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Dienstag, 4. September 2007

Hatikva [Breakfast Club II]

Es gibt Dinge, die man weiß, sagt Huxley, und es gibt Dinge, die man nicht weiß. Und dazwischen sind die Türen. Aber ich weiß ja, was sich hinter dieser Tür verbirgt: eine dreißig Meter lange Schlange zugekokster Nachtmenschen. Die Tanzfläche. Die Party. Der Breakfast Club. Das Problem: Die Tür geht nicht mehr auf. Irgend etwas hat sich verhakt, keine Ahnung, wie das passieren konnte – doch selbst mit brachialstem Körpereinsatz lässt sich diese Eisentür nicht öffnen. Da es im Breakfast Club viel zu laut ist und eine längere bis sehr lange Verweildauer auf der Unisextoilette offenkundig für normal erachtet wird, kommt mir auch niemand zu Hilfe. Ich habe ein paar mal gerüttelt, ein paar mal geschrieen – vergeblich. Und jetzt fehlt mir die Kraft, schon wieder knie ich kotzend auf dem Boden. Ich übergebe mich ununterbrochen seitdem ich in dieser Klokabine gefangen bin. Das Erbrochene ist rot wie die „Lady in Red“, rot wie Blut und wie Red Bull. Den Wodka sieht man nicht. Wenn ich wenigstens etwas Humus gegessen hätte. Doch am Ende bleibt nur Red Bull, das erbärmlichste Getränk des Planeten – und sonst nichts.

Arthur ist weg. Das Blumenmädchen hat ihn mit nach Hause genommen und versengt ihm zur Stunde mit ihren Mentholzigaretten die Schamhaare. Ich bin allein. Ich habe noch allein getanzt, allein getrunken. Gewartet. Sarah ist nicht gekommen. Natürlich nicht. Ich bin der größte Versager im Gelobten Land, eingeschlossen auf einer verdreckten Toilette. Auf der Klobrille sind Pulverspuren, wie mir auffällt, als ich mit dem Kopf dagegen stoße. Ich erwäge kurz, mir aus den Überresten eine Mini-Line zu legen, entscheide mich dann jedoch dagegen. Erstens ist mir zum Koksen viel zu schlecht. Zweitens nehme ich eigentlich kein Kokain. Und drittens wäre eine derartige Handlung mein endgültiger Abschied vom Abendland und der dazugehörigen Kultur und möglicherweise niemals wieder gutzumachen. Andererseits: Ich bin im Nahen Osten. Und ich bekenne: In meiner Verzweiflung habe ich vorhin sogar noch versucht, Oklahoma-Lizzy ganz unchristlich hedonistisch abzuschleppen. Ich hätte mit Lizzy geschlafen. Ich hätte sogar mehrfach mit ihr geschlafen. „Wer ist jetzt Dein Messias?“ hätte ich sie im Verlauf des Akts keuchend gefragt. Aber sie war dann auf einmal verschwunden.

In etwa acht Stunden werden Arthur und ich im Taxi zum Flughafen sitzen. Wir werden unseren Lieblingstaxifahrer wiedersehen, die Fahrt ist bereits fest gebucht. Er wird uns noch einmal den Zusammenhang von Humus, Humus, Humus und big big big tits erklären. Arthur wird die ganze Fahrt nur lachen. Ungeduscht wird er – mit Ray Ban-Pilotengläsern – von seiner Jewish Princess schwärmen. Dem Mädchen mit der Blume im Haar und der Dildosammlung unter dem Bett. Ihren Namen wird mein Freund nicht mehr wissen, doch wird er mir deshalb nicht weniger freudig davon berichten, wie das Blumenmädchen bereits während des eher knappen Vorspiels damit begann, Gaskammerwitze zu erzählen. „Sehr erotisch“, werde ich bemerken, und Arthur wird lauthals lachen und ihre Begeisterung über sein unbeschnittenes Geschlechtsteil sehr offenherzig mit mir teilen. „Vielleicht hast du die postmodernste Frau endlich gefunden“, werde ich sagen, aber mein Freund wird nur lachen und lachen, wie irgendein dummer Kiffer, der Taxifahrer wird einstimmen und ein paar Schwänke aus dem Sechstagekrieg zum Besten geben und Arthur wird sein T-Shirt hochziehen und mir seinen völlig zerkratzten Rücken präsentieren. „Respekt“, werde ich murmeln, und dann wird mir mein Reisegefährte erläutern, dass die blutigen Kratzer keinesfalls auf die Blumenmädchenfingernägel zurückzuführen seien – diese hätten seine eigenen an Länge kaum überragt. Zum Glück. Doch das Blumenmädchen hielte nicht nur achtzehn verschiedene Dildos, sondern überdies drei Katzen in ihrer winzigen Wohnung, die eher einem Treibhaus gliche, und diese Katzen – Adolf, Hermann und Joseph – hätten ihm im Schlaf in heimtückischster Manier den Rücken zerkratzt. Jetzt kehre er wahrlich als Schwerstbeschädigter in die Heimat zurück. Der Sex jedoch, der sei phantastisch gewesen. „Sakral“, wird der gottlose Arthur Müller sagen und: „All was well“, bevor er sich beim Aussteigen noch mal gefährlich den Kopf stoßen wird.

