„Schneller, wir müssen schneller fahren!“
„Arthur, das ist bloß ein Tretboot.“
Charlotte lacht. Sie liegt in einem Liegestuhl und sonnt sich, während ihr Freund und ich wie Galeerensklaven schuften. Obwohl wir bereits erste Schweißtropfen vergießen, kommt das Boot kaum von der Stelle. Arthur feuert uns immer wieder energisch an.
„Auch ein Tretboot kann fliegen, wenn man nur leidenschaftlich genug in die Pedale tritt!“ ruft er. „Mein Gott, das Echolot ist auf einmal verstummt!“
„Was hast du da gerade genommen, Arthur?“ will Charlotte plötzlich wissen.
„Gar nichts.“
„Doch.“ Sie schaut ein wenig irritiert. „Ich hab’ gesehen, wie du deinen Finger in die Tasche gesteckt hast und ihn danach abgeleckt hast.“
„Traubenzucker“, erwidert Arthur.
Charlotte schweigt.
„Wir werden dich den Fischen zum Fraß vorwerfen“, sage ich.
Ich habe nichts gesehen. Mein Freund, das muss man anerkennen, tritt nicht nur mit Verve in die Pedale, sondern bedient auch das Ruder wie ein auf allen Weltmeeren heimischer Skipper. Steuerbord ragt das verfallene Riesenrad aus dem Plänterwald heraus. Es dreht sich nicht. Der alte Vergnügungspark ist seit Jahren geschlossen, was, wenn ich mich recht erinnere, nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass der wegen diverser Unregelmäßigkeiten ins Visier von Ermittlern geratene ehemalige Betreiber einige der Fahrgeschäfte gekidnappt und nach Südamerika verschoben hat. Wie auch immer er das anstellen konnte. Ich meine, wie verschifft man heimlich eine Achterbahn? Wir sehen: Rauchende Fabrikschlote am Horizont, ein rotes Wasserflugzeug, das hier vor Anker liegt – und ein Schild: „Durchfahrt zur Liebesinsel verboten“.
„Verdammt“, sagt Arthur, „diese Insel hätte ich ja gern gesehen. Wir müssen umkehren.“
„Das Ende der Welt liegt sowieso in der anderen Richtung“, bemerke ich.
„Die Ostsee auch“, ergänzt Charlotte mit müder Stimme.
„Vielleicht“, sagt Arthur, „ist dort am Ende der Welt gar kein Abgrund, sondern die Pforte zu einer neuen, besseren Welt – der Bionade-Welt, wo alle Menschen immerzu Bionade trinken und kein Bier, und sich einfach, na ja, besser fühlen. Da laden wir dann Charlotte ab. Und Kiki auch.“
Nach einem eleganten Wendemanöver steuert unser Boot nun Richtung Innenstadt. Arthur strampelt scheinbar mühelos, ich kann gerade noch so mithalten. Er holt eine Wodkaflasche aus seiner Tasche und bietet mir davon an.
„Der ist so scharf, der gehört hinter Gitter“, sagt er.
„Ich wette, der ist geklaut. Du landest bald hinter Gittern.“
„Stimmt.“ Arthur lacht.
Ich nehme einen großen Schluck, mein Freund setzt die Flasche gar nicht mehr von den Lippen.
„Wir fahren nach Äthiopien“, brüllt er, so dass ein Pärchen auf einem vorbeifahrenden Ruderboot sichtlich zusammenzuckt.
„Ich frage mich, wer auf der Liebesinsel wohnt“, sinniert Charlotte.
„Dodi und Di“, entgegnet Arthur. „Als Zombies.“
„Pete und Kate“, sage ich. „Als Zombies.“
„Pete Doherty möchte ich nie wieder sehen oder hören.“
„Natürlich nicht, Charlotte“, sage ich. „Eigentlich will niemand von Pete noch irgend etwas sehen oder hören. Pete Doherty ist die Paris Hilton des Rock’n Roll. Aber die Songs, die Songs will man dann – im Gegensatz zu den Liedern der Hilton – eben doch hören.“
„Mir ist schon bessere Musik untergekommen“, bemerkt Arthur.
„Auf dem neuen Babyshambles-Album“, sage ich atemlos, „ist ein wirklich hinreißendes Abschiedslied für Kate Moss: ‚There She Goes’. Pete fragt sich da, wie er sie hätte gehen lassen können, als er sie tanzen sah – zu Northern Soul – und dabei einen kurzen Blick auf ihre Seele erhaschen durfte. Von dem Moment an war er geliefert und musste einfach mit ihr zusammenbleiben.“
„Lieber Kate und Northern Soul als Diana und Duran Duran.“
„Kate Moss hat die spitzen Zähnchen einer Feld- und Wiesenmaus“, konstatiert Charlotte freundlich.
