Donnerstag, 6. September 2007

Berliner Ensemble [Figurenverzeichnis]

Die Reise ist zu Ende – die Reise muss weitergehen. Selbst wenn es auf den ersten Blick vielleicht anders aussehen mag, ist Berlin kaum weniger balaganesk als das Gelobte Land. Doch bevor wir dieses Berliner Balagan einmal näher betrachten und etwas – scheinbare, illusionäre – Ordnung in das dichtgeknüpfte Durcheinander des Lebens bringen, gilt es kurz innezuhalten. Das vorläufige Finale im Breakfast Club war schweißtreibend genug. Anlässlich des Starts der zweiten Staffel dieser sympathischen kleinen Webnovela möchten Arthur und ich unseren Dank bekunden. Für Anteilname und Anregungen, Fotos und Filme. Für die Musik. Für diverse Einladungen zum Bier, unter anderem aus Tel Aviv. Leider trinken wir ja kein Bier. Wir bedanken uns bei allen Sinnsuchenden, die eigentlich den Titel eines beliebten Animationspornos oder „Palituch binden“ bei Google eingegeben hatten, auf diesem Blog landeten und trotzdem weiterlasen. Danke auch an Dich, Chris de Burgh: Du hast unser Leben zerstört. Last but not least bedankt sich mein Freund für die Handvoll Liebesbriefe, die nun in seinem Schuhkarton für die Ewigkeit aufbewahrt werden. Arthur loves you, too. Spread the word. Bitte lasst uns auch weiterhin nicht im Stich. Wir können den stetig zwischen Moll und Dur changierenden Balagan Blues nur gemeinsam anstimmen. Als spezieller Service für Späteinsteiger und Demenzkranke folgt nun ein knappes Figurenverzeichnis. Das Berliner Ensemble von Balagan Blues, in guten wie in schlechten Zeiten. Analog zu Charlottes Bauch wird diese Liste nach und nach an Umfang zunehmen. Und während Arthurs Freundin auf Dimona wartet, wird Balagan Blues hoffentlich dann und wann aus dem Chaos heraus einen tanzenden Stern gebären. Vorhang auf zum zweiten Akt.

Die Figuren:

Charlotte Sevigny. Lieblingslied: St. Etienne / „Only Love Can Break Your Heart”. Arthurs Freundin. Im sechsten Monat schwanger. Trinkt deshalb zur Zeit nur Holunder-Bionade. Arbeitet weiterhin in der Agentur, kann ihren lukrativen Job jedoch kaum noch ertragen. Würde gerne nach Paris ziehen. Hat ansonsten den größten Teil des Sommers auf einem kleinen Balkon im Prenzlauer Berg verbracht und Tolstoj gelesen und nicht geraucht.

Lulu Lilienblum. Lieblingslied: The Undertones / „Teenage Kicks“. Charlottes beste Freundin. Gelegenheitsschauspielerin mit zuverlässigem Zugang zu hochwertigen Drogen. Hat sich in Hongkong ein Paar Prada-Gummistiefel zugelegt, die sie gerne auch an trockenen Tagen trägt – in Tateinheit mit ihrem Kaschmir-Palituch. Geht zweimal im Monat zum „Resteficken“ in die Ankerklause und verfasst ein regelmäßiges Weblog über ihr Liebeslieben für das Online-Magazin Delirious Dirt. In Berlin weltberühmt.

Dimona. Lieblingsslied: Jane Birkin / „Baby Alone in Babylon“. Ungeborene Tochter von Charlotte und Arthur. Name noch nicht bestätigt. Anvisierter Geburtstermin: Heiligabend. Potentielles Gainsbourg Girl.

Klara. Nachname: unbekannt. Lieblingslied: ebenso. Selbst über Pynchon wissen wir mehr. Einzig Arthur könnte von Klara erzählen, zeigt sich bislang aber abgeneigt. Sicher ist: Sie hat ihn verlassen. Vor ein paar Jahren, nach kurzer Zeit und ohne, dass sie jemals richtig zusammen gewesen wären. Möglicherweise, weil Arthur ihr nicht postmodern genug war. Thomas Bernhard sagt: „Das geheimgehaltene Denken ist das Entscheidende.“

Arthur Müller. Lieblingslied: Joy Division / „Love Will Tear Us Apart“. Vermisst Klara seit der ersten gemeinsamen Nacht. Trägt stets einen Schuhkarton voller Liebesbriefe herum. Mit Charlotte liiert, gleichwohl ständig auf der Suche nach der perfekten postmodernen Frau. Setzt große Hoffnungen in eine entsprechende Annonce. Plant eventuell ein begleitendes Filmprojekt. Würde niemals nach Paris ziehen – nicht zuletzt aufgrund des miserablen französischen Biers. Zudem könne Frankreich – so Arthur – zwar ohne Zweifel als bedeutende Brutstätte postmoderner Theorie gelten, die Franzosen selbst seien jedoch (mit Ausnahme einzelner Französinnen) hochgradig prämodern. Verabscheut sämtliche Weltreligionen und Internetcafés. Mag Bier und Tequila. Zynischer Neoromantiker. Messias und Antichrist in Personalunion. Genie. Poet. Arschloch. Mein bester Freund.

Und ich? Wie es der literarische Zierdegen der serbisch-orthodoxen Kirche kürzlich in einem Interview unnachahmlich formulierte: Ich bin kein Schriftsteller, sondern ich schreibe, ich habe geschrieben, ich werde geschrieben haben. Ich bin die digitale Bohème. Ich bin Nick Carraway und Sal Paradise. Ich bin J. K. Rowling. Mein Lieblingslied ist ein Liebeslied: „Balagan Blues“.

