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Freitag, 5. Oktober 2007

Le Bateau Ivre II

„Schneller, wir müssen schneller fahren!“

„Arthur, das ist bloß ein Tretboot.“

Charlotte lacht. Sie liegt in einem Liegestuhl und sonnt sich, während ihr Freund und ich wie Galeerensklaven schuften. Obwohl wir bereits erste Schweißtropfen vergießen, kommt das Boot kaum von der Stelle. Arthur feuert uns immer wieder energisch an.

„Auch ein Tretboot kann fliegen, wenn man nur leidenschaftlich genug in die Pedale tritt!“ ruft er. „Mein Gott, das Echolot ist auf einmal verstummt!“

„Was hast du da gerade genommen, Arthur?“ will Charlotte plötzlich wissen.

„Gar nichts.“

„Doch.“ Sie schaut ein wenig irritiert. „Ich hab’ gesehen, wie du deinen Finger in die Tasche gesteckt hast und ihn danach abgeleckt hast.“

„Traubenzucker“, erwidert Arthur.

Charlotte schweigt.

„Wir werden dich den Fischen zum Fraß vorwerfen“, sage ich.

Ich habe nichts gesehen. Mein Freund, das muss man anerkennen, tritt nicht nur mit Verve in die Pedale, sondern bedient auch das Ruder wie ein auf allen Weltmeeren heimischer Skipper. Steuerbord ragt das verfallene Riesenrad aus dem Plänterwald heraus. Es dreht sich nicht. Der alte Vergnügungspark ist seit Jahren geschlossen, was, wenn ich mich recht erinnere, nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass der wegen diverser Unregelmäßigkeiten ins Visier von Ermittlern geratene ehemalige Betreiber einige der Fahrgeschäfte gekidnappt und nach Südamerika verschoben hat. Wie auch immer er das anstellen konnte. Ich meine, wie verschifft man heimlich eine Achterbahn? Wir sehen: Rauchende Fabrikschlote am Horizont, ein rotes Wasserflugzeug, das hier vor Anker liegt – und ein Schild: „Durchfahrt zur Liebesinsel verboten“.

„Verdammt“, sagt Arthur, „diese Insel hätte ich ja gern gesehen. Wir müssen umkehren.“

„Das Ende der Welt liegt sowieso in der anderen Richtung“, bemerke ich.

„Die Ostsee auch“, ergänzt Charlotte mit müder Stimme.

„Vielleicht“, sagt Arthur, „ist dort am Ende der Welt gar kein Abgrund, sondern die Pforte zu einer neuen, besseren Welt – der Bionade-Welt, wo alle Menschen immerzu Bionade trinken und kein Bier, und sich einfach, na ja, besser fühlen. Da laden wir dann Charlotte ab. Und Kiki auch.“

Tell me, how could I let go
since I caught a glimpse of your immense soul?

Nach einem eleganten Wendemanöver steuert unser Boot nun Richtung Innenstadt. Arthur strampelt scheinbar mühelos, ich kann gerade noch so mithalten. Er holt eine Wodkaflasche aus seiner Tasche und bietet mir davon an.

„Der ist so scharf, der gehört hinter Gitter“, sagt er.

„Ich wette, der ist geklaut. Du landest bald hinter Gittern.“

„Stimmt.“ Arthur lacht.

Ich nehme einen großen Schluck, mein Freund setzt die Flasche gar nicht mehr von den Lippen.

„Wir fahren nach Äthiopien“, brüllt er, so dass ein Pärchen auf einem vorbeifahrenden Ruderboot sichtlich zusammenzuckt.

„Ich frage mich, wer auf der Liebesinsel wohnt“, sinniert Charlotte.

„Dodi und Di“, entgegnet Arthur. „Als Zombies.“

„Pete und Kate“, sage ich. „Als Zombies.“

„Pete Doherty möchte ich nie wieder sehen oder hören.“

„Natürlich nicht, Charlotte“, sage ich. „Eigentlich will niemand von Pete noch irgend etwas sehen oder hören. Pete Doherty ist die Paris Hilton des Rock’n Roll. Aber die Songs, die Songs will man dann – im Gegensatz zu den Liedern der Hilton – eben doch hören.“

„Mir ist schon bessere Musik untergekommen“, bemerkt Arthur.

„Auf dem neuen Babyshambles-Album“, sage ich atemlos, „ist ein wirklich hinreißendes Abschiedslied für Kate Moss: There She Goes. Pete fragt sich da, wie er sie hätte gehen lassen können, als er sie tanzen sah – zu Northern Soul – und dabei einen kurzen Blick auf ihre Seele erhaschen durfte. Von dem Moment an war er geliefert und musste einfach mit ihr zusammenbleiben.“

„Lieber Kate und Northern Soul als Diana und Duran Duran.“

„Kate Moss hat die spitzen Zähnchen einer Feld- und Wiesenmaus“, konstatiert Charlotte freundlich.

„In der zweiten Strophe beschreibt Pete dann, wie Kate durch seine Wohnungstür trat und mehr Stoff, als er jemals zuvor gesehen hatte, aus ihrer Handtasche hervorholte. Ein weiterer Grund, sie nicht gehen zu lassen.“

„Zweifellos das entscheidende Motiv“, sagt die schwangere Dame im Heckbereich.

„Nur weil er ständig von William Blake redet“, sagt Arthur, „ist Pete noch lange kein Romantiker.“

„Aber allein die Tatsache, dass er ein Junkie und Exhibitionist und, vor allem, ein Idiot ist“, sage ich, „heißt noch lange nicht, dass er kein Romantiker ist. Viele große Romantiker waren Junkies, Exhibitionisten und Idioten. Schau uns an.“

„Wir haben diese Frage doch schon in Eilat diskutiert. Kate hat nach der letzten und endgültigen Trennung alle seine Liebesbriefe verbrannt. Hätte ich auch gemacht.“

„Das solltest du sowieso mal machen“, sagt Charlotte.

