Posts mit dem Label Melville/Moby Dick werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Melville/Moby Dick werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Wannsee in Flammen

„Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr“, sagte Arthur, als er mir von der erkalteten Pizza erzählte. Charlotte hat die Margherita nicht gegessen. Sie hat sie einfach im durchgeweichten Pappkarton auf ihrer Fußmatte liegen lassen, wo mein verzweifelter Freund sie am nächsten Tag – ungegessen, gleichsam als Tiefkühlpizza – wieder aufhob. Arthur aß sie dann eben selbst, für seine Verhältnisse langsam und ohne großen Appetit, doch er aß auch diese kalte, verrottete Margherita bis zum letzten Bissen auf. Natürlich aß er sie auf. Und jetzt stehen wir hier am Wannsee, wir stehen schon wieder an einem Grab, einem Selbstmördergrab, und warten auf Moby Dick.

„Ich bin innerlich so wund“, stöhnt mein Gefährte, „dass mir, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht weh tut, das mir darauf schimmert.“

„Das könnte auch mit deinem Kokainkonsum zu tun haben.“

„Why does my heart feel so bad?“ Mein Begleiter nimmt einen kräftigen Schluck Schweizer Absinth, den wir extra für diesen Ausflug aus Tim Verlaines Kellerversteck entwendet haben. „Wusstest du, dass Moby der Ur-Ur-Großenkel von Herman Melville ist?“

„Klar, das wusste ich. Aber ich glaube kaum, dass Moby Dick heute noch kommt. Könnte es möglicherweise so was wie eine Winterpause für Ausflugsschiffe geben?“

„Verdammte Scheiße“, murmelt Arthur.

Wir hatten beinahe schon dergleichen vermutet, als wir versuchten, das Menü zu buchen, wollten es aber nicht wahrhaben. Denn der Wannsee ist ja, das kann selbst ein Blinder erkennen, nicht zugefroren. Man braucht weder einen Eisbrecher, noch einen Walfänger, um dieses Gewässer zu befahren, nur Berlins beliebtesten Ausflugsdampfer Moby Dick sowie ein Ticket für Wannsee in Flammen. Ich wollte Arthur aufheitern, zumal er übermorgen Geburtstag hat und in Kürze Vater einer Tochter namens „Clara“ wird. Das Erlebnispaket Wannsee in Flammen auf der MS Moby Dick schien genau die passende Ablenkung zu sein: ein maritimes Abenteuer auf der Südseite der Stadt. „Wir können Ihnen zwar nicht die Sterne vom Himmel holen“, hatte die Reederei behauptet, „lassen aber auf imposante Art den Himmel für unsere Gäste erstrahlen.“ Ein spektakuläres Höhenfeuerwerk sollte uns in seinen Bann ziehen: „Der Wannsee im Feuerzauber, da heißt es: Alle Mann auf’s Oberdeck, Blick zum Himmel und staunen - Sie werden ‚Feuer und Flamme’ sein!“ – so die Reederei, so hatten wir uns das vorgestellt, Arthur und ich. Wir wollten unser Bordmenü, wie empfohlen, reservieren – Arthur das Kesselgoulasch mit Gemüse und Kartoffeln ergänzt durch das Eisdessert „Copa, ich selbst die Poulardenbrust mit Champignonsauce und Gemüsereis sowie Tiroler Apfelkuchen, danach vielleicht noch einen Kaffee und zwanzig Schnäpse –, doch niemand ging ans Telefon. Mein Freund und ich sind also direkt zum Wannsee gefahren. Und jetzt ist die Enttäuschung uferlos: Von Moby Dick keine Spur, der Ticketschalter war nicht mal besetzt. Nicht am Großen und auch nicht am Kleinen Wannsee, wo wir nun stehen, Absinth aus der Flasche trinken, ohne Feuerritual, und nicht weiterwissen. Vor uns das Kleist-Grab, morgen geht der Flieger nach Stavanger. Der Wannsee ist dunkel wie ein Friedhof zur Geisterstunde.

„Könnten wir nicht wenigstens eine kleine Mondscheinfahrt machen?

