Mittwoch, 19. September 2007

This Side of Paradise

„Ich bin nicht sentimental!“ ruft Arthur und streckt alle Glieder von sich. „Nein, nein, nein!“

„Doch, bist du. Ich versteh’ nicht, was mit dir los ist.“

„Ein sentimentaler Mensch glaubt, die Dinge blieben so, wie sie sind.“ Mein Freund spricht jetzt mit geschlossenen Augen, was ausgesprochen arrogant wirkt. „Ein romantischer Mensch hingegen vertraut verzweifelt darauf, dass sie eben nicht so bleiben, wie sie sind.“

„Wer sagt das?“ will ich wissen.

„Ich.“

„Ich finde, du wirst jeden Tag sentimentaler. Seitdem du in der Jewish Princess auf den Tresen gefallen bist.“

„Vielleicht hatte ich dort eine Art Vision. Vielleicht auch nicht.“

Arthur öffnet noch immer nicht die Augen, verharrt auf dem marmorierten Untergrund.

„Ich frage mich nur“, sage ich, „was wir hier eigentlich machen. Was du hier machst.“

„Ich will ja gar nicht, dass dieser Flughafen so bleibt, wie er ist. Ich fordere eine neue Blüte. Eine Renaissance des Sublimen.“

Seit einigen Minuten stehe ich im Hauptgebäude des Tempelhofer Flughafens. Diese so genannte Ehrenhalle hat einiges an Pracht und Monumentalität eingebüßt, nachdem in den fünfziger Jahren eine bedrückend niedrige Zwischendecke eingezogen wurde. Ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin. Oder doch: Ich bin allein deshalb hier, weil Arthur mich gerufen hat. Ich solle sofort herkommen, hat er gesagt, es sei dringend, ich müsse ihm bei etwas helfen, hier am einstigen Zentralflughafen. Tempelhof ist der einzige scheintote Airport der Welt, denke ich. Das Gebäude ist zwar wie ausgestorben, doch der Flugverkehr ruht keineswegs komplett – darauf lassen nicht nur die Lautsprecherdurchsagen schließen. Die Metapher vom schlafenden Riesen drängt sich hier förmlich auf. Und Arthur sitzt mitten in dieser gewaltigen Ehrenhalle auf dem Boden, an einen alten Propeller gelehnt, und weigert sich, aufzustehen.

„Arthur, es ist zwölf Uhr mittags. Du siehst aus, als hättest du drei Nächte nicht geschlafen. Was machst du hier?“

Mein Freund schaut mich mit glasigen Augen an, ich prüfe seine Pupillen, doch die wirken eigentlich ganz normal, soweit ich das beurteilen kann.

„Ich wollte einen Flug buchen“, sagt er schließlich.

„Einen Flug?“

„Nach Tel Aviv.“

„Du wolltest von Tempelhof nach Israel fliegen?“

„Du hast mich sehr gut verstanden.“ Arthur schließt wieder die Augen. „Aber ich hatte kein Geld. Der Geldautomat vorhin hat sogar nach mir geschnappt.“

„Ich gehe“, sage ich und setze auch tatsächlich dazu an, doch mein Freund hält sich mit beiden Armen an meinem Bein fest, wie es garstige Kinder mitunter tun.

„Eine Frau hat sich auf meine Annonce beworben“, sagt er.

„Was für eine?“

„Sabine Christiansen.“

Arthur lächelt. Ich nicht.

„Ich bin mir sicher, es hat überhaupt niemand geantwortet“, sage ich. „Und wahrscheinlich wird auch niemand antworten. Deine Mission ist gescheitert.“

„Im Unterschied zu meinen Frauen mag ich meine Flughäfen am liebsten völlig unpostmodern“, murmelt er.

In diesem Moment erscheint ein sehr kleiner Mann mit einem offiziösen Wappen auf der Uniform und bittet uns barsch, hier nicht herumzulungern und, vor allem, etwas mehr Abstand zu diesem historischen Propeller zu halten – so etwas werde heutzutage gar nicht mehr hergestellt.