Am Ben Gurion-Airport werde ich mich sofort erbrechen, während mein Freund bei McDonald’s einen koscheren Big Mac verspeisen wird. Ich werde mich einer Befragung durch eisigste Grenzbeamten unterziehen müssen, stundenlang. Jedes einzelne Stück Schmutzwäsche aus meinem Rucksack wird auf Sprengstoffspuren untersucht werden. Wir werden in buchstäblich letzter Sekunde in unsere Austrian Airlines-Maschine steigen, die – wirklich wahr – den Namen „Kurt Cobain“ tragen wird. Fasten your seat belts, please. It’s better to burn out than to fade away. „Welcher österreichische Volltrottel ist bloß auf diese Namenswahl verfallen?“ werde ich fragen, und Arthur wird weiterlachen wie ein Kind und die Stewardess en passant um etwas Junk bitten. Sie wird daraufhin mit einer abrupten Notlandung drohen und Arthur wird ihr ein freundliches „Sissy“ hinterher zischen. Naturgemäß wird ein Hugh Grant-Film laufen. Emotionale Pornographie. „I hate myself and I want to die“, werde ich sagen und ein Bier bestellen und Arthur wird lachen und lachen.

Aber noch knie ich hier auf diesem vollgepissten Toilettenboden und bin erneut im Erbrechen begriffen. Es ist das neunte Mal. Was für ein Balagan. Die Farbe der Kotze erinnert mich wieder an „Lady in Red“, den irischen Billigbarden mit der Monoaugenbraue – und sobald ich an Chris de Burgh denke, muss ich mich ein zehntes Mal übergeben. Vielleicht sterbe ich auch. Denn wie in einer Telenovela oder einem miserablen Fortsetzungsroman im Internet läuft eine Art Trailer-Version der letzten zwei Monate noch mal vor meinem inneren Auge ab. Alles vermischt sich – und alles scheint irgendwie zusammenzuhängen, ohne dass es am Ende irgendeinen Sinn ergibt: Jakob, der Lügner, und die Atomwaffenfabrik bei Dimona. Die „Altstadt“ von Be’er Sheva. „Results without Apologies.” Spring Break in Eilat. Der warme Wüstenwind. Ausgebombte jordanische Häuser und Oasen am Toten Meer. Konrad, der verschollene Idiot. Ein Liebesbrief von Jesus. Das Goldene Kalb und Arthur an der Klagemauer. Der Todesengel von Santa Monica. Delphine Nussbaum. Delphine Nussbaum und ihr heißer Tanz. Irgendwie geht die Welt aus dem Leim. Nelson, Lucky, Otis, Charlie und Lefty Wilbury. Harry Potter. Die Sexualpraktiken der Haredim. Tel Aviv, die weiße Bauhaus-Stadt. Banana Beach. Die ausradierte Dolphin-Bar. Die Clara-Bar. Jewish Princess. The Princess has come of Age. The Jewish Princess has come of Age. Arthur Curtis Wilson. Sex mit Engeln. David Bowie und Roy Orbison. The New Romantics. Gainsbourg Girls. Debbie, Rachel, Lizzie, Sarah. Charlotte, Charlotte, Charlotte. Klara. Der Schuhkarton. Die postmodernste Frau. Die blaue Blume. Arthurs blaues Auge. Love Will Tear Us Apart.

