
Sonntag, 26. August 2007
Freitag, 24. August 2007
Jewish Princess II
„Ich kann nicht glauben, dass wir die Jewish Princess gefunden haben!“ Arthur strahlt. „Du bist die schönste Jewish Princess der Welt!“
Sharon, an die diese Worte gerichtet sind, bedankt sich mit einer kleinen Verbeugung. Arthurs Euphorie ist nicht ganz unberechtigt: Nach achtstündiger Suche haben wir endlich jene Bar gefunden, die allmählich schon zu einer fixen, utopischen Idee in unseren vernebelten Köpfen geworden war: Jewish Princess. Es ist fünf Uhr morgens, wir sitzen am Tresen. Ich habe meinen Freund lange nicht so betrunken erlebt. Er redet fieberhaft auf Sharon ein, die hier Platten auflegt und immer wieder Zärtlichkeiten mit ihrer äthiopischen Freundin austauscht. Sie sei nach Tel Aviv gezogen, sagt sie, weil man hier das beste Kokain im ganzen Nahen Osten bekäme. Vielleicht war es ein Witz, doch ich habe so meine Zweifel.
„Wie lange habt ihr denn nun gesucht?“ fragt die D-Jane.
„Von außen ist die Bar wirklich sehr unscheinbar“, sage ich.
„Nur wenn man blind ist.“
„Wenn wir die Jewish Princess nicht gefunden hätten, hätte ich mich im Morgengrauen erhängt“, bemerkt mein Begleiter.
Sharon – die sich bereits mehrfach in aller Deutlichkeit vom komatösen Ex-Premier distanziert hat – setzt ihre Kopfhörer auf.
„Ich bleibe in Tel Aviv“, murmelt Arthur. „Es geht nicht anders.“
„Findest du nicht, dass es langsam reicht? Fällt dir auf, dass wir beide niemals arbeiten?“
„Wir arbeiten sehr wohl: Wir denken nach. Wir entwickeln Ideen. Wir trinken. Und wir suchen. Und wenn’s nur die Jewish Princess ist, die wir suchen.“
„Und trotzdem werden wir nächste Woche zurück nach Berlin fliegen. Da können wir dann weitersuchen. Ich will nach Hause.“
„Ich kann nicht“, sagt mein Freund. „Der point of no return ist überschritten. Charlotte wird mich massakrieren.“
Da musst du wohl durch, denke ich. Es ist wirklich eine aparte Bar, welche durchaus die Achtstundensuche rechtfertigt. Selbst auf den Toiletten wird sehr viel gelacht. Als ich vom Klo wiederkomme, flüstert Arthur gerade Sharon etwas ins Ohr. Die D-Jane nickt daraufhin.
„Was hast du sie gefragt?“ will ich wissen.
„Ich habe ihr einen Vorschlag gemacht: Let’s get lost! Wanna be my Jewish Kate Moss?“
Ich würde es ihm zutrauen, doch mein Freund steht, soviel ist klar, kurz vor dem Kollaps. Er denkt auch gar nicht mehr an seinen Schuhkarton. Seitdem uns der lachende Zwerg in der Lilienblum Street seine ganz spezielle Theorie zur postmodernen Frau an sich erläutert hat, müssen wir in mehr als zehn verschiedenen Trinklokalen gewesen sein. Und in jedem einzelnen haben wir – auf der Suche nach der verlorenen Jewish Princess – mindestens einen Tequila konsumiert. Zwar kann ich selber kaum noch auf meinem Hocker sitzen, doch verglichen mit Arthur bin ich nüchtern wie ein Mormone.
„Was meinst du, wie ging der Film weiter?“ fragt er jetzt. „Was hat die blaue Blume noch so alles angestellt?“
„Das will ich gar nicht wissen“, sage ich. „Niemals will ich wissen, auf was für Ideen diese durch und durch widerliche Blume noch gekommen ist.“
Am Anfang unserer Suche, in einer Allenby Street-Bar mit 80er-Dekor, wurde ein Film an die Wand projiziert. Titel: The Princess Has Come Of Age. Ein pornographischer Animationsfilm, dessen erste Viertelstunde folgendes erzählt: Eine Prinzessin in irgendeiner fernen Galaxie hat das heiratsfähige Alter erreicht. An Kandidaten mangelt es nicht. Doch einzig der Mann, der all ihre sexuellen Phantasien vollauf befriedigen kann, wird den Zuschlag erhalten. Und der erste Bewerber ist eben diese hundsgemeine Blume, die sich nicht lange bitten lässt und ohne zu Zögern zur Penetration schreitet. Der Prinzessin – so schien es zumindest – gefällt’s. In der Jewish Princess läuft übrigens gerade ein Werner Herzog-Film: Stroyzek, glaube ich.
„Es war keine blaue Blume, sondern eine rote“, merke ich an.
„Sie war blau.“
„Du bist blau.“ Ich streue eine Prise Salz auf meinen Handrücken. „The Jewish Princess has come of age.”
„Sprichst du von Delphine Nussbaum?” Arthur lallt, wie ich es gar nicht von ihm kenne.
„Erinnerst du dich?“ Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Wir werden nie wieder so unschuldig wie Delphine durchs Leben schwimmen können.“
„Klara“, sagt Arthur.
„Was?“
„Die Clara Bar. Dort hat die kleine Rachel diesen großen Satz gesagt.”
„Ach so. Die Clara Bar. Die kleine Rachel hätte mir übrigens nicht erst im Breakfast Club den ziemlich großen Satz sagen müssen, dass sie mit einem zehn Jahre älteren Investmentbanker verlobt ist.“
Während ich noch an die Frau mit den schwarzen Augen denke, die über Bowie reden konnte wie keine andere, springt Arthur plötzlich auf. Ich begreife erst, was vor sich geht, als ich ihn tanzen sehe. Es gibt hier ja gar keine Tanzfläche, doch er tanzt einsam und wie von Sinnen. Vielleicht ist es auch bloß ein epileptischer Anfall.
When routine bites hard and ambitions are low.
„Hast du dir das gewünscht?“ frage ich.
Sharon grinst: „Endlich tanzt hier mal jemand.“
Ich weiß: „Love Will Tear Us Apart“ ist Arthurs Lieblingslied. Schon immer. Keine allzu originelle Wahl, aber das ist Beethoven auch nicht – und der besitzt als Komponist ja trotzdem seine Qualitäten. Erst vorhin hat mir mein Freund erneut erzählt, wie Ian Curtis in der Nacht vor den Aufnahme-Sessions Frank Sinatra hörte. Forty Greatest Songs. Wieder und wieder. Natürlich wusste ich das längst – man muss nur genau hinhören: Why is the bedroom so cold, turned away on your side? Ein Post-Punk singt hier ganz im Stile eines Crooners, melodramatisch, aber wahr, egal, was er sonst so verbrochen hat.