„Siehst du“, sagt Arthur im Aufstehen. „Dieser Mann ist sentimental.“

„Ich empfinde die Rosinenbomber-Romantik, die dieser Flughafen mittlerweile verströmt, als ziemlich unangenehm.“

„Es geht mir nicht um Rosinenbomber-Romantik.“

„Sondern? Um Nazi-Romantik?“

„Nein. Nein, nein, nein. Du willst mich heute nicht verstehen.“

„Das könnte sein“, sage ich.

„Ich meine die Romantik des Fliegens überhaupt.“ Arthur seufzt. „Was haben wir denn heute? Ryan Air. Easy Jet. Fliegen ist trashiger als Bahnfahren geworden. Fliegen ist sogar trashiger als Busfahren geworden. Bald wird es vielleicht trashiger als Skateboardfahren sein.“

„Du bist sentimental. Du redest wie Christian Krachts Oma.“

Langsam schlendern wir durch die leere Halle. Noch kann man hier zwar eine der auf dem weiten Flugfeld wie Modellbauflugzeuge wirkenden Maschinen besteigen, doch die landet dann eben in Friedrichshafen oder in Dortmund oder maximal in Brüssel. Das ist schon ziemlich deprimierend.

„Schau’ dir doch mal diese Easy Jet-Stewardessen an!“ Mein Freund macht eine wegwerfende Handbewegung. „Die sehen aus wie die Spice Girls – bevor sie die Spice Girls wurden. Und sie lachen auch so vulgär. Wahrscheinlich würde Easy Jet sogar diesen Terminal orange streichen.“

„Vom Adler über dem Hauptportal ist ohnehin nur noch der Kopf übrig. Ich hätte da übrigens zwei Fragen.“

„Nur zwei?“ Arthur schwankt etwas. Seine Wunden, fällt mir auf, sind noch immer nicht verheilt.

Ich hole tief Luft: „Erstens: Wo ist dein Schuhkarton? Du hast ihn fast nie mehr bei dir. Und, zweitens: Hast du am letzten Tag in Tel Aviv ein hellblaues Schwangerschaftskleid gestohlen?“

„Ich weiß auch nicht.“ Schulterzucken. „Der Schuhkarton langweilt mich irgendwie. Es kommen ja sowieso keine neuen Liebesbriefe mehr dazu. It’s all over now, Baby Blue.“

Mein Ärger ist mittlerweile verraucht. Ich lasse mich sogar dazu hinreißen, meinem Freund zu versichern, dass bestimmt noch die eine oder andere postmoderne oder gar die postmodernste Dame überhaupt auf seine Anzeige antworten werde, wahrscheinlich seien all diese Frauen gerade noch mit der Erstellung ihrer Hochglanzbewerbungsmappen beschäftigt, so etwas brauche ja seine Zeit, wenn das Ergebnis nicht allzu primitiv wirken solle – und das sei doch ganz in seinem, Arthurs, Interesse.

„Außerdem könntest du dich bis dahin vielleicht mal ein bisschen um deine Freundin kümmern“, füge ich noch hinzu.

„Nur wenn du dich um Lulu kümmerst. ‚Wer ist Dimona?’, hat Charlotte mich gefragt. Als ob ich das wüsste. Erinnerst du dich noch an die Katakomben?“

Natürlich erinnere ich mich. Arthur und ich durften diesen Flughafen nämlich schon mal eingehend besichtigen. Wir haben uns einer größeren Seniorengruppe – Genossen des SPD-Ortsvereins Bielefeld-Nord – angeschlossen und an einer Führung teilgenommen, die Arthur und mir und den dreißig Westfalen sogar den Zugang zu den mythenumwobenen Kellergeschossen eröffnete. Dort befand sich, bis die alliierten Eroberer es versehentlich in Brand setzten, ein Filmdepot. Ein uferloses Filmdepot. Nicht eine einzige Zelluloidrolle überstand das große Feuer. Und seitdem überlegen wir regelmäßig, was da unten, in diesen mit bizarren Graffiti und Strichlisten verzierten Räumen, für Streifen gelagert haben könnten. Pornos, meint Arthur – und einige epochale Meisterwerke, die wir uns heute gar nicht mehr vorzustellen wagten und deren Anblick man diesseits des Paradieses auch gar nicht ertragen könne. So energisch, so verwegen seien diese Filme. Ich sage: So lange dort keine Filme mit Hugh Grant aufbewahrt wurden, gebe ich mich mit allem zufrieden. Andernfalls müsste man diese Feuersbrunst völlig neu bewerten.