„Jetzt geht das schon wieder los. Außerdem schreibt mir Pete nicht so oft.“

Arthur tritt unentwegt in die Pedale, wie ein Bergspezialist bei der Tour de France. Dabei kann er seinen Oberkörper nicht stillhalten und zuckt immer wieder epileptisch zusammen. Er schwitzt wesentlich stärker als ich. Vom Ufer dringt der Duft von Räucherfisch an unsere Nasen, wir steuern auf die stählerne S-Bahnbrücke zu.

„Okay“, sage ich, obwohl ich eigentlich meine ganze Kraft dafür verwenden müsste, nicht aus dem Tritt zu kommen, „jeder nennt einen großen Break-Up-Song. Mein Beitrag war There She Goes.“

„‚Layla’ von Eric Clapton“, erwidert Charlotte.

Arthur schüttelt den Kopf: „Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe.“

Seine Freundin tritt ihm mit voller Wucht ins Kreuz. Er schreit auf.

„Was Arthur sagen will“, doziere ich, „ist folgendes: ‚Layla’ ist – wie so viele grandiose Musikstücke – kein Break-Up-Song, sondern eher eine Art Come-Back-To-Me-Song. Eric Clapton fällt ja mit diesem Lied erklärtermaßen auf die Knie, um die Rückkehr seiner großen Liebe zu erwirken. Naturgemäß vergeblich. Allerdings konnte er den Song später an Opel verkaufen.“

„Das habe ich schon verstanden. Dann eben ‚Visions of Johanna’ von Dylan.“

„Sehr gut“, lobt Arthur.

„Exzellente Wahl.“

„Ich hasse euch“, sagt Charlotte.

Unser Steuermann reißt sich das Joy Division-T-Shirt vom Leib und wirft es seiner Freundin ins Gesicht, die es daraufhin – von Arthur unbemerkt – ins Wasser fallen lässt. Ich sage nichts.

„Ich persönlich“, stößt er nach kurzer Bedenkzeit hervor, „entscheide mich für Eamon – ‚Fuck it (I don’t want you back)’. Tolles Video. Leckere Pizza.“

„Das müssen wir wohl gelten lassen“, entgegne ich, während der Wodka mir bereits das Hirn vernebelt und mein Freund vor entfesselter Energie fast zu platzen droht. Die Augen weit aufgerissen, wie Dianas zugedröhnter Chauffeur auf dem finalen Foto wenige Sekunden vor dem Crash, erhöht er noch mal die Schlagzahl. Unser Tretboot fährt zwar schneller als alle anderen Tret- oder Ruderboote auf diesem Gewässer, viel, viel schneller sogar, das Tempo bleibt jedoch eher bescheiden. Ich brauche dringend eine Pause und lege für einen Moment die Beine hoch. Arthur merkt es gar nicht, er tritt einfach weiter in die Pedale. Auf der Elsenbrücke prangt ein Graffito: „Love is the White Dove of Peace.“

„Was für eine widerliche Hippie-Scheiße“, kommentiert mein Freund. „Das Gegenteil ist wahr.“

You were dancing to Northern Soul

Unter der Brücke ist nicht viel Platz, dafür gibt es ein schönes Echo, das uns sofort dazu verführt, „Lady in Red“ anzustimmen. Charlotte hält sich zunächst die Ohren zu, summt dann aber ebenfalls leise mit. Die Angler am Ufer sind hocherfreut. Auf der anderen Seite – wir nähern uns der Monumentalskulptur Molecule Man – greift Arthur in die Handtasche seiner Freundin, durchwühlt diese hektisch und holt ihren Lippenstift heraus. Bevor sie ihm den Stift entreißen kann, hat er sich bereits ein rotes Kreuz auf seine Brust gemalt.

„Kriegsbemalung“, sagt er und nimmt einen Schluck Feuerwasser, „wir müssen auf alles gefasst sein. Wie viele Menschen hier wohl still ertrunken sind?“

„Wir sollten bald wieder umkehren“, sage ich. „Die Stunde ist fast vorbei. Außerdem regnet es gleich.“

Der Himmel verdunkelt sich in der Tat, doch der halbnackte, am Rücken immer noch katzenzerkratzte Arthur, dem die Schminke binnen Sekunden auf der Haut zerfließt, scheint nicht zu frieren.

„Falsch“, sagt er. „Wir fahren weiter. Immer weiter. Es wartet die bessere Welt.“

Da selbst Charlotte keinen Einspruch erhebt und ich mich angenehm betrunken fühle, kommt es zu keiner Kursänderung. Unser Steuermann lenkt das Boot zwischen den Beinen einer der drei aus dem Wasser ragenden Molecule-Man-Figuren – jener, die angeblich den Bezirk Friedrichshain repräsentieren soll – hindurch. Äußerst stramme Waden sind das, durchlöchert wie die Arme des Pete Doherty. Arthur versucht zur Abwechslung, im Stehen zu strampeln, und fällt dabei beinahe ins Wasser, während links der stillgelegte Osthafen und ein paar lieblos kolorierte Semi-Plattenbauten vorbeiziehen.

„Ich habe übrigens eine Theorie aufgestellt.“ Er setzt sich wieder hin.

„Wir hören“, sagt Charlotte.

„Ich nicht“, sage ich.

„Sie basiert auf der bekannten so genannten Broken Window-Theorie. Ist diese euch ein Begriff?“

Ich fürchte, wenn wir Arthur nicht bald stoppen, wird er nun stundenlang das uferlose Balagan in seinem Kopf ausbreiten und die allgemeine Unordnung auf diese Weise noch vergrößern. Obgleich Charlotte und ich seine Frage bejaht haben, fährt er unbeirrt fort:

„Die Ausgangslage ist folgende: Ein Grundstück ist verlassen. Überall wächst Unkraut. Und, jetzt kommt’s, eine Scheibe wird eingeschlagen. Die Erwachsenen schelten lärmende Kinder nicht mehr. Die Kinder, dadurch ermutigt, werden rebellischer. Familien ziehen aus. Ungebundene“, Arthur malt an dieser Stelle Anführungszeichen in die Luft, „ungebundene Erwachsene ziehen ein. Jugendliche treffen sich vor dem Laden an der Ecke. Der Ladenbesitzer fordert sie auf, wegzugehen. Sie weigern sich. Es kommt zu Auseinandersetzungen. Abfall häuft sich...“