Dienstag, 4. September 2007

Hatikva [Breakfast Club II]

Es gibt Dinge, die man weiß, sagt Huxley, und es gibt Dinge, die man nicht weiß. Und dazwischen sind die Türen. Aber ich weiß ja, was sich hinter dieser Tür verbirgt: eine dreißig Meter lange Schlange zugekokster Nachtmenschen. Die Tanzfläche. Die Party. Der Breakfast Club. Das Problem: Die Tür geht nicht mehr auf. Irgend etwas hat sich verhakt, keine Ahnung, wie das passieren konnte – doch selbst mit brachialstem Körpereinsatz lässt sich diese Eisentür nicht öffnen. Da es im Breakfast Club viel zu laut ist und eine längere bis sehr lange Verweildauer auf der Unisextoilette offenkundig für normal erachtet wird, kommt mir auch niemand zu Hilfe. Ich habe ein paar mal gerüttelt, ein paar mal geschrieen – vergeblich. Und jetzt fehlt mir die Kraft, schon wieder knie ich kotzend auf dem Boden. Ich übergebe mich ununterbrochen seitdem ich in dieser Klokabine gefangen bin. Das Erbrochene ist rot wie die „Lady in Red“, rot wie Blut und wie Red Bull. Den Wodka sieht man nicht. Wenn ich wenigstens etwas Humus gegessen hätte. Doch am Ende bleibt nur Red Bull, das erbärmlichste Getränk des Planeten – und sonst nichts.

Arthur ist weg. Das Blumenmädchen hat ihn mit nach Hause genommen und versengt ihm zur Stunde mit ihren Mentholzigaretten die Schamhaare. Ich bin allein. Ich habe noch allein getanzt, allein getrunken. Gewartet. Sarah ist nicht gekommen. Natürlich nicht. Ich bin der größte Versager im Gelobten Land, eingeschlossen auf einer verdreckten Toilette. Auf der Klobrille sind Pulverspuren, wie mir auffällt, als ich mit dem Kopf dagegen stoße. Ich erwäge kurz, mir aus den Überresten eine Mini-Line zu legen, entscheide mich dann jedoch dagegen. Erstens ist mir zum Koksen viel zu schlecht. Zweitens nehme ich eigentlich kein Kokain. Und drittens wäre eine derartige Handlung mein endgültiger Abschied vom Abendland und der dazugehörigen Kultur und möglicherweise niemals wieder gutzumachen. Andererseits: Ich bin im Nahen Osten. Und ich bekenne: In meiner Verzweiflung habe ich vorhin sogar noch versucht, Oklahoma-Lizzy ganz unchristlich hedonistisch abzuschleppen. Ich hätte mit Lizzy geschlafen. Ich hätte sogar mehrfach mit ihr geschlafen. „Wer ist jetzt Dein Messias?“ hätte ich sie im Verlauf des Akts keuchend gefragt. Aber sie war dann auf einmal verschwunden.

In etwa acht Stunden werden Arthur und ich im Taxi zum Flughafen sitzen. Wir werden unseren Lieblingstaxifahrer wiedersehen, die Fahrt ist bereits fest gebucht. Er wird uns noch einmal den Zusammenhang von Humus, Humus, Humus und big big big tits erklären. Arthur wird die ganze Fahrt nur lachen. Ungeduscht wird er – mit Ray Ban-Pilotengläsern – von seiner Jewish Princess schwärmen. Dem Mädchen mit der Blume im Haar und der Dildosammlung unter dem Bett. Ihren Namen wird mein Freund nicht mehr wissen, doch wird er mir deshalb nicht weniger freudig davon berichten, wie das Blumenmädchen bereits während des eher knappen Vorspiels damit begann, Gaskammerwitze zu erzählen. „Sehr erotisch“, werde ich bemerken, und Arthur wird lauthals lachen und ihre Begeisterung über sein unbeschnittenes Geschlechtsteil sehr offenherzig mit mir teilen. „Vielleicht hast du die postmodernste Frau endlich gefunden“, werde ich sagen, aber mein Freund wird nur lachen und lachen, wie irgendein dummer Kiffer, der Taxifahrer wird einstimmen und ein paar Schwänke aus dem Sechstagekrieg zum Besten geben und Arthur wird sein T-Shirt hochziehen und mir seinen völlig zerkratzten Rücken präsentieren. „Respekt“, werde ich murmeln, und dann wird mir mein Reisegefährte erläutern, dass die blutigen Kratzer keinesfalls auf die Blumenmädchenfingernägel zurückzuführen seien – diese hätten seine eigenen an Länge kaum überragt. Zum Glück. Doch das Blumenmädchen hielte nicht nur achtzehn verschiedene Dildos, sondern überdies drei Katzen in ihrer winzigen Wohnung, die eher einem Treibhaus gliche, und diese Katzen – Adolf, Hermann und Joseph – hätten ihm im Schlaf in heimtückischster Manier den Rücken zerkratzt. Jetzt kehre er wahrlich als Schwerstbeschädigter in die Heimat zurück. Der Sex jedoch, der sei phantastisch gewesen. „Sakral“, wird der gottlose Arthur Müller sagen und: „All was well“, bevor er sich beim Aussteigen noch mal gefährlich den Kopf stoßen wird.

Am Ben Gurion-Airport werde ich mich sofort erbrechen, während mein Freund bei McDonald’s einen koscheren Big Mac verspeisen wird. Ich werde mich einer Befragung durch eisigste Grenzbeamten unterziehen müssen, stundenlang. Jedes einzelne Stück Schmutzwäsche aus meinem Rucksack wird auf Sprengstoffspuren untersucht werden. Wir werden in buchstäblich letzter Sekunde in unsere Austrian Airlines-Maschine steigen, die – wirklich wahr – den Namen „Kurt Cobain“ tragen wird. Fasten your seat belts, please. It’s better to burn out than to fade away. „Welcher österreichische Volltrottel ist bloß auf diese Namenswahl verfallen?“ werde ich fragen, und Arthur wird weiterlachen wie ein Kind und die Stewardess en passant um etwas Junk bitten. Sie wird daraufhin mit einer abrupten Notlandung drohen und Arthur wird ihr ein freundliches „Sissy“ hinterher zischen. Naturgemäß wird ein Hugh Grant-Film laufen. Emotionale Pornographie. „I hate myself and I want to die“, werde ich sagen und ein Bier bestellen und Arthur wird lachen und lachen.