„Arthur, es fahren einfach keine Schiffe. Nicht im Winter. Lass uns nach Hause gehen und unsere Sachen packen. Norwegen ist herrlich. Allen UN-Statistiken zufolge das reichste, sicherste und gesündeste Land der Erde. Ein Paradies eben. Mit oder ohne Sophie.“

„Ohne Charlotte ist das Paradies für mich verriegelt.“

„Erstens geht es dir, wenn du mich fragst, gar nicht um Charlotte, sondern um Klara, beziehungsweise Clara. Und außerdem bleibt uns jetzt nichts anderes übrig, als diese Reise ans Ende der Welt machen, damit wir sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist. Dieses verriegelte Paradies.“

„Was faselst du da eigentlich? Meinst du, wir müssten wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?“

„Allerdings“, sage ich, während mir die Grüne Fee bereits das Hirn vernebelt. „Das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“

„Du bist ein Idiot“, erwidert Captain Arthur. „Ich will ein Kesselgoulasch. Moby Dick. Den Wannsee in Flammen sehen!“

Und mein Freund schließt wieder seine Augen, unter der himmelhohen Eiche am Grab von Heinrich und Henriette, denen auf Erden einfach nicht zu helfen war – um diese Augen dann blitzartig weit aufzureißen:

„Moment!“ ruft er. Wannsee in Flammen! Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe!”

Gut zwei Stunden später, die Finsternis ist vollkommen, torkeln wir durch den Prenzlauer Berg. Wir mussten noch bei Arthur vorbeifahren, er wollte sein Löwenkostüm holen, was ich ihm jedoch ausreden konnte. Den Schuhkarton, diese abwechslungsreiche und schillernde, von Charlotte stets mit Befremden betrachtete Kollektion alter Liebesbriefe, trägt er indes unter dem Arm. Wie die Pizza vor einigen Tagen. Und wieder stehen wir vor dem selben Haus. Kein Mensch ist zu sehen, keine Nachtigall zu hören.

„Ist noch Absinth da?“ fragt Arthur, während er hektisch seine Taschen durchwühlt.

„Ein kleiner Schluck. Hier, für dich.“

Mein Freund setzt die Flasche mit der grünen Flüssigkeit an seine Lippen, der Wermut läuft ihm dabei über Gesicht und Hände. Er sieht aus wie ein Irrsinniger, selbst für mich. Was Fremde denken könnten, will ich mir gar nicht ausmalen. Dieses Haus hat keinen eigentlichen Vorgarten, sondern bloß einen schmalen Grünstreifen zur Straße hin, wo irgendjemand Rosen gepflanzt hat, die im Dunkeln bläulich schimmern.

„Was Kate Moss kann, kann ich auch“, sagt Arthur entschlossen und schüttet den gesamten Inhalt seines Schuhkartons neben dem Blumenbeet aus – Hunderte Liebesbriefe, wohlformulierte und legasthenische, deutsch- und fremdsprachige, mit Herzblut verfasste und verlogene, flattern über die Wiese. Ich meine, Ayşes Namen zu lesen. Charlotte. Julia. Keine Ahnung, wer Julia ist. Vielleicht hat Arthur sich diesen Brief selber geschrieben.

„So. Jetzt das Streichholz.“

Und Arthur Müller legt Feuer. Mit einem Streichholzbriefchen aus dem Quatro Stagione all’Inferno. Es breitet sich gemächlich, aber unaufhaltsam aus. Der eisige Dezemberwind. Ein Scheiterhaufen aus Liebesbriefen.

„Charlotte!“ ruft mein Freund und sein Gesicht wird schon vom Flammenschein erhellt. „Charlotte!“

„Pass auf“, sage ich.

„Das Feuer ist noch nicht groß genug.“

Arthur nimmt ein weiteres Streichholz, zündet es an – und schreit auf: Arthur brennt. Als ich es merke, brennt er wohl schon zehn Sekunden lang. Nicht nur die Liebesbriefe, sondern auch seine Hände stehen nun in Flammen. Ich denke einmal mehr an meinen Todestraum, das Höllenlicht, ich denke an Prag und Alphaville, verharre wie gelähmt auf der Stelle.