„In der zweiten Strophe beschreibt Pete dann, wie Kate durch seine Wohnungstür trat und mehr Stoff, als er jemals zuvor gesehen hatte, aus ihrer Handtasche hervorholte. Ein weiterer Grund, sie nicht gehen zu lassen.“
„Zweifellos das entscheidende Motiv“, sagt die schwangere Dame im Heckbereich.
„Nur weil er ständig von William Blake redet“, sagt Arthur, „ist Pete noch lange kein Romantiker.“
„Aber allein die Tatsache, dass er ein Junkie und Exhibitionist und, vor allem, ein Idiot ist“, sage ich, „heißt noch lange nicht, dass er kein Romantiker ist. Viele große Romantiker waren Junkies, Exhibitionisten und Idioten. Schau uns an.“
„Wir haben diese Frage doch schon in Eilat diskutiert. Kate hat nach der letzten und endgültigen Trennung alle seine Liebesbriefe verbrannt. Hätte ich auch gemacht.“
„Das solltest du sowieso mal machen“, sagt Charlotte.
„Jetzt geht das schon wieder los. Außerdem schreibt mir Pete nicht so oft.“
Arthur tritt unentwegt in die Pedale, wie ein Bergspezialist bei der Tour de France. Dabei kann er seinen Oberkörper nicht stillhalten und zuckt immer wieder epileptisch zusammen. Er schwitzt wesentlich stärker als ich. Vom Ufer dringt der Duft von Räucherfisch an unsere Nasen, wir steuern auf die stählerne S-Bahnbrücke zu.
„Okay“, sage ich, obwohl ich eigentlich meine ganze Kraft dafür verwenden müsste, nicht aus dem Tritt zu kommen, „jeder nennt einen großen Break-Up-Song. Mein Beitrag war ‚There She Goes’.“
„‚Layla’ von Eric Clapton“, erwidert Charlotte.
Arthur schüttelt den Kopf: „Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe.“
Seine Freundin tritt ihm mit voller Wucht ins Kreuz. Er schreit auf.
„Was Arthur sagen will“, doziere ich, „ist folgendes: ‚Layla’ ist – wie so viele grandiose Musikstücke – kein Break-Up-Song, sondern eher eine Art Come-Back-To-Me-Song. Eric Clapton fällt ja mit diesem Lied erklärtermaßen auf die Knie, um die Rückkehr seiner großen Liebe zu erwirken. Naturgemäß vergeblich. Allerdings konnte er den Song später an Opel verkaufen.“
„Das habe ich schon verstanden. Dann eben ‚Visions of Johanna’ von Dylan.“
„Sehr gut“, lobt Arthur.
„Exzellente Wahl.“
„Ich hasse euch“, sagt Charlotte.
Unser Steuermann reißt sich das Joy Division-T-Shirt vom Leib und wirft es seiner Freundin ins Gesicht, die es daraufhin – von Arthur unbemerkt – ins Wasser fallen lässt. Ich sage nichts.
„Ich persönlich“, stößt er nach kurzer Bedenkzeit hervor, „entscheide mich für Eamon – ‚Fuck it (I don’t want you back)’. Tolles Video. Leckere Pizza.“
„Das müssen wir wohl gelten lassen“, entgegne ich, während der Wodka mir bereits das Hirn vernebelt und mein Freund vor entfesselter Energie fast zu platzen droht. Die Augen weit aufgerissen, wie Dianas zugedröhnter Chauffeur auf dem finalen Foto wenige Sekunden vor dem Crash, erhöht er noch mal die Schlagzahl. Unser Tretboot fährt zwar schneller als alle anderen Tret- oder Ruderboote auf diesem Gewässer, viel, viel schneller sogar, das Tempo bleibt jedoch eher bescheiden. Ich brauche dringend eine Pause und lege für einen Moment die Beine hoch. Arthur merkt es gar nicht, er tritt einfach weiter in die Pedale. Auf der Elsenbrücke prangt ein Graffito: „Love is the White Dove of Peace.“
„Was für eine widerliche Hippie-Scheiße“, kommentiert mein Freund. „Das Gegenteil ist wahr.“
Unter der Brücke ist nicht viel Platz, dafür gibt es ein schönes Echo, das uns sofort dazu verführt, „Lady in Red“ anzustimmen. Charlotte hält sich zunächst die Ohren zu, summt dann aber ebenfalls leise mit. Die Angler am Ufer sind hocherfreut. Auf der anderen Seite – wir nähern uns der Monumentalskulptur Molecule Man – greift Arthur in die Handtasche seiner Freundin, durchwühlt diese hektisch und holt ihren Lippenstift heraus. Bevor sie ihm den Stift entreißen kann, hat er sich bereits ein rotes Kreuz auf seine Brust gemalt.