„Ich glaube, das reicht“, unterbreche ich ihn, „wir haben verstanden.“

„Falle ich dir etwa ständig ins Wort? Also: Der Laden an der Ecke. Die Leute beginnen vor dem Laden zu trinken. Erst Bier. Dann Wein. Dann Schnaps. Und dann stürzt ein Betrunkener auf dem Bürgersteig, darf liegen bleiben und mal eben seinen Rausch ausschlafen. Fußgänger werden von Bettlern angesprochen.“ Arthur redet nun wie im Fieberwahn, formt die Silben nicht immer verständlich. „Der Punkt ist“, sagt er, „all das hätte verhindert werden können, wenn nur irgendjemand dieses verdammte zerbrochene Fenster repariert hätte!“

„Wir danken für diese kriminologischen Erkenntnisse“, erwidert Charlotte. „In Manhattan ist es jetzt auch viel schöner und sauberer.“

„Versteht ihr denn nicht?“ Arthur nimmt einen Schluck aus der Flasche. „Die Zerstörung von Fensterscheiben geschieht nicht deshalb übermäßig oft in einer Gegend, weil dort viele Zerstörer von Fensterscheiben leben, während sich in anderen Gegenden Fensterscheibenliebhaber aufhalten. Es ist vielmehr so, dass ein nicht wieder in Stand gesetztes Fenster ein Zeichen, ein grelles Symbol dafür ist, dass an diesem Ort keine Menschenseele an einem zerbrochenen Fenster überhaupt Anstoß nimmt. So können letztlich beliebig viele Fenster zerstört werden, ohne dass damit gerechnet werden muss, jemals für den Schaden aufzukommen. Es macht ja auch eine Menge Spaß, Fenster zu zerstören.“

„Könnte ich bitte mal den Wodka haben?“

Arthur lächelt selbstgerecht: „Ich habe mir nun in einer Mußestunde überlegt, diese urbanistisch-kriminologische Theorie gewissermaßen auf die Topographie der Herzen zu übertragen.“

„Du hast nur Mußestunden“, sagt Charlotte.

„Ich nenne mein Konzept die Broken Heart Theory. Versteht ihr? Das ist doch ganz ähnlich: Ein Mensch wird verlassen. Überall wachsen emotionales Unkraut und Verzweiflung. Nicht das Fenster, sein Herz ist zerbrochen. Er wird immer gleichgültiger gegen das, was um ihn herum passiert – seien es lärmende Kinder, die Probleme seiner Freunde oder der Genozid in Darfur. Dieser Mensch kümmert sich nur noch um sein gebrochenes Herz, ist aber natürlich nicht in der Lage, es zu reparieren.“ Arthur keucht wie ein Asthmakranker. „Die Verwahrlosung schreitet voran. Trunksucht. Drogen. Selbstzerstörung und Aggression auf allen Ebenen. Schmutz. Müll. Außerdem hat unser armer Mensch immerzu panische Angst, dass dieses eine zerbrochene Fenster – sein Herz –, falls es irgendwann einmal notdürftig geflickt sein sollte, sofort wieder zerbrochen werden könnte. Von irgendeinem Vandalen der Liebe. Und deshalb wird er lieber selbst zum Herzensbrecher. Am Ende dieses komplizierten Prozesses sind alle Fenster und alle Herzen zerbrochen und alle Menschen trinken nichts als Schnaps. Quod erat demonstrandum.“

Erstmals seit Anbruch unserer Fahrt hält Arthur einen Moment inne. Er wischt sich den Schweiß vom Gesicht.

„Wieso redest du eigentlich ständig von gebrochenen Herzen?“ fragt Charlotte – weder naiv, noch vorwurfsvoll.

„Überall MTV-Arschlöcher“, erwidert unser Steuermann und deutet auf die entsprechenden Gebäude zu unserer Rechten. „Sobald wir die Oberbaumbrücke passiert haben, sind wir sicher.“

„Vor den MTV-Arschlöchern?“

„Vor dem Tretbootverleiher. Du glaubst doch nicht, dass ich dieses Prachtexemplar von einem Schnellboot jemals wieder zurückgeben werde?“

Ich atme tief durch: „Arthur, was hast du schon wieder genommen? Der Typ hat meinen Personalausweis. Er wird uns die Wasserschutzpolizei hinterherschicken.“

„Aber wir werden schneller sein.“

„Mir ist kalt“, sagt Charlotte, „lasst uns zurückfahren. Bitte.“

„Wir tun das hier auch für dich und unser Kind“, entgegnet Arthur. „Kiki hat eine neue, bessere Welt verdient.“

There she goes a little heartache. There she goes a little pain.

Unsere kleine Barkasse befindet sich nun kurz vor der Backsteinbrücke, über die gerade eine U-Bahn poltert, und an der Brücke hängt ein Schild, welches unmissverständlich verkündet, dass Boote mit weniger als fünf PS diese auf keinen Fall unterfahren dürften. Ich versuche das Ruder zu übernehmen, um eine sofortige Wende zu veranlassen, doch Arthur, der schon immer stärker war als ich, wehrt sich mit aller Gewalt. Die Folge: Stillstand, mitten auf der Spree. Im selben Moment ertönt ein Schiffshorn, ein gar nicht mal kleiner Ausflugsdampfer kommt uns entgegen. Mein Freund ist erstaunlicherweise noch so geistesgegenwärtig, das Ruder sofort Richtung Steuerbord umzureißen. Charlotte schreit auf, die Hände auf ihrem Bauch. Der Kapitän des feindlichen Schiffs brüllt irgend etwas herüber, Touristen fotografieren uns mit Einwegkameras. Mein Freund zeigt mit beiden Zeigefingern herausfordernd auf seine Kriegsbemalung.

