ist sowieso nicht bei mir.“

„Können wir nicht kurz reinkommen?“

Lulu dreht sich wortlos um und geht zurück in ihre Wohnung, lässt die Tür aber offen. Wir treten ein, folgen ihr in die Küche, wo sie unter verschlafenen Flüchen Kaffee kocht. Selbst völlig ungeschminkt ist sie so schön, wie es sich für eine Häuptlingstochter eben gehört.

Arthur freut sich: „Habe ich es nicht gesagt? Bei Lulu bekommen wir immer einen Kaffee!“

„Der ist nicht für euch. Der Kaffee ist für mich. Für mich und meinen Gast. Es handelt sich aber nicht um deine Freundin – beziehungsweise Ex-Freundin.“

Sollte diese freundliche Bemerkung Arthur irgendwie getroffen haben, lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken.

„Ich muss sie wirklich dringend sprechen“, sagt er. „Sie geht nicht ans Telefon. Sie öffnet nicht die Tür. Wenn Charlotte nicht bei dir ist, wo ist sie dann?“

„Tja.“ Lulu schaut ihn vollkommen mitleidslos an. „Vielleicht will sie nicht, dass du sie findest.“

„Das ist mir schon klar, aber mein Wille, sie zu finden, ist wesentlich stärker als ihr Wille, dass ich sie nicht finde.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher. So was ändert sich schnell. Viel schneller, als du glaubst – mit deinem grenzenlosen Selbstbewusstsein.“

„Ich würde es eher als gesundes Selbstbewusstsein bezeichnen.“

Mir ist schwindlig. Ich blicke mal auf Lulu, mal auf Arthur, die sich die Wörter wie Ping Pong-Bälle an die Köpfe werfen.

„Jede Frau, die halbwegs bei Sinnen ist“, sagt Lulu, „hätte sich schon von dir verabschiedet, während du in Israel rumgefickt hast. Abgesehen davon, dass so eine Frau natürlich gar nicht erst mit dir zusammen wäre und vor allem nicht auch noch deine teuflische Brut austragen würde.“

„Das war ja alles nicht so geplant. Außerdem habe ich nicht rumgefickt.“

„Seid ihr Teenager, oder was? Meinst du, ich finde es toll, dass sich meine beste Freundin seit Monaten ständig bei mir ausheult?“

„Deshalb suche ich sie ja jetzt. Sie kann sich ruhig auch bei mir ausheulen.“

„Du verstehst einfach gar nichts“, erwidert Lulu. „Bei dir will sie sich ja gerade nicht ausheulen. Was meinst du eigentlich dazu?“ fragt sie dann mich.

„Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“

Arthur geht auf Lulu zu und legt ihr seine Hand auf die Schulter.

„Bitte, sag’ mir, wo sie ist.“

„Was weiß ich.“ Sie stöhnt auf. „An einem dieser komischen Orte, wo sie immer ist und träumt, wahrscheinlich. Im Aquarium oder so. Auf jeden Fall hat die Agentur sie freigestellt. Vielleicht liegt sie auch zuhause im Bett und liest Krieg und Frieden oder irgend so einen Scheiß.“

„Im Aquarium ist sie nicht.“

„Nur weil Charlotte am Dienstag nicht dort war“, bemerke ich, „heißt das nicht, dass sie heute nicht im Aquarium ist.“

„Wir können deshalb aber nicht jeden Tag ins Aquarium gehen. Das ist mir zu gefährlich. Dieses Krokodil hat mich auf seine Todesliste gesetzt. Apropos, ich schau’ mal, was als nächstes auf unserer Liste steht.“

„Was für eine Liste?“ fragt Lulu, die tiefschwarzen Espresso in zwei Tassen gegossen hat, Arthur und mich allerdings Richtung Wohnungstür schiebt.

„Falls sie sich bei dir meldet, sag’ ihr, sie soll mich anrufen.“

„Das werde ich mir noch gut überlegen. Ich fürchte, du hast einfach keinen Kredit mehr bei dieser Bank.“

Sie öffnet die Tür, wir wollen gerade die Wohnung verlassen, doch mein Freund bleibt plötzlich stehen und dreht sich um.

„Moment mal“, sagt er. „Sie ist hier. Natürlich. Sie ist hier.”

Und Arthur schubst Lulu einfach beiseite, stürzt auf ihr Schlafzimmer zu.

„Hey! Spinnst du?“

Aber sie kann ihn nicht mehr aufhalten – ohne auch nur anzuklopfen, öffnet er erwartungsfroh die Tür.