„Scheiße, der Absinth! Hilf mir doch!“

„Was soll ich denn machen?“

Mein Freund bewegt sich wie ein Veitstänzer, klopft mit den Händen wild auf den Boden, auf die Blumen, bis seine Finger nicht mehr brennen. Die Briefe aber brennen weiter.

„Was ist denn hier los? Ich glaub’, ich spinne!“

Ein Fenster ist aufgegangen und ein Hausmeistertyp im Feinrippunterhemd schaut heraus, das Handy in der Hand.

„Ihr habt se ja wohl nich’ mehr alle!“ brüllt er.

Dieser Mann, das steht fest, wird jetzt nicht nur die Feuerwehr oder die Polizei, sondern die Feuerwehr und die Polizei rufen, die Arthur und mich dann in ein Arbeitslager bringen werden. Die Kosten für die zertrampelten Rosen nicht zu vergessen. Was für ein verdammtes Balagan. Doch Arthur sieht ihn nicht mal, diesen Hausmeister, obwohl er bloß wenige Meter entfernt ist. Mein Freund starrt nach oben, zur dritten Etage, denn dort steht Charlotte. Auf ihrem Balkon. Trotz des entfesselten Feuers, das nunmehr auf das gesamte Rasenstück übergegriffen hat und vermutlich den Prenzlauer Berg mit all seinen Kinderwagen und Bier- und Bionadetrinkern in Schutt und Asche legen wird, kann ich nicht erkennen, ob sie lächelt oder weint, mädchenhaft errötet oder ausspuckt. Sie steht dort, im weißen Nachthemd, auf ihrem Balkon, die Hand an der Wange, und schaut auf uns und die brennenden Briefe herab.

Und Arthur schaut zu ihr hoch.

„Charlotte!“ ruft er mit silbern-süßer Stimme. „Charlotte! Ich fliege morgen nach Norwegen.“


[Dies ist das letzte Kapitel der zweiten Staffel der Geschichte von Arthur und mir und der Welt. Balagan Blues dankt allen Lesern und Unterstützerinnen, Freunden und Feinden. Doch die Reise muss weitergehen. 2008 wird wie kein anderes Jahr zuvor im Zeichen des Balagans stehen. Near. Far. Wherever you are.]

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Gregory Peck


"Don't look. I'll look for you."

Dienstag, 11. Dezember 2007

Margherita oder: Der Wal

Ich schließe meine Augen, flüstert Arthur, um zu sehen.

Eigentlich müsste er sagen: um etwas anderes zu sehen. Denn wir gehen, so schnell wir können, die Kastanienallee entlang – eine Straße, die mein Freund inbrünstig hasst. Arthur möchte lieber gar nichts sehen, als die Kastanienallee zu erblicken, und deshalb hat er die Augen geschlossen, während er neben mir läuft und einen Pizzakarton vor sich her trägt. Es regnet, es stürmt in Berlin, wir bringen Charlotte eine Pizza. Beinahe wäre uns diese Rettungsmission sogar verwehrt geblieben: Jenes unglückliche Ereignis im Quatro Stagione all’Inferno, über das ich an dieser Stelle lieber schweigen möchte, welches gleichwohl als „Sardellen-Zwischenfall“ in die Gastronomiegeschichte eingehen wird, hätte Arthur um Haaresbreite seinen Job gekostet. Tims Vater schien zunächst Blutrache nehmen zu wollen. Einzig Sophies charmanter Überzeugungskraft ist es zu verdanken, dass mein Freund weiter als Pizzabäcker arbeiten darf. Nicht nur im Quatro Stagione all’Inferno, sondern überhaupt, wo auch immer auf dieser Welt Pizzateig ausgerollt und Tomatensoße angerührt wird. Heute mittag durfte Arthur schließlich mit Tims Segen seine ganz spezielle Pizza backen. Charlottes Pizza. Er hat gleichsam um sein Leben gebacken. Nach einer uferlosen Diskussion mit Sophie, Aaron, Tim und schließlich sogar Tims Vater und mir sowie der per Telefon zugeschalteten Lulu, deren neuer Liebhaber Sailor sich im Hintergrund auch noch einmischen musste, entschied er sich für eine schlichte Margherita. Etwas Rosmarin, etwas Basilikum. Mozzarella. Olivenöl. Sonst nichts. Und mit dieser wohlschmeckenden Kreation will mein verlassener Freund nun Charlotte überzeugen, dass sie den Fehler ihres Lebens begangen hat, als sie ihm – Arthur – riet, sich in ihrem Wald nicht mehr blicken zu lassen.