„Schiffe versenken!“ ruft er den erschrockenen Provinzlern zu. „Das hättet ihr wohl gern, ihr feigen Wichser! Aber wir fliehen, umkreist von elektrischen Monden, Seepferde jagen hinter uns her, Glutstrahlen stechen wie stählerne Sonden übers magnetisch gespaltene Meer!“

Er prostet ihnen mit der Wodkaflasche zu. Niemand prostet zurück, obgleich auf solchen Schiffen ja bekanntlich maßlos viel getrunken wird. Die Bugwelle des Touristendampfers verpasst uns noch mal einen ordentlichen Schwung, der das Tretboot unter der Oberbaumbrücke hindurchspült. Ich habe jegliche Bewegung eingestellt und trinke lieber Schnaps. Charlotte ist in eine Art Starre verfallen. Sie wehrt sich nicht mal, als Arthur ihr blankes Knie tätschelt.

„Wo ist eigentlich mein T-Shirt?“ fragt er. „War das nicht gerade ein Delphin?“

Und so treiben wir dahin, vom gleichmütigen Strom getragen, trunken und still. Einzig Arthur gibt mitunter ein paar Wortfetzen von sich. Wir treten nun wieder zu zweit in die Pedale, was bleibt mir auch anderes übrig. Die East Side Gallery zieht Bild für Bild vorbei. Eine Bierreklame auf der Leinwand vor der im Bau befindlichen 02 World gleicht in ihrem göttlichen Glanz einer Marienerscheinung. Ich merke, dass ich unmenschlichen Durst habe.

„02 vielmehr: die Anschutz Entertainment Group will hier einen Jachthafen bauen“, sagt Arthur. „Ich könnte kotzen.“

„Ich auch“, sagt Charlotte, aber ich fürchte, sie meint nicht den Jachthafen.

„Der Wodka ist alle.“ Unser Steuermann wirft die leere Flasche gegen die freundlicherweise ebenfalls von 02 errichtete Uferbefestigung. „Wir müssen irgendwo einkehren.“

„Wie wär’s mit der Charité?“

„Seht ihr das grüne Licht da hinten?“ Arthur streckt seinen Arm im Stile eines Feldherren über dem Wasser aus. „Das ist unsere Bar. Die warten schon auf uns.“

Ich kann zwar kein grünes Licht erkennen, doch wahrscheinlich meint er die beliebte Bar am Ufer, die nach ihrer Hausnummer benannt ist, wo spanische Touristen – und bisweilen auch Arthur und ich – eher ungern gesehen sind. „Have a good life!” hat die Türsteherin mal zu uns gesagt. Zur Begrüßung.

Arthur strahlt: „So müssen sich die ersten Siedler gefühlt haben, als sie in der Neuen Welt anlegten. Der Bionade-Welt. Diese Menschen hatten noch die Fähigkeit, zu staunen. Die habt ihr beide völlig verloren. Wisst ihr überhaupt, dass die blauen Pferde dort am Horizont vom Regenbogen gezügelt sind?“

„Es ist nur eine Bar“, sage ich.

Nur eine Bar?“

Während wir noch mitten auf dem Wasser treiben und vermutlich längst polizeilich gesucht werden, stehe ich auf, hocke mich neben Charlotte in den Heckbereich und lege den Arm um sie.

„Wir streiken“, sagt sie mit blitzenden Augen.

„Exakt“, sage ich. „Wir fahren jetzt sofort zurück.“

Arthur dreht sich um, lächelnd, die Pupillen größer als Tellermienen. Er klopft dreimal mit den Fingern auf das Plastikboot, wie es manche Kneipenbesucher zum Abschied tun, und sagt freundlich: „Gut, dann gehe ich eben alleine in die Bar.“

Und schneller als Charlotte, die, glaube ich, mit den Tränen kämpft, und ich, der, glaube ich, gleich kotzen muss, es überhaupt realisieren können, schneller als die ersten Regentropfen in die Spree fallen, ist Arthur schon ins Wasser gesprungen, mit Hose und Schuhen und ohne Verstand. Ein paar Liter schwarzer Schmutz schwappen ins Boot. Wir schauen ihm hinterher: Er krault wie ein Weltmeister, schwimmt auf die Uferbar zu, das grüne Licht in seinem Kopf. Charlotte und ich bleiben sitzen, unser Tretboot tanzt auf den Wogen, leicht wie Kork.

There he goes, sagt Arthurs Freundin.

Dienstag, 2. Oktober 2007

Le Bateau Ivre I

„Delphine in der Ostsee“, sage ich. „Als Folge des Klimawandels. Habt ihr das gelesen?“

„Delphine ist auch ein schöner, altmodischer, französischer Vorname“, bemerkt Charlotte.

Arthur bleibt abrupt stehen: „Hallo? Erde an Charlotte? Wie oft soll ich es noch sagen: Unsere Tochter wird keinen französischen Namen bekommen.“

„Wieso denn nicht? Muss es unbedingt ein deutscher sein? Außerdem habe ich letztlich die Entscheidungsgewalt.“

„Gewalt“, sagt Arthur. „Eben. Deutscher geht es ja gar nicht.“

Sonntagsspaziergang im Treptower Park, mit einer schwangeren Schönheit und einem verfressenen Psychopathen. Arthur und ich saßen vis-à-vis vom Osthafen am Wasser und tranken minderwertiges Dosenbier, da wir uns Barbesuche vorerst nicht mehr leisten können. Dass wir spätestens nächste Woche wieder in einer Bar sitzen und trinken werden, selbst wenn wir die Zeche prellen oder den Wirt töten müssen, steht gleichwohl außer Frage. Was sollen wir auch sonst machen. Arthur hat binnen sechzig Minuten drei Bismarckbrötchen auf meine Kosten gegessen, wir haben ohne große Leidenschaft über die enigmatische Antwort auf seine Annonce, welche postmoderne Frauen und Männer per se zu unsternbedrohten Geschöpfen erklärt, diskutiert, und irgendwann fragte mich mein Freund, ob er mir eigentlich schon von seiner Vision berichtet hätte.

„Nein“, sagte ich. „Welche Vision?“

„Als ich in der Jewish Princess auf den Tresen gefallen bin, hatte ich eine Vision. Hast du das nicht gemerkt?“

Arthur befühlte die fast verheilten Wunden in seinem Gesicht, wollte mir gerade von seinem Erlebnis erzählen – doch im selben Moment kam Charlotte dazu, um uns abzuholen. Und seitdem streiten sich die beiden über Mädchennamen. In Wahrheit haben beide ja längst ihre Wahl getroffen, nur dummerweise unabhängig voneinander. Und da Arthur sich nicht traut, seiner Freundin endlich den „Dimona“-Vorschlag zu unterbreiten, welchen Charlotte naturgemäß ohnehin nie akzeptieren würde, behält sie auch ihre Idee für sich. Ein Kompromiss scheint ausgeschlossen.