Der Herbst ist da. Zumindest in Berlin. Da müssen wir jetzt durch, mein bester Freund und ich. Doch diese Klotür geht einfach nicht auf. Ich höre: Frauenlachen. Unverständliches Hebräisch. Dumpfe Bässe. Stille. The Sound of Silence. Urplötzlich eine verzerrte Gitarre. Die erste seit diesem obskuren Neunziger-Song, dessen Titel ich noch immer nicht herausgefunden habe. I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live by the sea. Momentan bin ich eher ein Hund, keine Frage. Die Gitarre heult auf. Jimi Hendrix, denke ich, The Star Spangled Banner. Und: Warum spielt die D-Jane hier im Breakfast Club – Magical Mystery Madeleine – so einen Hippie-Dreck. Es gibt Dinge, die man weiß, und es gibt Dinge, die man nicht weiß. Ich fand Hendrix schon immer langweilig, selbst wenn das keinen interessiert. Doch dann merke ich: Es ist gar nicht die US-Nationalhymne, die da mit maßlos viel Feedback, nun ja, dekonstruiert wird, sondern natürlich die israelische. Hatikva. Hoffnung. Die Hoffnung von 2000 Jahren, wie es im Text heißt. Vermutlich der rituelle Abschluss von Madeleines DJ-Set. Und der ganze Breakfast Club singt mit. Aufgrund meiner aktuellen Isolationshaft höre ich die Stimmen nur gedämpft. Doch alle singen dieses pathetische und eigentlich recht hoffnungslose Lied, schrill, falsch und sturzbesoffen. Das ist doch ein angemessener Schlussakkord für diese Nacht, für diese Reise, denke ich. Schade, dass Arthur jetzt nicht hier sein kann. Fast möchte ich einen Orangenbaum pflanzen. Ich liege auf dem Toilettenboden, lausche der wehmütigsten Hymne der Welt, meine Kehle schnürt sich zusammen. Vielleicht wäre dies der richtige Zeitpunkt, um mal wieder zu weinen, denke ich, nur ein bisschen, dann wird es mir besser gehen. Und während ich „Hatikva“ höre und in Tränen ausbrechen will, merke ich, dass ich schon wieder kotzen muss.

Montag, 3. September 2007

From Lizzy with Love


The Supremacy of Christ in a Postmodern World

Götzendämmerung [Breakfast Club I]

„Normalerweise lehne ich Frühstück ja ab“, brüllt Arthur über brechreizerregende Bässe hinweg. „Aber der Breakfast Club ist schon eine tolle Einrichtung.“

Der letzte Vorhang, die wirklich letzte heilige Nacht – und wir verkriechen uns in einem dunklen Keller. Wie Debbie aus der Clara Bar schon sagte: Alle Wege in Tel Aviv führen irgendwann in den Breakfast Club. Es sei denn, man scheitert an der Tür. Aber trinkfeste Touristen wie Arthur und ich sind hier – im Unterschied zu schlecht besoldeten Army-Kids – überall gern gesehen. Dabei schreitet unser Bankrott unaufhörlich voran, und zwar auf allen Ebenen. Anstatt noch eine Hostel-Nacht zu bezahlen, haben wir also beschlossen, gar nicht zu schlafen und die gesparten Devisen lieber in Wodka Red Bull zu investieren. Welch weise Entscheidung. Wir klopfen uns immer wieder gegenseitig auf die Schulter. Ab jetzt ist alles möglich: Arthur und ich müssen nur irgendwie morgen, um 16. 30 Uhr, am Flughafen sein und eine Maschine von Austrian Airlines besteigen.