„Ich habe nachgedacht“, murmelt er und hält sich in seiner Blindheit an meinem Arm fest. „Wenn Charlotte diese Pizza nicht isst, müssen wir flüchten. Wir können hier nicht bleiben.“

„Wo willst du denn hin?“

„Ich weiß es noch nicht. Aber es gibt ein paar Ideen. Deshalb schließe ich ja ständig meine Augen, um mir ein neues Leben vorzustellen.“ Arthur stolpert, doch ich stütze ihn. „Wenn dieses bislang namenlose Kind auf die Welt kommt und tatsächlich ‚Clara’ getauft wird, ist dies jedenfalls nicht mehr meine Welt.“

„Charlotte will doch sowieso wegziehen.“

„Nach Paris vielleicht. Das ist ja praktisch um die Ecke. Nein, meine Tochter Clara und ich auf einem Kontinent – das funktioniert nicht.“

„Deshalb gehst du jetzt zu Charlotte, erzählst ihr von Klara und machst sie auf die Problematik aufmerksam. Sie kann den Namen ja ändern. Das Kind ist noch nicht mal geboren. Und wir fliegen noch vor Weihnachten nach Norwegen.“

„Norwegen.“ Mein Freund bleibt stehen, in einer Pfütze vor dem Prater. Die Straßenbahn quietscht. „Das wäre immerhin ein Anfang. Ein Ausgangspunkt. Wenn Charlotte diese Pizza nicht isst, mich nicht zurück will und unsere Tochter an Heiligabend ‚Clara’ getauft wird, werde ich pünktlich zu eben diesem Weihnachtsfest in See stechen. Ich habe im Netz bereits einige Stellenangebote entdeckt. Die suchen ständig junge, gut ausgebildete Leute auf ihren Walfängern.“

Walfängern?

„Klar. Glaubst du, ich fahre fast bis zum Polarkreis, um mich über Europas Scheiß-Kulturhauptstadt 2008 zu informieren?“

„Du willst ernsthaft auf einem Walfänger anheuern?“

„Was Besseres als diesen Pizzaofen finde ich überall.“

Ich muss lachen: „Ich glaube, auf so einem Schiff geht es nicht ganz so romantisch zu, wie du dir das vorstellst. Das sind heute schwimmende Fabriken. Die nehmen die gefangenen Wale sofort aus, total automatisiert, und entfernen alle ökonomisch interessanten Teile. Dabei fließt allerdings immer noch eine Menge archaisches Blut.“

„Blut muss fließen. Ist Tims Kneipe etwa romantisch? War der Sardellen-Zwischenfall romantisch? Ist eine Existenz als Pizzabäcker ohne Charlotte mit einer Tochter, die rein zufällig genauso heißt wie die Liebe meines Lebens, die übrigens rein zufällig genauso heißt wie Adolf Hitlers Mutter, romantisch?“

„Vielleicht nicht. Doch findest du es legitim, dich an den armen Walen zu rächen, nur weil du von einigen Frauen – und da schließe ich Klara Hitler ausdrücklich ein – enttäuscht wurdest?“

„Ja. Natürlich.“ Arthur öffnet die Augen. „In diesem Leben, so wie wir es erleben, bleibt einem ja gar nichts anderes übrig, als permanent von Rache zu träumen.“