„Vielleicht solltest du entscheiden“, sagt Arthur zu mir.

Charlotte nickt: „Ja, schlag’ du mal was vor.“

„In Asien soll ja ‚Manchester United’ ein überaus beliebter Vorname sein. Für Jungen und Mädchen. Wäre das hier eine TV-Serie oder irgend so ein Ding im Internet, würde ich an eurer Stelle einfach die Leser abstimmen lassen.“

„Die Leser“, sagt Charlotte, „würden sich auch für die Todesstrafe aussprechen.“

„Die Leser“, sagt Arthur, „würden Princess Diana zur Heiligen erklären lassen.“

„Das kann man schon so sehen“, entgegne ich. „Aber man kann es auch anders sehen. Als die Macher des KNAX-Heftes vor einigen Jahren eine neue Figur einführen wollten – ein keckes, possierliches Eichhörnchen –, haben sie einfach eine Umfrage durchgeführt. Die allerjüngsten Sparkassenkunden durften ihre Meinung abgeben. Mit durchschlagendem Erfolg.“

„Ich hätte da auch ein paar Ideen gehabt“, murmelt Arthur.

„Nach einigen Monaten wurde das Ergebnis feierlich bekannt gegeben: Kiki.“

„Kiki?“

„Ja, und so heißt das kleine Eichhörnchen heute noch.“

„Soviel zur so genannten Schwarmintelligenz“, sagt Charlotte.

„Ich könnte noch so ein Fischbrötchen vertragen“, bemerkt Arthur. „Charlotte, wenn du mir für den Rest des Tages – also bis zum Sonnenaufgang – meinen Fischbrötchen- und Bierkonsum finanzierst, darfst du das Kind in deinem Bauch nennen, wie du willst. Nur nicht Delphine.“

Seine Freundin lächelt leicht bösartig: „Ich werde es auf jeden Fall so nennen, wie ich will – ohne dass für dich auch nur ein Tropfen Bier abfällt.“

„Du bist heute so hasserfüllt“, sagt Arthur. „Was ist mir dir?“ Er schaut mich an. „Für dich gilt das selbe Angebot, allerdings nicht auf deinen, sondern auf Charlottes Bauch bezogen.“

„Ich kaufe ja schon Bier“, sage ich. „Und die Namensrechte werde ich versteigern. Wie es bei Fußballstadien schon lange üblich ist.“

Die Stahlskulptur Molecule Man wirft einen löchrigen Schatten über den Fluss, in den auch heute Nacht wieder die Milchstraße fließen wird. Während Charlotte sich auf einer Bank niederlässt, folgt Arthur mir zur Fischbude.

„Dimona klingt ja ganz verführerisch.“ Ich fasse ihn am Arm. „Aber willst du dein eigen Fleisch und Blut wirklich nach einem Atomreaktor benennen?“

Arthur schüttelt den Kopf: „Das ist nicht fair. Du weißt, dass ich Atomstrom ablehne. Doch ich will meine Tochter ja nicht ‚Krümmel’ oder ‚Brunsbüttel’ taufen, sondern Dimona. Das hat doch eine ganz andere Qualität. Wir reden hier immerhin vom Herzstück der gesamten – ambivalenten – israelischen Abschreckungsstrategie. Oder willst du Israel das Existenzrecht absprechen?“

„Schon gut“, sage ich. Und: „Könnten sie die Flaschen bitte gleich öffnen?“

Charlotte gähnt, als Arthur ihr seine Hand reicht. „Ich habe jetzt fünf Minuten die blöde Spree ganz genau beobachtet und keinen einzigen Delphin gesehen.“ Sie bindet ihr langes dunkelblondes Haar zu einem Zopf.

„Wir müssen Geduld haben“, erwidere ich. „So nah ist die Ostsee nun auch wieder nicht. Es gab übrigens keine Bionade.“

„Zum Glück“, sagt mein Freund. „Dieses ekelhaft snobistische Getränk sollte sowieso verboten werden. Ebenso wie Hybrid-Autos und Windräder und die ganze so genannte bessere Welt an sich.“

„Du willst das einzige Getränk verbieten, das ich noch trinken darf?“

„Auf Einzelschicksale können wir in dieser prinzipiellen Frage leider keine Rücksicht nehmen.“

„Ich hätte dir das Bier nicht bezahlen sollen“, sage ich.

„Oh wie gerne hätt’ ich es allen, allen Kindern der Erde geschenkt“, erwidert Arthur fröhlich, „und ihnen auch die lustigen, drallen, kleinen Delphine zugelenkt.“

Wir passieren den Biergarten der so genannten Eierschale Zenner, wo – wie jeden Sonntag – zahllose Seniorenschnapsdrosseln und interessanterweise auch ein paar Träger des Down-Syndroms ausgelassen und ziemlich freizügig zu Schlagerklängen übers Tanzparkett schweben. Arthur schlägt vor, entweder mitzutanzen, und wenn schon, dann richtig, oder bei der behutsam in das historische Gebäude integrierten Burger King-Filiale eine Kleinigkeit zu essen. Wir legen in beiden Fällen unser Veto ein.

„Das heute ist vielleicht der letzte Sommertag“, sage ich. „Der Winter wird sehr kalt werden. Wir könnten doch zurücklaufen zum Club der Visionäre. Musik hören. Vielleicht kommt Lulu auch dahin.“

Charlotte schüttelt den Kopf: „Das glaube ich kaum. Die ist beschäftigt.“

„Außerdem“, sagt Arthur, „ist der Zutritt dort ausschließlich Visionären gestattet. Ihr beide habt im Club der Visionäre nichts verloren.“

„Und was genau ist deine Vision, Schatz?“

„Mehr Bier, natürlich.“

In diesem Moment entdecken wir den Tret- und Ruderbootverleih am Ufer, wo Hobby-Kapitäne und Profi-Skipper gleichermaßen zu fairen Preisen versorgt werden. Charlotte, ermüdet von unserem Spaziergang, ist sofort begeistert – eine kleine Bootspartie zu dritt sei jetzt genau das Richtige.

