Gaza heißt jetzt Hamastan und in Afghanistan blüht der Klatschmohn. In Kassel blüht gar nichts, zumindest kein Mohn. Gerade mal gut dreißig rote Pflänzchen schmücken inzwischen den Friedrichsplatz. Vom weiten Feld, das die documenta12-Eröffnung zu einem floralen Fest der Sinne machen sollte, keine Spur. Immerhin, eine ehemalige Bewohnerin der West Bank ist trotz mühseligster Anreise erschienen: Der Künstler Peter Friedel hat extra zur documenta eine ausgestopfte Giraffe aus Qalqiliyah im Westjordanland einfliegen lassen. Hier von einem logistischen Albtraum zu sprechen, wäre gewiss untertrieben. Die Presse schreibt vom „staatenlosen Tier“ – doch sind nicht alle Tiere staatenlos? Dieses heißt jedenfalls nicht Blondie, sondern Brownie, und starb bei einem israelischen Angriff auf ein Hamas-Camp. An Herzversagen, wie gerne vermerkt wird. Natürlich will der Künstler trotz dieser herzerweichenden Symbolik keinesfalls Partei ergreifen in Nahost. Es zähle die ästhetische Erfahrung, sagt Friedel, als greifbares Kontrastprogramm zur medialen Bilderflut. Die documenta12: ein Möglichkeitsraum. Das fordert schon die künstlerische Leitung. Offen, gestaltbar und geschwisterlich geteilt von Kunst und Publikum.
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Donnerstag, 12. Juli 2007
Wir brauchen Abstand
Musik aus der Mitte des Landes: Der Rapper Abstand MC und seine sensationelle documenta-Single "Kassel braucht keine Kunst". Ein Balagan Blues Music Post – ausnahmsweise ohne Arthur und mich...
Gaza heißt jetzt Hamastan und in Afghanistan blüht der Klatschmohn. In Kassel blüht gar nichts, zumindest kein Mohn. Gerade mal gut dreißig rote Pflänzchen schmücken inzwischen den Friedrichsplatz. Vom weiten Feld, das die documenta12-Eröffnung zu einem floralen Fest der Sinne machen sollte, keine Spur. Immerhin, eine ehemalige Bewohnerin der West Bank ist trotz mühseligster Anreise erschienen: Der Künstler Peter Friedel hat extra zur documenta eine ausgestopfte Giraffe aus Qalqiliyah im Westjordanland einfliegen lassen. Hier von einem logistischen Albtraum zu sprechen, wäre gewiss untertrieben. Die Presse schreibt vom „staatenlosen Tier“ – doch sind nicht alle Tiere staatenlos? Dieses heißt jedenfalls nicht Blondie, sondern Brownie, und starb bei einem israelischen Angriff auf ein Hamas-Camp. An Herzversagen, wie gerne vermerkt wird. Natürlich will der Künstler trotz dieser herzerweichenden Symbolik keinesfalls Partei ergreifen in Nahost. Es zähle die ästhetische Erfahrung, sagt Friedel, als greifbares Kontrastprogramm zur medialen Bilderflut. Die documenta12: ein Möglichkeitsraum. Das fordert schon die künstlerische Leitung. Offen, gestaltbar und geschwisterlich geteilt von Kunst und Publikum.