„Schau dir diese Türgriffe an!“ Arthur streicht sanft über das Holz. „Heute gibt es gar keine Türgriffe mehr auf Flughäfen!“

„Heute findet hier das Red Bull Air Race statt. Das ist wirklich degoutant. Als würde man Pisse aus Goldpokalen trinken.“

„Und erst diese Treppengeländer!“

„Du sentimentaler Tränensack.“

„So ein aufheulender Flieger, der sich wie auf Adlerschwingen in die Lüfte erhebt, ist schöner als die Nike von Samothrake. Deine zweite Frage kann ich übrigens uneingeschränkt bejahen.“

Wir stehen nun am Ausgang, vor einem Imbiss mit dem Namen Air Snack. Und weil Arthur, wie er betont, Hunger und überdies ungeheuerlichen Durst hat, werden wir hier wohl noch ein Weilchen stehen bleiben.

Montag, 17. September 2007

Hungry Heart

„Das größte Verbrechen des Elton John“, sagt Arthur, „ist – neben seinem Louis XIV.-Kostüm, natürlich – der Gedenksong für Lady Di.“

Lulu stöhnt auf: „Bitte. Heute. Keine. Pop-Nerd-Diskussionen.“

„Lulu, wie würdest du dich denn fühlen? Nehmen wir an, Du bist Marylin Monroe. Du stirbst einen frühen glamourösen Tod. Und Elton John verfasst diesen bewegenden Nachruf auf dich – ‚Candle in the Wind’.“

„Der Text stammt von Bernie Taupin“, sage ich.

„Egal.“ Arthur trinkt seinen Wein wie Mineralwasser. „Die Menschen hören also jahrzehntelang täglich im Radio dieses Lied über dich, Norma Jean Baker. Dann verendet Diana in ihrem Tunnel. Und weil bis zum Begräbnis nicht mehr genug Zeit bleibt, einen neuen Song zu komponieren, schreibt Elton John die Eloge auf dich, die einzigartige Marilyn, einfach um. Wie skrupellos kann man sein!“

„Wenn Elton John jemals auch nur eine einzige Note für mich komponiert, reiße ich ihm sein Toupet vom Kopf bis das Blut gegen seine Louis XIV.-Tapete spritzt“, erwidert Lulu.

„Die frühen Sachen sind gar nicht so schlecht“, sage ich.

Arthur redet sich einmal mehr in Rage: „‚Goodbye Norma Jean’ wird einfach zu ‚Goodbye England’s Rose’ umgetextet. Es wundert mich, dass er nicht auch noch eine Version für Freddie Mercury gemacht hat. Oder für Rudolf Mooshammer. Oder für jeden, der im Home Shopping-Kanal eine bestellt.“

„Möchte noch jemand etwas Käse?“ fragt Charlotte.

Während draußen ein Blatt nach dem anderen von den Bäumen fällt, sitzen Lulu, Charlotte, Arthur und ich – sowie die kleine Dimona, versteht sich – in gemütlicher Chalet-Atmosphäre zusammen. Zwar ist Lulus Kreuzberger Wohnung eher minimalistisch eingerichtet, doch das Raclettegerät strahlt eine heimelige Wärme aus. Arthur konnte zudem in einem Geschenkartikelladen etwas Kunstschnee besorgen, welcher nun die Tafel schmückt. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, eine CD mit beliebten Aprés-Ski-Hits zu kompilieren. Auf dem Tisch stehen Blumen, die mein Freund und ich noch bei der prämodernen, ja, atavistischen, doch darum nicht weniger reizenden Händlerin auf dem Maybach-Markt erworben haben. Die Gastgeberin ließ uns allerdings nicht bloß durch die Blume wissen, dass sie Blumen, insbesondere Rosen und vor allem blaue Rosen prinzipiell ablehne, so dass Arthur den Strauß kurzerhand umwidmete und ihn seiner Freundin überreichte, begleitet von einer tiefen Verbeugung. Die Parallelen zur Elton-Marilyn-Diana-Affäre sind frappierend. Gleichwohl könnte die Stimmung bedrückender sein, obwohl ich keine Ahnung habe, was zwischen Arthur und der zukünftigen Mutter seiner Tochter eigentlich vorgeht. Charlotte sieht toll aus, man kann es nicht anders sagen. Sie schimmert geradezu, wirkt seltsam sanftmütig – ganz gleich, was Arthur so von sich gibt. Dimona steht ihr gut. Als einzige von uns vieren trinkt sie keinen Weißwein und lebt friedlich in ihrer besseren Bionade-Welt. Lulu hingegen erweist sich mal wieder als Anti-Charlotte.

