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Dienstag, 30. Oktober 2007

Paradise Lost

Wo die Wahl beginnt, sagt Arthur Miller, endet das Paradies, endet die Unschuld – denn was ist das Paradies, wenn nicht die Abwesenheit jedweder Wahlmöglichkeit? Demnach müssten hier, in Lulus Treppenhaus, paradiesische Zustände herrschen, denn mir blieb mal wieder keine Wahl. Die Schmerzmittel wirken nicht, mein Kopf ist heiß wie eine Herdplatte. Ich weiß kaum noch, wie ich überhaupt in diesen dritten Stock gekommen bin. Doch nun stehe ich vor Lulus Wohnungstür, um halb neun am Morgen, mein Fieberschweiß tropft fast auf ihre Fußmatte. Arthur hält sich eine Etage tiefer verborgen. Es wäre ja sonst denkbar, dass Lulu oder Charlotte – wenn sie ihn, den unerwünschten Gast, erblickten – die Tür sofort wieder verriegeln würden. Dann wäre die letzte Chance vertan. Allerdings gelte ich hier wohl beinahe ebenso sehr als persona non grata – Arthur und ich sind ja irgendwie eins, so unterschiedlich wir sein mögen. Ich stand schon oft vor dieser Tür, aber immer nur gemeinsam mit Arthur oder mit Arthur und Charlotte. Ein einziges Mal war ich mit Lulu allein. Ich kann mich sogar an das Datum erinnern. Ob sie sich überhaupt an mich erinnert, an mich und uns in jener Nacht, bezweifle ich in düsteren Momenten. Wir haben nie wieder darüber gesprochen.

„Jetzt klingel’ schon!“ zischt Arthur von unten.

Ich drücke auf den Klingelknopf, warte. Nichts passiert.

„Noch mal! Länger!“ flüstert mein Freund.

„Sei still.“

Mein Puls rast. Schritte. Lulu öffnet ruckartig und gar nicht vorsichtig die Tür. Auch ohne Gummistiefel, barfuss, nur mit einem übergroßen Herrenhemd bekleidet, ähnelt sie noch der Pocahontas aus meinem fürchterlichen Traum.

„Was ist denn jetzt los?“ Sie starrt mich an. „Was willst du denn hier?“

Ich möchte antworten, doch wie in meinem Traum versagt mir die Stimme. Ich sage – nichts.

„Alles in Ordnung?“ fragt Lulu zum Glück. „Du siehst aus wie eine Leiche. Total blass.“

Ich kann nicht umhin, mich darüber zu freuen. Denn wir berühren hier das Kernproblem meiner gesamten Existenz. Es besteht darin, dass alle immer denken, es ginge mir gut – selbst wenn ich mich miserabel fühle. Je kranker ich bin, desto frischer wirke ich. Je unerträglicher mein Kater, desto besser sehe ich offenbar aus. Damit könnte ich noch leben. Doch sogar schlimmste Depressionen sieht man mir, so scheint es, niemals an. Das liegt natürlich vor allem an mir, daran, dass ich auch lache, wenn ich traurig bin. Ich kann nicht anders. Und während alle Welt glaubt, es ginge mir blendend, schlittere ich an der Oberfläche der Dinge fröhlich lächelnd in den Abgrund. Darum freue ich mich, wenn Lulu Lilienblum mich als Leiche begrüßt.

„Morgen ist ja auch Halloween“, sage ich keuchend, den Blick von ihren bloßen Beinen abgewandt. „Ich glaub’, ich hab’ Fieber. Aber deshalb bin ich nicht gekommen.“

„Das ist ja auch keine Arztpraxis hier. Du hast mich geweckt.“

„Tut mir leid. Wirklich. Wir suchen Charlotte. Wir dachten, sie könnte vielleicht bei dir sein.“

„Wir? Was heißt denn wir?” Lulu guckt nun äußerst irritiert. „Wo ist denn Arthur, dieser Feigling? Hat er dich vorgeschickt, oder was?“

„Ich bin ja schon da“, sagt mein Freund, der im selben Augenblick die Treppe hochkommt. Er lächelt: „Guten Morgen, Lulu.“

„Morgen, Arschloch.“

„Wir waren gestern Abend schon mal hier.“

„Das freut mich. Ich war leider nicht zuhause. Und Charlotte ist sowieso nicht bei mir.“

„Können wir nicht kurz reinkommen?“

Lulu dreht sich wortlos um und geht zurück in ihre Wohnung, lässt die Tür aber offen. Wir treten ein, folgen ihr in die Küche, wo sie unter verschlafenen Flüchen Kaffee kocht. Selbst völlig ungeschminkt ist sie so schön, wie es sich für eine Häuptlingstochter eben gehört.

Arthur freut sich: „Habe ich es nicht gesagt? Bei Lulu bekommen wir immer einen Kaffee!“

„Der ist nicht für euch. Der Kaffee ist für mich. Für mich und meinen Gast. Es handelt sich aber nicht um deine Freundin – beziehungsweise Ex-Freundin.“

Sollte diese freundliche Bemerkung Arthur irgendwie getroffen haben, lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken.

„Ich muss sie wirklich dringend sprechen“, sagt er. „Sie geht nicht ans Telefon. Sie öffnet nicht die Tür. Wenn Charlotte nicht bei dir ist, wo ist sie dann?“

„Tja.“ Lulu schaut ihn vollkommen mitleidslos an. „Vielleicht will sie nicht, dass du sie findest.“

„Das ist mir schon klar, aber mein Wille, sie zu finden, ist wesentlich stärker als ihr Wille, dass ich sie nicht finde.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher. So was ändert sich schnell. Viel schneller, als du glaubst – mit deinem grenzenlosen Selbstbewusstsein.“

„Ich würde es eher als gesundes Selbstbewusstsein bezeichnen.“

Mir ist schwindlig. Ich blicke mal auf Lulu, mal auf Arthur, die sich die Wörter wie Ping Pong-Bälle an die Köpfe werfen.

„Jede Frau, die halbwegs bei Sinnen ist“, sagt Lulu, „hätte sich schon von dir verabschiedet, während du in Israel rumgefickt hast. Abgesehen davon, dass so eine Frau natürlich gar nicht erst mit dir zusammen wäre und vor allem nicht auch noch deine teuflische Brut austragen würde.“

„Das war ja alles nicht so geplant. Außerdem habe ich nicht rumgefickt.“

„Seid ihr Teenager, oder was? Meinst du, ich finde es toll, dass sich meine beste Freundin seit Monaten ständig bei mir ausheult?“

„Deshalb suche ich sie ja jetzt. Sie kann sich ruhig auch bei mir ausheulen.“

„Du verstehst einfach gar nichts“, erwidert Lulu. „Bei dir will sie sich ja gerade nicht ausheulen. Was meinst du eigentlich dazu?“ fragt sie dann mich.

„Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“

Arthur geht auf Lulu zu und legt ihr seine Hand auf die Schulter.