Gaza heißt jetzt Hamastan und in Afghanistan blüht der Klatschmohn. In Kassel blüht gar nichts, zumindest kein Mohn. Gerade mal gut dreißig rote Pflänzchen schmücken inzwischen den Friedrichsplatz. Vom weiten Feld, das die documenta12-Eröffnung zu einem floralen Fest der Sinne machen sollte, keine Spur. Immerhin, eine ehemalige Bewohnerin der West Bank ist trotz mühseligster Anreise erschienen: Der Künstler Peter Friedel hat extra zur documenta eine ausgestopfte Giraffe aus Qalqiliyah im Westjordanland einfliegen lassen. Hier von einem logistischen Albtraum zu sprechen, wäre gewiss untertrieben. Die Presse schreibt vom „staatenlosen Tier“ – doch sind nicht alle Tiere staatenlos? Dieses heißt jedenfalls nicht Blondie, sondern Brownie, und starb bei einem israelischen Angriff auf ein Hamas-Camp. An Herzversagen, wie gerne vermerkt wird. Natürlich will der Künstler trotz dieser herzerweichenden Symbolik keinesfalls Partei ergreifen in Nahost. Es zähle die ästhetische Erfahrung, sagt Friedel, als greifbares Kontrastprogramm zur medialen Bilderflut. Die documenta12: ein Möglichkeitsraum. Das fordert schon die künstlerische Leitung. Offen, gestaltbar und geschwisterlich geteilt von Kunst und Publikum.
Am Rande der diesjährigen Kasseler Schau tritt nun – durch die Hintertür – ein Nachwuchskünstler ins Rampenlicht, der, bei allem, was er tut, Partei ergreift. Und dies auf furiose Weise. Die Rede ist von Abstand MC. Vertreten auf dem inoffiziellen documenta12-Soundtrack Klangdokument A, macht dieser junge Rapper seinem Namen alle Ehre. Mit jedem einzelnen, hasserfüllten Wort geht er auf Abstand zur Welt. Vor allem distanziert er sich in radikaler Manier von der Institution documenta und der Kunstsphäre an sich. Abstands Underground-Hit „Kassel braucht keine Kunst“ ist eine Sensation. Der richtige Song zur richtigen Zeit. So wie David Hasselhof einst mit seinem Lied „(I’ve been) Looking for Freedom“ den Fall der Berliner Mauer nicht unwesentlich beschleunigte, könnte auch Abstand MCs Anti-documenta-Attacke einiges zum Fall dieser dekadenten Leistungsschau der Kunst beitragen. Man muss ihm nur zuhören. Ganz ähnlich wie die 1001 durch Kassel irrenden Importchinesen oder Brokenhearted Brownie bilden Abstand und sein Werk eine Art soziale Plastik in der Fremde. Mit dem Unterschied, dass der Nachwuchsrapper in Kassel ja zuhause ist; er stammt laut Selbstauskunft aus einem der Problemviertel des Nordens. Doch seine Heimatstadt ist ihm – in einer fundamental modernen Erfahrung – fremd geworden: „Eigentlich ist unsere Stadt ein schönes Ghetto, doch alle fünf Jahre denkt die Welt, hier wird man froh...“ Aus diesen Worten klingt trauernde Liebe. Millionen, klagt Abstand, die sonst möglicherweise den Jugendklubs von Kassel-Nord zugute kämen, fließen stattdessen in postmoderne Plantagenhäuser und Giraffentransporte aus Kriesengebieten. Auffällig ist: Im Hip Hop als Master Narrative unserer Epoche manifestiert sich – wie in den meisten Jugendbewegungen – die Dekontextualisierung schwarzer amerikanischer Kultur. So auch in der stolzen Kasseler Unterschicht, die Abstand wie kein zweiter zu seiner programmatischen Heimat erklärt. Und auch hier, in der geographischen Mitte Deutschlands, entpuppt sich das wohl nicht zufällig gewählte Genre als ein durchweg antiintegrationistisches. Der MC will nicht dazugehören. Aber noch viel weniger will er, dass die anderen zu ihm gehören, seinen ästhetischen Erfahrungsraum okkupieren. Bereits im Intro erklärt Abstand das documenta-Jahr 2007 in Endzeitdiktion zum „Jahr des Untergangs“. Seine „Message“ richtet