„Joy Division sind die romantischste Band aller Zeiten“, sage ich, doch niemand hört mir zu.
Als der Song endet, auf diesem furiosen Schlussakkord, mit dem die Musikgeschichte eigentlich für immer vorbei sein müsste, ist Arthur schweißgebadet. Er stützt sich an der Theke ab, greift nach seinem Bier.
Sharons schöne Freundin gibt uns Tequila aus: „Fürs Tanzen.“
„Auf Tony Wilson“, sagt mein Freund. Er verschüttet die Hälfte seines Shots.
„Auf Tony Wilson“, sage ich ernst.
Da wir hier völlig aus der Zeit gefallen sind, haben Arthur und ich erst heute, durch puren Zufall, von Tonys Tod erfahren. Der Gründer des Factory-Labels, auf dem auch „Love Will Tear Us Apart“ – im selben Jahr wie Zappas „Jewish Princess“ übrigens – erschien, ist letzte Woche abgetreten. Ohne Zugabe. Am Rathaus von Manchester wehten die Flaggen auf Halbmast.
„Love Will Tear Us Apart ist nicht nur der beste Popsong überhaupt.“ Arthurs Stimme zittert, doch er spricht jetzt erstaunlich klar: „Es ist mehr als das. Es ist die Essenz von Manchester. Das hat Peter Saville gesagt, in der F. A. Z., ausgerechnet. Und er hat verdammt recht.“
Peter Saville: Grafikdesigner, Genie, Mitbegründer von Factory Records.
„Die Essenz von Manchester, hat er gesagt. Eigentlich die Essenz von Pop. Factory, Joy Division, New Order, die Haçienda, Rave. Das ganze große Gesamtkunstwerk. Und all das wurde nur möglich dank dieses einen ungeheuerlichen Opfers: Ian Curtis’ Tod. Sein Selbstmord. Verstehst du?“
Ich reiche ihm eine Serviette, denn Arthur schwitzt wirklich aus allen Poren.
„Gleich zu Beginn, bevor es überhaupt erst losgeht mit Factory und allem, steht da diese eine, gewaltige und vor allem auch gewalttätige Investition. Dank dieser Investition schafft es das Label, ein ganzes Jahrzehnt lang zu überleben, ohne je an Profit zu denken. Ians Opfer hat die Leute zusammengeschweißt und nichts Geringeres als ein modernes Wunder bewirkt.“
„Ein postmodernes Wunder.“
„Da waren keine Drogen im Spiel“, fährt mein Freund leicht manisch fort – fast, als stünde er selbst unter Drogen: „Es war keine Krankheit, kein Wahnsinn und auch kein Unfall. Ian setzt sich hin. Er schreibt ‚Love Will Tear Us Apart’ und meint es genau so. Es ist die Wahrheit. Das wäre heute gar nicht mehr möglich.“
„Hat Peter Saville das alles gesagt?“ frage ich.
„Nordengland.“ Er keucht. „Die industrielle Revolution. Kapitalismus. Die jungen Romantiker überall. Das hängt alles eng zusammen. In Manchester träumten die jungen Romantiker damals noch von einem anderen Ort. Einem Ort, an den sie fliehen konnten. Wegen Ian Curtis und Tony Wilson, der sein Label ausgerechnet Factory nannte, also die ganze Industriescheiße in etwas Positives umdeutete, sind die gleichen jungen Leute in Manchester geblieben. Um den Ort zu verändern, an dem sie lebten. Nicht Duran Duran, diese Wichser, sondern die Factory-Leute sind die wahren New Romantics.“
„Was ist denn heute mit dir los? Wieso auf einmal dieses Pathos?“
„Love Will Tear Us Apart – again”, sagt Arthur Müller und stößt mal wieder mit mir an.
Jetzt bin ich ebenfalls blau wie die Nacht.
„Kann es sein, dass du – dass du eigentlich von Klara redest?“ frage ich.
Arthur schaut glasigen Blickes an mir vorbei.
„Ich habe letzte Nacht dreimal von ihr geträumt“, sagt er und sein Kopf schlägt mit voller Wucht gegen den Stahltresen.
Peter Saville's Alphabet of Colours
Mittwoch, 22. August 2007
Jewish Princess I
„Pappelallee“, sagt Arthur und nickt. „Vielleicht Pappelallee. Oder: Hindenburgdamm.“
Ich habe ihn gerade gefragt, welcher Berliner Straßenname auch nur annähernd so poetisch, so frei und verführerisch klänge wie ‚Lilienblum Street’, eines von mehreren Epizentren des Tel Aviver Nachtlebens.
„Aber am Hindenburgdamm gibt es keine Jewish Princess“, fügt mein Freund noch hinzu.
Wie wahr, doch selbst in Tel Aviv ist diese Bar mit größtem Potential, die uns von vielerlei Seiten empfohlen wurde, nicht leicht zu finden. Arthur und ich suchen seit Stunden. Wir haben etwa ein Dutzend Personen, Frauen zumeist, nach dem Weg gefragt, und alle haben gelacht oder die Frage entweder als raffinierte oder fadenscheinige Anmache interpretiert. Einige haben uns in die Irre geschickt.
„Wir werden die Jewish Princess niemals finden“, sage ich.
Und so sitzen wir erneut in der Lilienblum Street, Straße des ewigen Sommers, mit einigen Personen, die immer hier sitzen und, wenn es die Stimmung erlaubt, mit uns reden und trinken. Die Nacht ist noch jung. Eigentlich sollte ich Sarah treffen, doch die besucht momentan ihre Familie in Haifa, wie sie mich per Email wissen ließ. Dann eben nächste Woche, haben wir gesagt, und ich hoffe, es klappt endlich mal. Gleich neben uns trinkt der einzige Anzugträger der Stadt, ein älterer Franzose von zwergenhafter Gestalt.
„Hast Du nicht langsam das Gefühl, diese Sarah könnte dich irgendwie meiden wollen?“ fragt Arthur.
„Was hast Du Charlotte eigentlich geschrieben?“
„Nichts Besonderes“, sagt mein Freund. „Einige angemessene Worte. Ich finde es ja in Ordnung, dass sie der Kleinen Gainsbourg vorspielt. Keine schlechte Wahl. Aber es kann nicht sein, dass meine Freundin erst meine Liebesbriefsammlung – wohlgemerkt aus den Jahren vor der Charlotte-Ära – durchstöbert und mir dann auch noch Vorwürfe macht. Daraus spricht ein gewaltiger Mangel an Postmodernität.“
An dieser Stelle mischt sich plötzlich der Franzose ein:
„Das Wesen der Frauen entspricht doch aber ganz und gar der Postmoderne“, sagt er und massiert seinen Dreitagebart.