„Kann bitte irgend jemand sofort diese Rosen entfernen?“ ruft sie jetzt.

Arthur tätschelt ihre Hand: „Wusstest du, dass Elton John einst in anderthalb Jahren fast 300.000 Pfund nur für Blumen ausgegeben hat?“

Lulu schlägt ihm mit ihrem heißen Käsepfännchen auf die Finger.

Er schreit auf: „Als ob ich nicht schon genug Verletzungen hätte! Aber ich lass’ mir den Mund nicht verbieten: Also, Elton wurde dann jedenfalls von seinem Finanzberater gefragt, ob er wirklich eine derart astronomische Summe in Blumen investiert hätte – und er antwortete nur: ‚Well, I like flowers’.“

Like a river that don't know where it's flowing
I took a wrong turn and I just kept goin'

„Warum ist dein Körper überhaupt so entstellt?“ fragt Lulu skeptisch. „Warst du in einem jüdischen S/M-Club?“

„Keine Details, bitte“, sagt Charlotte.

„Ich trage nicht bei jedem Wetter Latexstiefel“, bemerkt mein Freund.

Einzig Arthur isst noch. Seine Freundin reibt sich seit längerem ihren hinreißenden Bauch, Lulu nimmt ohnehin keine Nahrung zu sich und ich habe ebenfalls bereits aufgegeben. Raclette ist schon eine fatale Sache. Doch Arthur hat weiterhin drei Pfännchen im Einsatz und schaufelt Käse in sich hinein, als wäre es seine Henkersmahlzeit.

„Arthur, du wirst bald fetter als Charlotte sein“, sagt Lulu.

„Ich mag Charlotte“, entgegnet er.

Seine Freundin quittiert dies mit einem müden Lächeln: „Ich hasse Bionade.“

Ich frage: „Lulu, wo hast du denn heute dein Palituch gelassen?“

„Ihr solltet mal Bionade mit Wodka probieren“, sagt sie.

„Was macht deine Kolumne?“

Lulu Lilienblum nennt sich zwar Schauspielerin, nachdem sie in einer Polizeiruf-Folge mal ein paar Sekunden als recht unislamisch bekleidete Leiche erschien, führt aber zugleich ein professionelles Leben jenseits der Kamera. So verfaßt sie zum Beispiel für das dubiose Magazin Delirious Dirt ein Weblog über ihr Liebesleben. Die Aufzeichnungen der Wiener Dirne Josefine Mutzenbacher muten dagegen wie Vorschullektüre an. Naturgemäß hören wir Lulus Geschichten immer wieder mit großer Begeisterung, am liebsten von ihr selbst. Heute beschreibt sie uns die neueste Episode, eine post-koitale Szene, in der ihr Kopf auf der schweißgebadeten Brust einer Ankerklausen-Bekanntschaft verharrt. Sie habe in diesem Moment, so Lulu, plötzlich ein ungewöhnliches Pochen und Vibrieren an ihrem Ohr wahrgenommen, das über den üblichen Herzschlag weit hinaus ging. Auf ihre irritierte Nachfrage hin, hätte ihr Lover ihr eröffnet, dass er seit einiger Zeit einen Herzschrittmacher tragen müsse – weil ihm die große Liebe seines Lebens gnadenlos das Herz gebrochen hätte und es nun eben nicht mehr richtig funktionieren würde. Darum der Herzschrittmacher, dessen Anschaffungskosten die Krankenkasse ihm aus unerfindlichen Gründen noch immer nicht erstatten wolle.

