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Dienstag, 4. Dezember 2007

Licht und Blindheit

„Berlin“, sagt David Bowie, „ist eine Stadt voller Bars für traurige, enttäuschte Menschen – das liebe ich.“ Auch im Quatro Stagione all’Inferno, wo Arthur nun als Pizzabäcker am Ofen dilettiert, herrscht einmal mehr gedrückte, wenngleich liebenswürdige Stimmung. Tim Verlaine, der Besitzer, lehnt wie immer mit seinen langen dünnen Gliedmaßen an der Bar, raucht und starrt ins Leere. Vielleicht glaubt er, wie ein Killer aus dem Film Der Clan der Sizilianer auszusehen, doch er bleibt nur ein trauriger Harlekin. Mitunter wechselt Tim die Musik oder ruft meinem schwitzenden Freund, der kurz vor einer verheerenden Eruption zu stehen scheint – nicht zuletzt, weil er bei der Arbeit ein buntes Quatro Stagione all’Inferno-T-Shirt tragen muss –, ein Kommando zu. In einer Ecke sitzt ein Paar mit einem Dackel, das Bionade trinkt. Arthur trinkt Absinth. Die Beleuchtung ist – vermutlich aufgrund von Sparzwängen – auf ein Minimum heruntergedimmt. Dies alles sehe ich durch die beschlagene, milchige Scheibe, bevor ich den Laden betrete.

Arthur blickt auf, mit finsterer Miene: „Du brauchst dich hier gar nicht blicken zu lassen. Du bist an allem schuld.“

„Hallo, Arthur! Hallo, Tim!“

„Wenn du Charlotte im Rausch nichts von Dimona erzählt hättest, wären wir jetzt noch zusammen.“

Keine Reaktion von Tim. Er lehnt am Tresen wie ein Blinder. Ein Blinder der sich zusätzlich zu seinem nicht vorhandenen Sehvermögen noch Wachs in die Ohren stopft, um die Außenwelt mit ihren Finanzbehörden, Gesundheitsämtern und geizigen Gästen komplett auszuschalten und fortan in ewiger Dunkelheit zu leben. Ich nehme auf einem Barhocker Platz und frage freundlich:

„Wie läuft denn das Pizzabacken?“

Da Arthur sich einer Antwort enthält, füge ich noch hinzu:

„Also, zunächst mal kann ich mich nicht erinnern, Charlotte von deiner Namensidee berichtet zu haben.“

„Schwachsinn! Man kann sich an alles erinnern, wenn man nur will.“

„Außerdem hättet ihr die Namensfrage sowieso bald besprechen müssen. So ein Kind darf nicht lange namenlos bleiben. Aber das ist ja ohnehin alles vollkommen egal – Charlotte hat sich ganz sicher nicht von dir getrennt, weil du eure Tochter nach einer Atomwaffenfabrik taufen wolltest. Ich hätte auch gerne einen Absinth.“

„Clara!“ Arthur schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Meine Tochter wird ‚Clara’ heißen! Das ist der größte anzunehmende Unfall.“

„Es ist vor allem der größte anzunehmende Zufall. Das glaubt kein Mensch, wenn ich es aufschreibe. Weiß Charlotte wirklich nichts von Klara? Vielleicht hat sie einen alten Liebesbrief in deinem Schuhkarton entdeckt?“

„Glaubst du, wenn sie von Klara wüsste, würde sie unsere Tochter so nennen? Das wäre ja Irrsinn. Außerdem hat Klara mir nie auch nur einen einzigen Liebesbrief geschrieben.“

„Ach ja.“

Clara wird mich Papa rufen. Mein Gott, das ist der Untergang.“

„Ich gehe mir jetzt einen Schuss setzen“, sagt Tim Verlaine, bewegt sich jedoch nicht von der Stelle.

Arthur hat mir Charlottes letzten Liebesbrief gezeigt. Ihre Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich fürchte, unsere Suche ist vorbei. Sollte Charlotte wirklich wegziehen, nach Paris beispielweise, wären wir beide, Arthur und ich, wieder allein. Und ‚Clara’ wäre in der Tat ein noch absurderer Name als ‚Dimona’.

„Vielleicht kannst du ja wenigstens den Namen verhindern“, sage ich. „‚Clara’. Dafür ist es noch nicht zu spät.“

„Es ist für gar nichts zu spät. Wenn Charlotte mich wirklich liebt, kann sie mich nicht verlassen. Liebe macht blind.“

„Und Liebe vergisst nicht. Wenn sie in der Agentur kündigen kann, kann sie auch dir kündigen.“

„Nein. Nein, nein, nein! Das macht keinen Sinn. Das ist alles auch eine Folge der Schwangerschaft und dieser ständigen hormonellen Achterbahnfahrt. Scheiße!“ Arthur schreit auf, fast fällt ihm die Pizzapfanne aus der Hand. „Schon wieder! Ich habe mich heute schon dreimal an diesem verdammten Ofen verbrannt!“

„So merkst du wenigstens, dass du am Leben bist“, meint Tim. „Hast du doch selbst gesagt. Nimm nicht so viele Sardellen.“

„Genau!“ Arthurs Augen blitzen. „Ich bin noch am Leben und ich gebe nicht auf. Ich werde Charlotte eine Pizza backen.“

Ich muss, bei aller Wehmut, lachen: „Du willst sie mit einer Pizza zurückgewinnen? Nach diesem Brief?“

„Es wird ja nicht irgendeine Pizza sein. Außerdem ist es der perfekte Vorwand, bei ihr vor der Tür zu stehen, als Pizzabote sozusagen. Sie liegt ja offensichtlich zuhause im Bett.“

„Dieser Brief liest sich eher wie das Gegenteil einer Pizzabestellung bei dir.“

Tim erhebt sich seufzend: „Wenn du weiter so viele Sardellen nimmst, kann ich den Laden morgen schließen. Aber das kann ich ja sowieso.“ Er wechselt die Musik.

Drei, vier klirrende Pianotöne. Ich weiß sofort, was wir jetzt hören: die vielleicht deprimierendste Platte aller Zeiten, Lou Reeds Berlin. Der schwarze Nachfolger seines Glamrock-Albums Transformer. Doch wenn man vom Glamrock den Glamour abkratzt, Make-up und Goldlack entfernt, kommt darunter nicht einfach wieder Rock zum Vorschein, sondern eben ein Werk wie Berlin. Rock’n Roll, der durch die Hölle gegangen ist und nun erbarmungslos – mit schmutziger Sentimentalität – von diesem Ausflug erzählt. Ähnlich wie Bowie Jahre später, singt auch Lou Reed von den traurigen, enttäuschten Menschen in den Bars dieser Stadt. Berlin ist die abgründige Geschichte eines Junkie-Paares im Schatten der Mauer. Anders als Bowie, der zu „Heroes“-Zeiten eine Wohnung mit zehn schwarzgestrichenen, lichtlosen Zimmern in Schöneberg bewohnte und ab und zu wie Charlotte durch den Grunewald streifte, kannte Lou Reed Berlin überhaupt nicht. Der Titel ist eine Discounter-Metapher für alles, wofür die Stadt im Jahr 1973 vermeintlich oder tatsächlich steht: Zerrissenheit. Zorn. Sprachlosigkeit. Eifersucht. Dekadenz. Und Heroin, natürlich. Warum Selbstmord machen, wenn man diese Platte kaufen kann.

„Gute Wahl“, sage ich zu Tim. „Sehr erfrischend. Genau das, was dieser optimistische Laden braucht.“

„Was mein Laden braucht, sind Gäste, die mehr als eine Bionade trinken.“ Er gibt sich keinerlei Mühe, seine Stimme zu senken. „Oder einen Idioten, der ihn mir abkauft.“

„Eine Pizza Hawaii, bitte!“ sagt Aaron, der im selben Augenblick – wie immer milde lächelnd – das Quatro Stagione all’Inferno betritt. Sophie ist auch dabei. Sie trägt eine gigantische Tasche über der Schulter und ein paar Schneeflocken im schwarzen Haar. Ihr Gesicht ist wintergerötet. Sie lächelt ebenfalls, und zum wiederholten Mal frage ich mich, ob Aaron und diese Sophie eigentlich zusammen sind oder nicht und was sie eigentlich in ihrer Tasche hat.