„Oh. Sorry.“ Mein Freund bleibt abrupt stehen.

Wir sind ihm gefolgt, ich schaue über seine Schulter in das Zimmer. Auf Lulus Bett liegt nicht Charlotte, sondern ein Mann, das ist unverkennbar, denn er liegt dort im so genannten Adamskostüm, Arme und Beine von sich gestreckt. Zunächst sieht er uns nicht – ein hellblaues Höschen, das aller Wahrscheinlichkeit nach aus Lulus Besitz stammt, bedeckt seine Nase und seine Augen. Als er diesen Spitzenvorhang dann beiseite schiebt und uns drei erblickt, geht es ihm ganz offenbar wie mir: Lulus Lover ist sprachlos. Zumindest sagt er nichts, guckt nur befremdet. Vielleicht ist es das Fieber, doch ich bilde mir ein, in der allgemeinen Stille ein dumpfes Pochen zu hören: Das muss der Herzschrittmacher sein. Jene Maschine, die das Herz dieses jungen Mannes auch in gebrochen-geschundenem Zustand zuverlässig schlagen lässt. Ich wünschte, die Batterien wären alle. An Lulus Geschichten habe ich mich ja gewöhnt, doch treffen muss ich diese Typen nun wirklich nicht. Schon gar nicht, wenn man ihren Penis sehen kann.

„Raus jetzt“, zischt sie und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Arthur auch nicht.

„Nichts für ungut, Mann!“ Mein Freund winkt zum Abschied, ohne eine Antwort zu erhalten „Viel Spaß noch. Happy Halloween.“

Lulu schiebt uns ein zweites Mal zur Tür.

„Sucht ihr mal weiter nach Charlotte“, sagt sie. „Vielleicht habt ihr ja Glück. Ich hoffe, nicht.“

„Du hast nicht zufällig meinen Schlüssel gefunden?“

Aber die Tür ist bereits ins Schloss gefallen, Pocahontas schlüpft jetzt wieder unter ihre warme Decke. Es gibt keinen einzigen Platz auf der Welt, wo ich in diesem Moment lieber wäre.

„Es wundert mich, dass er nicht gefesselt war“, sagt Arthur. „An einen Marterpfahl zum Beispiel. Der nächste rote Stern ist übrigens das Paradise. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, in jener abenteuerlichen Nacht dort gewesen zu sein – doch erfahrungsgemäß erhöht das eher noch die Wahrscheinlichkeit, dass ich dort war.“

* * * * *

„Ich falle gleich um“, sage ich, während Arthur den Klingelknopf des Paradise einige Sekunden lang gedrückt hält.

„Vielleicht ist Aaron ja da. Der macht dir einen schönen Scotch mit Zitrone.“

„Fällt dir eigentlich auf, dass du auf einmal Charlotte mit genau dem gleichen Eifer, der gleichen Leidenschaft suchst, wie bisher nur die perfekte postmoderne Frau?“

Mein Schädel fühlt sich an, als hätte Pocahontas ihn mit einem Tomahawk gespalten – doch gleichzeitig meine ich, klarer zu sehen als sonst. Ein Sehschlitz geht auf. Wir werden gemustert, für derangiert genug befunden und nach dem Zauberwort gefragt. Dem geheimen Zauberwort. Arthur spricht es aus. Und eigens für uns öffnet ein dienstbarer Geist die Pforte zum Paradies.

Lulus Bett ist ein Paradies. Die Osterinseln oder die Antarktis – auf ihre eigene, etwas kühlere Art – sicher auch. Aber das Paradise ist einzigartig. Die Sehnsucht nach dem Paradies, steht in meinem Notizbuch, ist das Verlangen des Menschen, nicht Mensch zu sein. Jene, der Außenwelt und der Wirklichkeit abgewandte Kreuzberger Bar, welche wir nun betreten, gibt diesen Worten eine ganz neue Bedeutung: Hier muss man zum Tier werden. Man muss zum Tier werden, um nicht mehr Mensch zu sein und überhaupt Zutritt zu erlangen. Zum Paradise, wo selbst der existentiellste Schmerz rasant im Rausch verfliegt und sich jeder sein eigenes, künstliches Paradies erschaffen kann. Der Laden, um den sich fabelhafte Mythen ranken, ist ein Relikt aus den frühen achtziger Jahren. Wie die Schlange im Garten Eden hat er sich seitdem unzählige Male gehäutet, ohne sich wesentlich zu verändern. Im Paradise wird die Ursünde Tag und Nacht neu begangen, pausenlos, tausendfach potenziert. Obwohl der Name eher zu einer Großraumdisco an einer Brandenburger Autobahn passen würde, versammelt sich hier ein niveauvolleres Publikum – selbstkonsumierende Drogenhändler, tunesische Stricher, Speed-Freaks, Transen und Studenten sowie der eine oder andere Freigeist. Paradiesvögel eben. Von fünf Gästen hat mindestens einer tätowierte Handknöchel. Das Paradise ist dunkel wie ein Grab. Es schließt niemals vor der Mittagsstunde.