Ich glaube, er heißt Jean.
„Wie darf ich das verstehen?“ fragt Arthur skeptisch.
„Nun ja“, erläutert unser Tischnachbar, „da die Frau ja bloß Erscheinendes ist, korreliert ihre Oberflächlichkeit und Bedeutungslosigkeit in anmutiger Weise mit der Tiefenlosigkeit und dem Bedeutungsverlust der Postmoderne.“
„So ein Quatsch“, sagt mein Freund. „Das Gegenteil ist richtig. Die meisten Frauen sind ja eben viel zu tief. Ich fordere mehr Oberfläche.“
„Ihr seid noch jung. Ihr werdet es schon irgendwann begreifen“, entgegnet der seltsame Franzose in seinem viel zu großen Anzug.
„Falls Deine Tochter wirklich ein Gainsbourg Girl wird“, versichere ich Arthur, „dann besteht an ihrem außergewöhnlich postmodernen Status eigentlich kein Zweifel. Ein Gainsbourg Girl weiß Oberfläche und Tiefe zu verbinden, wenn auch vielleicht noch nicht als Kleinkind.“
„Auch Zwerge haben mal klein angefangen“, sagt der angehende Vater.
„Serge Gainsbourg?“ Jean horcht auf.
„Kennst Du eine Bar namens Jewish Princess?“ fragt Arthur.
„Ich kenne nur den Zappa-Song.“
Wir schauen uns betreten an. Arthur und ich wussten nichts von diesem Song. Doch „Jewish Princess“, so der Franzose, sei auf dem 1979er Album Sheik Yerbouti (sprich: „Shake your Booty“) enthalten und hätte damals eine – erfolglose – Klage der Anti-Defamation League nach sich gezogen. Unsere mehrfach vergeblich gestellte Frage nach jener Bar erschiene bereits bei bloßer Kenntnis der ersten Zeile – „I want a nasty little Jewish Princess“ – in einem nicht völlig unproblematischen Licht. Allerdings bezweifle er, Jean, dass irgend jemand außer ihm selbst sich noch an dieses – gleichwohl vortreffliche und zweifelsohne ein Maximum an Postmodernität erreichende – Album, auf dessen Cover Zappa als Scheich posiere, erinnere. Wir sollten uns also keine Sorgen machen.
„Wir müssen diese Bar unbedingt finden“, sagt Arthur
Er winkt nach der Kellnerin.
Ich stimme ihm zu: „Du hast Recht. Die Suche muss weitergehen.“
„Immer der Nase nach“, sagt der kleine Franzose und lacht.
Sonntag, 19. August 2007
Donnerstag, 16. August 2007
Enjoy the Silence
to: charlotte.sevigny@abc-consulting.de
date: 08. 16. 07 / 01: 36 a. m.
subject: ENJOY THE SILENCE!!!!!
Charlotte, Charlotte, Charlotte!
Kann ich da in Deiner letzten Mail eine gewisse gefährliche Verstimmung detektieren? Vielleicht tröstet es Dich: Auch wir werden hier Tag für Tag fetter. Mein „Freund“, dessen Namen Du offenbar nicht ausschreiben willst, so wie die Ultraorthodoxen den Namen Gottes niemals ausschreiben, und selbst ich, Dein (fremder) „Freund“ (wie in: „Paar“). Uns wachsen sogar Brüste. Humus, Humus, Humus und sehr viel dunkles Bier können schon deshalb nicht ganz koscher sein, weil diese spezielle Israel-Diät langsam, aber mit tausendprozentiger Garantie, auch einen einstmals gertenschlanken Knaben wie mich in ein dickes, fettes Speckschwein verwandelt. Ich fürchte mich schon vor den Schwangerschaftsstreifen, welche sich fraglos in einigen Monaten zeigen werden. Abgesehen von dieser frappierenden Parallelentwicklung darf ich Dich daran erinnern, dass Du bei meiner Abreise den Wunsch geäußert hattest, erst einmal nichts mehr von mir zu hören? Weil ich angeblich immer nur Dinge sage, die Du prinzipiell nicht hören willst oder schon tausendmal gehört hast und deshalb nicht mehr hören willst? Und dass ich ankündigte, meine Emails nicht regelmäßig zu lesen? Dann könnte ich ja gleich zuhause bleiben. Außerdem hasse ich, wie Du, meine Schöne, vielleicht weißt, nichts mehr als Internetcafés. Internetcafés sind für Verlierer. Zumal es ja gar keine Cafés sind, sondern großraumbüroartige Sozialstationen, in denen ungewaschene Backpacker und potentielle Egoshooter-Amokläufer wie ein Haufen Indios campieren. 24-7. Wie soll man da schreiben? Wie soll man denn da, bitte, schreiben?!? Ich kann es jedenfalls nicht. Immerhin schreibt Dir ja Konrad alias Regina Regenbogen. Glaube ihm kein Wort, er ist ein noch größerer Lügner als ich, ich schwöre es, er läuft seit Wochen vor uns davon. Die Tatsache, dass Konrad in diesem Land wohnt (und dass das Auserwählte Volk DIESEN MANN in SEINEM Land leben lässt), ist – beinahe – der einzige Grund, es auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Ansonsten ergeht es uns in der Tat gänzlich anders als Dir auf Deinem Logenplatz in der langweiligsten Straße Berlins: Touristen gibt es hier kaum, keiner traut sich ins Kriegsgebiet, nur eine Handvoll US-Boys und Franzosen. Dafür wimmelt es von Juden. Solchen Typen wie Gainsbourg – natürlich schätze ich Deine Wahl, sie entspricht zweifelsohne meinen postmodernen (und sogar postmodernsten) Ansprüchen. Welches Lied hast Du Deiner Tochter – unserer Tochter – denn vorgespielt? „Lemon Incest“? „Nazi Rock“? Nach allem, was Du so über unsere Beziehung („Beziehung“?) sagst, vermute ich eher: „Je t’aime... moi non plus“. Sehr originell. Das muss und wird sich ändern. Aber wenn sie wirklich getanzt hat, spricht das eindeutig für dieses Mädchen. Sleazy Kid. Und wenn Du fragst, was für ein Vater ich sein möchte, kann ich nur antworten: ARTHUR MÜLLER, und Arthur Müller hat sich auch schon einen Namen überlegt für unser kleines Gainsbourg Girl, der Dir bestimmt gefallen wird. Er bleibt jedoch vorerst geheim. 