„Bitte, sag’ mir, wo sie ist.“

„Was weiß ich.“ Sie stöhnt auf. „An einem dieser komischen Orte, wo sie immer ist und träumt, wahrscheinlich. Im Aquarium oder so. Auf jeden Fall hat die Agentur sie freigestellt. Vielleicht liegt sie auch zuhause im Bett und liest Krieg und Frieden oder irgend so einen Scheiß.“

„Im Aquarium ist sie nicht.“

„Nur weil Charlotte am Dienstag nicht dort war“, bemerke ich, „heißt das nicht, dass sie heute nicht im Aquarium ist.“

„Wir können deshalb aber nicht jeden Tag ins Aquarium gehen. Das ist mir zu gefährlich. Dieses Krokodil hat mich auf seine Todesliste gesetzt. Apropos, ich schau’ mal, was als nächstes auf unserer Liste steht.“

„Was für eine Liste?“ fragt Lulu, die tiefschwarzen Espresso in zwei Tassen gegossen hat, Arthur und mich allerdings Richtung Wohnungstür schiebt.

„Falls sie sich bei dir meldet, sag’ ihr, sie soll mich anrufen.“

„Das werde ich mir noch gut überlegen. Ich fürchte, du hast einfach keinen Kredit mehr bei dieser Bank.“

Sie öffnet die Tür, wir wollen gerade die Wohnung verlassen, doch mein Freund bleibt plötzlich stehen und dreht sich um.

„Moment mal“, sagt er. „Sie ist hier. Natürlich. Sie ist hier.”

Und Arthur schubst Lulu einfach beiseite, stürzt auf ihr Schlafzimmer zu.

„Hey! Spinnst du?“

Aber sie kann ihn nicht mehr aufhalten – ohne auch nur anzuklopfen, öffnet er erwartungsfroh die Tür.

„Oh. Sorry.“ Mein Freund bleibt abrupt stehen.

Wir sind ihm gefolgt, ich schaue über seine Schulter in das Zimmer. Auf Lulus Bett liegt nicht Charlotte, sondern ein Mann, das ist unverkennbar, denn er liegt dort im so genannten Adamskostüm, Arme und Beine von sich gestreckt. Zunächst sieht er uns nicht – ein hellblaues Höschen, das aller Wahrscheinlichkeit nach aus Lulus Besitz stammt, bedeckt seine Nase und seine Augen. Als er diesen Spitzenvorhang dann beiseite schiebt und uns drei erblickt, geht es ihm ganz offenbar wie mir: Lulus Lover ist sprachlos. Zumindest sagt er nichts, guckt nur befremdet. Vielleicht ist es das Fieber, doch ich bilde mir ein, in der allgemeinen Stille ein dumpfes Pochen zu hören: Das muss der Herzschrittmacher sein. Jene Maschine, die das Herz dieses jungen Mannes auch in gebrochen-geschundenem Zustand zuverlässig schlagen lässt. Ich wünschte, die Batterien wären alle. An Lulus Geschichten habe ich mich ja gewöhnt, doch treffen muss ich diese Typen nun wirklich nicht. Schon gar nicht, wenn man ihren Penis sehen kann.

„Raus jetzt“, zischt sie und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Arthur auch nicht.

„Nichts für ungut, Mann!“ Mein Freund winkt zum Abschied, ohne eine Antwort zu erhalten „Viel Spaß noch. Happy Halloween.“

Lulu schiebt uns ein zweites Mal zur Tür.

„Sucht ihr mal weiter nach Charlotte“, sagt sie. „Vielleicht habt ihr ja Glück. Ich hoffe, nicht.“

„Du hast nicht zufällig meinen Schlüssel gefunden?“

Aber die Tür ist bereits ins Schloss gefallen, Pocahontas schlüpft jetzt wieder unter ihre warme Decke. Es gibt keinen einzigen Platz auf der Welt, wo ich in diesem Moment lieber wäre.

„Es wundert mich, dass er nicht gefesselt war“, sagt Arthur. „An einen Marterpfahl zum Beispiel. Der nächste rote Stern ist übrigens das Paradise. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, in jener abenteuerlichen Nacht dort gewesen zu sein – doch erfahrungsgemäß erhöht das eher noch die Wahrscheinlichkeit, dass ich dort war.“

* * * * *

„Ich falle gleich um“, sage ich, während Arthur den Klingelknopf des Paradise einige Sekunden lang gedrückt hält.

„Vielleicht ist Aaron ja da. Der macht dir einen schönen Scotch mit Zitrone.“

„Fällt dir eigentlich auf, dass du auf einmal Charlotte mit genau dem gleichen Eifer, der gleichen Leidenschaft suchst, wie bisher nur die perfekte postmoderne Frau?“

Mein Schädel fühlt sich an, als hätte Pocahontas ihn mit einem Tomahawk gespalten – doch gleichzeitig meine ich, klarer zu sehen als sonst. Ein Sehschlitz geht auf. Wir werden gemustert, für derangiert genug befunden und nach dem Zauberwort gefragt. Dem geheimen Zauberwort. Arthur spricht es aus. Und eigens für uns öffnet ein dienstbarer Geist die Pforte zum Paradies.

Lulus Bett ist ein Paradies. Die Osterinseln oder die Antarktis – auf ihre eigene, etwas kühlere Art – sicher auch. Aber das Paradise ist einzigartig. Die Sehnsucht nach dem Paradies, steht in meinem Notizbuch, ist das Verlangen des Menschen, nicht Mensch zu sein. Jene, der Außenwelt und der Wirklichkeit abgewandte Kreuzberger Bar, welche wir nun betreten, gibt diesen Worten eine ganz neue Bedeutung: Hier muss man zum Tier werden. Man muss zum Tier werden, um nicht mehr Mensch zu sein und überhaupt Zutritt zu erlangen. Zum Paradise, wo selbst der existentiellste Schmerz rasant im Rausch verfliegt und sich jeder sein eigenes, künstliches Paradies erschaffen kann. Der Laden, um den sich fabelhafte Mythen ranken, ist ein Relikt aus den frühen achtziger Jahren. Wie die Schlange im Garten Eden hat er sich seitdem unzählige Male gehäutet, ohne sich wesentlich zu verändern. Im Paradise wird die Ursünde Tag und Nacht neu begangen, pausenlos, tausendfach potenziert. Obwohl der Name eher zu einer Großraumdisco an einer Brandenburger Autobahn passen würde, versammelt sich hier ein niveauvolleres Publikum – selbstkonsumierende Drogenhändler, tunesische Stricher, Speed-Freaks, Transen und Studenten sowie der eine oder andere Freigeist. Paradiesvögel eben. Von fünf Gästen hat mindestens einer tätowierte Handknöchel. Das Paradise ist dunkel wie ein Grab. Es schließt niemals vor der Mittagsstunde.

„Mein Gott!“ Arthur ist entsetzt. „Warst du jemals nüchtern hier, um diese Zeit?“

„Natürlich nicht.“

„Ich meine, du hast ja wenigstens Fieber, aber ich bin wirklich stocknüchtern. Guck mal, da ist Aaron.“

Als wir zur Bar gehen, läuft ein Nico-Song. Insgesamt sind im morgendlichen Paradise noch etwa ein Dutzend Gäste versammelt. Manche mustern uns Neuankömmlinge interessiert, andere sehen Arthur und mich, glaube ich, gar nicht. Auf der linken Tresenhälfte räkelt sich eine Frau, die meine Mutter sein könnte, wenn meine Mutter mit sechzehn nicht verhütet hätte. Sie vollführt dort, begleitet von Nicos tiefem Timbre, eine Art Striptease, der jedoch nie zur Vollendung gelangt und immer nur mit den Erwartungen spielt. Von unserem letzten Besuch, Ausklang einer langen Nacht im Anker, weiß ich, dass diese Frau taubstumm ist. Eine Drag-Queen streichelt Arthur im Vorbeigehen durchs Haar. Die beiden scheinen sich zu kennen.