„Das solltest du bei deinem Vorstellungsgespräch in Norwegen vielleicht nicht erwähnen. Ich fürchte, auf diesen hochmodernen Walfängern können sie besessene Fanatiker wie dich nicht gebrauchen. Dir wäre es immerhin zuzutrauen, so ein Schiff samt Mannschaft in deine Gewalt zu bringen und es einem völlig deplazierten privaten Rachedurst zuliebe in den Untergang zu reißen.“

„Nennt mich Captain Arthur Ahab.“

„Arthur Atta Ahab.“

„Arthur Adolf Atta Ahab. Auf hoher See zeigt sich, was für ein Mensch du bist. Salzwasser wirkt in dieser Hinsicht wie Absinth. Mein Gott, stell’ dir vor, Charlotte betrügt mich in Paris mit diesem Ari.“

Ich zucke mit den Schultern: „Lieber Ari Delon als sein Vater. Außerdem ist es technisch unmöglich, dass Charlotte dich betrügt, da sie sich ja von dir getrennt hat.“

„Nein.“ Mein Freund holt tief Luft. „Für jedes Stück dieser Pizza, das Charlotte nicht isst, wird ein Wal sterben. Und zwar qualvoll.“

Ich kenne Charlottes Wohnung nicht, sie ist erst seit März in dieser Gegend ansässig und hat mich nie eingeladen. Arthur indes hält die Augen nun geöffnet. Wenigstens das Haus, gelegen in einer Seitenstraße, sollten wir also finden – obwohl es mir mehr als zweifelhaft erscheint, dass die schöne, hochschwangere Charlotte die Tür aufmacht und spontanen Appetit auf eine Margherita verspürt.

„Was hat es eigentlich mit dieser Sophie auf sich?“ frage ich Arthur, während der Regen auf uns niederpeitscht.

„Sophie ist die Zwillingsschwester von Aarons Ex- beziehungsweise Wieder-Freundin Nathalie. Die du ja aus dem Paradise kennst.“

„Was?“

„Warum rufst du sie nicht einfach an? Vielleicht kommt sie wirklich mit nach Stavanger. Ich kann dich sowieso nicht die ganze Zeit entertainen, weil ich ja bei den verschiedenen Walfangunternehmen vorsprechen muss.“

„Und was trägt Sophie immer in dieser riesigen Tasche mit sich herum?“

„Keine Ahnung. Eine Harpune vielleicht. Ruf’ sie an, Aaron hat sicher nichts dagegen. Übrigens hab’ ich wieder eine Email bekommen, obwohl die Annonce mit der postmodernen Frau schon lange nicht mehr erscheint.“

„Von derselben Person?“

„Ich nehme es stark an. Wieder nur ein Satz: Watching you watch others move – then sometimes someone cracks down.”

„Ein Cabaret Voltaire-Zitat.“

„Nicht schlecht. Es klingt beinahe wie eine Drohung. Aber sobald ich auf dem Schiff bin, ist es mit diesen Emails sowieso vorbei.“

Ich mache mir schon meine Gedanken, wer hinter den mysteriösen Nachrichten stecken könnte. Zunächst hatte ich ja Charlotte im Verdacht, doch die plagen zur Zeit wahrlich andere Sorgen. Ich selbst bin es auch nicht. Seit Arthur und ich ständig nach Schlüsseln, Frauen oder Erinnerungen suchen, komme ich praktisch gar nicht mehr zum Schreiben. Eines ist augenfällig: Ganz gleich, wie viele Hinweise wir erhalten – die postmoderne Frau ist uns immer ein paar Pottwallängen voraus.

Mein Freund wirkt jetzt nervös: „Meinst du nicht, ich hätte vielleicht eine etwas weniger minimalistische Pizza backen sollen?“

„Ihre Schönheit liegt in ihrer Einfachheit“, sage ich. „Eine Margherita ist beinahe unberührt und bietet somit unendlich viel Potential. Im Guten wie im Schlechten.“

„Ein unberührtes Pizzaparadies. Wir könnten natürlich auch nach Tahiti gehen, wie Nicos Sohn.“

„Ari wurde dort beinahe mit einer Harpune getötet, vergiss das nicht.“ Ich schüttele den Kopf. „Und Melville saß auf Tahiti im Knast. Das ist ein gefährliches Pflaster.“