„So was kann nur ein Mann sagen“, behauptet Lulu.

Charlotte lacht: „Ich finde das eigentlich ganz charmant.“

Arthur befühlt seine lädierte Schläfe: „Das Herz ist so ziemlich das einzige, was mir nicht gebrochen wurde. Habt ihr während des Verkehrs wenigstens Tom Petty & The Heartbreakers gehört?“

Er füllt zwei Käsepfännchen mit Parmaschinken.

„Oder Heartbreak Hotel von Elvis ?“ ergänze ich.

„Arthur, hör auf zu essen“, sagt seine Freundin. „Du musst hier nichts beweisen.“

„Ich frage mich, was passieren würde, wenn man etwas Humus in einem dieser Pfännchen erhitzte“, sagt Arthur nachdenklich.

„Oder deine Traveling Wilburys-CD.“

„Das ist nicht witzig, Charlotte.“

„Von Frank Zappa gibt es einen Song mit dem Titel Broken Hearts Are For Assholes“, bemerkt Lulu.

Sie öffnet das Fenster, was das allgemeine Skihütten-Gefühl eher noch befördert, denn sofort strömt eisige Luft in den Raum. Ein Windzug bläst die Tischkerze aus. Lulu freut sich und gibt uns zum wiederholten Mal zu verstehen, dass auch Kerzen in jeder Form und Farbe mit ihren Prinzipien nicht vereinbar seien. Arthur isst und isst.

I met her in a Kingstown bar, we fell in love I knew it had to end

„Ich weiß auch nicht, warum ich immer so hungrig bin“, sagt er.

„In Eilat hast du an einem Tag mehr als achtzig Oliven gegessen“, bemerke ich.

„Früher war es noch schlimmer. Auf einer Kanutour in Norwegen habe ich als Teenager mal einen halben Elch verputzt.“

„Das glaube ich sofort.“

Mein Freund blickt melancholisch in die Runde: „Es war in jener Zeit, als ich in Oslo umherging und hungerte. In dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist. Oder einen Elch verspeist.“

„Mich wundert wirklich, dass du nicht fetter bist“, bemerkt Lulu.

„Früher bin ich immer erst dann vom Tisch aufgestanden, wenn die körperlichen Schmerzen so stark wurden, dass ich mich unter keinen Umständen mehr bewegen konnte. Das hat sich ein wenig gebessert. Aber ich leide ja auch immer unter diesem unstillbaren Durst.“

Arthur und ich probieren jetzt ebenfalls die Wodka-Bionade-Mischung und fühlen uns auf der Stelle sehr erfrischt.

„Ich bin sozusagen“, fährt mein Gegenüber fort, „eine Art Anti-Hungerkünstler. Ich habe noch keine Speise gefunden, die mir nicht schmeckt. Bei Aldi ist mir das kürzlich wieder aufgefallen.“

„Erzählt doch mal von Israel“, bittet uns Lulu. „Habt ihr nur gefressen und gesoffen, oder was?“

„Meistens schon“, erwidert Arthur. „Es gibt wirklich nicht so viel zu erzählen.“

„Das stimmt“, sage ich. „Irgendwie ist die Zeit wie im Flug vergangen, ohne dass wir große Abenteuer erlebt hätten.“

„Seid ihr wirklich mit den Delphinen geschwommen?“ fragt Charlotte.

Wir nicken. Ich muss an die purpurfarbenen Berge Jordaniens denken, das lichtblaue Rote Meer.

„Dimona hätte das auch gefallen“, meint Arthur.

„Wem?“ Charlotte schaut leicht verunsichert.