Ich verzichte übrigens dezidiert auf die Frage, was Du eigentlich für eine Mutter sein willst. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass es Dir egal ist, wenn ich im Rahmen dieser kleinen Lustreise andere Mütter oder Töchter „flachlege“ (was für ein abstoßender, besagter sublimer Handlung völlig entfremdeter Ausdruck!!!). ____ höchstpersönlich ist mein Zeuge – bisher bin ich unberührt geblieben wie die Virgin fuckin’ Mary, deren „Grab“ wir hier besichtigen durften. Die Mädchen von Zion tragen sowieso alle Waffen, SCHARFE Waffen, da traue ich mich gar nicht ran, und der mich begleitende „Freund“ hat leider alle meine Annäherungsversuche abgelehnt. Vielleicht hätte Konrad ja Interesse. Irgendwie habe ich das Gefühl, Dein zunehmend fatalistisches Misstrauen könnte damit zu tun haben, dass Du meinen Schuhkarton durchwühlt hast, perfiderweise während ich einen keineswegs harmlosen Tequila-Rausch ausschlief. Aber das ist nur so ein Gedanke. Er kam mir bloß in den Sinn, weil ich gerade – genau wie an jenem Abend – ein paar (exakt: 8) dieser Agavenschnäpse getrunken habe. Anders sind Internet-„Cafés“ ja nicht zu ertragen. Und wenn Du „Kind“ gesagt hast, klang das für mich damals schon immer wie „Katze“ oder „Knut“ oder: „Schatz, lass uns doch ein rumänisches Waisenkind adoptieren, bevor es in die Hütchenspielerszene abdriftet!“ Ich sage nicht, dass ich dieses Kind nicht will. Ich stelle nur fest, dass ich auch niemals gesagt habe, dass ich es will. Außerdem erkläre ich offiziell, dass ich zurückkommen werde. Es stimmt ja, wenn ich wieder mal mit beiden Händen in die Welt hineinfahre, Du beschreibst das sehr poetisch, dann TIEF, TIEF, TIEF bis auf den Grund – und mit diesem beschissenen kleinen Judenstaat, welcher in Deinem Kopf offenbar aussieht wie Luxemburg, bin ich eben noch nicht ganz fertig. Die Ölquelle ist sozusagen noch nicht ausgebeutet. Ein, zwei Wochen vielleicht. Dann komme ich zurück. Mit Ultraschallgeschwindigkeit. Bis dahin gebe ich Dir einen Tipp: Enjoy the Silence. Genieße die Zeit ohne mich – sie wird schneller vorbei sein, als Dir lieb ist. Das ist eine Drohung. Und wenn Du denkst, ich denke nicht an Dich, dann denkst Du denkbar falsch. Als Beleg dafür folgen nun zehn ausgewählte Momente/Orte/Personen bzw. Dinge im Heiligen Land, in denen/an denen/in deren Gegenwart ICH AN DICH GEDACHT HABE. Die Reihenfolge spielt keine Rolle.
1. Die vorzügliche, leicht pikante Falafel, die mein „Freund“ und ich am 14. Juli verzehrten, nachdem wir gemeinsam mit unserem favorisierten Falafelfabrikanten Fabrice (Ben Yehuda St.) die Marseillaise angestimmt hatten.
2. Das streitende Hochzeitspaar auf der für Fototermine inflationär beliebten „Wishing Bridge“ bei Tel Aviv.
3. Der Souvenirladen des Air Force-Museums in Be’er Sheva, wo ich zehn Minuten lang mit dem Gedanken spielte, Dir einen Bikini in den (sexy) Farben der Israel Defense Forces zu kaufen und es dann doch nicht tat.
4. Die Hardcore-Christin aus Kentucky in Jerusalem, die mir erklärte, warum Empfängnisverhütung direkt in die Hölle führt.
5. Als ich in Tiberias, am See Genezareth, unter gewaltigem Jubel „My Heart Will Go On“ Karaoke gesungen habe (mein „Freund“ sang übrigens „Lady in Red“).
6. Dreißig Kleinkinder, die in einer Strandbar ein unfassbar unerträgliches Blockflötenkonzert gaben – und dafür von ihren stolzen Eltern gefeiert wurden wie sonst nur der Papst.
7. Die beiden bis zur Unkenntlichkeit zugeschminkten Russinnen, die auf unsere Frage nach einem bestimmten Club antworteten: „Sorry, we’ve got husbands and children.“
8. Der Abend, als wir – für 500 Schekel – in der Bucht von Eilat mit den Delphinen (Delfinen?) um die Wette schwammen.
9. Die Nutte am alten Busbahnhof von Tel Aviv, bei der ich mich gestern erkundigte, ob sie auch VISA akzeptieren würde, und die gar nicht mal unfreundlich antwortete: „Fuck yourself.“
10. Ein elegant verhülltes, ent- und verrücktes, erhabenes, ernstes arabisches Paar, das am Strand von Jaffa im Mondlicht tanzte.
Grüße an Lulu, das alte Luder. Große Grüße an Fräulein Müller. Küsschen von meinem „Freund“. Layla tov.
Bye bye, Bionade-Baby!
Rock’n Roll: A. M.
P. S.: J'ai bu trop de Tequila mais ça ne veut pas dire que je ne t'aime pas...
P. P. S.: Hast Du eigentlich noch meine Traveling Wilburys-CD?
Dienstag, 14. August 2007
Dolphin
„Das Angenehme an der Club-Szene hierzulande“, sagt Arthur mit einem Seufzer der Erleichterung, „ist die Tatsache, dass niemand, wirklich niemand, Pali-Tücher trägt.“
Ich stimme ihm zu. Der unsägliche Kult um die Kufiya – oder wie auch immer dieses Accessoire heißen mag – ist ja in letzter Zeit nicht mehr auszuhalten. Ganz abgesehen von allen politischen Fragen haben wir es dabei mit einem ästhetischen Desaster ohnegleichen zu tun, einem modischen Degenerationsprozess auf ganzer Linie.