„Habt ihr hier nicht Hausverbot, ihr Geisteskranken?“ fragt Aaron grinsend. „Das heißt, eigentlich nur du.“ Er zeigt auf meinen Begleiter.

„Aaron, ich betrachte dich als guten Freund“, erwidert Arthur, „und ich sage dir ganz offen: Solltest du auf einen eventuellen Besuch meinerseits in diesem Laden innerhalb der letzten vier Wochen anspielen, kann ich mich an nichts erinnern. An gar nichts.“

„Mann, wir haben hier ja schon viel gesehen. Aber es hat sich lange niemand so aufgeführt wie du. Halbnackt. Mit dieser unerträglichen Frau. Diesem Narbengesicht.“

„Narbengesicht?“ Die Stimme meines Freundes klingt nun leicht besorgt.

„Erzähl’ mir nicht, dass du so einen Filmriss hast. Irgendwann haben wir dich auf dem Klo gefunden, halb bewusstlos. Du hast immer nur völlig unverständliche Laute von dir gegeben. Vom Ende der Welt und einem grünen Licht gefaselt. Milton hat dich mit kaltem Wasser übergossen.“

„Und dann?“

„Dann bist du gegangen. Keine Ahnung, wohin.“

„Ihr habt mich in diesem Zustand auf die Menschheit losgelassen?“

„Wir konnten dich ja schlecht anketten. Außerdem wirktest du wieder relativ klar.“

Ich sage: „Habt ihr das in der Zeitung gelesen, von der Rentnerin aus Lichtenrade, die ohne Kopf aufgefunden wurde? Wobei man den Kopf später in einem Gebüsch entdeckt hat, aber ohne Augen? Das könntest du gewesen sein, Arthur.“

„Wodka. Sofort Bier und Wodka. Oder, halt: Weißt du noch, was ich in besagter Nacht getrunken habe? Vielleicht kommt dann, mit dem Geschmack, auch die Erinnerung zurück.“

„Kein Problem“, erwidert Aaron und nimmt einen Zettel von der Pinnwand, die hier „Wall of Shame“ heißt. „Du hast ja noch eine nette offene Rechnung bei uns. Also, neben diversen Bieren waren da insgesamt neun Ramazottis.“

„Willst du mich verarschen? Ich würde niemals so ein Dreckszeug trinken. Das kann gar nicht sein.“

„Du weißt genau, dass ich recht habe“, sagt der Barmann milde lächelnd.

In der Tat: Aaron würde uns nicht anlügen. Er ist, in diesem auf ganzer Linie degenerierten Umfeld, ein guter Mensch geblieben – soweit das überhaupt möglich ist. Wir haben ihn einst am Tresen kennen gelernt und so manche Schnapsflasche mit ihm geleert. Irgendwann stand er dann plötzlich hinter der Bar, hat fortan keinen Tropfen mehr angerührt. Er arbeitet immer nur montags. Denn Aaron schreibt außerdem lyrische Reportagen für ein Kulturmagazin und ist, was mich wirklich beeindruckt, aktives Mitglied im Chaos Computer Club, Hamburg, wo er auch herkommt. Mir wird schon wieder schlecht. Ich halte mich mit beiden Händen an der Theke fest, damit ich nicht umfalle. Wer im Paradise stürzt, steht niemals wieder auf. Das wäre sozusagen der Sündenfall. Die nackten Füße der Tresentänzerin, welche mit klimpernden Kettchen geschmückt sind, streifen immer wieder meine Finger. Jede Berührung ist ein Elektroschock, der mich zusammenzucken lässt. Zugleich will ich die Frau anschreien, sofort damit aufzuhören und nie wieder ungefragt auf meinen Fingern zu tanzen, doch erstens kann ich nicht sprechen und zweitens kann sie weder sprechen, noch hören und eigentlich, mit Verlaub, auch nicht tanzen. Nico, immer wieder Nico. Jetzt singt sie „Heroes“.

„Auf dein Spezielles!“ Arthur erhebt sein Ramazotti-Glas, auf der Suche nach der verlorenen Zeit. „Ich dachte immer, die Erinnerung wäre das einzige Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann. Aber wahrscheinlich ist das einzige Paradies überhaupt eben das verlorene Paradies.“

„Ich kann über solche Fragen jetzt gerade nicht nachdenken.“ Der klebrige Likör wärmt mich immerhin von innen. Ich muss erneut an Lulus Bett denken, das Paradies, aus dem sie mich vertrieben hat, bevor ich mich überhaupt wohnlich einrichten konnte. „Kommt die Erinnerung schon wieder?“

„Nein. Da kommt gar nichts.“

Während die Taubstumme weiter in Zehnsekunden-Intervallen mit ihren Füßen meine Hände touchiert, begrüßt eine andere Dame – neben der Tänzerin die einzige Frau im Paradies – Arthur mit einer innigen Umarmung. Sie ist zurechtgemacht wie Debbie Harry, das aber ziemlich gut, allerdings heißt sie nicht Debbie und auch nicht Blondie, sondern Madeleine, genau wie die D-Jane im Breakfast Club.

„Geht’s dir wieder besser?“ fragt Madeleine meinen Freund.

„Ich vermute: ja.“

„Wir wollten schon den Krankenwagen rufen.“

„Vielleicht hättet ihr das tun sollen.“

„Meinen Lippenstift konnte ich danach jedenfalls nicht mehr gebrauchen. Nachdem du deine Kriegsbemalung erneuert hast.“ Sie lächelt. „Wieso trägst du denn heute ein Hemd?“

Arthur seufzt: „Kauf’ dir einfach einen neuen Lippenstift. Aaron soll ihn bei mir auf die Rechnung setzen. Hey, Aaron, habt ihr eigentlich meinen Schlüssel hier gefunden?“

Der Barmann schüttelt bedauernd den Kopf. „Aber ich gebe euch noch einen Ramazotti aus“, sagt er. „Ich muss euch was fragen.“

„Ich will auch einen“, sagt Madeleine.

„Ich hätte gern einen Apfelsaft“, krächze ich. Vergeblich.

Aaron stellt gleich die ganze Flasche dieses ekelhaft süßen, aber wirkungsvollen Getränks vor uns auf die Theke.

„Also, meine Freunde, wenn ich mich nicht völlig in euch täusche – und das passiert mir selten –, werdet ihr bald auf Reisen gehen. In meinem Auftrag.“

„Eine Reise?“ fragen Arthur und ich unisono. „Wohin?“

„Bis ans Ende der Welt, sofern ihr nichts dagegen habt. Ich hab’ schon die ganze Zeit an euch gedacht. Ihr müsst nur ein paar Seiten schreiben. Und ein paar Fotos machen.“

In diesem Moment werden wir von einem ziemlich taktlosen Araber unterbrochen, der uns wie Blutsbrüder oder wenigstens Sandkastenfreunde begrüßt und sofort danach fragt, ob wir, nun ja, was zum Ziehen für ihn hätten. Haben wir nicht. Madeleine indes verschwindet tatsächlich mit diesem Arschloch auf dem Klo.