„Kann bitte mal irgendjemand einen Kaffee kochen? Ich bin noch mit Essen beschäftigt.“

Lulu und ich gehen also in die Küche, wo sie mir kurz um den Hals fällt – warum auch immer. Vermutlich ist nur der brennende Wodka schuld. Ich weiß: Lulu zu lange zu umarmen, kann gefährlich sein. Zumindest für mich. Barfuss tanzt sie nun wild durch die Küche, die Espressomaschine röchelt. Als wir an den Tisch zurückkehren, sitzt Charlotte mit einer Gesäßhälfte auf Arthurs Stuhl und streichelt seinen Rücken. Mein Freund isst weiter im Stile eines ausgehungerten Nachkriegskindes.

„Hier. Jeder nur einen.“ Lulu platziert eine Pappbox neben der Kaffeekanne.

„Ich hasse Glückskekse“, sagt Arthur.

„Bitte vergiss nicht, den Zettel vor dem Verzehr herauszunehmen, Schatz“, bemerkt Charlotte sanft.

Lulu hat ihren Keks bereits zerbrochen und die Fragmente auf Arthurs Teller gelegt.

„Sie beherrschen es“, liest sie vor, „Kritik mit Witz und Charme zu verpacken. Na, toll.“

„Meiner ist noch schlimmer.“ Ich bin enttäuscht. „Nur ein Narr glaubt, dass Preis und Wert identisch sind.“

„Was für Arschlöcher“, murmelt Arthur mit vollem Mund. „Das ist ja geradezu eine Unverschämtheit.“

Charlotte verweigert die Keksannahme und lässt sich selbst durch massiven Druck nicht dazu bewegen. Sie hätte mal schlechte Erfahrungen mit Glückskeksen gemacht, so Arthurs Freundin, und könne gerade unter den gegebenen anderen Umständen darauf verzichten, diese zu wiederholen. Arthur trinkt Kaffee, Wodka-Bionade und Riesling und stopft zugleich Unmengen von Käse in sich hinein. Mit einer feierlichen Geste zerbricht er das gelbe Gebäckstück.

„Oh.“ Seine Miene nimmt einen theatralisch verängstigten Ausdruck an. „Das kann nicht sein.“

„Was steht denn drauf?“

„Das ist nicht möglich“, sagt mein Freund.

„Arthur, bitte.“

„Hier steht: Love Will Tear Us Apart.“

„Du bist ein Idiot”, sagt Lulu.

Ich stimme ihr zu, Charlotte schaut ihren Freund prüfend an.

Arthur starrt auf das winzige Stück Papier in seiner Hand: „Doch. Natürlich. Hier steht’s rot auf weiß. Love Will Tear Us Apart.“

„Zeig mal.” Lulu greift nach dem Glückskeks-Zettel.

„Auf gar keinen Fall. Diese Botschaft ist nur für mich bestimmt.“

„Gib schon her!“

Doch noch bevor Lulu Arthur den Zettel entreißen kann, hat mein Freund jedes einzelne Keksbruchstück auf seinem Teller verschlungen – und stopft sich dann den Zettel in den Mund.

„Du bist krank“, sagt Lulu.

Charlotte zweifelt: „Du hast den jetzt nicht wirklich verschluckt, oder?“

Arthur spült mit Wodka hinterher, das Papier bleibt verschwunden.

„Wir werden dir ein Brechmittel einflößen“, droht unsere Gastgeberin.

Er schüttelt den Kopf: „Diese Glückskekse sind gespenstisch. Ich meine: Wer ahnt denn so etwas!“

Everybody's got a hungry heart, everybody's got a hungry heart.

Zwei Stunden später: Das Raclette ist ähnlich wie Dianas Leichnam im Erkalten begriffen, in Lulus Wohnung indes herrscht erhöhte Temperatur. Arthur liegt nebenan, auf dem Futon, und schnarcht wie ein russischer Bär. Mitunter hört man ein Stöhnen, vereinzelt unverständliche, im Tiefschlaf ausgespuckte Worte.

„Sollten wir nicht vielleicht einen Arzt holen?“ fragt Charlotte.

„Du spinnst ja“, erwidert ihre Freundin.

„Besser einen Totengräber“, sage ich.