„Ricky Martin hat sogar mal ein Pali-Tuch mit der Aufschrift ‚Jerusalem is ours’ getragen“, bemerke ich. „Die einzige Entschuldigung dafür ist sein offenkundiger Analphabetismus.“
„Was für ein Idiot.“ Mein Freund ist erregt. „Schwule Latino-Popper, die in guten Teilen der arabischen Welt gesteinigt würden, tragen Pali-Tücher. Pazifisten tragen Pali-Tücher. Neonazis tragen Pali-Tücher. Und jetzt binden sich auch noch sämtliche Fashion Victims der westlichen Welt diese abstoßend hässlichen Pali-Tücher um den Hals.“
“Die Kaschmir-Variante. Für dreihundert Euro.“
„Wo soll das noch hinführen? Ist das jetzt postmodern? Dabei ist so eine Kufiya doch ein durch und durch vormodernes Kleidungsstück. Ich fürchte fast“, sagt Arthur resigniert, „sogar die postmodernste aller Frauen würde möglicherweise eine Kufiya tragen. Möglicherweise, ich bin mir nicht sicher.“
Womit wir mal wieder beim Thema wären. Arthurs Lebensthema. Wir sitzen seit geraumer Zeit in einer geschmacksicher gestalteten Bar am Mittelmeer, blicken direkt auf die schäumende Gischt. Das Publikum ist schick und schön, vielleicht ein wenig zu schick und schön, doch immerhin trägt hier niemand ein Pali-Tuch und die Bedingungen zum Trinken und Philosophieren könnten vortrefflicher kaum sein. Mein Freund Arthur hat soeben einen kurzen Text formuliert, eine Annonce, die er nach unserer Rückkehr in zwei Berliner Stadtmagazinen aufgeben möchte. Am liebsten würde er sie, glaube ich, sofort dort einreichen, um ja keine Sekunde zu verlieren.
„Nein, natürlich nicht. Wenn ich schreibe ‚perfekte postmoderne Frau für postmodernes Projekt gesucht – postmoderne Bewerbungen erbeten’ klingt das ja wohl nicht wie eine Kontaktanzeige. Ich bin schon gespannt, wer sich meldet. Vielleicht kennen wir ja eine der Kandidatinnen.“
„Eventuell meldet sich Charlotte.“
„Das wäre doch großartig“, sagt Arthur unbewegt. „Vielleicht schickt sie mir Fotos, auf denen sie nichts als ein Pali-Tuch trägt. Dann wäre ich auf Umwegen doch noch ans Ziel gekommen und hätte die postmoderne Frau eben dort gefunden, wo ich sie am wenigsten vermute.“
„Hast Du eigentlich auf ihre Email geantwortet?“
„Nein. Was soll man darauf schon antworten. Fuck yourself? Ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, für immer in Tel Aviv zu bleiben.“
„Du solltest ihr trotzdem ein paar Sätze schreiben“, sage ich.
Ich bezweifle, dass Arthur seiner wutentbrannten Freundin auch nur eine einzige Zeile schreiben wird, aber das muss er schon selbst wissen, ich bin ja schließlich nicht die Stimme der Vernunft und werde ihn keinesfalls dazu drängen, zumal in diesem Moment Debbie und Rachel lachend von der Toilette wiederkehren, ein Tablett mit gelblichen Mixgetränken balancierend. Es wäre denkbar, dass zumindest Debbie spätestens jetzt – nach diesem Toilettenbesuch – unter hoch wirksamen Drogen steht.
„Hello, friends“, ruft sie fröhlich.
Debbie muss Kellnerin sein, israelische Kellnerin – anders ist ihr positiver Zugang zur Welt kaum erklärbar. Sie kommt eigentlich aus Belgien, spricht Flämisch, Französisch, Hebräisch und Jiddisch sowie Englisch mit einem täuschend echten Brooklyn-Akzent. Vor allem spricht sie sehr, sehr viel. Debbie ist die Kronprinzessin dieser Bar, ihr Vater der Besitzer. Wir trinken ununterbrochen auf seine Kosten. Und die Bar, das muss ich noch erwähnen, trägt den Namen Clara Bar. Wenn Arthur dies irgendwie aufgefallen sein sollte – und er muss es bemerkt haben – hat er es sich jedenfalls nicht anmerken lassen. Kein Wimpernzucken. Manchmal erschreckt mich seine Coolness.
„Ich glaube ja“, sage ich noch schnell, bevor Debbie und Rachel sich setzen, „eine wirklich postmoderne Frau würde niemals auf eine Anzeige antworten.“
„Das sehe ich anders. Postmoderne Frauen begreifen das Leben als Spiel. Sie lassen sich beispielsweise von Privatdetektiven beschatten, nur um zu sehen, wie sich das anfühlt. Sie gehen als Mann verkleidet in Stripclubs. Oder strippen selber. Living la vida loca, eben. Und so eine Annonce bietet sicherlich eine Menge Möglichkeiten zum Spielen.“
„Ich finde dein Frauenbild nicht unproblematisch.“
Debbie strahlt: „Wir haben Maracuja-Margerithas mitgebracht.“
Die Bässe schwellen an und Rachel setzt sich neben mich. Sie ist bislang kaum zu Wort gekommen. Ich weiß: Ihre Familie stammt ursprünglich aus dem Irak, sie arbeitet als Musiklehrerin an einer Grundschule. Sehr grazil, tiefschwarze Augen – im großen und ganzen mag ich sie sehr. Während Debbies Wesen, das muss man leider so sagen, binnen Minuten enthüllt ist, steckt Rachel voller Überraschungen. Zumindest hoffe ich das. Mein Freund und ich kennen die beiden seit etwa fünfundvierzig Minuten. Sie wollten Arthurs Hut anprobieren. Und seitdem trinken wir eine Gratis-Maracuja-Margeritha nach der anderen.
„Danke, Debbie“, sagen wir.
„Wir müssen nachher unbedingt zusammen in den Breakfast Club gehen“, sagt sie. „Da führt kein Weg dran vorbei. Alle Wege in Tel Aviv führen schließlich zum Breakfast Club.“
„Wenn das so ist“, erwidert Arthur, „bleibt uns wohl nichts anderes übrig.“
„Diese Bar hier“, sage ich zu Rachel, „wirkt sehr neu.“
„Die Clara Bar ist ziemlich neu“, antwortet nicht Rachel, sondern ihre Freundin. „Ihr könnt euch ja vorstellen, wieso.“
Wir können uns einiges vorstellen, zumindest behaupten wir das immer, doch Selbstmordattentate auf Nachtclubs gehören, wenn man ehrlich ist, nicht dazu. Wer kann sich schon so etwas vorstellen. Aber dies hier, so Debbie, sei das Dolphinarium und gleich nebenan hätte sich der Dolphin befunden – jene Disco, vor der sich vor sechs Jahren ein junger Mann auf seinem vermeintlichen Weg ins Paradies selbst in die Luft sprengte und den Anteil russischer Teenager an der israelischen Bevölkerung erfolgreich dezimierte. Clubbed to Death. Dass C & A seine eigens kreierte Pali-Tuch-Kollektion wieder vom Markt nahm, kann unter diesen Umständen nicht verwundern.