„Ans Ende der Welt? Nach Feuerland?“ fragt Arthur.

„Nicht ganz. Aber beinahe bis zum Polarkreis. Ihr werdet nach Norwegen fliegen.“

„Was sollen wir denn in Norwegen?“

Sorgenschluchten zeichnen sich auf Arthurs Stirn ab: „Ist euch auch nur ansatzweise klar, wie viel selbst ein kleines Bier in diesem Land kostet?“

„Also, vielleicht habt ihr schon davon gehört, Stavanger – das liegt im Süden – wird nächstes Jahr Kulturhauptstadt Europas sein.“ Wie ein Laternenfisch erhellt Aarons Klarheit und Freundlichkeit diesen durch und durch finsteren Laden. „Weil dort die ganzen Ölfirmen sitzen, ist Stavanger superreich. Die schmeißen mit Geld nur so um sich, damit das ein richtiges Spektakel wird.“ Er schenkt uns nach, wir hängen andächtig an seinen Lippen. „Sie schicken mir ständig Einladungen in die Redaktion, mich dort mal umzuschauen und ein bisschen was zu schreiben. Die Vorfreude schüren und so.“

Und der Paradise-Barmann führt aus, dass er selbst keine Zeit hätte, aufgrund diverser CCC-Verpflichtungen, und uns deshalb mit Freuden diesen Auftrag zuschanzen würde, wir verstünden es ja schließlich zu reisen, das hätten wir mehrfach bewiesen, und zahlen müssten wir auch nichts.

„Drei Tage. Es gibt kein Geld, aber es kostet auch kein Geld.“

„Also praktisch wie immer“, bemerkt Arthur, „nur doppelt so gut.“

„Wir fahren nach Norwegen“, sage ich. Ich liebe es, mit meinem Freund zu reisen. „Warst du schon mal da?“

„Klar. Der halbe Elch. Erinnerst du dich? Norwegen ist wirklich ein Paradies. Herrlich unberührt. Gute Luft. Vor Gesundheit strotzende Menschen. Keine Narbengesichter.”

„Vielleicht finden wir sogar ein bisschen Öl.“

„Vielleicht fangen wir einen Wal. Oder einen Wikinger.“

Aaron lacht: „Genau deshalb hab’ ich euch ausgewählt. Weil ihr vorurteilsfrei und ohne Klischees im Kopf an solche Aufgaben rangeht. Ich kann euch noch keine hundertprozentige Zusage geben. Aber wahrscheinlich geht das klar. In drei Wochen oder so.“

„Ende November also“, sage ich. „Herrscht dort oben dann nicht ewige Nacht?“

„Wie hier“, sagt Arthur. „Im Paradise. Wie sollen wir dir nur danken, Aaron? Woher wusstest du, dass wir dringend mal wieder verreisen müssen?“

Der Barmann zuckt nur lächelnd mit den Schultern. Madeleine kommt wieder, ohne Araber, und fragt uns, ob nun wir beide, Arthur und ich, interessiert wären, sie auf die Toilette zu begleiten, doch ich ziehe meine linke Hand unter den Zehen der Tänzerin hervor und greife mit der rechten nach meinen Freund. Nach fünf Ramazottis geht es mir etwas besser und viel, viel schlechter zugleich.

„Ich muss ins Bett“, sage ich leise. „Sofort.“

Arthur reagiert ungewohnt verständnisvoll: „Na gut, dann unterbrechen wir die Suche eben für ein paar Stunden.“

Wir umarmen Aaron und Madeleine. Letztere küsst dabei Arthurs Hals.

„Du siehst gut aus“, sagt der Barmann zum Abschied zu mir. „Irgendwie frischer als sonst.“

„Danke.“

Wir winken der taubstummen Tänzerin. Die Transe winkt zurück.

„Was steht denn als nächstes auf dem Plan?“ frage ich. „Wo sind die blauen Sternchen?“

„Erst kommt der Teufelsberg, gefolgt vom Friedhof der Namenlosen.“

„Ach so, natürlich.“

„Aber damit“, Arthur grinst diabolisch, „damit warten wir bis morgen – Halloween.“

Milton, der schottische Hausdealer und Türsteher, öffnet die Pforte ins gleißende Sonnenlicht. Arthur und ich stehen auf der Straße, jenseits von Eden, diesseits des Paradieses.


[Zieht Euch warm an
das große Balagan Blues-Halloween-Special steht kurz bevor...]

Montag, 24. September 2007

Herz aus Glas [Kanallandschaft mit Pocahontas]

„Ich werde dieses Glas ganz sicher nicht kaufen“, sagt Lulu und bläst mir Mentholrauch ins Gesicht.

„Wovon redest du überhaupt?“

Schon wieder ist Markttag, Lulu Lilienblum und ich sitzen draußen vor der Ankerklause am Kanal im Halbschatten der Kastanie und warten auf Arthur und Charlotte, die lange überfällig sind. Noch darf ich Lulus Bettkantengeschichten also alleine lauschen – im Zusammenspiel mit ihrer Erscheinung entfalten sie eine durchaus hypnotische Wirkung. Sie trägt einmal mehr ihre stets mit kaum sichtbaren Schlammspuren behafteten Prada-Gummistiefel, als käme sie gerade vom Glastonbury Festival. Lulu, das denke ich heute nicht zum ersten Mal, sieht ein bisschen aus wie eine glamourösere Indie-Variante von Pocahontas, eine Indieanerin sozusagen, wobei ich hier natürlich nicht das Disney-Püppchen meine, sondern die – sehr persönliche – Pocahontas in meinem Kopf. Ich habe Lulu im Rausch schon mal gefragt, woher das käme, warum sie so aussähe wie eine Häuptlingstochter, doch sie verstand die Frage nicht. Ihre Eltern stammen jedenfalls aus Niedersachsen. Ich bin mir sicher, dass ihr die Herkunft meiner Eltern gänzlich unbekannt ist, obwohl Lulu mich meistens so behandelt, als hätten wir einander viele Male nackt gesehen oder zumindest gemeinsam im Luftschutzbunker gesessen. Die Wahrheit ist: Einen Bunker haben wir lediglich im Rahmen einer streng geheimen Party besucht. Und nackt standen wir uns exakt einmal gegenüber. Manchmal glaube ich dennoch, sie könne direkt, wie durch eine frischpolierte Glasscheibe in mein Hirn und in mein Herz sehen. Und während sich die schwerbeladenen Marktkunden an unserem Tisch vorbeiwalzen und die Jukebox drinnen die Elvis-Version von „Fever“ spielt, trinkt Lulu-Pocahontas, die zuverlässig alles durcheinanderbringt, gegen halb sechs am Nachmittag den ersten Grasovka-Wodka, und ich auch, denn was bleibt mir schon anderes übrig.

Once I had a love and it was divine.

„Dieser Typ“, berichtet sie, „hatte zwei CD-Ständer – einen für Frauen und einen für Männer. Weibliche und männliche Interpreten. Beide natürlich alphabetisch sortiert.“

„Ich frage mich, wo man den Sänger von Throbbing Gristle einordnen würde“, sage ich.