Aber noch knie ich hier auf diesem vollgepissten Toilettenboden und bin erneut im Erbrechen begriffen. Es ist das neunte Mal. Was für ein Balagan. Die Farbe der Kotze erinnert mich wieder an „Lady in Red“, den irischen Billigbarden mit der Monoaugenbraue – und sobald ich an Chris de Burgh denke, muss ich mich ein zehntes Mal übergeben. Vielleicht sterbe ich auch. Denn wie in einer Telenovela oder einem miserablen Fortsetzungsroman im Internet läuft eine Art Trailer-Version der letzten zwei Monate noch mal vor meinem inneren Auge ab. Alles vermischt sich – und alles scheint irgendwie zusammenzuhängen, ohne dass es am Ende irgendeinen Sinn ergibt: Jakob, der Lügner, und die Atomwaffenfabrik bei Dimona. Die „Altstadt“ von Be’er Sheva. „Results without Apologies.” Spring Break in Eilat. Der warme Wüstenwind. Ausgebombte jordanische Häuser und Oasen am Toten Meer. Konrad, der verschollene Idiot. Ein Liebesbrief von Jesus. Das Goldene Kalb und Arthur an der Klagemauer. Der Todesengel von Santa Monica. Delphine Nussbaum. Delphine Nussbaum und ihr heißer Tanz. Irgendwie geht die Welt aus dem Leim. Nelson, Lucky, Otis, Charlie und Lefty Wilbury. Harry Potter. Die Sexualpraktiken der Haredim. Tel Aviv, die weiße Bauhaus-Stadt. Banana Beach. Die ausradierte Dolphin-Bar. Die Clara-Bar. Jewish Princess. The Princess has come of Age. The Jewish Princess has come of Age. Arthur Curtis Wilson. Sex mit Engeln. David Bowie und Roy Orbison. The New Romantics. Gainsbourg Girls. Debbie, Rachel, Lizzie, Sarah. Charlotte, Charlotte, Charlotte. Klara. Der Schuhkarton. Die postmodernste Frau. Die blaue Blume. Arthurs blaues Auge. Love Will Tear Us Apart.

Der Herbst ist da. Zumindest in Berlin. Da müssen wir jetzt durch, mein bester Freund und ich. Doch diese Klotür geht einfach nicht auf. Ich höre: Frauenlachen. Unverständliches Hebräisch. Dumpfe Bässe. Stille. The Sound of Silence. Urplötzlich eine verzerrte Gitarre. Die erste seit diesem obskuren Neunziger-Song, dessen Titel ich noch immer nicht herausgefunden habe. I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live by the sea. Momentan bin ich eher ein Hund, keine Frage. Die Gitarre heult auf. Jimi Hendrix, denke ich, The Star Spangled Banner. Und: Warum spielt die D-Jane hier im Breakfast Club – Magical Mystery Madeleine – so einen Hippie-Dreck. Es gibt Dinge, die man weiß, und es gibt Dinge, die man nicht weiß. Ich fand Hendrix schon immer langweilig, selbst wenn das keinen interessiert. Doch dann merke ich: Es ist gar nicht die US-Nationalhymne, die da mit maßlos viel Feedback, nun ja, dekonstruiert wird, sondern natürlich die israelische. Hatikva. Hoffnung. Die Hoffnung von 2000 Jahren, wie es im Text heißt. Vermutlich der rituelle Abschluss von Madeleines DJ-Set. Und der ganze Breakfast Club singt mit. Aufgrund meiner aktuellen Isolationshaft höre ich die Stimmen nur gedämpft. Doch alle singen dieses pathetische und eigentlich recht hoffnungslose Lied, schrill, falsch und sturzbesoffen. Das ist doch ein angemessener Schlussakkord für diese Nacht, für diese Reise, denke ich. Schade, dass Arthur jetzt nicht hier sein kann. Fast möchte ich einen Orangenbaum pflanzen. Ich liege auf dem Toilettenboden, lausche der wehmütigsten Hymne der Welt, meine Kehle schnürt sich zusammen. Vielleicht wäre dies der richtige Zeitpunkt, um mal wieder zu weinen, denke ich, nur ein bisschen, dann wird es mir besser gehen. Und während ich „Hatikva“ höre und in Tränen ausbrechen will, merke ich, dass ich schon wieder kotzen muss.

Montag, 3. September 2007

From Lizzy with Love


The Supremacy of Christ in a Postmodern World

Götzendämmerung [Breakfast Club I]

„Normalerweise lehne ich Frühstück ja ab“, brüllt Arthur über brechreizerregende Bässe hinweg. „Aber der Breakfast Club ist schon eine tolle Einrichtung.“

Der letzte Vorhang, die wirklich letzte heilige Nacht – und wir verkriechen uns in einem dunklen Keller. Wie Debbie aus der Clara Bar schon sagte: Alle Wege in Tel Aviv führen irgendwann in den Breakfast Club. Es sei denn, man scheitert an der Tür. Aber trinkfeste Touristen wie Arthur und ich sind hier – im Unterschied zu schlecht besoldeten Army-Kids – überall gern gesehen. Dabei schreitet unser Bankrott unaufhörlich voran, und zwar auf allen Ebenen. Anstatt noch eine Hostel-Nacht zu bezahlen, haben wir also beschlossen, gar nicht zu schlafen und die gesparten Devisen lieber in Wodka Red Bull zu investieren. Welch weise Entscheidung. Wir klopfen uns immer wieder gegenseitig auf die Schulter. Ab jetzt ist alles möglich: Arthur und ich müssen nur irgendwie morgen, um 16. 30 Uhr, am Flughafen sein und eine Maschine von Austrian Airlines besteigen.