„Das ist hier nicht das Paradise“, entgegnet Arthur grinsend. Im Gegensatz zu mir schafft es Aaron zuverlässig, ihn zum Lachen zu bringen. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden nicht so eng befreundet sind. Mein Freund fährt fort: „Hier gibt’s nur allerfeinste Pfannenpizza ohne Ananas, dafür mit Dosenchampignons und all-you-can-eat-Sardellen.“

„Wenn du noch einen einzigen Schluck Absinth trinkst“, murmelt Tim, „bist du gefeuert.“

„Ich möchte auch Absinth trinken“, sagt Sophie. „Kann ich hier irgendwo mein Gepäck abstellen? Das ist die winzigste Pizzeria, in der ich jemals war.“

Der Wirt stöhnt auf, nimmt Aarons Freundin jedoch die schwere Tasche ab und stellt diese mit schmerzverzerrtem Ausdruck irgendwo hinten in der Küche ab.

„Wo ist das Narbengesicht?“ fragt Aaron. „Wo ist Charlotte?“

Arthur deutet auf die Brandnarben an seinen Unterarmen.

„Charlotte hat ihre Tage“, sagt er dann.

„Was ist denn nun eigentlich mit unserer Norwegenreise?“ will ich wissen.

„Ist praktisch alles klar. In zehn Tagen oder so geht’s los. Ich sag’ euch noch mal Bescheid. Zieht euch warm an.“

„Ich würde auch mitkommen.“ Sophie reibt sich die Hände. „Ein bisschen im Dunkeln sitzen. Den Mond anheulen. Selbstgebrannten Schnaps trinken. In Berlin hab ich zu all dem keine Lust.“

„Der Norweger von heute“, sagt Aaron, „trinkt keinen Brennspiritus mehr, sondern erlesensten Champagner. Niemand wird heute noch blind. Und das Licht ist gerade auch zu dieser Jahreszeit einfach fabelhaft.“

„Wie geht das jetzt genau?“

Ich zeige Sophie, deren apartes Gesicht noch immer glüht, wie das feuerfreie Absinthritual vonstatten geht. Wir erfreuen uns am Louche-Effekt, der das grüne Getränk milchig-undurchdringlich einfärbt und Klarheit und Vernunft in Blindheit und Delirium verwandelt.

„Komm’ doch mit“, sage ich plötzlich zu Sophie. „Nach Norwegen. Es wird bestimmt lustig. Was ist eigentlich in der riesigen Tasche, die du immer mit dir herumträgst?“

„Dieser Song handelt von Nico“, bemerkt Arthur ebenso unvermittelt, indem er recht sinnfrei auf Tims Stereoanlage deutet. Er hat uns gar nicht zugehört. „Das behauptet Charlotte jedenfalls immer. Von Nico und ihrem Sohn.“

Da das Bionade-Paar verschwunden ist und Tim Verlaine sich in der Küche versteckt, stellt mein Freund das Pizzabacken ein und setzt sich zu uns an die Theke.

„Natürlich.“ Aaron nickt. „Das ist ein Lied über Nico und Ari. Ein Abschiedsbrief. Der letzte Liebesbrief. Wobei Lou Reed ziemlich abgefuckte Liebesbriefe schreibt.“

„Dieser Sohn, den sie mit Alain Delon hatte, muss auch ziemlich abgefuckt sein“, sagt Sophie. „Wir haben ja letztes Mal mit Charlotte schon darüber gesprochen.“


„The Kids“ ist das achte und wohl unerträglichste Lied auf Berlin. Und natürlich hat Charlotte recht – zum ersten Mal fällt mir auf, dass „The Kids“ eigentlich nur von „Le Kid“ handeln kann. Oder Christian Aaron Päffgen Delon Boulogne. Wie auch immer dieses Unglückskind heißen mag. Es erzählt von Andy Warhols allerschönster Frau und Lou Reeds zeitweiliger Geliebten Nico und ihrem albtraumhaften Leben. Nicht mal die Vergewaltigung durch einen GI in ihrer Jugend wird dabei ausgespart. „That miserable rotten slut couldn't turn anyone away”, erklärt Lou mit trauernder, tonloser Häme. Und dann beschreibt er, wie der Junkie-Mutter im Song ihre Kinder weggenommen werden. Dass dabei von einer Tochter die Rede ist, spielt keine Rolle, denn Lou meint offenkundig Nicos Ari, dessen Existenz als eine Art Maskottchen der Warhol-Factory in New York auf diese Weise beendet wurde. Obwohl Alain Delon seinen Sohn niemals anerkannte, ließ ihn seine Mutter – Aris Großmutter –, die aus der Klatschpresse von den Factory-Exzessen erfahren hatte, nach Frankreich entführen, wo er nicht mehr von Nicos bunten Pillen naschen konnte. Und so kam es, dass „Le Kid“ in einem Pariser Kleinbürgervorort aufwuchs. Als Adoptivsohn eines Metzgermeisters. Delon verstieß daraufhin nicht nur seinen Sohn, sondern auch seine eigene Mutter, die trotzdem allabendlich mit Ari Alain Delon-Filme im Fernsehen schaute. „Ich habe keinen Vater“, sagt „Le Kid“ heute. Noch schlimmer: Er hat nicht mal einen Namen. Deshalb nennt er sich ‚Ari’, einfach nur ‚Ari’, so wie seine Mutter immer nur ‚Nico’ hieß und ‚Klara’ immer nur ‚Klara’.

„Diese Schreie sind ja fürchterlich“, sagt Sophie, während aus den Boxen infernalisches Kindergebrüll ertönt – Kinder, die nach ihrer Mutter rufen.

„Allerdings“, erwidert Aaron. „Das liegt daran, dass sie echt sind.“.

Der Produzent des Tracks, erläutert er, hätte auf der Suche nach einem besonders haarsträubenden Effekt seinen Kindern mal eben erzählt, ihre Mama sei bei einem furchtbaren Autounfall ums Leben gekommen. Bei den Schreien, die letztlich auf der Platte zu hören sind, handele es sich um ihre verständlicherweise entsetzte Reaktion auf diese frei erfundene Unglücksbotschaft.

Aaron nippt an seinem Absinth: „Berlin ist nicht nur Lou Reeds bestes, sondern auch sein mit Abstand zynischstes Album.“

„Ich kann mir gut vorstellen“, bemerkt Sophie, „dass Ari so geschrieen hat, als er aus der Factory in diesen Fleischerhaushalt entführt wurde. Das ist ja Kidnapping.“

„Du verbreitest mal wieder Mythen“, sage ich zu Aaron. „Der Produzent hat seine Kinder einfach nur gebeten, ein bisschen zu schreien. Deine Geschichte ist zwar gut, aber schlicht und einfach unwahr.“

Keine Zweifel gibt es hingegen daran, dass Ari, der namen- und vaterlose Sohn, nicht für immer im Haus seiner Oma in Bourg-la-Reine blieb. Jener Oma, deren zweiter Ehemann nun offiziell sein Vater war, die ihn selbst jedoch nicht adoptieren konnte, da sein leiblicher Vater, Alain Delon, ja dann zu Aris Bruder mutiert wäre. Was für ein Balagan. Ari flüchtete, noch als Teenager, zu Nico nach New York. Sie zogen weiter, Hand in Hand, Richtung Nordengland, wo Mutter und Sohn Bett und Spritzbesteck teilten. Und dort, in Manchester, traf Ari Päffgen Ian Curtis, den Sänger von Joy Division.