sich nicht zuletzt an „das schwule Studenten- und Künstlerpack“. Derlei Invektiven mögen auf den ersten Blick befremdlich klingen, dekonstruieren aber den klassischen documenta-Rundgang auf brutal-effektive Weise: in einem virtuosen Amoklauf, der erst dann Halt macht, wenn es in Kassel eben keine Kunst und keinen Geist mehr gibt. Während der diesjährige Ausstellungsleiter Roger M. Buergel lediglich damit kokettiert, dass „wir angesichts der zeitgenössischen Kunst zunächst alle Idioten“ seien, trifft dies auf Abstand wirklich zu. Er ist ein Idiot. Er versteht nichts von Kunst. Und er schämt sich nicht dafür. Seine Prioritäten setzt der Nachwuchsrapper ohne Zweifel woanders: „Eure Weiber tragen Schwarz und ne Brille, doch wenn MC Abstand kommt, ist sein dicker Schwanz ihr letzter Wille.“ Abstand stellt, frei von ermüdender postmoderner Selbstironie, seine verbale Inkontinenz gegen Buergels Vorstellung der Moderne als „Schlüsselerfahrung radikaler Kontingenz“. Und Abstands Botschaft ist viel wirkungsvoller. Was würde der MC wohl auf die „leitmotivische“ documenta-Frage antworten, ob die Moderne „unsere Antike“ sei? Bereits in der Formulierung schwingt jenes Höchstmaß an Ausgrenzung mit, welches für ihn und seinesgleichen alle fünf Jahre unerträglich wird. “Wenn mich das Leben fickt, fick ich halt zurück!”, könnte Abstand, gemäß seiner Website, entgegnen – und damit eine wesentlich existentiellere und für ihn durchaus leitmotivische Frage beantworten. Wir müssen uns Abstand, naturgemäß, als Antithese zu Roger M. Buergel vorstellen. Wo dieser nach „intellektuellem Eros“ lechzt, ist des Rappers Eros offenkundig pornographisch und antiintellektuell geprägt. Sein Song ist auch als Drohung zu verstehen: „Heute abend feiern wir in deinem Museum ein Gelage“, kündigt er schon mal freimütig an. Wahrscheinlich wird es nicht bei diesem einen Abend, diesem einen Gelage bleiben, denkt der Zuhörer mit Schaudern und, vielleicht, klammheimlicher Freude. Ob Abstand „authentisch“ ist, spielt da keine Rolle. Seine Performanz schlägt Buergels jedenfalls um Längen (und zwar nicht nur in phallischer Hinsicht). Der junge MC verwirklicht dabei mit seiner innovativen Weiterführung US-amerikanischer Gangsta Rap-Traditionen – seiner ganz persönlichen „Antike“ – durchaus das Ausstellungskonzept der „Migration der Form“. Wieso, ist man geneigt zu fragen, wurde Abstand dann nicht eingeladen zur zwölften großen Kunstbetriebsfeier? Kein documenta-Manifest vermag dies auch nur ansatzweise zu beantworten, obgleich penetrant von „demokratischen Handlungsspielräumen“ die Rede ist. Vielleicht sollten wir den Kuratoren dankbar sein. Denn Abstands ureigener Kunstbegriff entwickelt sich Tag für Tag auf der Straße – nicht in „Unis, Schulen oder ähnlichen Kulturpuffs“. Dass der Rapper sich im Refrain wiederholt als „Kunstfaschist“ ausgibt, erhält da fast einen ironischen Beiklang: Die „Kunstfaschisten“, das sind in diesem Fall ja wohl eindeutig die anderen.
Wie zahlreich die Mohnblumen am Ende des Tages auch blühen mögen – ob Kassel Kunst braucht oder nicht, können wir an dieser Stelle schwerlich abschließend beurteilen. Eines ist sicher: Kassel ist nicht Hamastan. Kassel ist auch nicht Kabul. Kassel braucht Abstand. Wir alle brauchen Abstand, um wieder ein klein bisschen schärfer sehen zu können. Abstand MC ermutigt uns zu diesem Schritt zurück, der für die Kunstwelt in ihrer Gesamtheit zugleich ein Schritt nach vorn sein kann. Allein dafür gebührt dem zornigen Lokalhelden aus Kassel-Nord unser unbedingter Respekt.
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