Stalin, Dali, Kim Il Sun: Die Wände dieses Clubs sind eine Augenweide, Porträts blutrünstiger Potentaten sorgen für ein angemessen aggressives Ambiente. Auch auf der Tanzfläche fließt Blut, beinahe zumindest. Hypnotischer House, der Raum ist vernebelt von Zigarettenrauch, ständig verschüttet jemand seinen Drink, doch vor allem – selbst eine Nonne könnte es nicht anders sagen – liegt Sex in der Luft. Der Breakfast Club ist purer Sex. Es scheint, als könne das Tanzvergnügen von einer Sekunde zur anderen in eine Massenorgie umkippen. Mal sehen. Ich lehne an der Bar, warte auf Sarah. Endlich hat es geklappt, in dieser letzten Nacht, wir sind hier fest verabredet. Wir werden die Nacht von Berlin wiederholen, hat sie am Telefon gesagt, nur eben in Tel Aviv, auf ihre, Sarahs, Art. Ich sollte vielleicht ein wenig langsamer trinken, damit ich sie überhaupt noch erkenne. Meinem Freund sind derlei Sorgen fremd. Er trägt heute meine Sonnenbrille, die sein entstelltes Gesicht jedoch nur unzulänglich verbirgt. Als er die Treppe in dieses Kellergewölbe hinunterstieg, hat Arthur sich – aufgrund der dunklen Brille – ein weiteres Mal überaus unglücklich den Kopf gestoßen. Und wenig später schlug ihm ein Amerikaner auf der Tanzfläche mit seiner Bierflasche ein Stückchen Schneidezahn aus. Doch Arthurs lässt sich nichts anmerken, seine Attraktivität scheint unter all den Blessuren kaum gelitten zu haben. Im Gegenteil: Er tanzt, als ob der nächste Selbstmordattentäter schon im Anmarsch wäre – und die Menge tanzt um ihn herum. Arthur ist hier das goldene Kalb. Der glänzende Götzengott mit Ray Ban-Gläsern, einen Kopf größer als alle anderen, dem die Töchter Abrahams bereitwillig huldigen. Ein hinreißendes Bild. Mein Freund verliert allmählich die Kontrolle, glaube ich. Doch das kann täuschen. Sein Verhältnis zu Charlotte jedenfalls scheint inzwischen auf der Ebene der Hamas/Fata-Beziehungen angelangt zu sein, wobei ihm fraglos der Hamas-Part zufällt, wenngleich Charlotte naturgemäß nicht annähernd so korrumpiert ist wie ein Fata-Funktionär. Ich weiß nicht, was in Berlin passieren wird. Wie ein Friedensplan überhaupt aussehen könnte. Aber jetzt bin ich nicht in Berlin, sondern im Breakfast Club, warte auf Sarah und lasse mich einfach mal fallen.

And what goes up must come down

„I want a nasty little Jewish Princess”, schreit Arthur. „Hast du noch Geld?“

Ich gebe ihm einen zerknüllten Schein aus meiner Hosentasche.

„Ich muss seit Stunden pissen“, sagt er. „Aber die Schlangen bei den Klos sind bestimmt dreißig Meter lang.“

„Let’s get lost. Wanna be my German Kate Moss?”

„Ich will einfach nur pissen. Das ist doch nicht zuviel verlangt. Du musst übrigens unbedingt dieses Video sehen, das ich Charlotte geschickt habe.“

„Wir können ja in Berlin einen netten Videoabend zu dritt machen“, sage ich.

„Zu viert. Du hast Dimona vergessen. Die postmoderne Prinzessin.“

Doch es ist viel zu laut, wir vertagen die Konversation. Arthur stolpert zurück auf den Tanzboden. Er wird sofort wieder von seinem Zirkel aufgenommen und vollführt dort einige expressive Bewegungen. Ich trinke, warte auf Sarah. Es gibt jetzt einen kurzen Break, die Bässe berühren mein Herz. Die Menge kreischt. Dann erstmals seit langer Zeit eine menschliche Stimme, irgendein Remix: I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live in the sea... Ich kenne den Song, kann ihn aber beim besten Willen nicht einordnen. Er wirkt deplaziert, geheimnisvoll funkelnd und verstaubt zugleich. Ein Wah-Wah-Echo aus einer anderen Zeit, das mich an irgend etwas erinnert, ohne dass ich wüsste, woran. Vielleicht ist es die Wodka Red Bull-Mischung, welche allmählich mein Gehirn zerfrisst. Oder es hat etwas mit Israel zu tun. Ich wähne mich plötzlich ganz woanders, in einer längst vergangenen Epoche – den neunziger Jahren. Der Sound klingt so dermaßen outdated, so unschuldig, dass es mir vorkommt, als ob alles, was ich damals gedacht und empfunden habe, ebenfalls völlig outdated sei. Ist es ja auch. Und schlagartig fällt mir ein: Nächste Woche werde ich dreißig. Das habe ich im Laufe dieser Reise ganz vergessen.

Ich sollte das jetzt klären, bahne mir also den Weg zum DJ-Pult, wo Magical Mystery Madeleine – so nennt sich die D-Jane – mit ihren Vinylscheiben jongliert. Auf dem Weg muss ich am goldenen Arthur-Kalb vorbei, das noch älter ist als ich und dessen Tanzbewegungen sich mittlerweile auf exakt zwei Frauen konzentrieren.

„Sex mit Engeln! Ich möchte Sex mit Engeln haben!“ ruft mein Freund schweißgebadet.