An keinem Ort der Welt war Nico so glücklich wie in dieser grauen, drogenverseuchten, dabei auf entfesselte Weise kreativen Stadt. Auch in Manchester gab es ja eine Factory – Tony Wilsons neugegründetes Label Factory Records. Die wahren New Romantics, die Helle und Erleuchtung in den Schattenwelten verrotteter Industrieruinen suchten. Angeregt durch den Manager seiner Mutter, Alan Wise, stand Ari eines abends vor der Tür von Ian Curtis’ Reihenhaus und fragte ihn, was der Titel „Love Will Tear Us Apart“ – der Song war offiziell noch nicht erschienen, kursierte jedoch bereits in der Stadt – bedeutete. Ian sagte es ihm. Die beiden tranken Tee und schluckten alles, was gerade im Medizinschrank parat lag. Und viel später, in der Morgendämmerung, sangen sie gemeinsam das „Deutschlandlied“ – jene Hymne, die auch bei Ians Hochzeit gespielt worden war und die Ari, der sonst kein Wort Deutsch sprach, von seiner Mutter kannte. Nico widmete das Lied bei Auftritten gerne Andreas Baader. Ari und Ian sangen „Deutschland, Deutschland über alles“, schworen sich ewige Freundschaft. Doch bereits in der Folgewoche erhängte sich Ian Curtis und Ari lag wieder mit seiner Mutter im Bett. Auch als Nico, die Nokturnen-Königin, mit schwarzem Kopftuch und schwarzen Lederhosen im gleißenden Sonnenlicht der Balearen vom Fahrrad fiel, war ihr Sohn nicht weit. Er küsste ihre Augen und kotzte. Kurz zuvor hatte sie noch mal das „Deutschlandlied“ vorgetragen, unter einem Elektromond, in der künstlichen Finsternis des Berliner Planetariums. An ihrem Grab auf dem Friedhof der Namenlosen sang Ari nun „Mütterlein“. Oder er spielte die Kassette mit der Stimme seiner Mutter ab. Niemand weiß das mehr so genau, niemand kann sich erinnern.

„Was ist danach mit Ari passiert?” fragt Sophie und rührt in ihrem Absinthglas.

„Das kann ich dir genau sagen“, erwidert Arthur seufzend. „Charlotte hat es mir tausendmal erzählt. Bevor sie mich verlassen hat.“

„Was?“

„Also, Nicos Manager, der später auch mit den verbliebenen Joy Division-Mitgliedern auf Tour ging, kümmerte sich darum, dass Ari nicht nur ihre Schulden, sondern auch ein paar Tantiemen erbte. Als Ari die ersten Tantiemenzahlungen erhielt, gab er das Geld sofort für Heroin aus. Von da an nahm er täglich ein Gramm. Er ließ sich in Paris in die Psychiatrie einweisen. Kam runter vom Junk. Dann lag ein Scheck von Velvet Underground in seinem Briefkasten, mit dem er sich ein Ticket nach Raroia leistete.“

„Raroia?“

„Das ist natürlich auf Tahiti. Dort konsumierte Ari Valium, Pot und Bier, wurde zusammengeschlagen und verhaftet und jemand versuchte, ihn mit einer Harpune zu töten. Zurück in New York, verlor er dann völlig den Verstand. Auf Staten Island fiel er von einer Getreidemühle. Seitdem hat er Unmengen Metall in seinem Körper. Im Winter, den er auf der Straße verbrachte, fiel er auch noch in den Hudson River. Jedes Mal wurde er zufällig gerettet, wie eine Katze mit neun Leben.“

„Wie sein Vater, der Leopard“, sagt Sophie.

„Er hatte kein Geld und keinen Pass. Die Polizei brachte Ari wieder in die Psychiatrie, wo er Elektroschocks bekam. Ein Freund holte ihn da raus. Dann wieder Paris. Sein Vater, dieses rechtsradikale Schwein, verstieß ihn ein weiteres Mal. Und so weiter und so fort. All the children are insane. Und außerdem schreibt Ari seit 25 Jahren an einem Roman, der Sordide Sentimental heißen soll und garantiert nie erscheinen wird.“ Arthur schlägt mit der flachen Hand auf den Tresen. „Mir wird es bald ähnlich gehen, fürchte ich, wenn meine Tochter als ‚Clara’ auf die Welt kommt. Das ist der letzte Kick, den ich noch brauche, um genau den gleichen Weg zu gehen wie Ari Delon. Obwohl meine Mutter keine teutonische Chanteuse ist.“

„Es ist erstaunlich“, sage ich, „dass Alain Delon Herzprobleme hat. Das dürfte rein biologisch gar nicht möglich sein.“

„Das ist so, als würde ich unter erektilen Störungen leiden“, meint Sophie.

Aaron flüstert beschwörend, wie er es mitunter tut: „Mahnend zieht die Nacht den Mantel vor des Unterganges Tore und die Herzen fühlen alle, wer verloren, wer gewonnen.“

„Noch jemand Absinth?“ Arthur hält die Flasche hoch. „Geht aufs Haus.“

„Nein, geht er nicht“, ruft Tim, der aus der Küche kommt. „Hier geht gar nichts aufs Haus.“ Er macht die Musik aus, die Kinder sind still, selbst Lou Reed schweigt. „Gleich kommt mein Vater“, fügt der Besitzer noch müde und beinahe ängstlich hinzu. „Er ist ein bisschen eigen.“

„Aaron, mein Freund.“ Arthur legt seinen Arm um den Paradise-Barmann. „Wenn du eine Frau mit einer Pizza zurückgewinnen wolltest, welche Pizza würdest du dann backen?“

„Das kommt auf die Frau an.“ Aaron lacht.

„Nehmen wir mal an, bei dieser Frau handelt es sich um Charlotte.“

„Was ist denn mit Charlotte?“ fragt Sophie, die ich sehr gern mal ohne Aaron und ohne Arthur in einer weniger traurigen Berliner Bar treffen würde, doch in diesem Moment geht die Tür auf, eine eisige Winterböe weht in den Raum und von draußen aus der Finsternis tritt Tims Vater humpelnd ins Quatro Stagione all’Inferno.

Freitag, 26. Oktober 2007

Blutsbrüder

„Lass uns Abschied nehmen“, sagt Arthur. „Mein Herz fühlt mehr, als ich mit Worten sagen kann.“ Er schaut mir direkt in die Augen, sehr ernst und voller Zärtlichkeit: „Wir sind Männer, also weinen wir nicht. Und wenn ich dann tot bin und du dich den anderen Menschen widmest, von denen keiner dich so lieben wird, wie ich dich liebe, so denke zuweilen an deinen Freund und Bruder Arthur Müller, der dich jetzt segnet, weil du ihm ein Segen warst.“

„Hör’ bitte auf damit. Du bist verrückt. Was redest du da?“

Dabei frage ich mich, und die Frage lässt mich innerlich erbeben: Was ist das hier für eine Landschaft? Überall Steine und Geröll. Ein Flackern in der Abenddämmerung, als stünde der Himmel in Flammen – wie man es aus flämischen Ölgemälden kennt. Das Höllenlicht des Westens. Das letzte Licht. Es ist ein Gebirge, das ich noch nie gesehen habe und doch genau zu kennen glaube. Arthur legt mir tatsächlich die Hände auf die Stirn. Ich höre, dass er nur mit Mühe das Schluchzen unterdrücken kann und reiße ihn aus einem plötzlichen Impuls heraus mit beiden Armen an mich, indem ich weinend hervorstoße:

„Arthur, es ist ja nur eine Ahnung, ein Schatten, der vorübergeht. Du musst bei mir bleiben. Du darfst nicht fort! Wie soll ich denn ohne dich die postmoderne Frau finden?“

„Ich gehe fort“, antwortet er leise. „Folge dem Fisch. Wir laufen auf brennendem Wasser.“

Und in diesem Moment bemerke ich das Blut, das ihm aus allen Poren rinnt, als wäre mein Freund von einer Maschinengewehrsalve durchlöchert worden. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, wer ihn gemeuchelt hat, vielleicht sind einfach nur die Umstände schuld, doch mir wird klar: Er wird sterben. Deshalb sind wir hier. Ein Schmerz erfasst mich, wie ich ihn in meinem ganzen Leben nicht gefühlt habe.

Romeo loved Juliet, Juliet she felt the same
When he put his arms around her, he said "Julie, baby, you're my flame"

„Noch wird Hoffnung sein, mein Bruder“, tröste ich ihn – obwohl ich es, wenn ich ehrlich bin, besser weiß.