Stalin, Dali, Kim Il Sun: Die Wände dieses Clubs sind eine Augenweide, Porträts blutrünstiger Potentaten sorgen für ein angemessen aggressives Ambiente. Auch auf der Tanzfläche fließt Blut, beinahe zumindest. Hypnotischer House, der Raum ist vernebelt von Zigarettenrauch, ständig verschüttet jemand seinen Drink, doch vor allem – selbst eine Nonne könnte es nicht anders sagen – liegt Sex in der Luft. Der Breakfast Club ist purer Sex. Es scheint, als könne das Tanzvergnügen von einer Sekunde zur anderen in eine Massenorgie umkippen. Mal sehen. Ich lehne an der Bar, warte auf Sarah. Endlich hat es geklappt, in dieser letzten Nacht, wir sind hier fest verabredet. Wir werden die Nacht von Berlin wiederholen, hat sie am Telefon gesagt, nur eben in Tel Aviv, auf ihre, Sarahs, Art. Ich sollte vielleicht ein wenig langsamer trinken, damit ich sie überhaupt noch erkenne. Meinem Freund sind derlei Sorgen fremd. Er trägt heute meine Sonnenbrille, die sein entstelltes Gesicht jedoch nur unzulänglich verbirgt. Als er die Treppe in dieses Kellergewölbe hinunterstieg, hat Arthur sich – aufgrund der dunklen Brille – ein weiteres Mal überaus unglücklich den Kopf gestoßen. Und wenig später schlug ihm ein Amerikaner auf der Tanzfläche mit seiner Bierflasche ein Stückchen Schneidezahn aus. Doch Arthurs lässt sich nichts anmerken, seine Attraktivität scheint unter all den Blessuren kaum gelitten zu haben. Im Gegenteil: Er tanzt, als ob der nächste Selbstmordattentäter schon im Anmarsch wäre – und die Menge tanzt um ihn herum. Arthur ist hier das goldene Kalb. Der glänzende Götzengott mit Ray Ban-Gläsern, einen Kopf größer als alle anderen, dem die Töchter Abrahams bereitwillig huldigen. Ein hinreißendes Bild. Mein Freund verliert allmählich die Kontrolle, glaube ich. Doch das kann täuschen. Sein Verhältnis zu Charlotte jedenfalls scheint inzwischen auf der Ebene der Hamas/Fata-Beziehungen angelangt zu sein, wobei ihm fraglos der Hamas-Part zufällt, wenngleich Charlotte naturgemäß nicht annähernd so korrumpiert ist wie ein Fata-Funktionär. Ich weiß nicht, was in Berlin passieren wird. Wie ein Friedensplan überhaupt aussehen könnte. Aber jetzt bin ich nicht in Berlin, sondern im Breakfast Club, warte auf Sarah und lasse mich einfach mal fallen.

And what goes up must come down

„I want a nasty little Jewish Princess”, schreit Arthur. „Hast du noch Geld?“

Ich gebe ihm einen zerknüllten Schein aus meiner Hosentasche.

„Ich muss seit Stunden pissen“, sagt er. „Aber die Schlangen bei den Klos sind bestimmt dreißig Meter lang.“

„Let’s get lost. Wanna be my German Kate Moss?”

„Ich will einfach nur pissen. Das ist doch nicht zuviel verlangt. Du musst übrigens unbedingt dieses Video sehen, das ich Charlotte geschickt habe.“

„Wir können ja in Berlin einen netten Videoabend zu dritt machen“, sage ich.

„Zu viert. Du hast Dimona vergessen. Die postmoderne Prinzessin.“

Doch es ist viel zu laut, wir vertagen die Konversation. Arthur stolpert zurück auf den Tanzboden. Er wird sofort wieder von seinem Zirkel aufgenommen und vollführt dort einige expressive Bewegungen. Ich trinke, warte auf Sarah. Es gibt jetzt einen kurzen Break, die Bässe berühren mein Herz. Die Menge kreischt. Dann erstmals seit langer Zeit eine menschliche Stimme, irgendein Remix: I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live in the sea... Ich kenne den Song, kann ihn aber beim besten Willen nicht einordnen. Er wirkt deplaziert, geheimnisvoll funkelnd und verstaubt zugleich. Ein Wah-Wah-Echo aus einer anderen Zeit, das mich an irgend etwas erinnert, ohne dass ich wüsste, woran. Vielleicht ist es die Wodka Red Bull-Mischung, welche allmählich mein Gehirn zerfrisst. Oder es hat etwas mit Israel zu tun. Ich wähne mich plötzlich ganz woanders, in einer längst vergangenen Epoche – den neunziger Jahren. Der Sound klingt so dermaßen outdated, so unschuldig, dass es mir vorkommt, als ob alles, was ich damals gedacht und empfunden habe, ebenfalls völlig outdated sei. Ist es ja auch. Und schlagartig fällt mir ein: Nächste Woche werde ich dreißig. Das habe ich im Laufe dieser Reise ganz vergessen.

Ich sollte das jetzt klären, bahne mir also den Weg zum DJ-Pult, wo Magical Mystery Madeleine – so nennt sich die D-Jane – mit ihren Vinylscheiben jongliert. Auf dem Weg muss ich am goldenen Arthur-Kalb vorbei, das noch älter ist als ich und dessen Tanzbewegungen sich mittlerweile auf exakt zwei Frauen konzentrieren.

„Sex mit Engeln! Ich möchte Sex mit Engeln haben!“ ruft mein Freund schweißgebadet.

I’m no dog, I’m a dolphin, I just don’t live in the sea... Als ich beinahe schon bei M-M-Madeleine angelangt bin, um sie nach der Herkunft dieses Songs zu fragen, tippt mir jemand auf die Schulter. Obwohl man in solchen Momenten ja gar keinen richtigen Gedanken fassen kann, glaube ich trotzdem für einen Sekundenbruchteil, es müsse Sarah sein, die mir da auf die Schulter tippt, Sarah und niemand anders. Doch die Frau, die mich angrinst, ist blond, etwas pausbäckig und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil einer Jewish Princess.

„Hey“, sagt sie. „Lizzy. Aus Oklahoma. Erinnerst du dich?“

Der Breakfast Club muss verhext sein. Erst dieser Neunziger-Flashback und jetzt Lizzy, die schwachsinnige Christin, mit der wir einen langen Nachmittag auf dem Hoteldach verbracht haben – in Jerusalem. Aber das hier ist doch Tel Aviv, denke ich. Tel Aviv. Lizzy gehört nicht hierher.

„Wo ist denn dein Freund?“ fragt sie mich. „Wir hatten dieses total intensive Gespräch über Moses. Ich denke immer noch viel darüber nach.“

„Das goldene Kalb“, sage ich. „Was machst du denn hier?“

Lizzy presst sich sehr dicht an mich. Sie duftet nach Zimtkaugummi.

„Was ich hier mache? Ich tanze.“ Helles Gelächter. „Ich bin eine hedonistische Christin.“

Stimmt, das hatte sie uns schon erklärt.

„Aber sagtest Du nicht, der hedonistische Aspekt Deines Glaubens würde sich gerade nicht auf weltliche Freuden beziehen, sondern lediglich auf geistliche?“

Ich kann selbst kaum glauben, dass ich mir diesen Satz gemerkt habe. Und dass ich ihn in diesem Augenblick durch den drogen- und sexgeschwängerten Breakfast Club brülle.