„Mein Gott!“ Arthur ist entsetzt. „Warst du jemals nüchtern hier, um diese Zeit?“

„Natürlich nicht.“

„Ich meine, du hast ja wenigstens Fieber, aber ich bin wirklich stocknüchtern. Guck mal, da ist Aaron.“

Als wir zur Bar gehen, läuft ein Nico-Song. Insgesamt sind im morgendlichen Paradise noch etwa ein Dutzend Gäste versammelt. Manche mustern uns Neuankömmlinge interessiert, andere sehen Arthur und mich, glaube ich, gar nicht. Auf der linken Tresenhälfte räkelt sich eine Frau, die meine Mutter sein könnte, wenn meine Mutter mit sechzehn nicht verhütet hätte. Sie vollführt dort, begleitet von Nicos tiefem Timbre, eine Art Striptease, der jedoch nie zur Vollendung gelangt und immer nur mit den Erwartungen spielt. Von unserem letzten Besuch, Ausklang einer langen Nacht im Anker, weiß ich, dass diese Frau taubstumm ist. Eine Drag-Queen streichelt Arthur im Vorbeigehen durchs Haar. Die beiden scheinen sich zu kennen.

„Habt ihr hier nicht Hausverbot, ihr Geisteskranken?“ fragt Aaron grinsend. „Das heißt, eigentlich nur du.“ Er zeigt auf meinen Begleiter.

„Aaron, ich betrachte dich als guten Freund“, erwidert Arthur, „und ich sage dir ganz offen: Solltest du auf einen eventuellen Besuch meinerseits in diesem Laden innerhalb der letzten vier Wochen anspielen, kann ich mich an nichts erinnern. An gar nichts.“

„Mann, wir haben hier ja schon viel gesehen. Aber es hat sich lange niemand so aufgeführt wie du. Halbnackt. Mit dieser unerträglichen Frau. Diesem Narbengesicht.“

„Narbengesicht?“ Die Stimme meines Freundes klingt nun leicht besorgt.

„Erzähl’ mir nicht, dass du so einen Filmriss hast. Irgendwann haben wir dich auf dem Klo gefunden, halb bewusstlos. Du hast immer nur völlig unverständliche Laute von dir gegeben. Vom Ende der Welt und einem grünen Licht gefaselt. Milton hat dich mit kaltem Wasser übergossen.“

„Und dann?“

„Dann bist du gegangen. Keine Ahnung, wohin.“

„Ihr habt mich in diesem Zustand auf die Menschheit losgelassen?“

„Wir konnten dich ja schlecht anketten. Außerdem wirktest du wieder relativ klar.“

Ich sage: „Habt ihr das in der Zeitung gelesen, von der Rentnerin aus Lichtenrade, die ohne Kopf aufgefunden wurde? Wobei man den Kopf später in einem Gebüsch entdeckt hat, aber ohne Augen? Das könntest du gewesen sein, Arthur.“

„Wodka. Sofort Bier und Wodka. Oder, halt: Weißt du noch, was ich in besagter Nacht getrunken habe? Vielleicht kommt dann, mit dem Geschmack, auch die Erinnerung zurück.“

„Kein Problem“, erwidert Aaron und nimmt einen Zettel von der Pinnwand, die hier „Wall of Shame“ heißt. „Du hast ja noch eine nette offene Rechnung bei uns. Also, neben diversen Bieren waren da insgesamt neun Ramazottis.“

„Willst du mich verarschen? Ich würde niemals so ein Dreckszeug trinken. Das kann gar nicht sein.“

„Du weißt genau, dass ich recht habe“, sagt der Barmann milde lächelnd.