„Mein Bruder lege mich in seinen Schoß“, erwidert Arthur, und ich merke, dass er es ernst meint. Ich platziere also seinen blutwarmen Schädel zwischen meinen Beinen. Er röchelt und spuckt, ich spüre seinen heißen Atem. Dass das Ende so kommen musste, denke ich, in diesem düstern leuchtenden Todesgebirge. Was für ein Balagan. Und auf einmal merke ich: Wir sind gar nicht alleine. Ein paar Meter entfernt steht Pocahontas, die aussieht wie Lulu, oder umgekehrt. Pocahontas, die – ihrem Namen gemäß – immer alles durcheinander bringt. Sie schweigt, mustert uns prüfend, ist nackt bis auf die Prada-Gummistiefel. Ich will um Hilfe schreien, Pocahontas soll den Notarzt holen, wie auch immer, oder Charlotte oder Klara – vielleicht könnte Klara helfen. Doch jedes Mal, wenn ich sprechen will, bleibe ich stumm. Mir ist so übel, dass ich keine Silben formen kann. Tränen laufen über mein Gesicht. Anscheinend kann ich nur mit Arthur reden: Arthur, der stirbt wie ein verblutendes Raubtier.

„Hat mein Bruder noch einen Wunsch?“ frage ich ihn.

„Mein Bruder vergesse unsere Suche nicht. Bitte, jemand möge das Lied von der Königin des Himmels singen! Bitte!“

Ich starre auf Pocahontas’ kleine feste Brüste. Alles dreht sich, alles flackert. Ihr Blick ist spöttisch. Sie wird bestimmt nicht für uns singen. Doch ganz ohne mein Zutun ertönt schon eine Stimme aus dem Off, sie klingt nach Chris de Burgh, wenn Chris de Burgh des Deutschen mächtig wäre, und Chris de Burgh singt engelsgleich:

Madonna, ach, in deine Hände

Leg ich mein letztes, heißes Flehn:

Erbitte mir ein gläubig Ende

Und dann ein selig Auferstehn!

Ave, ave Maria!

Das Flackern rundherum erlischt. Friede kehrt ein. Am Himmel erscheint das feine, gütige Antlitz der Princess of Wales. Als der letzte Ton verklungen ist, will Arthur sprechen, doch es geht nicht mehr. Er, der immer so viel und so sinnlos und so zauberhaft geredet hat, bringt kaum noch ein Wort heraus. Ich streiche ihm durchs Haar, halte mein Ohr ganz nah an seinen Mund, und mit der letzten Anstrengung der schwindenden Kräfte flüstert er:

„Charlie, ich glaube an den Heiland. Arthur Müller ist ein Christ. Lebe wohl.“

Charlie? Wieso Charlie? Ich bin nicht Charlotte. Arthur, bitte!“

Es geht ein konvulsivisches Zittern durch seinen Körper; ein Blutstrom quillt aus Arthurs Mund. Ich küsse seine Lippen, die sich wie zarte Frauenlippen anfühlen. Mein Freund drückt nochmals meine Hände und streckt seine Glieder. Dann lösen sich seine Finger langsam von den meinigen – er ist tot. Pocahontas macht eine lockende Handbewegung, doch ich kann mich auf keinen Fall von der Stelle rühren. Meine Augen sind geschlossen. Ich will sie mit aller Kraft aufreißen, vergeblich, die Lider sind heiß, sind tränenverklebt. Als es mir endlich gelingt, fühle ich etwas Pelziges auf meinem Gesicht, eine Art Tatze. Ein schweres Gewicht drückt mich nieder, immer tiefer in den Abgrund. Es dauert mindestens zwanzig Sekunden, bis ich begreife, dass Arthur nicht tot ist und auch nicht durchlöchert, sondern durchaus vital auf mir liegt. In seinem Löwenkostüm. Fauchend. Draußen scheint es noch dunkel zu sein.

„Aufstehen!“ Er fährt mir mit der Pelzpranke übers Gesicht. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wir müssen bei Lulu sein, bevor sie sich verstecken kann.“

Obwohl dieser fraglos epochale Albtraum zum Glück vorbei ist, kann ich nicht sprechen. Ich fühle mich kraftlos wie ein Häftling nach sechs Wochen Hungerstreik. Keine Chance, Arthur, den König der Löwen, von meinem Körper und aus meinem Bett zu werfen. Mein Kopf glüht, das Kissen ist durchnässt. Sollte ich jemals wieder so einen Fiebertraum haben, bringe ich mich um, denke ich. Oder ich leiste mir mal eine nette kleine Analyse. Oder nehme Drogen, welche Träume an sich konsequent ausblenden. Aber nie wieder so einen Traum.

„Wie spät ist es denn?“ frage ich heiser. „Ich glaube, ich bin krank. Geh’ weg.“

Arthur rollt tatsächlich vom Bett auf den Boden, die Erleichterung ist groß. Er nimmt den lächerlichen Löwenkopf ab.

„Es ist gleich sieben“, sagt er. „Wir müssen los.“

„Du willst Lulu um diese Uhrzeit aus dem Bett holen? Bist du jetzt völlig geistesgestört?“ Meine Stimme gehorcht mir noch immer nicht so recht.

Arthur schält sich nun auch aus dem unteren Teil des Kostüms, unter dem er nichts als Shorts trägt. Er wirkt ein wenig angespannt.

„Erstens bin ich schon seit drei Stunden wach und starre auf das Kate Moss-Poster an deiner Wand. Zweitens habe ich Hunger und es gibt nichts zu essen. Und drittens sollten wir uns ein Beispiel an den Bullen nehmen. Die klingeln auch immer frühmorgens, wenn sie jemanden unbedingt antreffen wollen. Falls Charlotte bei Lulu ist, wird sie jetzt auf jeden Fall da sein.“

Ich ziehe mir die Decke über das Gesicht.

„Klar“, sage ich, „sie werden uns sicher herzlich empfangen. Mit Kaffee und Croissants. Außerdem ist das da an der Wand nicht Kate Moss, sondern Charlotte.“

„Ich dachte eher an Champagner und Lachs.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, was ich geträumt habe.“

Captain Smith and Pocahontas had a very mad affair
When her Daddy tried to kill him, she said "Daddy-O don't you dare"

Nach unserem Besuch im Aquarium folgten wir gestern pflichtbewusst dem Python-Orakel und setzten die Schlüssel- und Charlotte-Suche in Kreuzberg, in der Ankerklause fort. Dort erinnerte man sich sehr wohl an Arthur, schließlich hat er in diesem Laden schon mehr Fassbier getrunken, als in den Landwehrkanal passen würde. Die zungengepiercte Kellnerin, mit der mein Freund in jener verlorenen Nacht angeblich ein anregendes Gespräch über Gartenarchitektur geführt haben wollte, vertrat allerdings beharrlich den Standpunkt, erst vor zwei Tagen aus dem Karibik-Urlaub zurückgekehrt zu sein, wofür auch ihre bronzefarbene Gesichtshaut sprach. Außerdem, so die Kellnerin, ginge ihr Gartengestaltung wie kaum ein anderes Thema am Arsch vorbei.

„Mir eigentlich auch“, sagte Arthur. „Das ist ja das Seltsame.“

„Was hast du nur gemacht?“ fragte ich. „Alles, woran du dich erinnerst, ist niemals passiert.“

„Wir müssen also das finden, woran ich mich nicht erinnern kann.“

Der Schlüssel lag natürlich nicht im Anker. Die Schlange, das schien offenkundig, hatte uns auf eine falsche Fährte gelockt, denn auch Charlotte zeigte sich nirgends. Wir tranken also drei, vier Bier, erfreuten uns an der Jukebox und gingen dann zu Fuß zu Lulus Wohnung, dem nächsten blauen Stern auf unserer Karte, dem nächsten potentiellen Charlotte-Versteck. Doch niemand machte auf, obwohl Arthur sogar ein paar Kanalkieselsteine gegen das dunkle Fenster warf. Seinen Plan, eine gute halbe Stunde später ein weiteres Mal – diesmal, zwecks besserer Tarnung, im Löwenkostüm – an die Tür zu klopfen, konnte ich ihm erstaunlicherweise ausreden.