Lizzy strahlt. Ihre Wimperntusche ist verwischt. Sie trägt ein Tanktop und sehr enge Jeans.

„Weltliche Freuden stehen nicht immer im Gegensatz zu den geistlichen“, sagt sie. „Wir feiern hier heute auch den Erlöser.“

Turns into dust or turns into stone.

Ich muss kurz an die Haredim aus New York denken, die vorhin auf dem Rothschild Boulevard eine Art Techno-Parade abhielten – zu Ehren des Messias, den sie in einem unlängst verstorbenen Rabbiner entdeckt zu haben meinen. Sie tanzten ekstatisch und ziemlich unorthodox auf dem Dach eines VW-Busses. Mit Schofar-Horn und Schläfenlocken und gar nicht mal uncoolen Beats. Und Tel Aviv tanzte mit, wenn auch irgendwie ironisch, glaube ich. Ich schaue Lizzy an, deren Promillegehalt ihre Entrücktheit noch potenziert, sie lächelt zurück, und ich denke: Nein, diesen Engel will ich nicht ficken.

Im selben Moment tritt zum Glück Arthur hinzu, in Begleitung einer seiner beiden Tanzpartnerinnen. Sie sieht ein bisschen aus wie Amy Winehouse, nur nicht ganz so verkommen, und trägt eine Blume im Haar, soweit ich das im blauen Discolicht erkennen kann. Mein Freund umarmt unsere Jerusalem-Bekanntschaft von hinten. Keine Ahnung, wie er sie so schnell erkannt hat, zumal er noch immer die dunkle Sonnenbrille trägt.

„Lizzy, altes Haus! Ich hätte da eine Frage...“

„Was ist denn mit dir passiert?“ Sie befühlt Arthurs Stirn.

„Nur ein kleiner Terroranschlag. Danach Selbstgeißelung in der Via Dolorosa.“

Die hedonistische Christin nickt andächtig.

„Also, Lizzy“, mein Freund schwitzt wieder enorm und tut jetzt so, als würde er tief in sich gehen, „welche Rolle kann Jesus Christus in der Postmoderne überhaupt noch spielen? Wo ist er jetzt? Was macht der Erlöser in dieser durch und durch post- oder gar post-postmodernen Welt?“

„Ihr redet hier von Jesus? Seid ihr total bescheuert?“

Amy drückt ihre Zigarette auf Arthurs Unterarm aus. Dieser zuckt nur kurz zusammen. Was ist bloß aus den Blumenkindern geworden, denke ich. Lizzy lächelt, als hätte sie sich gerade einen Schuss gesetzt.

„Ich gehe mal nach Sarah schauen“, sage ich und fahre die Ellenbogen aus. Die Musik steigt mir zu Kopfe, die Bässe berühren mein Herz.

„Vier Wodka Redbull!“ ruft Arthur mir hinterher. „Diese Nacht darf niemals aufhören!“

[Wie soll diese Nacht noch enden? Werden wir unser Flugzeug verpassen? Die Fortsetzung folgt, vielleicht, im nächsten Post...]

Samstag, 1. September 2007

Girls with Guns


from: arthurrimbaud3@gmx.li


to: charlotte.sevigny@abc-consulting.de

date: 09.01.07 / 09.34 p. m.

subject: Girls with Guns

Donnerstag, 30. August 2007

A Teenage Symphony to God

„Diese Schlampe!“ Arthur tritt gegen einen Heineken-Sonnenschirm. „Wie kann ein Mensch nur zu so etwas fähig sein!“

„Vielleicht hat sie Deine Traveling Wilburys-CD ja gar nicht wirklich zerstört. Möglicherweise war es nur eine Art Warnung. Außerdem braucht niemand diese Platte.“

„Sie hat achtzehnmal mit dem Hammer draufgeschlagen. Charlotte ist zu einem schwangeren Monster geworden. Und so eine nennt sich dann in ihrer Mail auch noch Pazifistin! Nach diesen Kriterien wäre ja selbst Saddam Hussein ein Pazifist.“

„Dein Gesicht sieht übrigens etwas besser aus“, sage ich. „Ein bisschen besser.“

Arthur ist noch immer schwer gezeichnet. Der Zusammenprall mit dem Tresen in der Jewish Princess hat grauenhafte Spuren hinterlassen: diverse Schrammen, eine aufgeplatzte Schläfe, die wir noch am selben Morgen nähen lassen mussten, sowie ein ziemlich blaues rechtes Auge. Eigentlich ist es eher grün-gelb. Love Will Tear Us Apart. Vorhin, in der Sheinkin Street, wollte mein eitler Freund sich zu Camouflage-Zwecken eine neue Sonnenbrille zulegen. Er hatte auch schon eine ausgewählt. Allein, die Verkäuferin zeigte sich wenig entgegenkommend: Es gäbe da offensichtlich ein kleines Problem mit seiner VISA-Karte, vielleicht eine technische Störung, sie könne da jetzt auch nichts machen. Wie Diebe zogen wir von dannen, leider ohne Beute. In jenem Moment hat Arthur, glaube ich, begriffen, dass es Zeit ist, nach Hause zu fahren. Wir suchten sofort im Anschluss ein Internet-Café auf – mein Freund, der diese Einrichtungen lieber meidet, wartete draußen und ich buchte unseren Flug. Da er Charlotte, wie man verstehen kann, nicht um Geld bitten will, musste ich für sein Ticket aufkommen. Es handele sich doch bloß um Zahlen und Figuren, sagte Arthur, das sei einfach nicht seine Welt. Aber er würde mir den Betrag schon zurückzahlen – und wenn er dafür auf den Strich gehen müsse, im arktischen Berliner Winter.

„Ich betrachte mein blaues Veilchen als Tribut an Tony Wilson“, erklärt Arthur nun, während wir die Strandpromenade von Jaffa entlang schlendern.

Es ist heute sehr stürmisch, die Wellenreiter tanzen auf der Meeresoberfläche.

„Veilchen sind immer blau“, sage ich. „Das liegt im Wesen dieser Blumenart.“

„Ich will nicht nach Berlin. Berlin ist dumpf und depressiv. In Deutschland beginnt gerade der Herbst, falls du es vergessen haben solltest.“

Doch es ist nur ein letztes Aufbäumen. Ich weiß, auch Arthur wird in dieses Flugzeug steigen. Ihm bleibt keine andere Wahl. Das Heilige Land ist erobert. Ich selber kann keinen Humus mehr sehen. Und ein kleiner Arthur-Break wäre, ehrlich gesagt, ebenfalls mal ganz reizvoll.