„Wir feiern trotzdem weiter“, sagt Debbie, und natürlich hat sie völlig recht.
If I came back as a dolphin would U listen 2 me then?Would U let me be your friend? Would U let me in?
„Dolphin. Ausgerechnet“, bemerkt Arthur. „Meintest du nicht, Delphine stünden symbolisch für Unschuld?“
Das stimmt. Vorhin, am Banana Beach, lief noch keine House-Musik. Stattdessen: israelische Chansons, danach – zu unserem maßlosen Entsetzen – Coldplay. Und dann David Bowie. „Heroes“ sogar in der teils deutschsprachigen Version vom Christiane F.-Soundtrack. Eine unwirkliche Erfahrung – der Brite Bowie singt am Strand von Tel Aviv in leicht dadaeskem Deutsch von einem Liebespaar an der Berliner Mauer. Ein postmoderner Traum, würde Arthur wohl sagen. Seitdem haben wir über den Song nachgedacht, diese hinreißende Hymne, die ich immer eher instinktiv als intellektuell verstanden habe und auf deren Zeilen „I wish you could swim like the dolphins“ mein Freund soeben angespielt hat.
„Okay“, sagt Arthur jetzt, „dieses Liebespaar an der Berliner Mauer ist unschuldig. Wie die Delphine. Wie Liebespaare eben so sind. Außer vielleicht Bonnie and Clyde. Oder die Ceauşescus. Aber Elena Ceauşescu war ja bekanntlich auch eine Nymphomanin.“
„Doch was, bitte“, frage ich, „bedeutet die deutsche Zeile ‚Und die Scham fiel auf ihre Seite’?“
Debbie kennt das Lied leider nicht. Rachel hingegen verabscheut nicht nur, wie sie vorhin kundtat, jeden einzelnen Coldplay-Song, und zwar ohne Ausnahme, sondern entpuppt sich nun überdies als glühender David Bowie-Fan.
„Es geht tatsächlich um Unschuld“, sagt sie ganz ruhig. „Um Adam und Eva im Paradies.“
„Adam und Eva?“
„Ja, Adam und Eva, König und Königin. Dieses Paar an der Mauer kann für die Dauer dieses einen Kusses einen Zustand der Unschuld und Reinheit erleben, der eigentlich längst verlorengegangen ist. Sie sind völlig schamlos. Im positiven Sinne. Die Scham fällt in diesem Fall auf die andere Seite, symbolisiert durch die Mauer. ‚We could steal time just for one day’, heißt es ja später. Sie blenden die Wirklichkeit einfach aus.”
Rachel scheint „Heroes“ recht gut zu kennen. Auf jeden Fall besser als Arthur und ich, dabei haben wir das Stück früher manchmal ganze Nächte lang gehört.
„Aber ist das nicht viel zu romantisch?“ frage ich. „Bowie singt doch auch: ‘And you, you can be mean. And I, I'll drink all the time. 'Cause we're lovers. And that is a fact.’”
“Yes, we’re lovers. And that is that”, ergänzt Arthur. Offenbar können drei von vier Personen an diesem japanisch inspirierten Tisch den kompletten Songtext auswendig.
„Klar.“ Rachel zündet sich eine Zigarette an. Sie wird jetzt richtig leidenschaftlich: „Diese beiden Liebenden sind sich der Vergeblichkeit ihres Unterfangens durchaus bewusst. Sie wissen, dass der Sündenfall bevorsteht und dass sie nie wieder so unschuldig wie Delphine durchs Leben schwimmen können. Also leugnen die beiden die Realität – was bleibt ihnen auch anderes übrig. ‚And we kissed as though nothing could fall’. Sie zelebrieren den Augenblick und werden damit zu Helden. Jedenfalls für einen Tag.“
„Dieser Ansatz beschreibt auch das Grundprinzip des israelischen Nachtlebens sehr treffend“, sage ich, noch beeindruckt von ihrer Analyse. „Jede Party kann die letzte sein. Wie damals in der so genannten Frontstadt Berlin.“
„Leider ist der Zugang zur Klagemauer ja nach Geschlechtern getrennt“, bemerkt Arthur. „Sonst könnte man sich da auch mal küssen, anstatt immer nur zu klagen. Ganz schamlos.“
Debbie trommelt auf der Tischplatte: „Hey, Freunde, gehen wir jetzt in den Breakfast Club?“
„The Breakfast Club is ours“, sage ich.
Arthur zeigt plötzlich auf einen unsichtbaren Punkt mitten im wogenden Nachtmeer, weit weg von der Clara Bar.
„Ich glaube, ich habe gerade einen Delphin gesehen“, sagt er.
Freitag, 10. August 2007
The Sound of Silence
from: charlotte.sevigny@abc-consulting.de
to: arthurrimbaud3@gmx.li
date: 08. 10. 07 /03. 11 a. m.