„Was?“ Lulu entblößt ihre Zahnlücke. „Es war wirklich ein Unfall. Wir waren beide eingeschlafen, dabei wollte ich eigentlich nachhause gehen.“

„Das war letzte Nacht?“

„Ja. Keine gute Nacht.“ Sie wirft mir einen Killerblick zu. „Aber gute Nächte sind sowieso rar gesät.“

Ich nicke: „Sie sind geradezu vom Aussterben bedroht.“

„Ich weiß nicht, warum das immer so anstrengend sein muss. Ich bin, wie gesagt, plötzlich aufgewacht, weil ich vor Durst nicht mehr schlafen konnte. Weißt du – wenn man von Wasserhähnen träumt?“

„Klar. Und das wirkliche Wasser schmeckt dann natürlich niemals so gut, wie man es im Traum erwarten würde.“

„Es war alles dunkel“, erzählt Lulu, „ich war verschlafen und kannte mich in dieser Scheiß-Wohnung nicht aus. Die Küche habe ich aber gefunden. Und da standen noch die beiden riesenhaften Angeber-Weingläser, aus denen er mir einen 97er Bordeaux serviert hatte.“ Sie schaut so verächtlich, als hätte der One Night Stand ihr Aldi-Red Bull – also Sitting Bull – vorgesetzt. „Die Gläser hat er dazu nicht etwa aus dem Regal genommen, sondern aus der Originalverpackung. Er besaß nämlich auch noch die Weißwein- und Champagner-Variante und was weiß ich.“

„Was für ein Idiot“, sage ich und frage mich, wo Arthur und Charlotte eigentlich bleiben. Wahrscheinlich zerschlagen sie gegenseitig ihre Lieblingsplatten.

„Na ja, er hat ja geschlafen, geschlafen und geschnarcht. Ich habe mir also mal ganz locker angemaßt, aus einem der Bordeaux-Gläser ein bisschen Leitungswasser zu trinken. Keine Ahnung, was dann passiert ist – aber irgendwie war das Glas plötzlich kaputt. Die Scherben lagen in der Spüle.“

„Gut so.“

Sie lacht: „Das Beste ist: Der Typ ist nicht mal aufgewacht. Er hat einfach weitergeschlafen. Ich dachte: „Scheiß drauf!“, und habe mich einfach wieder neben ihn gelegt. Natürlich hätte ich nach Hause gehen sollen.“

„Das habe ich mir manchmal auch schon gesagt. Wie hast du den eigentlich kennen gelernt?“

„Frag’ nicht.“ Drei schöne Ringe, die wie Rauchzeichen durch die Ankerklause schweben. „Eine Stunde später oder so – mitten in der Nacht – bin ich schon wieder aufgewacht. Von einem gellenden Schrei und einem Trampeln, als würde eine Scheiß-Büffelherde durch die Wohnung laufen.“

„Der Typ hat getrampelt?“

„Ja. Getrampelt. Wie Rumpelstilzchen ist er rumgehüpft, als ob er einen Kriegstanz aufführen würde oder so. Er hat wirklich geschrien wie ein verblutendes Schwein am Spieß. Wegen dem verdammten Glas! Weil er jetzt nicht mehr sechs Bordeaux-Gläser hatte, sondern nur noch fünf.“

„Wenn du mich fragst, hättest du spätestens zu diesem Zeitpunkt gehen sollen.“

„Natürlich.“ Lulu leert ihr Wodka-Glas. „Aber ich konnte mich kaum bewegen. Es war fünf Uhr morgens. Ich hatte keinen Cent. Ich wusste nicht mal genau, in welchem Bezirk ich mich eigentlich befand.“

„Verstehe.“

„Ich habe also gesagt: ‚Junge, du bist jetzt mal still, du gehst jetzt wieder schlafen und morgen kauf’ ich dir ein neues Glas.’ Damit ich meine Ruhe habe. Und er war wirklich plötzlich ruhig und hat gesagt: ‚Okay, okay’, und ist wieder unter die Decke gekrochen. Er wollte sogar noch mal poppen, aber ich hab’ geflüstert: ‚Nur wenn ich die anderen Gläser auch noch kaputtmachen darf.’ Und er meinte nur, ich hätte keinen Stil und hat sich weggedreht.“

„Hat er das wirklich gesagt?“

„Würde ich dich anlügen?“

„Daran zweifle ich keine Sekunde. Aber ich schätze immerhin deinen Stil.“

Lulu blickt mich spöttisch an. Selbst wenn man ihr ein ironisch gebrochenes Kompliment schenkt, schaut sie immer, als würde sie gleich in gellendes Gelächter ausbrechen. Zugleich scheint sie alles aufzunehmen, was rundherum passiert: das urban-maritime Kanalambiente an der Kottbusser Brücke. Die Lautsprecherdurchsagen auf den vorbeifahrenden Touristenbooten. Den Mann mit dem Clash-T-Shirt, der Lulu vielleicht gefallen könnte. Die moldawische Bettlerin. Zwei, drei elefantöse Burkaträgerinnen. Menschen, die offenbar alles kaufen, was man auf diesem Markt kaufen kann – Obst und Gemüse, Stoffe, Unterwäsche, Toaster, herrliche Glasperlen im Apachenstil. Ich konzentriere mich eher auf Lulu.

Soon found out I was losing my mind.

„Ich bin jedenfalls bald darauf wieder aufgewacht“, berichtet sie, „und hab’ auf die Uhr geguckt, es war sieben und viel zu hell draußen. Und der Typ saß in einem Bademantel – einem gelben Bademantel – an seinem Schreibtisch und schrieb irgendwas auf einen Zettel.“

„Ein Gedicht für dich?“

„Sowas Ähnliches. Ich hab’ ihn gefragt, was er da schreibt, und er sagte nur: ‚Ach, auch schon wach?’, und drückte mir den Zettel in die Hand. Ich konnte es nicht fassen.“

„Was stand denn drauf?“

Lulu greift in ihr Handtäschchen und zieht ein Stück Papier heraus.

„Hier. Lies selbst. Sonst glaubst du’s nicht.“

Auf dem Zettel steht in prätentiös geschwungener Schrift „Schott Zwiesel – Bordeaux – 8015/22“ sowie die Adresse eines Geschäfts für Gastronomiebedarf in Wilmersdorf und die Anschrift des Glas-Fetischisten, Manuel mit Namen.

„Das glaube ich nicht“, sage ich.

„Siehst du. Ich wollte den Zettel ja sofort zerreißen, aber ohne Beweisstück hätte mir wieder keiner geglaubt. Ich habe mich angezogen und bin gegangen. Im Rausgehen musste ich natürlich noch ein Glas zerbrechen. Er hat mir irgendwas Hysterisches hinterhergerufen.“

„Das ist doch eine nette Geschichte für Delirious Dirt“, sage ich.

„Ich sehe da kein Delirium und auch nichts Dreckiges. Nur Dummheit.“

„Und Stilbewusstsein.“

„Dann schon lieber einen Herzschrittmacher.“ Lulu lacht wieder mit Zahnlücke.

„Wenigstens hast du ihm nicht das Herz, sondern lediglich zwei Weingläser gebrochen“, sage ich.