„Wenn sie nicht da ist, ist sie nicht da“, sagte ich. „Und wenn Charlotte dich nicht sehen will, will sie dich nicht sehen.“

„Glaubst du, Pete hätte sich davon abhalten lassen? Manchmal muss man hartnäckig sein.“

„Pete hätte sie mit Blut bespritzt.“

„Morgen früh versuchen wir es wieder.“

Nach weiteren fünf Minuten unter der Decke gelingt es mir tatsächlich, mich aus dem Bett zu erheben. Alles tut weh, innen wie außen. Ich versetze dem Löwenkostüm am Boden einen Tritt und wanke zur Dusche, Traumfetzen geistern wie ein Flackern auf der Netzhaut durch mein Hirn. Mein blutender Freund. Das düstere Gebirge. Die kleinen Kate Moss-Brüste der Häuptlingstochter Lulu-Pocahontas, die alles durcheinander bringt.

„Na also“, freut sich Arthur.

Ich habe keine Lust, aufzustehen. Ich habe keinerlei Bedürfnis, jetzt, zu dieser unchristlichen Zeit, bei der Frau zu klingeln, mit der ich einmal den Sex meines Lebens hatte, was sie aber – so steht zu fürchten – für ihre Person ein wenig anders formulieren würde. Ich bin dieser ganzen, unsternbedrohten Suche müde. Aber ich stehe auf – und ich verrate auch, wieso:

Ich will, dass Arthur und Charlotte wieder zusammenkommen. Ich will wieder Zeit mit den beiden verbringen und vielleicht ab und zu ein paar Abenteuer mit ihnen erleben. Ich will nicht, dass Charlotte, Lulu und sogar Dimona für immer aus meinem Leben verschwinden. Ich will, dass diese Geschichte wie ein verfluchter Hugh Grant-Film endet. Wie ein Chris de Burgh-, nicht wie ein Joy Division-Song. Das liegt mir irgendwie im Blut, ich kann es nicht ändern. Doch wie mein Freund Arthur am Flughafen Tempelhof erklärte: Ein sentimentaler Mensch glaubt, die Dinge blieben so, wie sie sind. Ein romantischer Mensch hingegen vertraut verzweifelt darauf, dass sie eben nicht so bleiben, wie sie sind. Inzwischen weiß ich, dass dieser elende Snob nur F. Scott Fitzgerald zitiert hat, ich habe es noch am selben Tag recherchiert. Bezogen auf Arthur und Charlotte müsste ich gleichwohl sagen: Ich will, dass die Dinge wieder so werden, wie sie waren, nur anders, also wie sie idealerweise sein könnten, woran ich nicht glaube, stehe aber trotzdem auf, obwohl ich vierzig Grad Fieber habe und mich vor Lulu Lilienblum fürchte, um – in meiner grenzenlosen Verzweiflung – alles dafür zu tun, dass die Dinge wieder so werden, wie sie niemals waren oder gar niemals sein konnten. Was für ein Balagan. Ave Maria.

„Beeil’ dich!“, ruft Arthur, während ich kochend heiß dusche – mit brennendem Wasser, sozusagen. „Es wird schon hell.“

„Hat mein Blutsbruder noch einen Wunsch?“ frage ich.

[Wird Charlotte bei Lulu sein? Oder gar Arthurs Schlüssel? Letzteres wäre nun wirklich verdächtig. Die Suche geht weiter vielleicht im nächsten Post...]

Mittwoch, 19. September 2007

This Side of Paradise

„Ich bin nicht sentimental!“ ruft Arthur und streckt alle Glieder von sich. „Nein, nein, nein!“

„Doch, bist du. Ich versteh’ nicht, was mit dir los ist.“

„Ein sentimentaler Mensch glaubt, die Dinge blieben so, wie sie sind.“ Mein Freund spricht jetzt mit geschlossenen Augen, was ausgesprochen arrogant wirkt. „Ein romantischer Mensch hingegen vertraut verzweifelt darauf, dass sie eben nicht so bleiben, wie sie sind.“

„Wer sagt das?“ will ich wissen.

„Ich.“

„Ich finde, du wirst jeden Tag sentimentaler. Seitdem du in der Jewish Princess auf den Tresen gefallen bist.“

„Vielleicht hatte ich dort eine Art Vision. Vielleicht auch nicht.“

Arthur öffnet noch immer nicht die Augen, verharrt auf dem marmorierten Untergrund.

„Ich frage mich nur“, sage ich, „was wir hier eigentlich machen. Was du hier machst.“

„Ich will ja gar nicht, dass dieser Flughafen so bleibt, wie er ist. Ich fordere eine neue Blüte. Eine Renaissance des Sublimen.“

Seit einigen Minuten stehe ich im Hauptgebäude des Tempelhofer Flughafens. Diese so genannte Ehrenhalle hat einiges an Pracht und Monumentalität eingebüßt, nachdem in den fünfziger Jahren eine bedrückend niedrige Zwischendecke eingezogen wurde. Ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin. Oder doch: Ich bin allein deshalb hier, weil Arthur mich gerufen hat. Ich solle sofort herkommen, hat er gesagt, es sei dringend, ich müsse ihm bei etwas helfen, hier am einstigen Zentralflughafen. Tempelhof ist der einzige scheintote Airport der Welt, denke ich. Das Gebäude ist zwar wie ausgestorben, doch der Flugverkehr ruht keineswegs komplett – darauf lassen nicht nur die Lautsprecherdurchsagen schließen. Die Metapher vom schlafenden Riesen drängt sich hier förmlich auf. Und Arthur sitzt mitten in dieser gewaltigen Ehrenhalle auf dem Boden, an einen alten Propeller gelehnt, und weigert sich, aufzustehen.

„Arthur, es ist zwölf Uhr mittags. Du siehst aus, als hättest du drei Nächte nicht geschlafen. Was machst du hier?“

Mein Freund schaut mich mit glasigen Augen an, ich prüfe seine Pupillen, doch die wirken eigentlich ganz normal, soweit ich das beurteilen kann.

„Ich wollte einen Flug buchen“, sagt er schließlich.

„Einen Flug?“

„Nach Tel Aviv.“

„Du wolltest von Tempelhof nach Israel fliegen?“

„Du hast mich sehr gut verstanden.“ Arthur schließt wieder die Augen. „Aber ich hatte kein Geld. Der Geldautomat vorhin hat sogar nach mir geschnappt.“

„Ich gehe“, sage ich und setze auch tatsächlich dazu an, doch mein Freund hält sich mit beiden Armen an meinem Bein fest, wie es garstige Kinder mitunter tun.

„Eine Frau hat sich auf meine Annonce beworben“, sagt er.

„Was für eine?“

„Sabine Christiansen.“

Arthur lächelt. Ich nicht.

„Ich bin mir sicher, es hat überhaupt niemand geantwortet“, sage ich. „Und wahrscheinlich wird auch niemand antworten. Deine Mission ist gescheitert.“

„Im Unterschied zu meinen Frauen mag ich meine Flughäfen am liebsten völlig unpostmodern“, murmelt er.

In diesem Moment erscheint ein sehr kleiner Mann mit einem offiziösen Wappen auf der Uniform und bittet uns barsch, hier nicht herumzulungern und, vor allem, etwas mehr Abstand zu diesem historischen Propeller zu halten – so etwas werde heutzutage gar nicht mehr hergestellt.

„Siehst du“, sagt Arthur im Aufstehen. „Dieser Mann ist sentimental.“

„Ich empfinde die Rosinenbomber-Romantik, die dieser Flughafen mittlerweile verströmt, als ziemlich unangenehm.“

„Es geht mir nicht um Rosinenbomber-Romantik.“

„Sondern? Um Nazi-Romantik?“

„Nein. Nein, nein, nein. Du willst mich heute nicht verstehen.“

„Das könnte sein“, sage ich.