subject: The Sound of Silence
Lieber Arthur,
Du bist jetzt seit mehr als fünf Wochen verschwunden, es ist fast, als hätte es Dich nie gegeben. Keine Mails. Nicht ein einziger Anruf. Nur eine Postkarte. Vielen Dank, das Motiv (kleiner Junge mit Kalaschnikoff – Du erinnerst Dich vielleicht) hat mir ausnehmend gut gefallen. Auch der Text – von David Bowie, glaube ich, aber ich habe ja keine Ahnung – war sehr informativ. Immerhin warst Du zu diesem Zeitpunkt offenbar noch am Leben. Niemand sonst hätte mir so eine Postkarte geschickt, nicht mal, wenn Du ihn dafür bezahlt hättest. Ich weiß, wir hatten etwas Funkstille vereinbart, das war auch gut so. Aber die Stille wird langsam ein bisschen zu still. Und ich werde immer fetter. Es passieren ganz komische Dinge mit mir, sie sind nicht immer schön. Gestern habe ich Deiner Tochter – unserer Tochter – wieder Musik vorgespielt. Ziemlich postmoderne Musik, keine Angst. Serge Gainsbourg lässt Du hoffentlich durchgehen. Sie hat sofort darauf reagiert und mich minutenlang getreten. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Kleine Mädchen, die in diesem Alter schon zu Gainsbourg tanzen, sind eigentlich geliefert, hat Lulu gesagt – und die weiß, wovon sie spricht. Aber Dir wird der Gedanke bestimmt gefallen. Sofern es Dich irgendwie interessiert. Ich weiß, dass Du mich nicht wirklich liebst. Ich liebe Dich ja auch nicht – oder nur ein bisschen. Ja, ein bisschen schon. Vielleicht. Wir müssen da trotzdem zusammen durch, könnte ich jetzt sagen. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Vielleicht mache ich es lieber ganz alleine. Ohne Dich. Vielleicht ist es auch besser für das Kind. Wie stellst Du Dir das alles eigentlich vor? Was für ein Vater möchtest Du sein? Es kommt mir so vor, als ob wir uns fast gar nicht kennen würden. Obwohl wir seit zwei Jahren das sind, was man normalerweise ein „Paar“ nennen würde, bist Du für mich ein Fremder geblieben. Ich habe keine Ahnung, wo Du bist. So lange kann man doch gar nicht durch dieses beschissene kleine Israel reisen. Es ist mir egal, ob Du andere Frauen flachlegst, aber ich würde wenigstens gerne wissen, wo Du Dich aufhältst. Vielleicht bist Du längst auf den Galapagos-Inseln. Oder in Afghanistan. Was ist eigentlich mit Deinem Freund? Muss der nicht irgendwann wieder arbeiten? Seid Ihr beide jetzt ein Paar? Apropos, ich habe gestern übrigens eine Mail von Deinem Cousin Konrad, den ich – im Gegensatz zu Dir – wirklich gerne mag, bekommen. Ihm geht es gar nicht gut. Er meint, ihr hättet ihn nicht mal im Krankenhaus besucht, obwohl er schwer verletzt war. Na ja, das wäre ja auch ein Wunder, denn in welchem Krankenhaus gibt’s schon ausreichend Bier und Popmusik, dass Ihr es dort länger als fünf Minuten aushalten würdet. Ich halte es hier nicht mehr aus. Der Himmel über Berlin ist heute mal wieder trist und grau, wie fast jeden Tag. Dieser Sommer ist die Hölle. Nachher muss ich zum Ultraschall. Alleine. Alle meine Freunde (außer Lulu, doch die hat ja nie Zeit) sind verreist, es ist ein bisschen wie Paris im August. Nur Touristen in den Straßen und in der U-Bahn. Sogar in meiner kleinen langweiligen Straße sind Touristen. In meiner Straße, wo es rein gar nichts zu sehen gibt – außer einer fetten Kuh auf dem Balkon, die versucht, nicht zu rauchen. Die Unterschicht ist auch noch hier. Touristen, Proleten und ich. Wie schön. Ich wollte morgen mit Lulu auf ein Festival fahren, aber das hat ja keinen Sinn in diesem Zustand. Diesem Bionade-und-Kaugummi-Zustand, der mich langsam, aber sicher fertigmacht. Am liebsten würde ich sofort wegfliegen. Egal, wohin. Nur nicht nach Israel. Doch anders als Du, der Du immer machst, was Du willst, bin ich hier angebunden. Ich fühle mich wie ein Sträfling mit so einer Eisenkugel. Meine Mutter nervt. Mein Chef nervt. Alles nervt. Ich schreibe Emails ins Nichts, mitten in der Nacht, ohne jemals eine Antwort von Dir zu erhalten. Aber keine Sorge, ich beschwere mich nicht. Du willst immer mit beiden Händen ganz tief ins Leben hinein greifen, hast Du gesagt. Doch ich empfinde dieses Leben manchmal nur als sehr, sehr anstrengend. Ich weiß nicht, ob Du das verstehen kannst – und irgendwie will ich es auch gar nicht mehr wissen.
Fuck yourself.
Charlotte

Mittwoch, 8. August 2007
Lapdance
„L. A. ist wie ein boob job“, sagt Charlie, „es sieht nur gut aus. Tel Aviv hingegen fühlt sich auch gut an.“
Zum Glück sind wir nicht in Los Angeles. Boob jobs, also Brustvergrößerungen, sehen bekanntlich – das müsste selbst Charlie längst gemerkt haben – furchtbar aus. Aber ansonsten hat er völlig recht: T. A. fühlt sich gut an, hervorragend sogar, vor allem nach Jerusalem. Für Arthur und mich ist es beinahe wie eine Heimkehr, obwohl wir bislang nur drei Nächte hier verbracht haben. Good vibrations, wohin man auch schaut. Seit ein paar Stunden sitzen wir am Strand, Banana Beach, und plaudern bei Trip Hop-Musik mit einem neuen Bekannten: Charlie, etwa vierzig, Familienname ungewiss, der aussieht, wie man sich einen Mossad-Agenten vorstellen würde. Er behauptet jedoch, für den Chip-Hersteller Intel zu arbeiten, in leitender Position, versteht sich, und deshalb regelmäßig in Tel Aviv zu sein. Das macht ihn froh.
„Ich meine, wo in L. A. kann man sich am Strand Bier servieren lassen!“ sagt er jetzt zum dritten Mal. „Nennt mir einen einzigen Ort!“
Der Gedanke an die Stadt der Engel liegt allerdings auf den ersten Blick gar nicht so fern. Vom Strand aus betrachtet, erinnert Tel Aviv tatsächlich an eine Miniaturausgabe von Los Angeles. Der langgezogene Küstenstreifen, die lose verbundene Ansammlung anonymer Vororte. Scheinbar kein Zentrum. L. A. ist ein riesiger Wurm, sagt Sartre, der es wissen muss, zerhackt in viele, viele Stücke. Das sieht hier ganz ähnlich aus. Tel Aviv ist jung, noch jünger als Los Angeles. Und wie L. A. an guten Tagen ohne Smog, die leider eher selten sind, ist auch T. A. dem Wasser zugewandt. Die Skyline ist erschreckend hässlich. Hotels aus den fünfziger, sechziger Jahren zumeist. Doch sobald man die Strandpromenade verlässt und Richtung Zentrum wandert, öffnet sich einem die Weiße Stadt. Die Bauhausstadt. Elegant, beschwingt und äußerst menschenfreundlich. Man fühlt sich geradezu verjüngt. Vor allem nachts ist Tel Aviv – da sind wir mittlerweile sicher – die schönste Stadt der Welt. Zur Hölle mit Be’er Sheva. Zur Hölle mit Jerusalem.
Arthur und Charlie, der eine werwolfartige Brustbehaarung zur Schau trägt, stoßen zum dreißigsten Mal an. Charlie ist Jude und Katholik zugleich. Sagt er zumindest. Aber in Wahrheit, so Charlie, sei er ausschließlich Hedonist in einer leider viel zu unhedonistischen, kalten, verhärteten Welt, der einzige Sehende unter Milliarden von Blinden. So wie wir also.
„L. A.“, bemerkt Arthur jetzt, „ist eigentlich mehr wie ein Lapdance. It just turns you on."