In der Tat: Aaron würde uns nicht anlügen. Er ist, in diesem auf ganzer Linie degenerierten Umfeld, ein guter Mensch geblieben – soweit das überhaupt möglich ist. Wir haben ihn einst am Tresen kennen gelernt und so manche Schnapsflasche mit ihm geleert. Irgendwann stand er dann plötzlich hinter der Bar, hat fortan keinen Tropfen mehr angerührt. Er arbeitet immer nur montags. Denn Aaron schreibt außerdem lyrische Reportagen für ein Kulturmagazin und ist, was mich wirklich beeindruckt, aktives Mitglied im Chaos Computer Club, Hamburg, wo er auch herkommt. Mir wird schon wieder schlecht. Ich halte mich mit beiden Händen an der Theke fest, damit ich nicht umfalle. Wer im Paradise stürzt, steht niemals wieder auf. Das wäre sozusagen der Sündenfall. Die nackten Füße der Tresentänzerin, welche mit klimpernden Kettchen geschmückt sind, streifen immer wieder meine Finger. Jede Berührung ist ein Elektroschock, der mich zusammenzucken lässt. Zugleich will ich die Frau anschreien, sofort damit aufzuhören und nie wieder ungefragt auf meinen Fingern zu tanzen, doch erstens kann ich nicht sprechen und zweitens kann sie weder sprechen, noch hören und eigentlich, mit Verlaub, auch nicht tanzen. Nico, immer wieder Nico. Jetzt singt sie „Heroes“.

„Auf dein Spezielles!“ Arthur erhebt sein Ramazotti-Glas, auf der Suche nach der verlorenen Zeit. „Ich dachte immer, die Erinnerung wäre das einzige Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann. Aber wahrscheinlich ist das einzige Paradies überhaupt eben das verlorene Paradies.“

„Ich kann über solche Fragen jetzt gerade nicht nachdenken.“ Der klebrige Likör wärmt mich immerhin von innen. Ich muss erneut an Lulus Bett denken, das Paradies, aus dem sie mich vertrieben hat, bevor ich mich überhaupt wohnlich einrichten konnte. „Kommt die Erinnerung schon wieder?“

„Nein. Da kommt gar nichts.“

Während die Taubstumme weiter in Zehnsekunden-Intervallen mit ihren Füßen meine Hände touchiert, begrüßt eine andere Dame – neben der Tänzerin die einzige Frau im Paradies – Arthur mit einer innigen Umarmung. Sie ist zurechtgemacht wie Debbie Harry, das aber ziemlich gut, allerdings heißt sie nicht Debbie und auch nicht Blondie, sondern Madeleine, genau wie die D-Jane im Breakfast Club.

„Geht’s dir wieder besser?“ fragt Madeleine meinen Freund.

„Ich vermute: ja.“

„Wir wollten schon den Krankenwagen rufen.“

„Vielleicht hättet ihr das tun sollen.“

„Meinen Lippenstift konnte ich danach jedenfalls nicht mehr gebrauchen. Nachdem du deine Kriegsbemalung erneuert hast.“ Sie lächelt. „Wieso trägst du denn heute ein Hemd?“

Arthur seufzt: „Kauf’ dir einfach einen neuen Lippenstift. Aaron soll ihn bei mir auf die Rechnung setzen. Hey, Aaron, habt ihr eigentlich meinen Schlüssel hier gefunden?“

Der Barmann schüttelt bedauernd den Kopf. „Aber ich gebe euch noch einen Ramazotti aus“, sagt er. „Ich muss euch was fragen.“

„Ich will auch einen“, sagt Madeleine.

„Ich hätte gern einen Apfelsaft“, krächze ich. Vergeblich.

Aaron stellt gleich die ganze Flasche dieses ekelhaft süßen, aber wirkungsvollen Getränks vor uns auf die Theke.

„Also, meine Freunde, wenn ich mich nicht völlig in euch täusche – und das passiert mir selten –, werdet ihr bald auf Reisen gehen. In meinem Auftrag.“

„Eine Reise?“ fragen Arthur und ich unisono. „Wohin?“

„Bis ans Ende der Welt, sofern ihr nichts dagegen habt. Ich hab’ schon die ganze Zeit an euch gedacht. Ihr müsst nur ein paar Seiten schreiben. Und ein paar Fotos machen.“

In diesem Moment werden wir von einem ziemlich taktlosen Araber unterbrochen, der uns wie Blutsbrüder oder wenigstens Sandkastenfreunde begrüßt und sofort danach fragt, ob wir, nun ja, was zum Ziehen für ihn hätten. Haben wir nicht. Madeleine indes verschwindet tatsächlich mit diesem Arschloch auf dem Klo.

„Ans Ende der Welt? Nach Feuerland?“ fragt Arthur.