I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live in the sea... Als ich beinahe schon bei M-M-Madeleine angelangt bin, um sie nach der Herkunft dieses Songs zu fragen, tippt mir jemand auf die Schulter. Obwohl man in solchen Momenten ja gar keinen richtigen Gedanken fassen kann, glaube ich trotzdem für einen Sekundenbruchteil, es müsse Sarah sein, die mir da auf die Schulter tippt, Sarah und niemand anders. Doch die Frau, die mich angrinst, ist blond, etwas pausbäckig und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil einer Jewish Princess.

„Hey“, sagt sie. „Lizzy. Aus Oklahoma. Erinnerst du dich?“

Der Breakfast Club muss verhext sein. Erst dieser Neunziger-Flashback und jetzt Lizzy, die schwachsinnige Christin, mit der wir einen langen Nachmittag auf dem Hoteldach verbracht haben – in Jerusalem. Aber das hier ist doch Tel Aviv, denke ich. Tel Aviv. Lizzy gehört nicht hierher.

„Wo ist denn dein Freund?“ fragt sie mich. „Wir hatten dieses total intensive Gespräch über Moses. Ich denke immer noch viel darüber nach.“

„Das goldene Kalb“, sage ich. „Was machst du denn hier?“

Lizzy presst sich sehr dicht an mich. Sie duftet nach Zimtkaugummi.

„Was ich hier mache? Ich tanze.“ Helles Gelächter. „Ich bin eine hedonistische Christin.“

Stimmt, das hatte sie uns schon erklärt.

„Aber sagtest Du nicht, der hedonistische Aspekt Deines Glaubens würde sich gerade nicht auf weltliche Freuden beziehen, sondern lediglich auf geistliche?“

Ich kann selbst kaum glauben, dass ich mir diesen Satz gemerkt habe. Und dass ich ihn in diesem Augenblick durch den drogen- und sexgeschwängerten Breakfast Club brülle.

Lizzy strahlt. Ihre Wimperntusche ist verwischt. Sie trägt ein Tanktop und sehr enge Jeans.

„Weltliche Freuden stehen nicht immer im Gegensatz zu den geistlichen“, sagt sie. „Wir feiern hier heute auch den Erlöser.“

Turns into dust or turns into stone.

Ich muss kurz an die Haredim aus New York denken, die vorhin auf dem Rothschild Boulevard eine Art Techno-Parade abhielten – zu Ehren des Messias, den sie in einem unlängst verstorbenen Rabbiner entdeckt zu haben meinen. Sie tanzten ekstatisch und ziemlich unorthodox auf dem Dach eines VW-Busses. Mit Schofar-Horn und Schläfenlocken und gar nicht mal uncoolen Beats. Und Tel Aviv tanzte mit, wenn auch irgendwie ironisch, glaube ich. Ich schaue Lizzy an, deren Promillegehalt ihre Entrücktheit noch potenziert, sie lächelt zurück, und ich denke: Nein, diesen Engel will ich nicht ficken.

Im selben Moment tritt zum Glück Arthur hinzu, in Begleitung einer seiner beiden Tanzpartnerinnen. Sie sieht ein bisschen aus wie Amy Winehouse, nur nicht ganz so verkommen, und trägt eine Blume im Haar, soweit ich das im blauen Discolicht erkennen kann. Mein Freund umarmt unsere Jerusalem-Bekanntschaft von hinten. Keine Ahnung, wie er sie so schnell erkannt hat, zumal er noch immer die dunkle Sonnenbrille trägt.

„Lizzy, altes Haus! Ich hätte da eine Frage...“

„Was ist denn mit dir passiert?“ Sie befühlt Arthurs Stirn.

„Nur ein kleiner Terroranschlag. Danach Selbstgeißelung in der Via Dolorosa.“

Die hedonistische Christin nickt andächtig.

„Also, Lizzy“, mein Freund schwitzt wieder enorm und tut jetzt so, als würde er tief in sich gehen, „welche Rolle kann Jesus Christus in der Postmoderne überhaupt noch spielen? Wo ist er jetzt? Was macht der Erlöser in dieser durch und durch post- oder gar post-postmodernen Welt?“

Ihr redet hier von Jesus? Seid ihr total bescheuert?

Amy drückt ihre Zigarette auf Arthurs Unterarm aus. Dieser zuckt nur kurz zusammen. Was ist bloß aus den Blumenkindern geworden, denke ich. Lizzy lächelt, als hätte sie sich gerade einen Schuss gesetzt.

„Ich gehe mal nach Sarah schauen“, sage ich und fahre die Ellenbogen aus. Die Musik steigt mir zu Kopfe, die Bässe berühren mein Herz.