„Wie stellst du dir das vor, Charlotte?“ fragt ihr Freund. „Du bist doch viel zu fett. Das Boot wird untergehen.“

Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Elchfleisch gegessen. Du hast an einem einzigen Abend einen halben Elch gegessen.“

„Ich hätte auch Lust“, sage ich. „Aber ich bestehe auf einem Tretboot. Das hat wesentlich mehr Stil.“

Arthur seufzt: „Dieses Schiff ist bereits jetzt unsternbedroht.“

„Was faselst du da wieder?“ Charlotte schubst ihn Richtung Wasser.

„Mannschaft und Maat, von Indianern erschlagen, liegen schon lang und sehr weit hinter mir.“

Der Betreiber des Bootsverleihs, ein Seebär alter Schule, geht auf Nummer sicher und lässt sich meinen Personalausweis als Pfand aushändigen.

„Keine Sorge, mein Freund“, beruhigt Arthur den guten Mann, „wir fahren nur mal eben ans Ende der Welt. Nachschauen, ob es dort trinkbares Bier gibt.“

Charlotte zahlt für unsere große Überfahrt, während der Bootsverleihbetreiber sich in Berliner Mundart nach dem Geschlecht des noch ungeborenen Kindes erkundigt. Sie sagt es ihm lächelnd.

„Wenn es ein Eichhörnchen wird, nennen wir es Kiki“, ergänzt Arthur. „Haben Sie nicht ein etwas futuristischeres Modell?“

Doch hier sitzen alle im gleichen Boot, die Auswahl ist auf ein einziges, himmelblaues Fabrikat beschränkt. Ich steige als erster ein, platziere meine Flasche unter dem Sitz und helfe dann Charlotte, die sich am Heck niederlässt. Arthur hüpft auf einem Bein hinterher, so dass unsere bescheidene Barkasse bedenklich ins Wanken gerät.

„Gute Fahrt!“ wünscht der Seebär. „In einer Stunde bitte wieder hier sein. Und passen Sie gut auf Madame auf.“

Er lässt die Leinen los, Arthur und ich treten gleichzeitig in die Pedale.

„Schneller!“ ruft mein Freund. „Viel, viel schneller!“ Und: „Achtung, ein Eisberg!“

Wir fahren los, lachend, in Richtung Elsenbrücke, die im Sonnenlicht wie ein Messer aufblitzt – horizontwitternde Abenteurer in einem viel zu kleinen Boot, einsame Herzen auf seetollem Floß.

Dienstag, 28. August 2007

Bionade vs. Bier

from: charlotte.sevigny@abc-consulting.de

to: arthurrimbaud3@gmx.li

date: 08. 28. 07 / 06. 32 p. m.

subject: Bionade vs. Bier

Lieber Arthur,

obwohl ich es nur ungern tue, muss ich eines zugeben: Es fühlt sich gut an, dass Du nicht mehr schweigst. Diese Stille tat ja schon in den Ohren weh. Nebenbei bereitet mir die Tatsache, dass Du zum Nichtmehrschweigen sogar ein Internet-Café aufsuchen musstest, besonderes Vergnügen. Die dort versammelten „Verlierer“, wie Du sie bezeichnest, werden Dich sicher als einen der ihren erkannt und mit offenen Armen aufgenommen haben. Wie schön. Ich kann mich ja zum Glück von solchen Orten fernhalten. Auf meinem kleinen Balkon mit W-Lan ist es auch heute wieder sehr idyllisch. Nur ein bisschen langweilig, wie üblich. Vorhin gab es ein gewaltiges Gewitter. Sonst ist rein gar nichts passiert. Gerade habe ich die zweite Flasche Holunder-Bionade geöffnet und die vierzehnte Zigarette nicht geraucht. Ich lese zum dritten Mal Anna Karenina. Die einzige Verliererin auf diesem Balkon bin ich. Das ist mein Leben anno 2007, meine persönliche Saison en enfer.
Immerhin: Du bist auch noch am Leben. Die kleinen Soldatinnen mit ihren „scharfen“ Waffen haben Dich offenbar bestens beschützt. Und jetzt kommst Du also nach Hause. Nicht wegen mir oder wegen Deiner Tochter. Der einzige Grund Israel zu verlassen, ist – „beinahe“ – die bloße Anwesenheit Deines Cousins Konrad in diesem Land. Du sagst es ja selbst. Konrad, der Dir überhaupt nichts getan hat und sich rührend um mich kümmert. Was meinst Du, wie ich mich fühle, wenn ich so etwas lese? Außerdem glaube ich erst an Deine Heimkehr, wenn Du vor meiner Tür stehst. Hoffentlich ohne Militär-Bikini – Du weißt, ich betrachte mich als Pazifistin. Vielleicht bin ich dann auch nicht mehr wütend, wenn ich Dich sehe. Vielleicht bin ich sogar noch viel wütender. Ich weiß es nicht. Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich in Dir vorgeht und was ich von Dir erwarten kann. Du sagst zwar nicht, dass Du unser Kind nicht willst, das stimmt. Doch zugleich sagst Du mit keinem einzigen Wort, dass Du es willst. Nicht mal jetzt, wo sich dieses Mädchen schon ganz in Deinem Sinne entwickelt – zum „Gainsbourg Girl“, wie Du es nennst und wie Lulu es mittlerweile leider auch nennt. Meine ständigen Zweifel werden dadurch nicht weniger schmerzhaft. Was die Songauswahl betrifft, hast Du mich übrigens mal wieder unterschätzt: „Je t’aime... moi non plus“ halte selbst ich nicht für sehr originell. „Baby Alone in Babylon“, gesungen von Jane Birkin, erschien mir weitaus passender. Ich glaube, unser Baby hat sofort verstanden, worum es in diesem Lied geht. WAS DENKST DU, ARTHUR?