„Ich meine die Romantik des Fliegens überhaupt.“ Arthur seufzt. „Was haben wir denn heute? Ryan Air. Easy Jet. Fliegen ist trashiger als Bahnfahren geworden. Fliegen ist sogar trashiger als Busfahren geworden. Bald wird es vielleicht trashiger als Skateboardfahren sein.“

„Du bist sentimental. Du redest wie Christian Krachts Oma.“

Langsam schlendern wir durch die leere Halle. Noch kann man hier zwar eine der auf dem weiten Flugfeld wie Modellbauflugzeuge wirkenden Maschinen besteigen, doch die landet dann eben in Friedrichshafen oder in Dortmund oder maximal in Brüssel. Das ist schon ziemlich deprimierend.

„Schau’ dir doch mal diese Easy Jet-Stewardessen an!“ Mein Freund macht eine wegwerfende Handbewegung. „Die sehen aus wie die Spice Girls – bevor sie die Spice Girls wurden. Und sie lachen auch so vulgär. Wahrscheinlich würde Easy Jet sogar diesen Terminal orange streichen.“

„Vom Adler über dem Hauptportal ist ohnehin nur noch der Kopf übrig. Ich hätte da übrigens zwei Fragen.“

„Nur zwei?“ Arthur schwankt etwas. Seine Wunden, fällt mir auf, sind noch immer nicht verheilt.

Ich hole tief Luft: „Erstens: Wo ist dein Schuhkarton? Du hast ihn fast nie mehr bei dir. Und, zweitens: Hast du am letzten Tag in Tel Aviv ein hellblaues Schwangerschaftskleid gestohlen?“

„Ich weiß auch nicht.“ Schulterzucken. „Der Schuhkarton langweilt mich irgendwie. Es kommen ja sowieso keine neuen Liebesbriefe mehr dazu. It’s all over now, Baby Blue.“

Mein Ärger ist mittlerweile verraucht. Ich lasse mich sogar dazu hinreißen, meinem Freund zu versichern, dass bestimmt noch die eine oder andere postmoderne oder gar die postmodernste Dame überhaupt auf seine Anzeige antworten werde, wahrscheinlich seien all diese Frauen gerade noch mit der Erstellung ihrer Hochglanzbewerbungsmappen beschäftigt, so etwas brauche ja seine Zeit, wenn das Ergebnis nicht allzu primitiv wirken solle – und das sei doch ganz in seinem, Arthurs, Interesse.

„Außerdem könntest du dich bis dahin vielleicht mal ein bisschen um deine Freundin kümmern“, füge ich noch hinzu.

„Nur wenn du dich um Lulu kümmerst. ‚Wer ist Dimona?’, hat Charlotte mich gefragt. Als ob ich das wüsste. Erinnerst du dich noch an die Katakomben?“

Natürlich erinnere ich mich. Arthur und ich durften diesen Flughafen nämlich schon mal eingehend besichtigen. Wir haben uns einer größeren Seniorengruppe – Genossen des SPD-Ortsvereins Bielefeld-Nord – angeschlossen und an einer Führung teilgenommen, die Arthur und mir und den dreißig Westfalen sogar den Zugang zu den mythenumwobenen Kellergeschossen eröffnete. Dort befand sich, bis die alliierten Eroberer es versehentlich in Brand setzten, ein Filmdepot. Ein uferloses Filmdepot. Nicht eine einzige Zelluloidrolle überstand das große Feuer. Und seitdem überlegen wir regelmäßig, was da unten, in diesen mit bizarren Graffiti und Strichlisten verzierten Räumen, für Streifen gelagert haben könnten. Pornos, meint Arthur – und einige epochale Meisterwerke, die wir uns heute gar nicht mehr vorzustellen wagten und deren Anblick man diesseits des Paradieses auch gar nicht ertragen könne. So energisch, so verwegen seien diese Filme. Ich sage: So lange dort keine Filme mit Hugh Grant aufbewahrt wurden, gebe ich mich mit allem zufrieden. Andernfalls müsste man diese Feuersbrunst völlig neu bewerten.

„Schau dir diese Türgriffe an!“ Arthur streicht sanft über das Holz. „Heute gibt es gar keine Türgriffe mehr auf Flughäfen!“

„Heute findet hier das Red Bull Air Race statt. Das ist wirklich degoutant. Als würde man Pisse aus Goldpokalen trinken.“

„Und erst diese Treppengeländer!“

„Du sentimentaler Tränensack.“

„So ein aufheulender Flieger, der sich wie auf Adlerschwingen in die Lüfte erhebt, ist schöner als die Nike von Samothrake. Deine zweite Frage kann ich übrigens uneingeschränkt bejahen.“

Wir stehen nun am Ausgang, vor einem Imbiss mit dem Namen Air Snack. Und weil Arthur, wie er betont, Hunger und überdies ungeheuerlichen Durst hat, werden wir hier wohl noch ein Weilchen stehen bleiben.

Samstag, 8. September 2007

Spandau Ballet

„Was ich haben will, das krieg’ ich nicht“, sagt Arthur und wirft noch ein Eurostück in den Flipper. „Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.“

„Was hast du denn bestellt?“

„Ein Beck’s. Ein Beck’s vom Fass. Und was bringt sie mir? Ein Beck’s Gold. In der Flasche.“

„Das ist in der Tat eine Unverschämtheit“, sage ich.

„Ich will sofort zurück nach Israel.“ Der Flipper, ein Batman-Modell, gibt ein infernalisches Geräusch von sich. Mein Freund fährt fort: „Eine israelische Kellnerin hätte sich einen derartigen Fauxpas niemals erlaubt. Und selbst wenn, hätte sie mich garantiert nicht so vorwurfsvoll angeschaut. Berlin-Mitte ist wirklich das Allerletzte.“

„Ist das hier überhaupt noch Mitte?“ frage ich.

Wir befinden uns in jenem Teil der Stadt, der neuerdings unter dem armseligen Akronym NoTo firmiert: North of Torstraße. Eigentlich wollten wir frühstücken, doch Arthur frühstückt ja nie, außer im Breakfast Club, Tel Aviv. Zudem sieht das hier eher aus wie eine Eckkneipe, in der man ohnehin keine Croissants essen würde, auch wenn die Kellnerin eindeutig ein Mitte-Mädchen ist und die Goldvariante von Beck’s sich erschreckender Beliebtheit erfreut. Doch wo gibt es sonst schon noch einen Flipper? Der Flipper an sich teilt das Schicksal des Blauwals und des deutschen Volkes und ist, soviel steht fest, von der Auslöschung bedroht. Ein Fernseher läuft, tot und stumm. Ich bestelle einen Kaffee.

„Wie lange flipperst Du hier schon?“

„Seit heute morgen um neun“, erwidert Arthur. Sein Auge ist inzwischen dunkelgelb, die Schrammen sind immer noch gut zu erkennen.

„Hast du geschlafen?“

„Ich treffe mich morgen mit Charlotte“, sagt mein Freund.

„Was hat sie denn auf deine sms geantwortet?“

„Sie meinte nur, wir könnten ja vielleicht mal eine Bionade zusammen trinken gehen. Heute pennt sie bei Lulu.“

„Nachher spielt England gegen Israel“, sage ich. „Wembley wird wanken. Während du hier geflippert hast, war ich übrigens auf den ‚Kreuzberger Festlichen Tagen’.“

Tristesse totale: ein augenscheinlich vom Sofortzerfall bedrohter Jahrmarkt im Viktoriapark, um 10 Uhr morgens, im kalten Sprühregen. Der Park war leer. Alle Fahrgeschäfte standen still, nur ein paar türkische Kinder spielten mit den toten Autoscootern. Der Losverkäufer nahm einen großen Schluck Schnaps. Man konnte förmlich fühlen, wie dieser Jahrmarkt vor sich hinfaulte.

„Das Schaustellergewerbe ist – noch vor dem horizontalen – das elendigste Metier weit und breit“, schließe ich meinen Bericht. „Ich habe John Barry gehört und bin von Karussell zu Karussell gegangen. Im Regen.“

„Klingt romantisch.“

„Heute abend singt der Chor der Deutschen Bahn. Daran ist überhaupt nichts romantisch.“

„Vielleicht haben sie ‚Hatikva’ im Repertoire.“ Arthur lächelt sanft.

„Du hast recht“, sage ich, „Berlin ist die Hölle. Ich will auch zurück nach Tel Aviv.“

Mein Freund bestellt sich ein weiteres Bier.