„Vier Wodka Redbull!“ ruft Arthur mir hinterher. „Diese Nacht darf niemals aufhören!“

[Wie soll diese Nacht noch enden? Werden wir unser Flugzeug verpassen? Die Fortsetzung folgt, vielleicht, im nächsten Post...]

Dienstag, 24. Juli 2007

Dead Letter Office

„Ich fürchte, ich bin am Jerusalem-Syndrom erkrankt“, sagt Arthur und fasst sich an den Kopf.

Ich muss ihn enttäuschen: Das ist unmöglich. Nicht nur, weil Arthur bekanntlich ein durch und durch gottloser Mensch ist. Hätte ihn diese seltsame Seuche befallen, erkläre ich ihm, wüsste er ja nichts davon, allein ich, sein objektiver Begleiter, könnte die Krankheit bei ihm diagnostizieren. Er, Arthur, würde sich einfach zum Messias ausrufen. Vielleicht auch zur Jungfrau Maria. Und eifrig die nahende Apokalypse verkünden. Der Reiseführer nennt sogar Zahlen: Zwischen 50 und 200 Touristen werden jährlich vom so genannten Jerusalem-Syndrom befallen. Sie tragen Togen, predigen vor Passanten und halten handbemalte Schilder mit Botschaften in die Höhe, wie man das auch aus New York-Filmen kennt. In sehr ernsten Fällen, die aber leider bereits aufgetreten sind, zünden sie sogar Moscheen an. Üblicherweise dauert dieser Zustand eine Woche an – dann sind die Erkrankten geheilt und schämen sich in Grund und Boden. Mir würde es, denke ich, ähnlich gehen.

"Oh, life is bigger. It's bigger than you and you are not me."

Wir stehen wieder auf dem Dach unseres Hotels, des ältesten Hotels Jerusalems, wo schon Mark Twain und ein großer amerikanischer Romantiker – Herman Melville – residierten. Die Abenddämmerung ist stets die allerfeinste Stunde. Wenn die Muezzin singen und die Kuppel von al-Aqsa in der Sonne glänzt, kann sich sogar mein Freund der Magie des Ortes nicht erwehren. Ansonsten ist er, wie bereits angedeutet, eher kritisch eingestellt. In einer Stadt, die sich in erster Linie dem Glauben verschrieben hat, muss sich ein Ungläubiger wie Arthur einfach fremd fühlen. Mir geht es ja nicht anders. Wir beide gehören nach Tel Aviv. Dort pilgern die Menschen am Shabbat zum Strand, nicht zur Klagemauer. Während ich den verdichteten Schaulauf der Haredim, Bible Belt-Christen und Gotteskrieger jedoch mit heidnisch-staunenden Augen betrachte, scheint Arthur bisweilen ernsthaft darunter zu leiden. Er hat ein paar schlechte Erfahrungen gemacht, muss man wissen. Heute kann man ihn getrost als ultraorthodoxen Atheisten bezeichnen.

Arthurs Haltung zur Religion erinnert mich – wenigstens auf diesem poetisch beseelten Dach – an eine Melville-Erzählung: „Bartleby, the Scrivener“. Jener Bartleby erledigt Schreibarbeiten für einen Wall Street-Notar, weigert sich aber konsequent, irgendwelche andersgearteten Aufträge auszuführen. Und zwar immer mit den Worten: „I prefer not to.“ Sie sind sein sanftmütiges Mantra, das jedoch letztlich keinen Widerspruch duldet. Am Ende verweigert Bartleby sogar die Nahrungsaufnahme, verendet elendig im Knast. Der Schreiber ist die einsamste Figur der Literaturgeschichte. Da bin ich mir absolut sicher. Ein einsamerer Mensch als Melvilles Anwaltsgehilfe ist schlicht nicht vorstellbar.

Wenn mein Freund Arthur nun von Religion spricht – und das tut er in diesen biblischen Gefilden recht häufig – schwingt immer auch Bartlebys ziviler Ungehorsam mit: „I prefer not to.“ Im Unterschied zur passiv-schweigsamen Résistance des Schreibers vertritt mein Freund seine Ansichten überaus eloquent. Vor allem mit Christen treibt er mitunter ein perfides Spiel. Gerade etwa, in diesem Augenblick, spricht Arthur mit einer jungen Frau aus Oklahoma, Lizzy, die schon zum zwölften Mal in Jerusalem und vermutlich zum tausendsten Mal auf diesem Dach ist und uns bei Dänenbier einen historischen Crash-Kurs erteilt. Lizzy weiß alles über diese Stadt.