„Kriegsbemalung“, sagt er und nimmt einen Schluck Feuerwasser, „wir müssen auf alles gefasst sein. Wie viele Menschen hier wohl still ertrunken sind?“
„Wir sollten bald wieder umkehren“, sage ich. „Die Stunde ist fast vorbei. Außerdem regnet es gleich.“
Der Himmel verdunkelt sich in der Tat, doch der halbnackte, am Rücken immer noch katzenzerkratzte Arthur, dem die Schminke binnen Sekunden auf der Haut zerfließt, scheint nicht zu frieren.
„Falsch“, sagt er. „Wir fahren weiter. Immer weiter. Es wartet die bessere Welt.“
Da selbst Charlotte keinen Einspruch erhebt und ich mich angenehm betrunken fühle, kommt es zu keiner Kursänderung. Unser Steuermann lenkt das Boot zwischen den Beinen einer der drei aus dem Wasser ragenden Molecule-Man-Figuren – jener, die angeblich den Bezirk Friedrichshain repräsentieren soll – hindurch. Äußerst stramme Waden sind das, durchlöchert wie die Arme des Pete Doherty. Arthur versucht zur Abwechslung, im Stehen zu strampeln, und fällt dabei beinahe ins Wasser, während links der stillgelegte Osthafen und ein paar lieblos kolorierte Semi-Plattenbauten vorbeiziehen.
„Ich habe übrigens eine Theorie aufgestellt.“ Er setzt sich wieder hin.
„Wir hören“, sagt Charlotte.
„Ich nicht“, sage ich.
„Sie basiert auf der bekannten so genannten Broken Window-Theorie. Ist diese euch ein Begriff?“
Ich fürchte, wenn wir Arthur nicht bald stoppen, wird er nun stundenlang das uferlose Balagan in seinem Kopf ausbreiten und die allgemeine Unordnung auf diese Weise noch vergrößern. Obgleich Charlotte und ich seine Frage bejaht haben, fährt er unbeirrt fort:
„Die Ausgangslage ist folgende: Ein Grundstück ist verlassen. Überall wächst Unkraut. Und, jetzt kommt’s, eine Scheibe wird eingeschlagen. Die Erwachsenen schelten lärmende Kinder nicht mehr. Die Kinder, dadurch ermutigt, werden rebellischer. Familien ziehen aus. Ungebundene“, Arthur malt an dieser Stelle Anführungszeichen in die Luft, „ungebundene Erwachsene ziehen ein. Jugendliche treffen sich vor dem Laden an der Ecke. Der Ladenbesitzer fordert sie auf, wegzugehen. Sie weigern sich. Es kommt zu Auseinandersetzungen. Abfall häuft sich...“
„Ich glaube, das reicht“, unterbreche ich ihn, „wir haben verstanden.“
„Falle ich dir etwa ständig ins Wort? Also: Der Laden an der Ecke. Die Leute beginnen vor dem Laden zu trinken. Erst Bier. Dann Wein. Dann Schnaps. Und dann stürzt ein Betrunkener auf dem Bürgersteig, darf liegen bleiben und mal eben seinen Rausch ausschlafen. Fußgänger werden von Bettlern angesprochen.“ Arthur redet nun wie im Fieberwahn, formt die Silben nicht immer verständlich. „Der Punkt ist“, sagt er, „all das hätte verhindert werden können, wenn nur irgendjemand dieses verdammte zerbrochene Fenster repariert hätte!“
„Wir danken für diese kriminologischen Erkenntnisse“, erwidert Charlotte. „In Manhattan ist es jetzt auch viel schöner und sauberer.“
„Versteht ihr denn nicht?“ Arthur nimmt einen Schluck aus der Flasche. „Die Zerstörung von Fensterscheiben geschieht nicht deshalb übermäßig oft in einer Gegend, weil dort viele Zerstörer von Fensterscheiben leben, während sich in anderen Gegenden Fensterscheibenliebhaber aufhalten. Es ist vielmehr so, dass ein nicht wieder in Stand gesetztes Fenster ein Zeichen, ein grelles Symbol dafür ist, dass an diesem Ort keine Menschenseele an einem zerbrochenen Fenster überhaupt Anstoß nimmt. So können letztlich beliebig viele Fenster zerstört werden, ohne dass damit gerechnet werden muss, jemals für den Schaden aufzukommen. Es macht ja auch eine Menge Spaß, Fenster zu zerstören.“
„Könnte ich bitte mal den Wodka haben?“
Arthur lächelt selbstgerecht: „Ich habe mir nun in einer Mußestunde überlegt, diese urbanistisch-kriminologische Theorie gewissermaßen auf die Topographie der Herzen zu übertragen.“
„Du hast nur Mußestunden“, sagt Charlotte.