Dreckiges Lachen und Schulterklopfen von Charlie. Wenn Los Angeles ein Lapdance sein soll, ist Tel Aviv der vollzogene Akt. Ungeschützt, keine Frage. Ich muss an Sara denken, mein Date. Wir treffen sie übermorgen, ich freue mich schon. Arthur und Charlie diskutieren nun über den letzten Tarantino und jenen Lapdance, dem in diesem Film eine prominente Rolle zukommt. Der Kalifornier kennt die Szene nicht. Er hätte sie sich zwar immer vorgestellt, so Charlie, lebhaft sogar, überaus lebhaft, doch die tanzende Arlene alias „Butterfly“ niemals wahrhaftig auf der Leinwand sehen können, denn in der amerikanischen Double Feature-Version sei die Passage – im Unterschied zur Euroschnittfassung – gar nicht enthalten und, überhaupt, wir könnten ihm ja viel erzählen.
„Dein Glück“, sagt Arthur. „Es ist die mit Abstand überflüssigste und langweiligste Szene des ganzen Films. Und der Film ist sowieso nicht gerade spannend. Ich meine, aus diesem Lapdance hätte jemand wie Tarantino doch so viel machen können. Es hätte gewissermaßen der letzte Lapdance werden können. Aber ich habe mich vor Langeweile beinahe geschämt, ein Freund von mir hat sogar das Kino verlassen, um Bier zu holen.“
Das sind die Themen, über die man am Banana Beach ganz zwanglos plaudert, während die Live-Band ihren beruhigenden Klangteppich ausrollt. Wenn hier die Sonne untergeht, denkt niemand an die Klagemauer – obwohl sie sich gerade mal achtzig Kilometer entfernt befindet, vollgestopft mit Gebetszetteln. Kaum vorstellbar. Und während Arthur und Charlie eine Art Kulturgeschichte des Lapdance entwickeln – Charlie scheint, wie viele Südkalifornier, ein wahrer Connaisseur auf dem Gebiet zu sein – muss ich einmal mehr an ein anderes Striptease-Girl denken: Delphine Nussbaum. Only the lonely Delphine Nussbaum. Solange mich die Demenz weitgehend verschont, werde ich diesen Tanz nicht vergessen. Doch im selben Moment kommt die Kellnerin, strahlend, und ich kann endlich ein Getränk bestellen, das Salzwasser macht durstig.
Es fällt schwer, zu sagen, was ich nun sagen werde, ohne gleich wie ein dirty old man zu klingen. Betrachten wir es einfach als Hommage. Es gibt in Israel und besonders hier in Tel Aviv erwiesenermaßen ein Phänomen. Ein Kellnerinnen-Phänomen. Eigentlich betrifft es genauso die männlichen Kollegen dieser jungen Frauen, doch die Herren sind eben eindeutig in der Minderheit, den Arabern mit israelischem Pass vergleichbar. Jedenfalls gibt es nirgendwo – und Arthur und ich waren schon an den entlegensten Orten – so unwiderstehliche Kellnerinnen wie in Israel. Sie sind naturgemäß allesamt atemberaubend schön, selbst wenn sie gar nicht so gut aussehen. Aber das Lachen dieser Kellnerinnen hat uns schon mehrfach einen ganzen Tag gerettet. Immer wenn es dir schlecht geht, Kater oder Liebeskummer bleischwer auf deinen Schultern lasten, kannst du in diesem Land darauf zählen, dass sich jemand um dich kümmern wird. Spätestens beim Frühstück wird dich eine leuchtende, offenherzige Person begrüßen und versorgen. Man fühlt sich dann wie ein Verwundeter, dem eine gute Fee von Krankenschwester endlich das ersehnte Morphium einflößt. Vielleicht haben Arthur und ich auch bloß einen Kellnerinnen-Fetisch entwickelt. Es würde mich nicht wundern. Oder einen Mutter-Komplex. Doch ich habe schon den Eindruck, dass es in Berlin-Mitte irgendwie anders abläuft. Abgesehen davon, ist dieses Kellnerinnen-Phänomen, das ich an dieser Stelle gar nicht hoch genug preisen kann, verdammt gut fürs Geschäft.
„Drei Goldstar, bitte“, sage ich zum siebten Mal am heutigen Tag und muss natürlich sofort lächeln – ich bin sozusagen binnen Sekunden entwaffnet worden.
„Von der perfekten postmodernen Frau“, sagt Arthur, ohne zu lächeln, „erwarte ich keinesfalls, dass sie mir jeden Abend auf dem Schoß herumtanzt. Natürlich nicht. Wenn sie möchte, tanze ich sogar auf ihrem Schoß herum. Aber sie muss wissen, was ein Lapdance ist. Mit allen historischen Konnotationen. Und sie muss mit dieser Idee spielen können. Den Tarantino-Frauen kann man dieses postmoderne Moment wahrlich nicht absprechen.“
„Vielleicht sollte du auch Filme machen“, bemerke ich. „Dann könntest du dir deine postmodernste Frau selbst erschaffen. Was sind eigentlich die historischen Konnotationen des Lapdance?“
Ich wette, Klara wusste alles über diesen ganz speziellen Tanz.
„Die Tarantino-Frauen haben tolle Füße“, sagt Charlie.
Applaus. Die Band macht eine kurze Pause. Unsere Kellnerin bringt das Bier. Sie lächelte nicht, sie lacht.
„Ich fürchte, ich bin am Tel Aviv-Syndrom erkrankt“, behauptet Arthur und hebt erneut seinen Plastikbecher für einen Toast.
„Hat sich Konrad eigentlich mal wieder gemeldet?“ frage ich. „Worauf trinken wir überhaupt?“
Charlie wirkt ziemlich besoffen. Er streicht sich immer wieder über die Brusthaare und lächelt leicht debil in seinem viel zu kleinen Plastikstuhl.
„Kein Toast“, sagt Charlie. „Bitte kein Toast, Jungs.“
„Warum nicht?“
„Man sollte alkoholische Getränke wie dieses exzellente Dunkelbier hier niemals mit Emotionen vermischen. Sonst schmeckt man nichts mehr. Man schmeckt dann nur noch die Emotionen. Das wäre Verschwendung. Wie die 20 Dollar für einen Lapdance, der dich nur anturnt, aber nicht befriedigt.“
Arthur nickt: „Das stimmt. Vielleicht stimmt das tatsächlich.“ Und: „Das würde ja bedeuten, dass wir die ganze Zeit gar nichts geschmeckt haben.
Wir trinken also schweigend unser Banana Beach-Bier, die Sonne fällt ins Mittelmeer.
„Bist du dir sicher, dass das so ist – mit den Emotionen und dem Alkohol?“ frage ich Charlie.
„Todsicher“, sagt er mit geschlossenen Augen. „Glaubt mir, Jungs: todsicher.“