„Hast du deine Annonce schon aufgegeben?“ will ich wissen.

„Ich muss mit dir reden.“

„Okay.“

„Wir sollten unbedingt noch mal über Chris de Burgh sprechen.“

„Auf gar keinen Fall.“ Ich muss unwillkürlich an die Toilette im Breakfast Club denken – zwei Quadratmeter, die ich in diesem Leben bitte nicht mehr wiedersehen möchte.

„Doch. Ich habe nachgedacht. Die New Romantics. Duran Duran und Lady Di.”

„Kannst du mal bitte mit dem Flippern aufhören?“

„‚Lady in Red’ war Dianas Lieblingslied.“ Arthur lässt sich nicht beirren. „Sie dachte sogar, Chris de Burgh hätte es für sie persönlich geschrieben. Hatte er aber gar nicht.“

„Wie ärgerlich. Seit wann interessierst du dich für Princess Diana?“

„Es ist jetzt genau zehn Jahre her, dass in den Straßen von Paris endlich wieder blaues Blut verschüttet wurde.“ Mein Freund will mit mir anstoßen, doch ich habe ja nur meinen Kaffee. „Damals waren wir beide fast noch Teenager. Da kann man sich schon mal einen kleinen Rückblick gestatten.“

„Von mir aus.“

„Diana ist für mich genau wie der Song ‚Lady in Red’ ein besonders abstoßendes Beispiel für diese so genannte Romantik, die gar keine ist. Im Gegenteil: Es ist eine falsche, gemeingefährliche Anti-Romantik, die die Köpfe und Herzen verklebt und nicht befreit.“

Ich weiß nicht, was mit Arthur los ist. Seit sein blutverklebter Kopf in der Jewish Princess-Bar auf den Tresen geknallt ist, verhält er sich einigermaßen bizarr. Geradezu unpostmodern, könnte man sagen.

„Warum redest du plötzlich immer von Romantik?“ frage ich ihn. „Wenn Tony Wilson und Factory romantisch sind, können Diana und Chris de Burgh es natürlich nicht sein. Schon weil es hier um Beton und Industrie geht und nicht um englische Gartenromantik.”

„Aber Dianas Lieblingsband waren Duran Duran. Die Speerspitze der New Romantics. Auf dem Rückflug habe ich einen Artikel gelesen, der schilderte, wie diese einsame, magersüchtige Prinzessin alleine und barfuss durch den Buckingham Palace tanzt, bevor sie es sich mit einem Fertiggericht vor dem Fernseher bequem macht. Und zu welcher Musik tanzt sie?“

„Duran Duran. Klar. Ich muss sagen, diese Szene wirkt auf mich schon fast wieder romantisch.“

„Na ja“, erwidert Arthur nachdenklich. „Die Bezeichnung New Romantics ist auf jeden Fall anmaßend. Nur weil man sich kostümiert und drei Stunden lang schminkt und föhnt, ist man noch lange nicht romantisch. Duran Duran. Spandau Ballet. Das sind doch alles Pornographen.“

„Der Name ‚Spandau Ballet’ ist übrigens gar nicht so beschissen, wie wir dachten.“

Arthur bittet die Kellnerin um Wechselgeld.

„Hörst du mir zu?“ Ich tippe ihn an. „In Wahrheit ist der Name eine Art Gegenstück zu ‚Joy Division’. Er bezieht sich nämlich auf das Spandauer Alliiertengefängnis, wo die in Nürnberg verurteilten Super-Nazis einsaßen.“

„Ernsthaft?“

„Ja. Und das so genannte ‚Spandau Ballet’ wurde immer dann aufgeführt, wenn sich mal wieder ein Häftling erhängt hatte. Er baumelte dann in seiner Zelle in der Luft, am Ende des Stricks, und tanzte eben das ‚Spandau Ballet’.“

Arthur starrt mich mit seinem Monsterauge an: „Das glaube ich nicht.“

„Musst du ja nicht. Rudolf Hess war der letzte Tänzer. Der einzige verbliebene Häftling in diesem riesigen Knast. Bis er sich aufgehängt hat.“

„Wie Ian Curtis“, murmelt mein müder Freund, während er weiterhin flippert und flippert. „Und Diana war die letzte Tänzerin in ihrem riesigen leeren Prinzessinnenpalast. The Princess Has Come Of Age. Vielleicht sollten wir da mal hinfahren. Nach Spandau.“

Ich schüttele den Kopf: „Da ist nichts mehr zu sehen. Nicht mal Ruinen. Das ganze Gebäude wurde praktisch pulverisiert und über der Nordsee verstreut. Damit kein Staubkorn übrigbleibt. Heute ist da nur eine Aldi-Filiale.“

„Vielleicht sollten wir trotzdem hinfahren. Dann gehen wir eben zu Aldi. Schön, dass wir wieder in Deutschland sind.“

„Wir sind in NoTo“, sage ich fröstelnd. „Ich glaube, ich nehme jetzt auch ein Bier.“

„Scheiße!“ Arthur tritt gegen das blinkende Spielgerät. „Kein Freispiel mehr!“

Donnerstag, 30. August 2007

A Teenage Symphony to God

Diese Schlampe! Arthur tritt gegen einen Heineken-Sonnenschirm. Wie kann ein Mensch nur zu so etwas fähig sein!

„Vielleicht hat sie Deine Traveling Wilburys-CD ja gar nicht wirklich zerstört. Möglicherweise war es nur eine Art Warnung. Außerdem braucht niemand diese Platte.“

„Sie hat achtzehnmal mit dem Hammer draufgeschlagen. Charlotte ist zu einem schwangeren Monster geworden. Und so eine nennt sich dann in ihrer Mail auch noch Pazifistin! Nach diesen Kriterien wäre ja selbst Saddam Hussein ein Pazifist.“

„Dein Gesicht sieht übrigens etwas besser aus“, sage ich. „Ein bisschen besser.“

Arthur ist noch immer schwer gezeichnet. Der Zusammenprall mit dem Tresen in der Jewish Princess hat grauenhafte Spuren hinterlassen: diverse Schrammen, eine aufgeplatzte Schläfe, die wir noch am selben Morgen nähen lassen mussten, sowie ein ziemlich blaues rechtes Auge. Eigentlich ist es eher grün-gelb. Love Will Tear Us Apart. Vorhin, in der Sheinkin Street, wollte mein eitler Freund sich zu Camouflage-Zwecken eine neue Sonnenbrille zulegen. Er hatte auch schon eine ausgewählt. Allein, die Verkäuferin zeigte sich wenig entgegenkommend: Es gäbe da offensichtlich ein kleines Problem mit seiner VISA-Karte, vielleicht eine technische Störung, sie könne da jetzt auch nichts machen. Wie Diebe zogen wir von dannen, leider ohne Beute. In jenem Moment hat Arthur, glaube ich, begriffen, dass es Zeit ist, nach Hause zu fahren. Wir suchten sofort im Anschluss ein Internet-Café auf – mein Freund, der diese Einrichtungen lieber meidet, wartete draußen und ich buchte unseren Flug. Da er Charlotte, wie man verstehen kann, nicht um Geld bitten will, musste ich für sein Ticket aufkommen. Es handele sich doch bloß um Zahlen und Figuren, sagte Arthur, das sei einfach nicht seine Welt. Aber er würde mir den Betrag schon zurückzahlen – und wenn er dafür auf den Strich gehen müsse, im arktischen Berliner Winter.

„Ich betrachte mein blaues Veilchen als Tribut an Tony Wilson“, erklärt Arthur nun, während wir die Strandpromenade von Jaffa entlang schlendern.

Es ist heute sehr stürmisch, die Wellenreiter tanzen auf der Meeresoberfläche.

„Veilchen sind immer blau“, sage ich. „Das liegt im Wesen dieser Blumenart.“

„Ich will nicht nach Berlin. Berlin ist dumpf und depressiv. In Deutschland beginnt gerade der Herbst, falls du es vergessen haben solltest.“

Doch es ist nur ein letztes Aufbäumen. Ich weiß, auch Arthur wird in dieses Flugzeug steigen. Ihm bleibt keine andere Wahl. Das Heilige Land ist erobert. Ich selber kann keinen Humus mehr sehen. Und ein kleiner Arthur-Break wäre, ehrlich gesagt, ebenfalls mal ganz reizvoll.