„Ich nenne mein Konzept die Broken Heart Theory. Versteht ihr? Das ist doch ganz ähnlich: Ein Mensch wird verlassen. Überall wachsen emotionales Unkraut und Verzweiflung. Nicht das Fenster, sein Herz ist zerbrochen. Er wird immer gleichgültiger gegen das, was um ihn herum passiert – seien es lärmende Kinder, die Probleme seiner Freunde oder der Genozid in Darfur. Dieser Mensch kümmert sich nur noch um sein gebrochenes Herz, ist aber natürlich nicht in der Lage, es zu reparieren.“ Arthur keucht wie ein Asthmakranker. „Die Verwahrlosung schreitet voran. Trunksucht. Drogen. Selbstzerstörung und Aggression auf allen Ebenen. Schmutz. Müll. Außerdem hat unser armer Mensch immerzu panische Angst, dass dieses eine zerbrochene Fenster – sein Herz –, falls es irgendwann einmal notdürftig geflickt sein sollte, sofort wieder zerbrochen werden könnte. Von irgendeinem Vandalen der Liebe. Und deshalb wird er lieber selbst zum Herzensbrecher. Am Ende dieses komplizierten Prozesses sind alle Fenster und alle Herzen zerbrochen und alle Menschen trinken nichts als Schnaps. Quod erat demonstrandum.“
Erstmals seit Anbruch unserer Fahrt hält Arthur einen Moment inne. Er wischt sich den Schweiß vom Gesicht.
„Wieso redest du eigentlich ständig von gebrochenen Herzen?“ fragt Charlotte – weder naiv, noch vorwurfsvoll.
„Überall MTV-Arschlöcher“, erwidert unser Steuermann und deutet auf die entsprechenden Gebäude zu unserer Rechten. „Sobald wir die Oberbaumbrücke passiert haben, sind wir sicher.“
„Vor den MTV-Arschlöchern?“
„Vor dem Tretbootverleiher. Du glaubst doch nicht, dass ich dieses Prachtexemplar von einem Schnellboot jemals wieder zurückgeben werde?“
Ich atme tief durch: „Arthur, was hast du schon wieder genommen? Der Typ hat meinen Personalausweis. Er wird uns die Wasserschutzpolizei hinterherschicken.“
„Aber wir werden schneller sein.“
„Mir ist kalt“, sagt Charlotte, „lasst uns zurückfahren. Bitte.“
„Wir tun das hier auch für dich und unser Kind“, entgegnet Arthur. „Kiki hat eine neue, bessere Welt verdient.“
Unsere kleine Barkasse befindet sich nun kurz vor der Backsteinbrücke, über die gerade eine U-Bahn poltert, und an der Brücke hängt ein Schild, welches unmissverständlich verkündet, dass Boote mit weniger als fünf PS diese auf keinen Fall unterfahren dürften. Ich versuche das Ruder zu übernehmen, um eine sofortige Wende zu veranlassen, doch Arthur, der schon immer stärker war als ich, wehrt sich mit aller Gewalt. Die Folge: Stillstand, mitten auf der Spree. Im selben Moment ertönt ein Schiffshorn, ein gar nicht mal kleiner Ausflugsdampfer kommt uns entgegen. Mein Freund ist erstaunlicherweise noch so geistesgegenwärtig, das Ruder sofort Richtung Steuerbord umzureißen. Charlotte schreit auf, die Hände auf ihrem Bauch. Der Kapitän des feindlichen Schiffs brüllt irgend etwas herüber, Touristen fotografieren uns mit Einwegkameras. Mein Freund zeigt mit beiden Zeigefingern herausfordernd auf seine Kriegsbemalung.