„Nicht ganz. Aber beinahe bis zum Polarkreis. Ihr werdet nach Norwegen fliegen.“

„Was sollen wir denn in Norwegen?“

Sorgenschluchten zeichnen sich auf Arthurs Stirn ab: „Ist euch auch nur ansatzweise klar, wie viel selbst ein kleines Bier in diesem Land kostet?“

„Also, vielleicht habt ihr schon davon gehört, Stavanger – das liegt im Süden – wird nächstes Jahr Kulturhauptstadt Europas sein.“ Wie ein Laternenfisch erhellt Aarons Klarheit und Freundlichkeit diesen durch und durch finsteren Laden. „Weil dort die ganzen Ölfirmen sitzen, ist Stavanger superreich. Die schmeißen mit Geld nur so um sich, damit das ein richtiges Spektakel wird.“ Er schenkt uns nach, wir hängen andächtig an seinen Lippen. „Sie schicken mir ständig Einladungen in die Redaktion, mich dort mal umzuschauen und ein bisschen was zu schreiben. Die Vorfreude schüren und so.“

Und der Paradise-Barmann führt aus, dass er selbst keine Zeit hätte, aufgrund diverser CCC-Verpflichtungen, und uns deshalb mit Freuden diesen Auftrag zuschanzen würde, wir verstünden es ja schließlich zu reisen, das hätten wir mehrfach bewiesen, und zahlen müssten wir auch nichts.

„Drei Tage. Es gibt kein Geld, aber es kostet auch kein Geld.“

„Also praktisch wie immer“, bemerkt Arthur, „nur doppelt so gut.“

„Wir fahren nach Norwegen“, sage ich. Ich liebe es, mit meinem Freund zu reisen. „Warst du schon mal da?“

„Klar. Der halbe Elch. Erinnerst du dich? Norwegen ist wirklich ein Paradies. Herrlich unberührt. Gute Luft. Vor Gesundheit strotzende Menschen. Keine Narbengesichter.”

„Vielleicht finden wir sogar ein bisschen Öl.“

„Vielleicht fangen wir einen Wal. Oder einen Wikinger.“

Aaron lacht: „Genau deshalb hab’ ich euch ausgewählt. Weil ihr vorurteilsfrei und ohne Klischees im Kopf an solche Aufgaben rangeht. Ich kann euch noch keine hundertprozentige Zusage geben. Aber wahrscheinlich geht das klar. In drei Wochen oder so.“

„Ende November also“, sage ich. „Herrscht dort oben dann nicht ewige Nacht?“

„Wie hier“, sagt Arthur. „Im Paradise. Wie sollen wir dir nur danken, Aaron? Woher wusstest du, dass wir dringend mal wieder verreisen müssen?“

Der Barmann zuckt nur lächelnd mit den Schultern. Madeleine kommt wieder, ohne Araber, und fragt uns, ob nun wir beide, Arthur und ich, interessiert wären, sie auf die Toilette zu begleiten, doch ich ziehe meine linke Hand unter den Zehen der Tänzerin hervor und greife mit der rechten nach meinen Freund. Nach fünf Ramazottis geht es mir etwas besser und viel, viel schlechter zugleich.

„Ich muss ins Bett“, sage ich leise. „Sofort.“

Arthur reagiert ungewohnt verständnisvoll: „Na gut, dann unterbrechen wir die Suche eben für ein paar Stunden.“

Wir umarmen Aaron und Madeleine. Letztere küsst dabei Arthurs Hals.

„Du siehst gut aus“, sagt der Barmann zum Abschied zu mir. „Irgendwie frischer als sonst.“

„Danke.“

Wir winken der taubstummen Tänzerin. Die Transe winkt zurück.

„Was steht denn als nächstes auf dem Plan?“ frage ich. „Wo sind die blauen Sternchen?“

„Erst kommt der Teufelsberg, gefolgt vom Friedhof der Namenlosen.“

„Ach so, natürlich.“

„Aber damit“, Arthur grinst diabolisch, „damit warten wir bis morgen – Halloween.“

Milton, der schottische Hausdealer und Türsteher, öffnet die Pforte ins gleißende Sonnenlicht. Arthur und ich stehen auf der Straße, jenseits von Eden, diesseits des Paradieses.


[Zieht Euch warm an
das große Balagan Blues-Halloween-Special steht kurz bevor...]