Ich bin inzwischen wirklich sehr betrunken, Lulu steht mir in nichts nach. Einzig Bionade-Charlotte ist noch bei Sinnen, tanzt aber trotzdem ausgelassen mit uns zu Supremes- und Siouxsie-Songs. Aprés-Ski-Stimmung vom Feinsten. Lulu zückt irgendwann ihr Powerbook und lädt eigens um den schlafenden Arthur zu ärgern, die 1997er-Diana-Version von „Candle in the Wind“ aus dem Netz herunter. Und während die Gastgeberin wortgewaltig mit ihrem Herzschrittmacher telefoniert, tanzen Charlotte und ich engumschlungen zu Eltons bittersüßer Melodie. Mir fällt auf, dass ich zum ersten Mal mit einer schwangeren Frau tanze, zumindest bewusst, und es fühlt sich ziemlich gut an. Never fading with the sunset when the rain set in. Sie berichtet mir von ihrem Sommer, von ihrer Agentur-Misere. Dass übergroße Kleid was sie trage, erzählt Charlotte, habe Arthur ihr aus Tel Aviv mitgebracht. Es ist mir völlig schleierhaft, wann mein Freund diesen Einkauf getätigt haben soll. Vielleicht am letzten Vormittag, das wäre möglich – nach Breakfast Club und Jewish Princess. Allerdings besaß er zu diesem Zeitpunkt schon keinen einzigen Schekel mehr, es könnte sich also um Diebesgut handeln. Nun, Charlotte, die wärmer ist als eine Wärmflasche, wäre das wahrscheinlich auch egal: Nur ein Narr glaubt schließlich, dass Preis und Wert identisch sind.

„Seit ihr zurück seid“, sagt sie plötzlich, „haben Arthur und ich noch nicht eine einzige Nacht zusammen verbracht.“

„Heute schläft er wohl bei Lulu“, sage ich und stoße im Tanzen eine Kerze um.

Charlotte schaut mich direkt an, während wir einander in den Armen liegen, mit schmerzhafter Intensität. Ich wende mich ab, blicke nach draußen. Die Fenster der Nachbarn sind hell erleuchtet.

„Was ist in Israel eigentlich passiert?“ fragt sie mich.


Balagan Blues kann nicht umhin, auf folgenden hilfreichen Link zu verweisen:

http://iq.lycos.de/qa/show/405173/Was+ist++eine+%2522Postmoderne+Frau%2522%253F/

Freitag, 14. September 2007

5768

„Lidl wäre auch eine Option“, sagt Arthur. „Lass uns doch zu Lidl gehen, da waren wir lange nicht mehr.“

„Stimmt. Aber wir bleiben jetzt hier.“

„Ich kaufe nun mal lieber bei Discountern ein“, jammert mein Freund.

Wir sind gemeinsam auf dem Markt am Maybachufer, ausnahmsweise scheint in dieser Stadt die Sonne. Es ist eine Versöhnungsgeste. Wir kaufen ein für Lulu und Charlotte und unser gemeinsames Wochenendabendessen. Angesichts der herbstlichen Stimmung hat Charlotte ein Raclette vorschlagen, dann müsse, so Arthurs Freundin, auch niemand kochen, schon gar nicht Lulu. Arthur und ich hätten ja soviel Zeit und könnten die nötigen Besorgungen erledigen. Und deshalb stecken wir nun mitten im Gedränge fest.

„Es gibt hier eine erstaunlich hohe Anzahl erstaunlich dicker Frauen mit Kopftüchern, die sich in rabiatester Manier ihren Weg bahnen“, sage ich und weiche in letzter Sekunde einem Zwillingskinderwagen aus.

Arthur zieht einen Fünfeuroschein aus der Tasche: „Das ist mein gesamtes Barvermögen. Ich fürchte, meine Kreditkarte wird auf Jahre hinaus nicht einsatzfähig sein. Ich konnte gerade noch so die Annonce bezahlen.“

Endlich ist sie erschienen: Arthurs Anzeige. „Dringend gesucht: Postmoderne Frau.“ Plus Emailadresse. Sonst nichts. Ich hätte den Text ja ein wenig ausführlicher formuliert. Sehr effektiv war die Annonce bisher jedenfalls nicht: In den ersten 48 Stunden seien, so mein Freund, weder post-, noch prämoderne, noch sonstige Bewerbungen eingegangen und eigentlich sei das gesamte Projekt sowieso von vornherein zum Scheitern verurteilt.