„Schiffe versenken!“ ruft er den erschrockenen Provinzlern zu. „Das hättet ihr wohl gern, ihr feigen Wichser! Aber wir fliehen, umkreist von elektrischen Monden, Seepferde jagen hinter uns her, Glutstrahlen stechen wie stählerne Sonden übers magnetisch gespaltene Meer!“
Er prostet ihnen mit der Wodkaflasche zu. Niemand prostet zurück, obgleich auf solchen Schiffen ja bekanntlich maßlos viel getrunken wird. Die Bugwelle des Touristendampfers verpasst uns noch mal einen ordentlichen Schwung, der das Tretboot unter der Oberbaumbrücke hindurchspült. Ich habe jegliche Bewegung eingestellt und trinke lieber Schnaps. Charlotte ist in eine Art Starre verfallen. Sie wehrt sich nicht mal, als Arthur ihr blankes Knie tätschelt.
„Wo ist eigentlich mein T-Shirt?“ fragt er. „War das nicht gerade ein Delphin?“
Und so treiben wir dahin, vom gleichmütigen Strom getragen, trunken und still. Einzig Arthur gibt mitunter ein paar Wortfetzen von sich. Wir treten nun wieder zu zweit in die Pedale, was bleibt mir auch anderes übrig. Die East Side Gallery zieht Bild für Bild vorbei. Eine Bierreklame auf der Leinwand vor der im Bau befindlichen 02 World gleicht in ihrem göttlichen Glanz einer Marienerscheinung. Ich merke, dass ich unmenschlichen Durst habe.
„02 – vielmehr: die Anschutz Entertainment Group – will hier einen Jachthafen bauen“, sagt Arthur. „Ich könnte kotzen.“
„Ich auch“, sagt Charlotte, aber ich fürchte, sie meint nicht den Jachthafen.
„Der Wodka ist alle.“ Unser Steuermann wirft die leere Flasche gegen die freundlicherweise ebenfalls von 02 errichtete Uferbefestigung. „Wir müssen irgendwo einkehren.“
„Wie wär’s mit der Charité?“
„Seht ihr das grüne Licht da hinten?“ Arthur streckt seinen Arm im Stile eines Feldherren über dem Wasser aus. „Das ist unsere Bar. Die warten schon auf uns.“
Ich kann zwar kein grünes Licht erkennen, doch wahrscheinlich meint er die beliebte Bar am Ufer, die nach ihrer Hausnummer benannt ist, wo spanische Touristen – und bisweilen auch Arthur und ich – eher ungern gesehen sind. „Have a good life!” hat die Türsteherin mal zu uns gesagt. Zur Begrüßung.
Arthur strahlt: „So müssen sich die ersten Siedler gefühlt haben, als sie in der Neuen Welt anlegten. Der Bionade-Welt. Diese Menschen hatten noch die Fähigkeit, zu staunen. Die habt ihr beide völlig verloren. Wisst ihr überhaupt, dass die blauen Pferde dort am Horizont vom Regenbogen gezügelt sind?“
„Es ist nur eine Bar“, sage ich.
„Nur eine Bar?“
Während wir noch mitten auf dem Wasser treiben und vermutlich längst polizeilich gesucht werden, stehe ich auf, hocke mich neben Charlotte in den Heckbereich und lege den Arm um sie.
„Wir streiken“, sagt sie mit blitzenden Augen.
„Exakt“, sage ich. „Wir fahren jetzt sofort zurück.“
Arthur dreht sich um, lächelnd, die Pupillen größer als Tellermienen. Er klopft dreimal mit den Fingern auf das Plastikboot, wie es manche Kneipenbesucher zum Abschied tun, und sagt freundlich: „Gut, dann gehe ich eben alleine in die Bar.“
Und schneller als Charlotte, die, glaube ich, mit den Tränen kämpft, und ich, der, glaube ich, gleich kotzen muss, es überhaupt realisieren können, schneller als die ersten Regentropfen in die Spree fallen, ist Arthur schon ins Wasser gesprungen, mit Hose und Schuhen und ohne Verstand. Ein paar Liter schwarzer Schmutz schwappen ins Boot. Wir schauen ihm hinterher: Er krault wie ein Weltmeister, schwimmt auf die Uferbar zu, das grüne Licht in seinem Kopf. Charlotte und ich bleiben sitzen, unser Tretboot tanzt auf den Wogen, leicht wie Kork.
„There he goes“, sagt Arthurs Freundin.