Freitag, 26. Oktober 2007

Blutsbrüder

„Lass uns Abschied nehmen“, sagt Arthur. „Mein Herz fühlt mehr, als ich mit Worten sagen kann.“ Er schaut mir direkt in die Augen, sehr ernst und voller Zärtlichkeit: „Wir sind Männer, also weinen wir nicht. Und wenn ich dann tot bin und du dich den anderen Menschen widmest, von denen keiner dich so lieben wird, wie ich dich liebe, so denke zuweilen an deinen Freund und Bruder Arthur Müller, der dich jetzt segnet, weil du ihm ein Segen warst.“

„Hör’ bitte auf damit. Du bist verrückt. Was redest du da?“

Dabei frage ich mich, und die Frage lässt mich innerlich erbeben: Was ist das hier für eine Landschaft? Überall Steine und Geröll. Ein Flackern in der Abenddämmerung, als stünde der Himmel in Flammen – wie man es aus flämischen Ölgemälden kennt. Das Höllenlicht des Westens. Das letzte Licht. Es ist ein Gebirge, das ich noch nie gesehen habe und doch genau zu kennen glaube. Arthur legt mir tatsächlich die Hände auf die Stirn. Ich höre, dass er nur mit Mühe das Schluchzen unterdrücken kann und reiße ihn aus einem plötzlichen Impuls heraus mit beiden Armen an mich, indem ich weinend hervorstoße:

„Arthur, es ist ja nur eine Ahnung, ein Schatten, der vorübergeht. Du musst bei mir bleiben. Du darfst nicht fort! Wie soll ich denn ohne dich die postmoderne Frau finden?“

„Ich gehe fort“, antwortet er leise. „Folge dem Fisch. Wir laufen auf brennendem Wasser.“

Und in diesem Moment bemerke ich das Blut, das ihm aus allen Poren rinnt, als wäre mein Freund von einer Maschinengewehrsalve durchlöchert worden. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, wer ihn gemeuchelt hat, vielleicht sind einfach nur die Umstände schuld, doch mir wird klar: Er wird sterben. Deshalb sind wir hier. Ein Schmerz erfasst mich, wie ich ihn in meinem ganzen Leben nicht gefühlt habe.

Romeo loved Juliet, Juliet she felt the same
When he put his arms around her, he said "Julie, baby, you're my flame"

„Noch wird Hoffnung sein, mein Bruder“, tröste ich ihn – obwohl ich es, wenn ich ehrlich bin, besser weiß.

„Mein Bruder lege mich in seinen Schoß“, erwidert Arthur, und ich merke, dass er es ernst meint. Ich platziere also seinen blutwarmen Schädel zwischen meinen Beinen. Er röchelt und spuckt, ich spüre seinen heißen Atem. Dass das Ende so kommen musste, denke ich, in diesem düstern leuchtenden Todesgebirge. Was für ein Balagan. Und auf einmal merke ich: Wir sind gar nicht alleine. Ein paar Meter entfernt steht Pocahontas, die aussieht wie Lulu, oder umgekehrt. Pocahontas, die – ihrem Namen gemäß – immer alles durcheinander bringt. Sie schweigt, mustert uns prüfend, ist nackt bis auf die Prada-Gummistiefel. Ich will um Hilfe schreien, Pocahontas soll den Notarzt holen, wie auch immer, oder Charlotte oder Klara – vielleicht könnte Klara helfen. Doch jedes Mal, wenn ich sprechen will, bleibe ich stumm. Mir ist so übel, dass ich keine Silben formen kann. Tränen laufen über mein Gesicht. Anscheinend kann ich nur mit Arthur reden: Arthur, der stirbt wie ein verblutendes Raubtier.

„Hat mein Bruder noch einen Wunsch?“ frage ich ihn.

„Mein Bruder vergesse unsere Suche nicht. Bitte, jemand möge das Lied von der Königin des Himmels singen! Bitte!“

Ich starre auf Pocahontas’ kleine feste Brüste. Alles dreht sich, alles flackert. Ihr Blick ist spöttisch. Sie wird bestimmt nicht für uns singen. Doch ganz ohne mein Zutun ertönt schon eine Stimme aus dem Off, sie klingt nach Chris de Burgh, wenn Chris de Burgh des Deutschen mächtig wäre, und Chris de Burgh singt engelsgleich:

Madonna, ach, in deine Hände

Leg ich mein letztes, heißes Flehn:

Erbitte mir ein gläubig Ende

Und dann ein selig Auferstehn!

Ave, ave Maria!