I may not always love you, but as long as there are stars above you

„Immerhin“, bemerkt mein Gefährte, „kehre ich als Invalide in die Heimat zurück. Das ist gut. Frauen – jedenfalls die prämodernen Frauen, und von denen sind wir ja umgeben – lieben Invaliden. Verwilderte Krüppel wie mich, die aus heißen Ländern verwundet nach Hause zurückkehren. Bei Charlotte bin ich mir da allerdings nicht so sicher. Die wird denken, ich war in einem jüdischen S/M-Club.“

„Warst du ja auch.“

„Ja, aber das ist nicht der Grund für dieses blaue Auge.“

„Behaupte einfach, es war ein Terroranschlag“, sage ich. „Hast du Charlotte eigentlich jemals von Klara erzählt?“

„Natürlich nicht. So geisteskrank bin nicht mal ich. Es gibt da ohnehin nichts zu erzählen. Ich hoffe nur, es meldet sich irgend jemand auf meine Annonce. Dann drehe ich diesen Film.“

„Ich weiß auch fast nichts über Klara.“ Irgendwie lässt mich das Thema nicht los. „Du redest nie von ihr.“

Arthur schaut mich an, monströs und sichtlich melancholisch. Nach etwa zwei Minuten sagt er folgendes: „Je mehr ich darüber nachdenke, desto deutlicher erscheinen mir Tony Wilson und sein ganzes Factory-Konzept als eine neoromantische Bewegung. Und da ging es eben nicht nur um Mode, wie bei Spandau Ballet und Adam and the Ants. Beschissene Bandnamen, übrigens.“

„Allerdings.“

„Es ging um Schein und um Substanz. Um eine Vision von neuen, noch nicht entdeckten oder längst vergessenen Welten, die beides verband.“

„Ich weiß nicht“, sage ich. „Tony Wilsons ganzes Auftreten hat auf mich nie besonders romantisch gewirkt.“

„Weil Du zu viele Frauenzeitschriften liest. Man kann auch Romantiker und Arschloch zugleich sein.“

„Schon möglich“, erwidere ich, indem ich mich nach einer fabelhaften Frau umdrehe. „Man kann auch ein normales und ein blaues Auge haben. Und noch dazu ein Arschloch sein.“

„Außerdem sind alle Wilsons Romantiker.“

„Was?“

„Klar“, sagt Arthur. „Lass uns doch mal eine kleine Liste machen. Ich habe angefangen: Tony Wilson. Jetzt bist du dran.“

Ich kann nicht mal richtig schwimmen, geschweige denn, auf Wellen reiten, doch in diesem Moment wirken die Surfer im lichtblauen Mittelmeer auf mich wie die glücklichsten Menschen der Erde. Wie Delphine springen sie lachend von Welle zu Welle. Vielleicht sollten wir doch hier bleiben. Abwarten. Überwintern. Uns lange Bärte wachsen lassen – und surfen lernen.

„Woodrow Wilson“, sage ich.

„Perfekt.“ Arthur gibt mir High-Five. „Woodrow Wilson: Idealist. Völkerbund. Nicht geschaffen für diese Welt. Der größte Romantiker unter allen amerikanischen Präsidenten.“

„Was ist mit Kennedy?“

„Gar nichts ist mit Kennedy. Jetzt bin ich wieder dran. Ich sage: George Wilson.“

„George Wilson?“

„Der Automechaniker in Fitzgeralds Great Gatsby. Der immer ausbrechen will aus seinem Elend, gemeinsam mit seiner Frau, die er abgöttisch liebt. Die Frau will aber lieber die Mätresse des reichen Polospielers sein, weil der ihr ein Schoßhündchen kauft und einen Funken Glamour in ihr Leben bringt. Als sie überfahren wird, stirbt Wilson gleich mit. Er kann gar nicht mehr weiterleben ohne seine große Liebe. Aber vorher tötet er noch Gatsby.“

„Nicht schlecht“, sage ich und überlege weiter.

„Beide sterben. Neben Gatsby, dem König, ist dieser Wilson der einzige wirkliche Romantiker in der Geschichte. Er wohnt an einem unfassbar tristen Ort namens Valley of the Ashes und will da raus. Das Manchester-Syndrom.“

You'll never need to doubt it, I'll make you so sure about it.

Mir fällt etwas ein: „Der Volleyball ‚Wilson’“, sage ich.

Arthur versteht mich nicht, was selten vorkommt.

„‚Wilson’ heißt auch der Volleyball in diesem unsäglichen Tom Hanks-Film. Tom Hanks auf einer einsamen Insel. Er spricht die ganze Zeit mit einem Ball der Firma Wilson.“

„Aber ist dieser Volleyball deshalb ein Romantiker?“ fragt mein Freund skeptisch.

„Er ist Hanks’ einziger Gesprächspartner. Im Film redet er zwei Stunden lang nur auf diesen Ball ein. Dadurch wird ‚Wilson’ – so nennt er ihn – zu einer Projektionsfläche für seine Träume und Sehnsüchte. Man kann auch romantisches Symbol und ein besonders irrwitziger Auswuchs von Product Placement in einem sein.“

„Einverstanden.“ Arthur nickt. „Postmoderne Romantik. Okay. Aber jetzt kommt der Höhepunkt.“

„Die Brüder Luke und Owen Wilson?“

„Nein. Nein, nein, nein. Ich rede von Brian Wilson.“

„Scheiße“, sage ich, „das ist gut.“

„Brian Wilson. Beach Boy ohne Beach und ohne Boy. Fast alle Surfer sind ja komplette Idioten, doch einen gewissen romantischen Appeal kann man ihrem Lebensstil nicht absprechen. Und was ist das einzige, was noch romantischer ist als dieses Leben in den Fluten?“ Arthur macht eine Pause. „Nicht zu surfen“, fährt er fort, „niemals überhaupt auch nur zum Strand zu gehen, aber immer von der Sehnsucht danach zu singen. Brian Wilson musste sich von seinem Bruder Dennis erzählen lassen, wie sich Wellen eigentlich anfühlen. Dann hat er seine Songs darüber komponiert.“

„Er hat sich sogar Strandsand ins Studio kommen lassen.“

„Das war gar nicht nötig. Nur ein billiger Trick. Wichtig ist, was sich in seinem Kopf abspielte.“

Arthur klopft unwillkürlich gegen seine lädierte Stirn, zuckt zusammen.