Mir kommt ein Werner Herzog-Film in den Sinn, den ich vor kurzem noch mal gesehen habe: Herz aus Glas. Er spielt in einer Glashütte in einem finsteren, romantisch verklärten Bayern des 19. Jahrhunderts. Der große Glasbläsermeister ist gestorben und hat, zu dumm, die Geheimrezeptur für die Rubinglasherstellung mit in die ewigen Jagdgründe genommen. Das Dorf verfällt daraufhin in eine tiefe Depression. Ein Hellseher, eine Art Schamane namens Hias, soll Abhilfe schaffen und dem Totenreich das Geheimnis entlocken. Doch seine Visionen künden einzig von Wahnsinn und Apokalypse – und wenn man will, kann man dabei natürlich ans heraufdämmernde 20. Jahrhundert denken. Muss man aber nicht. Man kann sich auch einfach immer wieder die hypnotische Eingangssequenz ansehen, die einen Wasserfall zeigt. Minutenlang. Herz aus Glas kommt vermutlich den in den Tempelhof-Katakomben verbrannten Filmen, so wie mein Freund und ich sie uns gerne vorstellen, recht nahe. Nicht den Nazi-Pornos, sondern jenen Werken, die diesseits des Paradieses – so Arthurs Formulierung – schlicht nicht dechiffrierbar erscheinen, weil der Code vor langer Zeit vergessen wurde. Der Film macht das Bekannte unbekannt und vertraut bis zum letzten Moment verzweifelt auf ein anderes Sehen außerhalb der Normalität. Er ist verwirrend, verwildert und verwegen. Am Ende besteigen vier Männer ein winziges Boot, um ans Ende der Welt zu gelangen. Sie wollen mit eigenen Augen sehen, ob sich dort wirklich ein Abgrund befindet. „Wenn ich gehe, geht ein Bison“, hat Herzog mal gesagt.

It seemed like the real thing but I was so blind,
mucho mistrust love's gone behind.

„Fast alle Schauspieler außer dem Hellseher standen während der Dreharbeiten unter Hypnose“, erkläre ich Lulu.

„Wenn ich nur den Namen Werner Herzog höre, schlafe ich schon ein.“ Sie gähnt. „Was ist denn das überhaupt für eine Art? Wenn ich hier im Anker ein Glas kaputtmache, muss ich es ja auch nicht bezahlen. Und mit dem Anker habe ich nicht mal Sex.“

„Wer will hier keinen Sex mit dem Anker haben?“ fragt Arthur, der Arm in Arm mit Charlotte aus der vorbeiziehenden Masse heraus an unseren Tisch tritt. „Er oder sie möge sofort diesen Laden verlassen!“

„Hallo, Charlotte!“ sage ich. Sie küsst uns beide auf die Wange, mein Freund verschwindet grinsend Richtung Bar.

„Haben wir irgendwas verpasst?“ fragt sie mit einem hinreißenden Lächeln, das mich beinahe erschreckt. Das blaue Kleid hat wirklich eine umwerfende Wirkung.

Lulu versetzt mir unter dem Tisch einen Gummistiefel-Tritt. Ich trete zurück, denn ich weiß, was sie meint.

„Ich geh mal Musik machen“, sage ich. „Bitte keine Gläser zerstören, Lulu.“

„Bring Wodka mit“, erwidert die feuerwasserfeste Indianerprinzessin. „Und Bionade.“

Drinnen an der Jukebox treffe ich Arthur, der sich bei jedem Anker-Besuch unverzüglich „Nazi Rock“ von Serge Gainsbourg wünscht und heute so friedfertig wirkt wie sonst nur in Ecstasy-Nächten. Sein Gesicht ist – ähnlich wie das seiner Freundin – von einem glühenden Glanz überzogen.

„Ich habe schon wieder zwei Fragen“, sage ich. „Erstens: Wie viele Friedenspfeifen habt ihr geraucht? Zweitens: Hast du schon mal überlegt, deine Plattensammlung nach Geschlechtern zu sortieren?“

Er lächelt: „Was wollen wir trinken? Was wollen wir hören?“

„Bisongrashalmwodka. Oder ist es Büffelgras? Bier. Bionade. Und Blondie. Bitte.“

„Die Hündin oder die Band?“

„Heart of Glass.“

„Eine vortreffliche Wahl“, sagt Arthur, während es draußen am Kanal langsam kalt und dunkel wird, die Marktleute ihre Stände abbauen, Charlotte und Lulu hinter der Scheibe nach uns winken und dem Kellner ein volles Tablett aus den Händen fällt, so dass literweise Fassbier durch die Ankerklause fließt. Ein festlich beleuchtetes Schiff fährt vorbei, vielleicht nur bis zur nächsten Brücke, vielleicht auch noch weiter.

Montag, 17. September 2007

Hungry Heart

„Das größte Verbrechen des Elton John“, sagt Arthur, „ist – neben seinem Louis XIV.-Kostüm, natürlich – der Gedenksong für Lady Di.“

Lulu stöhnt auf: „Bitte. Heute. Keine. Pop-Nerd-Diskussionen.“

„Lulu, wie würdest du dich denn fühlen? Nehmen wir an, Du bist Marylin Monroe. Du stirbst einen frühen glamourösen Tod. Und Elton John verfasst diesen bewegenden Nachruf auf dich – ‚Candle in the Wind’.“

„Der Text stammt von Bernie Taupin“, sage ich.

„Egal.“ Arthur trinkt seinen Wein wie Mineralwasser. „Die Menschen hören also jahrzehntelang täglich im Radio dieses Lied über dich, Norma Jean Baker. Dann verendet Diana in ihrem Tunnel. Und weil bis zum Begräbnis nicht mehr genug Zeit bleibt, einen neuen Song zu komponieren, schreibt Elton John die Eloge auf dich, die einzigartige Marilyn, einfach um. Wie skrupellos kann man sein!“

„Wenn Elton John jemals auch nur eine einzige Note für mich komponiert, reiße ich ihm sein Toupet vom Kopf bis das Blut gegen seine Louis XIV.-Tapete spritzt“, erwidert Lulu.

„Die frühen Sachen sind gar nicht so schlecht“, sage ich.

Arthur redet sich einmal mehr in Rage: „‚Goodbye Norma Jean’ wird einfach zu ‚Goodbye England’s Rose’ umgetextet. Es wundert mich, dass er nicht auch noch eine Version für Freddie Mercury gemacht hat. Oder für Rudolf Mooshammer. Oder für jeden, der im Home Shopping-Kanal eine bestellt.“

„Möchte noch jemand etwas Käse?“ fragt Charlotte.