Das Flackern rundherum erlischt. Friede kehrt ein. Am Himmel erscheint das feine, gütige Antlitz der Princess of Wales. Als der letzte Ton verklungen ist, will Arthur sprechen, doch es geht nicht mehr. Er, der immer so viel und so sinnlos und so zauberhaft geredet hat, bringt kaum noch ein Wort heraus. Ich streiche ihm durchs Haar, halte mein Ohr ganz nah an seinen Mund, und mit der letzten Anstrengung der schwindenden Kräfte flüstert er:

„Charlie, ich glaube an den Heiland. Arthur Müller ist ein Christ. Lebe wohl.“

Charlie? Wieso Charlie? Ich bin nicht Charlotte. Arthur, bitte!“

Es geht ein konvulsivisches Zittern durch seinen Körper; ein Blutstrom quillt aus Arthurs Mund. Ich küsse seine Lippen, die sich wie zarte Frauenlippen anfühlen. Mein Freund drückt nochmals meine Hände und streckt seine Glieder. Dann lösen sich seine Finger langsam von den meinigen – er ist tot. Pocahontas macht eine lockende Handbewegung, doch ich kann mich auf keinen Fall von der Stelle rühren. Meine Augen sind geschlossen. Ich will sie mit aller Kraft aufreißen, vergeblich, die Lider sind heiß, sind tränenverklebt. Als es mir endlich gelingt, fühle ich etwas Pelziges auf meinem Gesicht, eine Art Tatze. Ein schweres Gewicht drückt mich nieder, immer tiefer in den Abgrund. Es dauert mindestens zwanzig Sekunden, bis ich begreife, dass Arthur nicht tot ist und auch nicht durchlöchert, sondern durchaus vital auf mir liegt. In seinem Löwenkostüm. Fauchend. Draußen scheint es noch dunkel zu sein.

„Aufstehen!“ Er fährt mir mit der Pelzpranke übers Gesicht. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wir müssen bei Lulu sein, bevor sie sich verstecken kann.“

Obwohl dieser fraglos epochale Albtraum zum Glück vorbei ist, kann ich nicht sprechen. Ich fühle mich kraftlos wie ein Häftling nach sechs Wochen Hungerstreik. Keine Chance, Arthur, den König der Löwen, von meinem Körper und aus meinem Bett zu werfen. Mein Kopf glüht, das Kissen ist durchnässt. Sollte ich jemals wieder so einen Fiebertraum haben, bringe ich mich um, denke ich. Oder ich leiste mir mal eine nette kleine Analyse. Oder nehme Drogen, welche Träume an sich konsequent ausblenden. Aber nie wieder so einen Traum.

„Wie spät ist es denn?“ frage ich heiser. „Ich glaube, ich bin krank. Geh’ weg.“

Arthur rollt tatsächlich vom Bett auf den Boden, die Erleichterung ist groß. Er nimmt den lächerlichen Löwenkopf ab.

„Es ist gleich sieben“, sagt er. „Wir müssen los.“

„Du willst Lulu um diese Uhrzeit aus dem Bett holen? Bist du jetzt völlig geistesgestört?“ Meine Stimme gehorcht mir noch immer nicht so recht.

Arthur schält sich nun auch aus dem unteren Teil des Kostüms, unter dem er nichts als Shorts trägt. Er wirkt ein wenig angespannt.

„Erstens bin ich schon seit drei Stunden wach und starre auf das Kate Moss-Poster an deiner Wand. Zweitens habe ich Hunger und es gibt nichts zu essen. Und drittens sollten wir uns ein Beispiel an den Bullen nehmen. Die klingeln auch immer frühmorgens, wenn sie jemanden unbedingt antreffen wollen. Falls Charlotte bei Lulu ist, wird sie jetzt auf jeden Fall da sein.“

Ich ziehe mir die Decke über das Gesicht.

„Klar“, sage ich, „sie werden uns sicher herzlich empfangen. Mit Kaffee und Croissants. Außerdem ist das da an der Wand nicht Kate Moss, sondern Charlotte.“

„Ich dachte eher an Champagner und Lachs.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, was ich geträumt habe.“

Captain Smith and Pocahontas had a very mad affair
When her Daddy tried to kill him, she said "Daddy-O don't you dare"

Nach unserem Besuch im Aquarium folgten wir gestern pflichtbewusst dem Python-Orakel und setzten die Schlüssel- und Charlotte-Suche in Kreuzberg, in der Ankerklause fort. Dort erinnerte man sich sehr wohl an Arthur, schließlich hat er in diesem Laden schon mehr Fassbier getrunken, als in den Landwehrkanal passen würde. Die zungengepiercte Kellnerin, mit der mein Freund in jener verlorenen Nacht angeblich ein anregendes Gespräch über Gartenarchitektur geführt haben wollte, vertrat allerdings beharrlich den Standpunkt, erst vor zwei Tagen aus dem Karibik-Urlaub zurückgekehrt zu sein, wofür auch ihre bronzefarbene Gesichtshaut sprach. Außerdem, so die Kellnerin, ginge ihr Gartengestaltung wie kaum ein anderes Thema am Arsch vorbei.