„Und dann dieses Album“, sage ich, „Smile, das nie fertig wird, und das auch nie fertig werden darf, sonst wäre er verloren.“

„Wie nannte er es noch mal?“

Ich atme tief durch: „A Teenage Symphony to God.”

„Amen“, sagt Arthur. „Dabei war er nie wirklich ein Teenager. Wahrscheinlich hatte er auch nie wirklich Sex. Doch spätestens bei Smile hatte Brian Wilson Sex mit Engeln. In aller Unschuld und in aller Schuld. Das kann man hören. Zwei Minuten metaphysischer Chorgesang genügen. Das ewig nachhallende Echo eines kosmischen Orgasmus.“ Mein Freund lächelt erstmals am heutigen Tag. „Und Sex mit Engeln“, fährt er fort, „ist per se niemals reaktionär – wie es die frühen Beach Boys-Songs vielleicht noch sind. Abgesehen davon war und ist der Mann komplett wahnsinnig, was uns aber egal sein kann. Außerdem war er bereits als Kind auf dem rechten Ohr taub und konnte deshalb niemals stereo hören. Gottes Strafe: Der Herr wusste, dass dieser kleine dicke Brian Wilson eines Tages seine Engel ficken würde.“

„Du bist auf dem rechten Auge blind.“

Es dämmert schon, wir haben nun Banana Beach erreicht, die Surfer draußen kehren langsam in die Trockenwelt zurück. Sie schälen sich aus ihren Neoprenanzügen.

„Komm“, sagt Arthur und tätschelt meinen Nacken, „wir gehen eine Bionade trinken.“

Gainsbourg Girls III: Wie Dimona einmal enden könnte...


Dienstag, 28. August 2007

Bionade vs. Bier

from: charlotte.sevigny@abc-consulting.de

to: arthurrimbaud3@gmx.li

date: 08. 28. 07 / 06. 32 p. m.

subject: Bionade vs. Bier

Lieber Arthur,

obwohl ich es nur ungern tue, muss ich eines zugeben: Es fühlt sich gut an, dass Du nicht mehr schweigst. Diese Stille tat ja schon in den Ohren weh. Nebenbei bereitet mir die Tatsache, dass Du zum Nichtmehrschweigen sogar ein Internet-Café aufsuchen musstest, besonderes Vergnügen. Die dort versammelten „Verlierer“, wie Du sie bezeichnest, werden Dich sicher als einen der ihren erkannt und mit offenen Armen aufgenommen haben. Wie schön. Ich kann mich ja zum Glück von solchen Orten fernhalten. Auf meinem kleinen Balkon mit W-Lan ist es auch heute wieder sehr idyllisch. Nur ein bisschen langweilig, wie üblich. Vorhin gab es ein gewaltiges Gewitter. Sonst ist rein gar nichts passiert. Gerade habe ich die zweite Flasche Holunder-Bionade geöffnet und die vierzehnte Zigarette nicht geraucht. Ich lese zum dritten Mal Anna Karenina. Die einzige Verliererin auf diesem Balkon bin ich. Das ist mein Leben anno 2007, meine persönliche Saison en enfer.
Immerhin: Du bist auch noch am Leben. Die kleinen Soldatinnen mit ihren „scharfen“ Waffen haben Dich offenbar bestens beschützt. Und jetzt kommst Du also nach Hause. Nicht wegen mir oder wegen Deiner Tochter. Der einzige Grund Israel zu verlassen, ist – „beinahe“ – die bloße Anwesenheit Deines Cousins Konrad in diesem Land. Du sagst es ja selbst. Konrad, der Dir überhaupt nichts getan hat und sich rührend um mich kümmert. Was meinst Du, wie ich mich fühle, wenn ich so etwas lese? Außerdem glaube ich erst an Deine Heimkehr, wenn Du vor meiner Tür stehst. Hoffentlich ohne Militär-Bikini – Du weißt, ich betrachte mich als Pazifistin. Vielleicht bin ich dann auch nicht mehr wütend, wenn ich Dich sehe. Vielleicht bin ich sogar noch viel wütender. Ich weiß es nicht. Ich weiß noch immer nicht, was eigentlich in Dir vorgeht und was ich von Dir erwarten kann. Du sagst zwar nicht, dass Du unser Kind nicht willst, das stimmt. Doch zugleich sagst Du mit keinem einzigen Wort, dass Du es willst. Nicht mal jetzt, wo sich dieses Mädchen schon ganz in Deinem Sinne entwickelt – zum „Gainsbourg Girl“, wie Du es nennst und wie Lulu es mittlerweile leider auch nennt. Meine ständigen Zweifel werden dadurch nicht weniger schmerzhaft. Was die Songauswahl betrifft, hast Du mich übrigens mal wieder unterschätzt: „Je t’aime... moi non plus“ halte selbst ich nicht für sehr originell. „Baby Alone in Babylon“, gesungen von Jane Birkin, erschien mir weitaus passender. Ich glaube, unser Baby hat sofort verstanden, worum es in diesem Lied geht. WAS DENKST DU, ARTHUR?