Du schreibst mal wieder von Intensität. Von dem ganz großen, eindrücklichen und tief empfundenen Leben, nach dem Du immer und überall suchst und das Du offenbar bei mir nicht findest. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, es ginge da lediglich um eine Illusion von Intensität. Bier, Humus und Karaoke – mit Verlaub, verglichen damit, erscheint mir das Vaterwerden dann doch als die tiefgreifendere Erfahrung. Aber das musst Du selbst entscheiden. Ich will Dich nicht einsperren. Natürlich nicht. Du kannst von mir aus auch mit Deinem Freund zum Mond fahren. Doch mitunter sieht es für mich so aus, als würdest Du gar nichts mehr mit mir teilen wollen. Als wäre ich nur eine schwere Last, die man irgendwie durchs Leben schleppt und die man ansonsten meidet, wo man nur kann. Du fragst explizit nicht, was für eine Mutter ich sein will. Ich sage es Dir trotzdem, höre bitte ausnahmsweise einmal zu: Ich möchte nicht einfach „Charlotte Sevigny“ sein, so wie Du einfach „Arthur Müller“ sein willst. Ich möchte mich verändern. Für mich und für das Kind. Und auch für uns. Charlotte 2.0 sozusagen. Und Dir würde ich das gleiche raten, selbst wenn ich weiß, wie sehr Dich solche Ratschläge nerven. Aber es ist nun mal so. Und Dein blöder Schuhkarton geht mir auch auf die Nerven. Ich habe mich schon tausendmal entschuldigt und kann nur zum 1001. Mal sagen: Es tut mir leid, doch ich habe Deine Briefe nicht „durchwühlt“, sondern nur ein paar verschämte Blicke riskiert. Ich werde das sicher nicht wieder tun, aber es ist eben passiert. So what? Meinst Du, es macht mir Spaß, immer diese Kollektion historischer Liebesbriefe vor der Nase zu haben – selbst wenn sie vordergründig irgendeinem „postmodernen“ Projekt dient? Einem völlig lächerlichen Projekt, nebenbei gesagt. Doch das weißt Du ja selbst. Und jetzt muss ich los. Die arthurfreie Zeit genießen. Lulu und ich werden unsere Pali-Tücher umbinden und uns zu vollkommen unpostmoderner Musik betrinken. Vorher aber schnell noch ein paar Momente, in denen ich in den letzten Wochen an Dich gedacht habe. Einer davon ist erfunden – aber nicht Nummer 10:

Ich habe an Dich gedacht...

1. ...als mir endlich ein Name für das Baby eingefallen ist. Ein wirklich schöner Name. Dein Überraschungsvorschlag – vermutlich „Beck’s“ oder „Joy Division“ – ist hiermit bereits abgelehnt. Einspruch zwecklos.

2. ...als mich vorgestern im Büro eine Kollegin fragte, ob mein „Partner“ ebenfalls deutlich besser verdienen würde als ich. Ich musste erst laut lachen, verteidigte dich dann aber trotzdem: „Er ist zur Zeit mit einem Filmprojekt beschäftigt“. „Ach ja? Wie interessant. Was denn für ein Projekt?“ „Es befindet sich noch im Planungsstadium, ist aber auf jeden Fall sehr, sehr postmodern.“

3. ...als vorhin bei Edeka „My Heart Will Go On“ in einer Fahrstuhlversion lief. Ich habe kurz überlegt, ob Du wirklich an mich gedacht hast bei Deiner Performance – oder an all die kleinen „scharfen“ Jüdinnen im Publikum. Woran Dein Freund bei „Lady in Red“ gedacht hat, will ich gar nicht wissen.

4. ...als mir kürzlich vor dem Fernseher ausgerechnet bei einer Folge von „Flipper“ die Tränen kamen. Erst habe ich geweint, dann darüber gelacht, dass ich weine und dann wieder geweint, und es hörte nicht auf.

5. ...als ich im Wartezimmer beim Gynäkologen im Stern den Test „Sind Sie ein Alkoholiker?“ machte. Natürlich legte ich nicht die aktuelle Bionade-Situation zugrunde, sondern meine normale Existenz. Ergebnis: Ja, ich bin Alkoholikerin. Na gut, dachte ich – aber was zum Teufel ist dann der Vater meiner Tochter?

6. ...als mir ein wildfremder Mann auf der Straße sagte, wie schön ich sei, obwohl ich eindeutig immer mehr einem Nilpferd ähnele.

7. ...als ich beim Aufräumen eine Postkarte entdeckte, die Du mir mal nach Paris geschickt hast. Mit einem selbstverfassten Sonett, das ich bis heute nicht verstehe. Doch damals habe ich mich sehr gefreut.

8. ...als Deine Mutter hier anrief, um zu fragen, ob ich irgendeine Ahnung hätte, wo ihr Sohn sei und ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

9. ...als ich meine italienische Freundin Francesca und deren eineinhalbjährigen Sohn zum Friseur begleitete. Jede Locke, die der kleine Antonio verlor, tat der Mama praktisch körperlich weh. Und mir auch.

10. ...als ich nach Erhalt der „Enjoy the Silence“-Mail sofort Deine Traveling Wilburys-CD gesucht habe. Eine halbe Stunde lang. Und siehe da, sie befand sich in der Tat noch in meinem Besitz, versteckt in einem alten Koffer. Daraufhin klingelte ich bei meinem Nachbarn, Herrn Adler aus dem dritten Stock. Er hilft mir manchmal ein bisschen, wie Du weißt. Ich sagte: „Guten Tag, Herr Adler, könnten Sie mir vielleicht einen Hammer leihen?“ „Was will denn eine schwangere Frau mit einem Hammer?“ fragte Herr Adler freundlich, aber leicht besorgt. „Ich muss nur einen Nagel einschlagen“, sagte ich. „Nichts Besonderes.“ Herr Adler erbot sich natürlich, diese Aufgabe für mich zu übernehmen, doch ich lehnte seine Offerte ab. Ein bisschen Bewegung würde mir sogar gut tun, sagte ich. „Seien Sie bitte vorsichtig“, sagte Herr Adler und gab mir einen schönen, großen Hammer, der wirklich schwer in meinen Händen lag. Ich ging also wieder in meine Wohnung. Dort nahm ich dann die Traveling Wilburys-CD („Volume 1“) und legte sie auf den Balkonboden. Dann holte ich aus, so weit ich konnte. Ich schlug auf die CD ein. Einmal. Dreimal. Achtzehnmal. Immer wieder. Minutenlang. Bis Deine Traveling Wilburys-CD mitsamt dem dazugehörigen Cover in viele, viele kleine Teile zersplittert war. Diese kehrte ich mit dem Handfeger auf und übergab sie dem Müll. Und der Müll wurde am Montag, gegen sieben Uhr in der Frühe, von der Berliner Stadtreinigung abgeholt.