Während draußen ein Blatt nach dem anderen von den Bäumen fällt, sitzen Lulu, Charlotte, Arthur und ich – sowie die kleine Dimona, versteht sich – in gemütlicher Chalet-Atmosphäre zusammen. Zwar ist Lulus Kreuzberger Wohnung eher minimalistisch eingerichtet, doch das Raclettegerät strahlt eine heimelige Wärme aus. Arthur konnte zudem in einem Geschenkartikelladen etwas Kunstschnee besorgen, welcher nun die Tafel schmückt. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, eine CD mit beliebten Aprés-Ski-Hits zu kompilieren. Auf dem Tisch stehen Blumen, die mein Freund und ich noch bei der prämodernen, ja, atavistischen, doch darum nicht weniger reizenden Händlerin auf dem Maybach-Markt erworben haben. Die Gastgeberin ließ uns allerdings nicht bloß durch die Blume wissen, dass sie Blumen, insbesondere Rosen und vor allem blaue Rosen prinzipiell ablehne, so dass Arthur den Strauß kurzerhand umwidmete und ihn seiner Freundin überreichte, begleitet von einer tiefen Verbeugung. Die Parallelen zur Elton-Marilyn-Diana-Affäre sind frappierend. Gleichwohl könnte die Stimmung bedrückender sein, obwohl ich keine Ahnung habe, was zwischen Arthur und der zukünftigen Mutter seiner Tochter eigentlich vorgeht. Charlotte sieht toll aus, man kann es nicht anders sagen. Sie schimmert geradezu, wirkt seltsam sanftmütig – ganz gleich, was Arthur so von sich gibt. Dimona steht ihr gut. Als einzige von uns vieren trinkt sie keinen Weißwein und lebt friedlich in ihrer besseren Bionade-Welt. Lulu hingegen erweist sich mal wieder als Anti-Charlotte.

„Kann bitte irgend jemand sofort diese Rosen entfernen?“ ruft sie jetzt.

Arthur tätschelt ihre Hand: „Wusstest du, dass Elton John einst in anderthalb Jahren fast 300.000 Pfund nur für Blumen ausgegeben hat?“

Lulu schlägt ihm mit ihrem heißen Käsepfännchen auf die Finger.

Er schreit auf: „Als ob ich nicht schon genug Verletzungen hätte! Aber ich lass’ mir den Mund nicht verbieten: Also, Elton wurde dann jedenfalls von seinem Finanzberater gefragt, ob er wirklich eine derart astronomische Summe in Blumen investiert hätte – und er antwortete nur: ‚Well, I like flowers’.“

Like a river that don't know where it's flowing
I took a wrong turn and I just kept goin'

„Warum ist dein Körper überhaupt so entstellt?“ fragt Lulu skeptisch. „Warst du in einem jüdischen S/M-Club?“

„Keine Details, bitte“, sagt Charlotte.

Ich trage nicht bei jedem Wetter Latexstiefel“, bemerkt mein Freund.

Einzig Arthur isst noch. Seine Freundin reibt sich seit längerem ihren hinreißenden Bauch, Lulu nimmt ohnehin keine Nahrung zu sich und ich habe ebenfalls bereits aufgegeben. Raclette ist schon eine fatale Sache. Doch Arthur hat weiterhin drei Pfännchen im Einsatz und schaufelt Käse in sich hinein, als wäre es seine Henkersmahlzeit.

„Arthur, du wirst bald fetter als Charlotte sein“, sagt Lulu.

„Ich mag Charlotte“, entgegnet er.

Seine Freundin quittiert dies mit einem müden Lächeln: „Ich hasse Bionade.“

Ich frage: „Lulu, wo hast du denn heute dein Palituch gelassen?“

„Ihr solltet mal Bionade mit Wodka probieren“, sagt sie.

„Was macht deine Kolumne?“

Lulu Lilienblum nennt sich zwar Schauspielerin, nachdem sie in einer Polizeiruf-Folge mal ein paar Sekunden als recht unislamisch bekleidete Leiche erschien, führt aber zugleich ein professionelles Leben jenseits der Kamera. So verfaßt sie zum Beispiel für das dubiose Magazin Delirious Dirt ein Weblog über ihr Liebesleben. Die Aufzeichnungen der Wiener Dirne Josefine Mutzenbacher muten dagegen wie Vorschullektüre an. Naturgemäß hören wir Lulus Geschichten immer wieder mit großer Begeisterung, am liebsten von ihr selbst. Heute beschreibt sie uns die neueste Episode, eine post-koitale Szene, in der ihr Kopf auf der schweißgebadeten Brust einer Ankerklausen-Bekanntschaft verharrt. Sie habe in diesem Moment, so Lulu, plötzlich ein ungewöhnliches Pochen und Vibrieren an ihrem Ohr wahrgenommen, das über den üblichen Herzschlag weit hinaus ging. Auf ihre irritierte Nachfrage hin, hätte ihr Lover ihr eröffnet, dass er seit einiger Zeit einen Herzschrittmacher tragen müsse – weil ihm die große Liebe seines Lebens gnadenlos das Herz gebrochen hätte und es nun eben nicht mehr richtig funktionieren würde. Darum der Herzschrittmacher, dessen Anschaffungskosten die Krankenkasse ihm aus unerfindlichen Gründen noch immer nicht erstatten wolle.

„So was kann nur ein Mann sagen“, behauptet Lulu.

Charlotte lacht: „Ich finde das eigentlich ganz charmant.“

Arthur befühlt seine lädierte Schläfe: „Das Herz ist so ziemlich das einzige, was mir nicht gebrochen wurde. Habt ihr während des Verkehrs wenigstens Tom Petty & The Heartbreakers gehört?“

Er füllt zwei Käsepfännchen mit Parmaschinken.

„Oder Heartbreak Hotel von Elvis ?“ ergänze ich.

„Arthur, hör auf zu essen“, sagt seine Freundin. „Du musst hier nichts beweisen.“

„Ich frage mich, was passieren würde, wenn man etwas Humus in einem dieser Pfännchen erhitzte“, sagt Arthur nachdenklich.

„Oder deine Traveling Wilburys-CD.“

„Das ist nicht witzig, Charlotte.“

„Von Frank Zappa gibt es einen Song mit dem Titel Broken Hearts Are For Assholes“, bemerkt Lulu.

Sie öffnet das Fenster, was das allgemeine Skihütten-Gefühl eher noch befördert, denn sofort strömt eisige Luft in den Raum. Ein Windzug bläst die Tischkerze aus. Lulu freut sich und gibt uns zum wiederholten Mal zu verstehen, dass auch Kerzen in jeder Form und Farbe mit ihren Prinzipien nicht vereinbar seien. Arthur isst und isst.

I met her in a Kingstown bar, we fell in love I knew it had to end

„Ich weiß auch nicht, warum ich immer so hungrig bin“, sagt er.

„In Eilat hast du an einem Tag mehr als achtzig Oliven gegessen“, bemerke ich.

„Früher war es noch schlimmer. Auf einer Kanutour in Norwegen habe ich als Teenager mal einen halben Elch verputzt.“

„Das glaube ich sofort.“

Mein Freund blickt melancholisch in die Runde: „Es war in jener Zeit, als ich in Oslo umherging und hungerte. In dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist. Oder einen Elch verspeist.“

„Mich wundert wirklich, dass du nicht fetter bist“, bemerkt Lulu.

„Früher bin ich immer erst dann vom Tisch aufgestanden, wenn die körperlichen Schmerzen so stark wurden, dass ich mich unter keinen Umständen mehr bewegen konnte. Das hat sich ein wenig gebessert. Aber ich leide ja auch immer unter diesem unstillbaren Durst.“

Arthur und ich probieren jetzt ebenfalls die Wodka-Bionade-Mischung und fühlen uns auf der Stelle sehr erfrischt.