„Melville saß doch auch schon auf diesem Dach in Jerusalem, wo wir Lizzy getroffen haben.“

„Richtig. Aber er verbrachte darüber hinaus einige Zeit in einem Südseegefängnis, nachdem er auf dem Walfänger desertiert hatte. Also bevor er Moby Dick geschrieben hat. Im übrigen teile ich mir lieber eine Zelle auf Tahiti mit einem nüchternen Kannibalen als ein Jerusalemer Dach mit einer besoffenen Christin, die ständig vom Goldenen Kalb erzählt.“

„Allerdings.“ Arthur lächelt beinahe so entrückt wie Lizzy. „Tahiti muss tatsächlich ein Paradies sein. Die Menschen Polynesiens kennen vom Leben nichts anderes als seine Süße. Für sie heißt Leben Singen und Lieben.“

„Genau, deshalb ist Gauguin auch singend an der Syphillis verreckt.“

Wir sprachen vorhin schon darüber, über Gauguin und die Syphillis, als wir uns bei Starbuck’s am Hackeschen Markt in zwei großen Ohrensesseln ausstreckten und Espresso tranken. Naturgemäß hatten wir den Kaffee nicht bei Starbuck’s – das könnten wir uns gar nicht leisten –, sondern beim Bäcker nebenan gekauft, doch letzterer bietet nur ein paar Stehtische und nicht jene bequemen Ohrensessel wie man sie in fast jeder Filiale der beliebten Kaffeerösterei in allen denkbaren Variationen findet. Arthur und ich lasen Zeitung.

„Rimbaud war Waffenhändler“, sagte ich nach der Lektüre eines längeren Feuilletonparagraphen. „Wie Charlottes Vater.“

„Charlottes Vater ist kein Waffenhändler. Das heißt, er hat sein Geld sicherlich auch in dieser Branche angelegt, klar, aber ich würde ihn jetzt nicht als reinen Waffenhändler bezeichnen.“

„Rimbaud war ja ebenfalls kein reiner Waffenhändler.“

Wie Melvilles Captain Ahab, dem einst der weiße Wal das linke Bein abriss, konnte auch Arthur Rimbaud im Anschluss an seine abessinische Handelskarriere nur noch ein einzelnes Bein vorweisen – allerdings ohne Prothese aus dem Kieferknochen eines Pottwals. Für Blutrache blieb zudem keine Zeit mehr, denn kurz darauf verstarb der dichtende Waffenschieber. Das war 1891, im selben Jahr also, in dem auch Herman Melville sein namenloses Ende fand – so namenlos, dass der New York Times-Nachruf Henry Melville gedachte und Moby Dick jahrzehntelang den Status einer drittrangigen meeresbiologischen Abhandlung innehatte.

„1891“, erzählte ich Arthur und legte meinen Kopf zurück, „fährt der Maler Paul Gauguin, wie Rimbaud ein gewohnheitsmäßiger Absintheur, erstmals nach Tahiti. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies.“

Die Südsee kommt dem Paradies aber auch nicht viel näher als das heimische Paris. Gauguin sieht nur ärmliche Wellblechhütten und von Missionaren korrumpierte Polynesier in westlichen Kleidern. Von Unschuld und idyllischer Naturerotik keine Spur. Doch Gaugin malt ein anderes Tahiti, jene Welt, die er mit geschlossenen Augen sieht, das erträumte Paradies. Er hüllt die ernüchternde Realität in leuchtende Farben. Das ist das offene Geheimnis dieser Bilder. Der Maler lässt sich später auf einer Insel namens Hiva Oa nieder. Er baut sich eigenhändig eine traditionelle Maori-Hütte, die er mit einer Vierzehnjährigen, Modell und Mutter seines Kindes, teilt. Mit Ausnahme der Kirche besitzt im Dorf allein Paul Gauguin einen Brunnen, alle anderen holen ihr Wasser direkt von der Quelle.