I may not always love you, but as long as there are stars above you

„Immerhin“, bemerkt mein Gefährte, „kehre ich als Invalide in die Heimat zurück. Das ist gut. Frauen – jedenfalls die prämodernen Frauen, und von denen sind wir ja umgeben – lieben Invaliden. Verwilderte Krüppel wie mich, die aus heißen Ländern verwundet nach Hause zurückkehren. Bei Charlotte bin ich mir da allerdings nicht so sicher. Die wird denken, ich war in einem jüdischen S/M-Club.“

„Warst du ja auch.“

„Ja, aber das ist nicht der Grund für dieses blaue Auge.“

„Behaupte einfach, es war ein Terroranschlag“, sage ich. „Hast du Charlotte eigentlich jemals von Klara erzählt?“

„Natürlich nicht. So geisteskrank bin nicht mal ich. Es gibt da ohnehin nichts zu erzählen. Ich hoffe nur, es meldet sich irgend jemand auf meine Annonce. Dann drehe ich diesen Film.“

„Ich weiß auch fast nichts über Klara.“ Irgendwie lässt mich das Thema nicht los. „Du redest nie von ihr.“

Arthur schaut mich an, monströs und sichtlich melancholisch. Nach etwa zwei Minuten sagt er folgendes: „Je mehr ich darüber nachdenke, desto deutlicher erscheinen mir Tony Wilson und sein ganzes Factory-Konzept als eine neoromantische Bewegung. Und da ging es eben nicht nur um Mode, wie bei Spandau Ballet und Adam and the Ants. Beschissene Bandnamen, übrigens.“

„Allerdings.“

„Es ging um Schein und um Substanz. Um eine Vision von neuen, noch nicht entdeckten oder längst vergessenen Welten, die beides verband.“

„Ich weiß nicht“, sage ich. „Tony Wilsons ganzes Auftreten hat auf mich nie besonders romantisch gewirkt.“

„Weil Du zu viele Frauenzeitschriften liest. Man kann auch Romantiker und Arschloch zugleich sein.“

„Schon möglich“, erwidere ich, indem ich mich nach einer fabelhaften Frau umdrehe. „Man kann auch ein normales und ein blaues Auge haben. Und noch dazu ein Arschloch sein.“

„Außerdem sind alle Wilsons Romantiker.“

„Was?“

„Klar“, sagt Arthur. „Lass uns doch mal eine kleine Liste machen. Ich habe angefangen: Tony Wilson. Jetzt bist du dran.“

Ich kann nicht mal richtig schwimmen, geschweige denn, auf Wellen reiten, doch in diesem Moment wirken die Surfer im lichtblauen Mittelmeer auf mich wie die glücklichsten Menschen der Erde. Wie Delphine springen sie lachend von Welle zu Welle. Vielleicht sollten wir doch hier bleiben. Abwarten. Überwintern. Uns lange Bärte wachsen lassen – und surfen lernen.

„Woodrow Wilson“, sage ich.

„Perfekt.“ Arthur gibt mir High-Five. „Woodrow Wilson: Idealist. Völkerbund. Nicht geschaffen für diese Welt. Der größte Romantiker unter allen amerikanischen Präsidenten.“

„Was ist mit Kennedy?“

„Gar nichts ist mit Kennedy. Jetzt bin ich wieder dran. Ich sage: George Wilson.“

„George Wilson?“

„Der Automechaniker in Fitzgeralds Great Gatsby. Der immer ausbrechen will aus seinem Elend, gemeinsam mit seiner Frau, die er abgöttisch liebt. Die Frau will aber lieber die Mätresse des reichen Polospielers sein, weil der ihr ein Schoßhündchen kauft und einen Funken Glamour in ihr Leben bringt. Als sie überfahren wird, stirbt Wilson gleich mit. Er kann gar nicht mehr weiterleben ohne seine große Liebe. Aber vorher tötet er noch Gatsby.“

„Nicht schlecht“, sage ich und überlege weiter.

„Beide sterben. Neben Gatsby, dem König, ist dieser Wilson der einzige wirkliche Romantiker in der Geschichte. Er wohnt an einem unfassbar tristen Ort namens Valley of the Ashes und will da raus. Das Manchester-Syndrom.“

You'll never need to doubt it, I'll make you so sure about it.

Mir fällt etwas ein: „Der Volleyball ‚Wilson’“, sage ich.

Arthur versteht mich nicht, was selten vorkommt.

„‚Wilson’ heißt auch der Volleyball in diesem unsäglichen Tom Hanks-Film. Tom Hanks auf einer einsamen Insel. Er spricht die ganze Zeit mit einem Ball der Firma Wilson.“

„Aber ist dieser Volleyball deshalb ein Romantiker?“ fragt mein Freund skeptisch.

„Er ist Hanks’ einziger Gesprächspartner. Im Film redet er zwei Stunden lang nur auf diesen Ball ein. Dadurch wird ‚Wilson’ – so nennt er ihn – zu einer Projektionsfläche für seine Träume und Sehnsüchte. Man kann auch romantisches Symbol und ein besonders irrwitziger Auswuchs von Product Placement in einem sein.“

„Einverstanden.“ Arthur nickt. „Postmoderne Romantik. Okay. Aber jetzt kommt der Höhepunkt.“

„Die Brüder Luke und Owen Wilson?“

„Nein. Nein, nein, nein. Ich rede von Brian Wilson.“

„Scheiße“, sage ich, „das ist gut.“

„Brian Wilson. Beach Boy ohne Beach und ohne Boy. Fast alle Surfer sind ja komplette Idioten, doch einen gewissen romantischen Appeal kann man ihrem Lebensstil nicht absprechen. Und was ist das einzige, was noch romantischer ist als dieses Leben in den Fluten?“ Arthur macht eine Pause. „Nicht zu surfen“, fährt er fort, niemals überhaupt auch nur zum Strand zu gehen, aber immer von der Sehnsucht danach zu singen. Brian Wilson musste sich von seinem Bruder Dennis erzählen lassen, wie sich Wellen eigentlich anfühlen. Dann hat er seine Songs darüber komponiert.“

„Er hat sich sogar Strandsand ins Studio kommen lassen.“

„Das war gar nicht nötig. Nur ein billiger Trick. Wichtig ist, was sich in seinem Kopf abspielte.“

Arthur klopft unwillkürlich gegen seine lädierte Stirn, zuckt zusammen.

„Und dann dieses Album“, sage ich, „Smile, das nie fertig wird, und das auch nie fertig werden darf, sonst wäre er verloren.“

„Wie nannte er es noch mal?“

Ich atme tief durch: A Teenage Symphony to God.”

„Amen“, sagt Arthur. „Dabei war er nie wirklich ein Teenager. Wahrscheinlich hatte er auch nie wirklich Sex. Doch spätestens bei Smile hatte Brian Wilson Sex mit Engeln. In aller Unschuld und in aller Schuld. Das kann man hören. Zwei Minuten metaphysischer Chorgesang genügen. Das ewig nachhallende Echo eines kosmischen Orgasmus.“ Mein Freund lächelt erstmals am heutigen Tag. „Und Sex mit Engeln“, fährt er fort, „ist per se niemals reaktionär – wie es die frühen Beach Boys-Songs vielleicht noch sind. Abgesehen davon war und ist der Mann komplett wahnsinnig, was uns aber egal sein kann. Außerdem war er bereits als Kind auf dem rechten Ohr taub und konnte deshalb niemals stereo hören. Gottes Strafe: Der Herr wusste, dass dieser kleine dicke Brian Wilson eines Tages seine Engel ficken würde.“

„Du bist auf dem rechten Auge blind.“

Es dämmert schon, wir haben nun Banana Beach erreicht, die Surfer draußen kehren langsam in die Trockenwelt zurück. Sie schälen sich aus ihren Neoprenanzügen.

„Komm“, sagt Arthur und tätschelt meinen Nacken, „wir gehen eine Bionade trinken.“