„Ich bin sozusagen“, fährt mein Gegenüber fort, „eine Art Anti-Hungerkünstler. Ich habe noch keine Speise gefunden, die mir nicht schmeckt. Bei Aldi ist mir das kürzlich wieder aufgefallen.“

„Erzählt doch mal von Israel“, bittet uns Lulu. „Habt ihr nur gefressen und gesoffen, oder was?“

„Meistens schon“, erwidert Arthur. „Es gibt wirklich nicht so viel zu erzählen.“

„Das stimmt“, sage ich. „Irgendwie ist die Zeit wie im Flug vergangen, ohne dass wir große Abenteuer erlebt hätten.“

„Seid ihr wirklich mit den Delphinen geschwommen?“ fragt Charlotte.

Wir nicken. Ich muss an die purpurfarbenen Berge Jordaniens denken, das lichtblaue Rote Meer.

„Dimona hätte das auch gefallen“, meint Arthur.

„Wem?“ Charlotte schaut leicht verunsichert.

„Kann bitte mal irgendjemand einen Kaffee kochen? Ich bin noch mit Essen beschäftigt.“

Lulu und ich gehen also in die Küche, wo sie mir kurz um den Hals fällt – warum auch immer. Vermutlich ist nur der brennende Wodka schuld. Ich weiß: Lulu zu lange zu umarmen, kann gefährlich sein. Zumindest für mich. Barfuss tanzt sie nun wild durch die Küche, die Espressomaschine röchelt. Als wir an den Tisch zurückkehren, sitzt Charlotte mit einer Gesäßhälfte auf Arthurs Stuhl und streichelt seinen Rücken. Mein Freund isst weiter im Stile eines ausgehungerten Nachkriegskindes.

„Hier. Jeder nur einen.“ Lulu platziert eine Pappbox neben der Kaffeekanne.

„Ich hasse Glückskekse“, sagt Arthur.

„Bitte vergiss nicht, den Zettel vor dem Verzehr herauszunehmen, Schatz“, bemerkt Charlotte sanft.

Lulu hat ihren Keks bereits zerbrochen und die Fragmente auf Arthurs Teller gelegt.

Sie beherrschen es“, liest sie vor, „Kritik mit Witz und Charme zu verpacken. Na, toll.“

„Meiner ist noch schlimmer.“ Ich bin enttäuscht. „Nur ein Narr glaubt, dass Preis und Wert identisch sind.“

„Was für Arschlöcher“, murmelt Arthur mit vollem Mund. „Das ist ja geradezu eine Unverschämtheit.“

Charlotte verweigert die Keksannahme und lässt sich selbst durch massiven Druck nicht dazu bewegen. Sie hätte mal schlechte Erfahrungen mit Glückskeksen gemacht, so Arthurs Freundin, und könne gerade unter den gegebenen anderen Umständen darauf verzichten, diese zu wiederholen. Arthur trinkt Kaffee, Wodka-Bionade und Riesling und stopft zugleich Unmengen von Käse in sich hinein. Mit einer feierlichen Geste zerbricht er das gelbe Gebäckstück.

„Oh.“ Seine Miene nimmt einen theatralisch verängstigten Ausdruck an. „Das kann nicht sein.“

„Was steht denn drauf?“

„Das ist nicht möglich“, sagt mein Freund.

„Arthur, bitte.“

„Hier steht: Love Will Tear Us Apart.“

„Du bist ein Idiot”, sagt Lulu.

Ich stimme ihr zu, Charlotte schaut ihren Freund prüfend an.

Arthur starrt auf das winzige Stück Papier in seiner Hand: „Doch. Natürlich. Hier steht’s rot auf weiß. Love Will Tear Us Apart.“

„Zeig mal.” Lulu greift nach dem Glückskeks-Zettel.

„Auf gar keinen Fall. Diese Botschaft ist nur für mich bestimmt.“

„Gib schon her!“

Doch noch bevor Lulu Arthur den Zettel entreißen kann, hat mein Freund jedes einzelne Keksbruchstück auf seinem Teller verschlungen – und stopft sich dann den Zettel in den Mund.

„Du bist krank“, sagt Lulu.

Charlotte zweifelt: „Du hast den jetzt nicht wirklich verschluckt, oder?“

Arthur spült mit Wodka hinterher, das Papier bleibt verschwunden.

„Wir werden dir ein Brechmittel einflößen“, droht unsere Gastgeberin.

Er schüttelt den Kopf: „Diese Glückskekse sind gespenstisch. Ich meine: Wer ahnt denn so etwas!“

Everybody's got a hungry heart, everybody's got a hungry heart.

Zwei Stunden später: Das Raclette ist ähnlich wie Dianas Leichnam im Erkalten begriffen, in Lulus Wohnung indes herrscht erhöhte Temperatur. Arthur liegt nebenan, auf dem Futon, und schnarcht wie ein russischer Bär. Mitunter hört man ein Stöhnen, vereinzelt unverständliche, im Tiefschlaf ausgespuckte Worte.

„Sollten wir nicht vielleicht einen Arzt holen?“ fragt Charlotte.

„Du spinnst ja“, erwidert ihre Freundin.

„Besser einen Totengräber“, sage ich.

Ich bin inzwischen wirklich sehr betrunken, Lulu steht mir in nichts nach. Einzig Bionade-Charlotte ist noch bei Sinnen, tanzt aber trotzdem ausgelassen mit uns zu Supremes- und Siouxsie-Songs. Aprés-Ski-Stimmung vom Feinsten. Lulu zückt irgendwann ihr Powerbook und lädt eigens um den schlafenden Arthur zu ärgern, die 1997er-Diana-Version von „Candle in the Wind“ aus dem Netz herunter. Und während die Gastgeberin wortgewaltig mit ihrem Herzschrittmacher telefoniert, tanzen Charlotte und ich engumschlungen zu Eltons bittersüßer Melodie. Mir fällt auf, dass ich zum ersten Mal mit einer schwangeren Frau tanze, zumindest bewusst, und es fühlt sich ziemlich gut an. Never fading with the sunset when the rain set in. Sie berichtet mir von ihrem Sommer, von ihrer Agentur-Misere. Dass übergroße Kleid was sie trage, erzählt Charlotte, habe Arthur ihr aus Tel Aviv mitgebracht. Es ist mir völlig schleierhaft, wann mein Freund diesen Einkauf getätigt haben soll. Vielleicht am letzten Vormittag, das wäre möglich – nach Breakfast Club und Jewish Princess. Allerdings besaß er zu diesem Zeitpunkt schon keinen einzigen Schekel mehr, es könnte sich also um Diebesgut handeln. Nun, Charlotte, die wärmer ist als eine Wärmflasche, wäre das wahrscheinlich auch egal: Nur ein Narr glaubt schließlich, dass Preis und Wert identisch sind.

„Seit ihr zurück seid“, sagt sie plötzlich, „haben Arthur und ich noch nicht eine einzige Nacht zusammen verbracht.“

„Heute schläft er wohl bei Lulu“, sage ich und stoße im Tanzen eine Kerze um.

Charlotte schaut mich direkt an, während wir einander in den Armen liegen, mit schmerzhafter Intensität. Ich wende mich ab, blicke nach draußen. Die Fenster der Nachbarn sind hell erleuchtet.

Was ist in Israel eigentlich passiert? fragt sie mich.


Balagan Blues kann nicht umhin, auf folgenden hilfreichen Link zu verweisen:

http://iq.lycos.de/qa/show/405173/Was+ist++eine+%2522Postmoderne+Frau%2522%253F/