„Mir eigentlich auch“, sagte Arthur. „Das ist ja das Seltsame.“

„Was hast du nur gemacht?“ fragte ich. „Alles, woran du dich erinnerst, ist niemals passiert.“

„Wir müssen also das finden, woran ich mich nicht erinnern kann.“

Der Schlüssel lag natürlich nicht im Anker. Die Schlange, das schien offenkundig, hatte uns auf eine falsche Fährte gelockt, denn auch Charlotte zeigte sich nirgends. Wir tranken also drei, vier Bier, erfreuten uns an der Jukebox und gingen dann zu Fuß zu Lulus Wohnung, dem nächsten blauen Stern auf unserer Karte, dem nächsten potentiellen Charlotte-Versteck. Doch niemand machte auf, obwohl Arthur sogar ein paar Kanalkieselsteine gegen das dunkle Fenster warf. Seinen Plan, eine gute halbe Stunde später ein weiteres Mal – diesmal, zwecks besserer Tarnung, im Löwenkostüm – an die Tür zu klopfen, konnte ich ihm erstaunlicherweise ausreden.

„Wenn sie nicht da ist, ist sie nicht da“, sagte ich. „Und wenn Charlotte dich nicht sehen will, will sie dich nicht sehen.“

„Glaubst du, Pete hätte sich davon abhalten lassen? Manchmal muss man hartnäckig sein.“

„Pete hätte sie mit Blut bespritzt.“

„Morgen früh versuchen wir es wieder.“

Nach weiteren fünf Minuten unter der Decke gelingt es mir tatsächlich, mich aus dem Bett zu erheben. Alles tut weh, innen wie außen. Ich versetze dem Löwenkostüm am Boden einen Tritt und wanke zur Dusche, Traumfetzen geistern wie ein Flackern auf der Netzhaut durch mein Hirn. Mein blutender Freund. Das düstere Gebirge. Die kleinen Kate Moss-Brüste der Häuptlingstochter Lulu-Pocahontas, die alles durcheinander bringt.

„Na also“, freut sich Arthur.

Ich habe keine Lust, aufzustehen. Ich habe keinerlei Bedürfnis, jetzt, zu dieser unchristlichen Zeit, bei der Frau zu klingeln, mit der ich einmal den Sex meines Lebens hatte, was sie aber – so steht zu fürchten – für ihre Person ein wenig anders formulieren würde. Ich bin dieser ganzen, unsternbedrohten Suche müde. Aber ich stehe auf – und ich verrate auch, wieso:

Ich will, dass Arthur und Charlotte wieder zusammenkommen. Ich will wieder Zeit mit den beiden verbringen und vielleicht ab und zu ein paar Abenteuer mit ihnen erleben. Ich will nicht, dass Charlotte, Lulu und sogar Dimona für immer aus meinem Leben verschwinden. Ich will, dass diese Geschichte wie ein verfluchter Hugh Grant-Film endet. Wie ein Chris de Burgh-, nicht wie ein Joy Division-Song. Das liegt mir irgendwie im Blut, ich kann es nicht ändern. Doch wie mein Freund Arthur am Flughafen Tempelhof erklärte: Ein sentimentaler Mensch glaubt, die Dinge blieben so, wie sie sind. Ein romantischer Mensch hingegen vertraut verzweifelt darauf, dass sie eben nicht so bleiben, wie sie sind. Inzwischen weiß ich, dass dieser elende Snob nur F. Scott Fitzgerald zitiert hat, ich habe es noch am selben Tag recherchiert. Bezogen auf Arthur und Charlotte müsste ich gleichwohl sagen: Ich will, dass die Dinge wieder so werden, wie sie waren, nur anders, also wie sie idealerweise sein könnten, woran ich nicht glaube, stehe aber trotzdem auf, obwohl ich vierzig Grad Fieber habe und mich vor Lulu Lilienblum fürchte, um – in meiner grenzenlosen Verzweiflung – alles dafür zu tun, dass die Dinge wieder so werden, wie sie niemals waren oder gar niemals sein konnten. Was für ein Balagan. Ave Maria.

„Beeil’ dich!“, ruft Arthur, während ich kochend heiß dusche – mit brennendem Wasser, sozusagen. „Es wird schon hell.“

„Hat mein Blutsbruder noch einen Wunsch?“ frage ich.

[Wird Charlotte bei Lulu sein? Oder gar Arthurs Schlüssel? Letzteres wäre nun wirklich verdächtig. Die Suche geht weiter vielleicht im nächsten Post...]