Übrigens: Bionade – und nicht Bier – ist das offizielle Getränk einer besseren Welt (http://www.stille-taten.de/). Grüß mir die „Lady in Red“.

Bisous, Charlotte

P. S.: You only tell me you love me when you’re drunk…

Freitag, 10. August 2007

The Sound of Silence

from: charlotte.sevigny@abc-consulting.de

to: arthurrimbaud3@gmx.li

date: 08. 10. 07 /03. 11 a. m.

subject: The Sound of Silence

Lieber Arthur,

Du bist jetzt seit mehr als fünf Wochen verschwunden, es ist fast, als hätte es Dich nie gegeben. Keine Mails. Nicht ein einziger Anruf. Nur eine Postkarte. Vielen Dank, das Motiv (kleiner Junge mit Kalaschnikoff – Du erinnerst Dich vielleicht) hat mir ausnehmend gut gefallen. Auch der Text – von David Bowie, glaube ich, aber ich habe ja keine Ahnung – war sehr informativ. Immerhin warst Du zu diesem Zeitpunkt offenbar noch am Leben. Niemand sonst hätte mir so eine Postkarte geschickt, nicht mal, wenn Du ihn dafür bezahlt hättest. Ich weiß, wir hatten etwas Funkstille vereinbart, das war auch gut so. Aber die Stille wird langsam ein bisschen zu still. Und ich werde immer fetter. Es passieren ganz komische Dinge mit mir, sie sind nicht immer schön. Gestern habe ich Deiner Tochter – unserer Tochter – wieder Musik vorgespielt. Ziemlich postmoderne Musik, keine Angst. Serge Gainsbourg lässt Du hoffentlich durchgehen. Sie hat sofort darauf reagiert und mich minutenlang getreten. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Kleine Mädchen, die in diesem Alter schon zu Gainsbourg tanzen, sind eigentlich geliefert, hat Lulu gesagt – und die weiß, wovon sie spricht. Aber Dir wird der Gedanke bestimmt gefallen. Sofern es Dich irgendwie interessiert. Ich weiß, dass Du mich nicht wirklich liebst. Ich liebe Dich ja auch nicht – oder nur ein bisschen. Ja, ein bisschen schon. Vielleicht. Wir müssen da trotzdem zusammen durch, könnte ich jetzt sagen. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Vielleicht mache ich es lieber ganz alleine. Ohne Dich. Vielleicht ist es auch besser für das Kind. Wie stellst Du Dir das alles eigentlich vor? Was für ein Vater möchtest Du sein? Es kommt mir so vor, als ob wir uns fast gar nicht kennen würden. Obwohl wir seit zwei Jahren das sind, was man normalerweise ein „Paar“ nennen würde, bist Du für mich ein Fremder geblieben. Ich habe keine Ahnung, wo Du bist. So lange kann man doch gar nicht durch dieses beschissene kleine Israel reisen. Es ist mir egal, ob Du andere Frauen flachlegst, aber ich würde wenigstens gerne wissen, wo Du Dich aufhältst. Vielleicht bist Du längst auf den Galapagos-Inseln. Oder in Afghanistan. Was ist eigentlich mit Deinem Freund? Muss der nicht irgendwann wieder arbeiten? Seid Ihr beide jetzt ein Paar? Apropos, ich habe gestern übrigens eine Mail von Deinem Cousin Konrad, den ich – im Gegensatz zu Dir – wirklich gerne mag, bekommen. Ihm geht es gar nicht gut. Er meint, ihr hättet ihn nicht mal im Krankenhaus besucht, obwohl er schwer verletzt war. Na ja, das wäre ja auch ein Wunder, denn in welchem Krankenhaus gibt’s schon ausreichend Bier und Popmusik, dass Ihr es dort länger als fünf Minuten aushalten würdet. Ich halte es hier nicht mehr aus. Der Himmel über Berlin ist heute mal wieder trist und grau, wie fast jeden Tag. Dieser Sommer ist die Hölle. Nachher muss ich zum Ultraschall. Alleine. Alle meine Freunde (außer Lulu, doch die hat ja nie Zeit) sind verreist, es ist ein bisschen wie Paris im August. Nur Touristen in den Straßen und in der U-Bahn. Sogar in meiner kleinen langweiligen Straße sind Touristen. In meiner Straße, wo es rein gar nichts zu sehen gibt außer einer fetten Kuh auf dem Balkon, die versucht, nicht zu rauchen. Die Unterschicht ist auch noch hier. Touristen, Proleten und ich. Wie schön. Ich wollte morgen mit Lulu auf ein Festival fahren, aber das hat ja keinen Sinn in diesem Zustand. Diesem Bionade-und-Kaugummi-Zustand, der mich langsam, aber sicher fertigmacht. Am liebsten würde ich sofort wegfliegen. Egal, wohin. Nur nicht nach Israel. Doch anders als Du, der Du immer machst, was Du willst, bin ich hier angebunden. Ich fühle mich wie ein Sträfling mit so einer Eisenkugel. Meine Mutter nervt. Mein Chef nervt. Alles nervt. Ich schreibe Emails ins Nichts, mitten in der Nacht, ohne jemals eine Antwort von Dir zu erhalten. Aber keine Sorge, ich beschwere mich nicht. Du willst immer mit beiden Händen ganz tief ins Leben hinein greifen, hast Du gesagt. Doch ich empfinde dieses Leben manchmal nur als sehr, sehr anstrengend. Ich weiß nicht, ob Du das verstehen kannst – und irgendwie will ich es auch gar nicht mehr wissen.

Fuck yourself.

Charlotte