„Was meinst du“, fragt Arthur sie scheinbar ganz ernsthaft, „wie hat Moses sich gefühlt, als er damals vom Berg Horeb hinabstieg, die Gebotstafel im Arm, und das Volk um dieses goldene Kalb tanzen sah?“

Mir wäre der Name des Bergs wohl nicht bekannt gewesen. Doch Arthur – wie ich hier immer wieder mit Verblüffung feststelle – kennt das Alte Testament genau. Die Episode vom goldenen Kalb gehört erklärtermaßen zu seinen Favoriten, es ist ja auch eine ziemlich gute Story, eine ziemlich witzige noch dazu.

„Meinst du nicht, Moses hat sich ganz schön geärgert?“ will er von Oklahoma-Lizzy wissen.

Und Lizzy schaut ihm tief in die Augen, dann mir, die Pupillen wässrig und entrückt, und klärt uns mit trübseliger Stimme auf: „Ich sage euch: In diesem Moment war sein Herz gebrochen. Moses hat sich davon nie wieder erholt.“

„Dieses Kalb“, sagt Arthur noch, „war ja aus den Ohrringen der Frauen gefertigt worden. Das macht es natürlich noch schlimmer.“

Lizzy nickt bloß gedankenverloren.

„Wieso macht es das noch schlimmer?“ frage ich.

„Scheiße, ich habe wirklich das Jerusalem-Syndrom“, entgegnet Arthur.

Wir müssten sofort – so mein Freund – auf den Ölberg steigen, das wäre in dieser Nacht unsere einzige Rettung, und am besten nähmen wir Bier mit, sehr viel Bier, ansonsten sähe er schwarz, und ich sage:

„Wenn wir auf den Ölberg steigen, dann ohne Bier, damit Du mal merkst, wie sich das anfühlt, unbetäubt und nackt“, und Arthur stimmt mir schweren Herzens zu.


"Every whisper of every waking hour I'm choosing my confessions."

Acht Stunden später, an der Klagemauer, sind wir naturgemäß trotzdem betrunken. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Vielleicht sollte man diese hochheilige Stätte des Judentums nicht in einem derart derangierten Zustand aufsuchen, blau wie Sinatra und seine Spießgesellen. Doch wir wissen uns immerhin zu benehmen. Zudem fällt auf: Alle wirken irgendwie betrunken – die ultraorthodoxen Haredim in ihrer religiösen Ekstase erwecken sogar noch einen wesentlich trunkeneren Eindruck als Arthur und ich. In weite Tücher gehüllt, betend und monoton singend, tanzen sie sich hier in einen Rausch. Keiner nimmt von uns Notiz. Fraglos ist das alles eher ungewohnt, doch ich muss sagen: Ich schätze diesen Ort – jedenfalls zu so später Stunde. Heute morgen war es viel zu grell, zu voll, zu laut. Die IKEA-Plastikstühle vor der Mauer erschienen uns wie der grässlichste aller Stilbrüche. Doch um drei Uhr nachts sitze ich gerne hier. Selbst Arthur geht es, glaube ich, nicht anders. Ansonsten hätte mich mein ewig rastloser Freund schon längst zum Gehen aufgefordert. „Nenne drei Künstler, die einen Song mit dem Titel ‚Wailing Wall’ aufgenommen haben“, sagt er jetzt. „David Bowie. The Cure“, antworte ich rasch. Ein drittes Beispiel fällt mir nicht ein, Arthur aber auch nicht, obwohl er zaghaft Pink Floyd ins Spiel bringt. Doch nicht alle Mauern sind gleich Klagemauern. Vom Ölberg aus konnten wir kurz zuvor einen Blick auf die andere Mauer erhaschen. Weiß und rostbraun windet sich der neue Hochsicherheitszaun entlang der Grenze zum Westjordanland. Man sieht ihn immer nur aus der Ferne, wirklich nahe sind wir dieser Mauer bislang nicht gekommen.