„Diesen Brunnen hat man nun ausgegraben“, sagte ich und nippte an meinem Espresso. „Diesen Brunnen und seinen Müll.“

Die neuen Besitzer der Hütte warfen nämlich jenen Teil von Gauguins Nachlass, der sich nicht verscherbeln ließ, in den Brunnen, den niemand mehr brauchte – unter anderem unzählige leere Absinthflaschen.

„Ein Absinthbrunnen, aus dem Leben entspringt“, bemerkte Arthur. „Wie wundervoll.“

Doch nicht nur Flaschen und enorme 35-Liter-Weinkanister fanden sich in diesem Erdloch, sondern auch allerlei Haushaltsgegenstände sowie Spritzen und Behälter, die ursprünglich Morphium enthielten. Zur Linderung der syphillitischen Torturen. Und ein Parfümflacon, irgendein Pariser Duft, mit dem Gauguin sich bis kurz vor Schluss die Inselmädchen gefügig machte.

Eigentlich begann mein Freund schon bei Starbuck’s, von Flucht zu reden.

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte“, sagte er, „würde ich gerne mit dem Flugzeug abstürzen und unversehrt überleben. Ich wäre fortan unbesiegbar. An eben so einem Ort wie Hiva Oa, wo ich in Ruhe mein Löwenkostüm tragen und die Liebesbriefe in meinem Schuhkarton sichten und ordnen könnte. Wo ständig neue Dinge passieren – Dinge, die man nicht versteht.“

„Wie in Berlin?“ fragte ich.

„Nein, denn anders als hier wäre es kein Problem, sie nicht zu verstehen. Im Gegenteil. Wir müssten nicht mehr ständig Detektiv spielen. Es wird wirklich Zeit für einen Plan B.“

Ich nickte und sank dabei tiefer in meinen unfassbar weichen Starbuck’s-Ohrensessel.

„Stop!“ ruft Arthur, da ich noch nun ebenfalls mit geschlossenen Augen Paul Gauguin und seinem Absinthbrunnen nachsinne. Er bleibt stehen. „Das ist Charlottes Haus. Wenn sie die Pizza nicht will, weiß ich auch nicht mehr, was ich machen soll. Vielleicht schneide ich mir ein Ohr ab. Gib mir deine Hand!“

„Wieso?“

„Mach’ schon. Los. Also, falls meine Freundin mich endgültig verlassen und im Schlaf der Unvernunft ausgerechnet an Weihnachten – exakt hundert Jahre nach Klara Hitlers Tod – ein Wesen namens ‚Clara’ gebären sollte, erkläre ich hiermit, dass wir dann flüchten. Wir flüchten uns in den ewigen Absinthrausch und in eine andere, verwegenere und bessere Welt.“

Ich schaue ihn an, strecke zögernd meine Hand aus: „Ich kann dir da jetzt wirklich keine feste Zusage geben.“

In diesem Augenblick verlässt ein junger Mann Charlottes Haus. Er trägt, glaube ich, einen Kamelhaarmantel und eine dieser lächerlichen skandinavischen Wollmützen, die man am Kinn zubinden kann, und schaut uns eine Spur zu lange an.

„Wer war das?“ frage ich, während der Sturm immer stärker und der Regen zu Hagel wird.

„Ich weiß nicht.“ Arthur wirkt leicht verstört. „Ich kenne ihn, doch ich weiß nicht, woher.“

„Vielleicht von Greenpeace. Du musst da jetzt hochgehen.“

„Ja.“

„Alles in Ordnung?“

Ich mustere meinen traurigen, durchnässten Freund: Ein Walfänger sieht anders aus. In diesem Zustand würde er nicht mal eine Sardelle fangen. Wäre ich Charlotte Sevigny, würde ich möglicherweise die Tür einen Spalt weit öffnen und durch diesen Spalt hindurch ein, zwei Stücke Margherita essen.

„Nein“, sagt Arthur und reicht mir den Pappkarton. „Gar nichts ist in Ordnung. Dieses Leben ist eine Zumutung. Der Himmel fällt uns auf den Kopf. Die Südsee ist weit und die Pizza ist kalt.“