Du schreibst mal wieder von Intensität. Von dem ganz großen, eindrücklichen und tief empfundenen Leben, nach dem Du immer und überall suchst und das Du offenbar bei mir nicht findest. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, es ginge da lediglich um eine Illusion von Intensität. Bier, Humus und Karaoke – mit Verlaub, verglichen damit, erscheint mir das Vaterwerden dann doch als die tiefgreifendere Erfahrung. Aber das musst Du selbst entscheiden. Ich will Dich nicht einsperren. Natürlich nicht. Du kannst von mir aus auch mit Deinem Freund zum Mond fahren. Doch mitunter sieht es für mich so aus, als würdest Du gar nichts mehr mit mir teilen wollen. Als wäre ich nur eine schwere Last, die man irgendwie durchs Leben schleppt und die man ansonsten meidet, wo man nur kann. Du fragst explizit nicht, was für eine Mutter ich sein will. Ich sage es Dir trotzdem, höre bitte ausnahmsweise einmal zu: Ich möchte nicht einfach „Charlotte Sevigny“ sein, so wie Du einfach „Arthur Müller“ sein willst. Ich möchte mich verändern. Für mich und für das Kind. Und auch für uns. Charlotte 2.0 sozusagen. Und Dir würde ich das gleiche raten, selbst wenn ich weiß, wie sehr Dich solche Ratschläge nerven. Aber es ist nun mal so. Und Dein blöder Schuhkarton geht mir auch auf die Nerven. Ich habe mich schon tausendmal entschuldigt und kann nur zum 1001. Mal sagen: Es tut mir leid, doch ich habe Deine Briefe nicht „durchwühlt“, sondern nur ein paar verschämte Blicke riskiert. Ich werde das sicher nicht wieder tun, aber es ist eben passiert. So what? Meinst Du, es macht mir Spaß, immer diese Kollektion historischer Liebesbriefe vor der Nase zu haben – selbst wenn sie vordergründig irgendeinem „postmodernen“ Projekt dient? Einem völlig lächerlichen Projekt, nebenbei gesagt. Doch das weißt Du ja selbst. Und jetzt muss ich los. Die arthurfreie Zeit genießen. Lulu und ich werden unsere Pali-Tücher umbinden und uns zu vollkommen unpostmoderner Musik betrinken. Vorher aber schnell noch ein paar Momente, in denen ich in den letzten Wochen an Dich gedacht habe. Einer davon ist erfunden – aber nicht Nummer 10:

Ich habe an Dich gedacht...

1. ...als mir endlich ein Name für das Baby eingefallen ist. Ein wirklich schöner Name. Dein Überraschungsvorschlag – vermutlich „Beck’s“ oder „Joy Division“ – ist hiermit bereits abgelehnt. Einspruch zwecklos.

2. ...als mich vorgestern im Büro eine Kollegin fragte, ob mein „Partner“ ebenfalls deutlich besser verdienen würde als ich. Ich musste erst laut lachen, verteidigte dich dann aber trotzdem: „Er ist zur Zeit mit einem Filmprojekt beschäftigt“. „Ach ja? Wie interessant. Was denn für ein Projekt?“ „Es befindet sich noch im Planungsstadium, ist aber auf jeden Fall sehr, sehr postmodern.“

3. ...als vorhin bei Edeka „My Heart Will Go On“ in einer Fahrstuhlversion lief. Ich habe kurz überlegt, ob Du wirklich an mich gedacht hast bei Deiner Performance – oder an all die kleinen „scharfen“ Jüdinnen im Publikum. Woran Dein Freund bei „Lady in Red“ gedacht hat, will ich gar nicht wissen.

4. ...als mir kürzlich vor dem Fernseher ausgerechnet bei einer Folge von „Flipper“ die Tränen kamen. Erst habe ich geweint, dann darüber gelacht, dass ich weine und dann wieder geweint, und es hörte nicht auf.

5. ...als ich im Wartezimmer beim Gynäkologen im Stern den Test „Sind Sie ein Alkoholiker?“ machte. Natürlich legte ich nicht die aktuelle Bionade-Situation zugrunde, sondern meine normale Existenz. Ergebnis: Ja, ich bin Alkoholikerin. Na gut, dachte ich – aber was zum Teufel ist dann der Vater meiner Tochter?

6. ...als mir ein wildfremder Mann auf der Straße sagte, wie schön ich sei, obwohl ich eindeutig immer mehr einem Nilpferd ähnele.

7. ...als ich beim Aufräumen eine Postkarte entdeckte, die Du mir mal nach Paris geschickt hast. Mit einem selbstverfassten Sonett, das ich bis heute nicht verstehe. Doch damals habe ich mich sehr gefreut.

8. ...als Deine Mutter hier anrief, um zu fragen, ob ich irgendeine Ahnung hätte, wo ihr Sohn sei und ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

9. ...als ich meine italienische Freundin Francesca und deren eineinhalbjährigen Sohn zum Friseur begleitete. Jede Locke, die der kleine Antonio verlor, tat der Mama praktisch körperlich weh. Und mir auch.

10. ...als ich nach Erhalt der „Enjoy the Silence“-Mail sofort Deine Traveling Wilburys-CD gesucht habe. Eine halbe Stunde lang. Und siehe da, sie befand sich in der Tat noch in meinem Besitz, versteckt in einem alten Koffer. Daraufhin klingelte ich bei meinem Nachbarn, Herrn Adler aus dem dritten Stock. Er hilft mir manchmal ein bisschen, wie Du weißt. Ich sagte: „Guten Tag, Herr Adler, könnten Sie mir vielleicht einen Hammer leihen?“ „Was will denn eine schwangere Frau mit einem Hammer?“ fragte Herr Adler freundlich, aber leicht besorgt. „Ich muss nur einen Nagel einschlagen“, sagte ich. „Nichts Besonderes.“ Herr Adler erbot sich natürlich, diese Aufgabe für mich zu übernehmen, doch ich lehnte seine Offerte ab. Ein bisschen Bewegung würde mir sogar gut tun, sagte ich. „Seien Sie bitte vorsichtig“, sagte Herr Adler und gab mir einen schönen, großen Hammer, der wirklich schwer in meinen Händen lag. Ich ging also wieder in meine Wohnung. Dort nahm ich dann die Traveling Wilburys-CD („Volume 1“) und legte sie auf den Balkonboden. Dann holte ich aus, so weit ich konnte. Ich schlug auf die CD ein. Einmal. Dreimal. Achtzehnmal. Immer wieder. Minutenlang. Bis Deine Traveling Wilburys-CD mitsamt dem dazugehörigen Cover in viele, viele kleine Teile zersplittert war. Diese kehrte ich mit dem Handfeger auf und übergab sie dem Müll. Und der Müll wurde am Montag, gegen sieben Uhr in der Frühe, von der Berliner Stadtreinigung abgeholt.

Übrigens: Bionade – und nicht Bier – ist das offizielle Getränk einer besseren Welt (http://www.stille-taten.de/). Grüß mir die „Lady in Red“.

Bisous, Charlotte

P. S.: You only tell me you love me when you’re drunk…