Aber Arthur und ich müssen jetzt zunächst noch etwas nachholen, was uns heute morgen nicht gelingen wollte. Ich bekenne: Uns ist nichts eingefallen. Was schreibt man Gott, wenn man mal die Gelegenheit dazu hat? Wir haben minutenlang nachgedacht, bei unserem ersten Besuch an der Klagemauer, überlegt, was wir auf unsere kleinen Klagemauer-Zettel schreiben, die man dann irgendwo in die Klagemauer steckt – Gebete und Wünsche und wohl auch Klagen –, doch uns fiel einfach nichts ein. Das ist nun anders. Befeuert vom Bier bringen wir beide etwas zu Papier. Arthur will mir nicht sagen, was er soeben notiert hat, ich halte mich ebenfalls sehr bedeckt. Selbst hier wird nichts verraten. Bei meinem Freund kann ich nur spekulieren. Es ist gewiss nicht unwahrscheinlich, dass er sich erneut die allergröbste Blasphemie zuschulden kommen lässt und die – zum Glück hypothetische – Veröffentlichung seiner Nachricht eine Art jüdische Fatwa, einen Flächenbrand ungekannten Ausmaßes zur Folge hätte. Vielleicht steht auf seinem Zettel: „Wer das liest, ist doof“. Oder: „God is a DJ“. Oder ähnlich Unsagbares. Vielleicht aber auch nicht. Selbst wenn es so abgeschmackt und so brechreizerregend wie ein Chris de Burgh-Song klingen mag: In solchen Momenten sind wir immer ganz allein. Ganz gleich, ob man an Gott glaubt, ob der Ort einem heilig ist oder nicht, man ist allein mit diesem weißen Zettel. Ein Augenblick so schwer wie tausend Jahre Einsamkeit – wie Bartlebys Einsamkeit, die mir jetzt plötzlich wieder im Kopf herumspukt. Melvilles Geschichte erzählt ja ebenfalls von Mauern. Sozialen und realen Mauern. Sie spielt an der Wall Street, in einem von Wolkenkratzern umstellten, lichtlosen Büro. Die ganze Welt scheint nur aus Mauern zu bestehen. Zum Schluss verendet Bartleby in vollkommener Isolation hinter Gefängniswänden, die nicht zufällig „The Tombs“ – die Gräber – genannt werden.

Fast unaussprechlich traurig auch der mögliche Ursprung von Bartlebys Einsamkeit, deren Leitmelodie „I prefer not to“ ist: Glaubt man den Gerüchten, hat sich der Schreiber geradezu mit diesem Virus infiziert. An seinem früheren Arbeitsplatz, der einen unübersetzbaren Namen trägt. Ich spreche vom Dead Letter Office. Einer Art Fegefeuer für falsch oder unzureichend adressierte Briefe. Die Angestellten dieser Einrichtung sind einzig damit beschäftigt, jene irrlichternde Post nach Wertgegenständen zu untersuchen. Dann werden sie den Flammen übergeben – natürlich ohne jemals ihr Ziel zu erreichen. 57 Millionen Mal im Jahr, laut Statistik. Melville schreibt: „On errands of life, these letters speed to death.“ Wer im Büro der toten Briefe arbeitet, wie Bartleby, dem wird die Hoffnung ausgetrieben. Bei der Klagemauer, auf die wir nun zusteuern, ist das anders. Es kommt nur darauf an, ob du glaubst, dass dein Brief den Empfänger erreicht. Oder eben nicht. Keine Ahnung, was mit all diesen Zetteln, den zahllosen Briefchen an Gott in den Mauerritzen, eigentlich geschieht. Man müsste mal bei der Touristeninformation nachfragen. Möglicherweise werden sie schon aus Platzgründen regelmäßig abgeerntet und verbrannt. Für Arthur und mich, soviel steht fest, ist die Klagemauer ein Dead Letter Office.

Dead Letter Office?“ sagt Arthur. „Das ist eine Platte von R. E. M. – nur mit Outtakes.“

Er summt jetzt „Losing my Religion“ vor sich hin. Ich schaue ihn an. Irgend etwas stimmt nicht. Ich kann mir nicht helfen, aber hier ist mein Verdacht: Vielleicht hat mein heillos besoffener Freund heute nacht gar nicht Gott beleidigt, obwohl er ganz sicher noch immer nicht an ihn glaubt. Vielleicht hat er nur einen einzigen Namen – Klara, natürlich – auf seinem Zettel notiert. Vielleicht verspricht er sich etwas davon, vielleicht weiß er es selbst nicht, vielleicht ist er verrückt geworden und tatsächlich am Jerusalem-Syndrom erkrankt, während er nun auf die Mauer zuwankt und in seinem Taumel irgendwie komisch wirkt – komisch und fremd und verzweifelt zugleich.

"I thought that I heard you laughing. I thought that I heard you sing.
I think I thought I saw you try."