„Vielleicht meldet sich Klara“, sage ich.

„Das wäre wirklich zu billig“, erwidert Arthur und setzt sich meine Sonnenbrille auf. „Was für ein idiotischer Gedanke. Wie gedenkst Du eigentlich Deinen Geburtstag nachzufeiern?“

„Bier, Humus, Karaoke. Was sonst.“

„Bei Aldi in Spandau hat es mir wesentlich besser gefallen als auf diesem Markt. Der Weihrauchduft ist unerträglich.“

Zu unserer Linken wird in der Tat eine Substanz namens „Elbenzauber“ angeboten. Daneben gibt es feinste internationale Mode – „Restposten aus Paris“.

„Ich habe entschieden, heute nicht zu lügen“, sagt ein türkischer Gemüsehändler zu einer Kundin.

„Gleich passieren wir die schönste Frau des ganzen Marktes“, bemerkt mein Freund.

Seit Jahren schon preist er mir die Vorzüge einer gewissen Blumenhändlerin hier am Ufer. Sie ist etwa Anfang vierzig und meines Erachtens zwar keine außerirdische Schönheit, doch ich verstehe schon, was Arthur meint. Allein: Postmodern ist dieses Blumenmädchen nicht – zumal man sie niemals ohne Kopftuch sieht.

„Ich wäre da nicht so vorschnell“, sagt mein Begleiter, während er sich durch die Menschenmenge schiebt. „Wer weiß schon, wie viele hochgradig postmoderne Frauen sich beispielsweise unter Burkas verbergen.“

„Keine einzige, würde ich sagen.“

„Möglicherweise werden Burkas sogar schon sehr bald so modisch sein wie Palitücher.“

„Talitücher?“

„Dieses Raclette wird die Hölle“, murmelt Arthur. „Ich weiß nicht, was das Ganze soll.“

„Von Deiner Anzeige sollten wir bei Tisch wohl besser nicht reden.“

„Ist auch egal. Wahrscheinlich würden wirklich postmoderne Frauen sich ohnehin nicht auf so eine Annonce bewerben. Sondern eher, ganz spielerisch, auf eine richtige Kontaktanzeige. Wie sie am Wochenende in den großen Zeitungen erscheinen.“

„‚Reeder, zuhause auf allen Weltmeeren, attraktiv, sportlich und finanziell unabhängig, sucht nach Schicksalsschlag neues Glück.’“

„Genau. Darauf würde ich auch antworten.“

Zwei Ausflugsboote fahren vorbei, „Spreeprinzessin“ und „Delphin“. Die Stadtführer beten allerlei belanglose Statistiken herunter. Arthur wirkt lädiert und deprimiert wie lange nicht, er antwortet schon gar nicht mehr auf meine Fragen.

„Wir können auch morgen noch einkaufen“, sage ich also. „Jetzt gehen wir in die Ankerklause und feiern das jüdische Neujahrsfest. Heute beginnt das Jahr 5768.“

„Das ist doch mal eine Idee mit Überzeugungskraft. Wenn das neue Jahr nicht besser wird als das alte, springe ich in diesen Kanal. Glaub' mir: Ich habe entschieden, heute nicht zu lügen.“

Der Krishna-Jünger mit seinem Gitarrenverstärker summt sein sanftes Mantra, eine Bettlerin fragt uns nach Kleingeld. Arthur zückt den Fünfeuroschein und stopft ihn in ihren Plastikbecher.

„Frohes neues Jahr“, sagt er grimmig.

Donnerstag, 13. September 2007

Abenteuer und Freiheit


Die Wehrdienstzeit in der 5.Panzerdivision - 3.Panzer Artillerie Battalion 135 in der Spielburgkaserne in Wetzlar, Aufnahmen vom Übungsplatz 1981

Dienstag, 11. September 2007

Aldi

„Der Herbst kann kommen!“ ruft Arthur. „Schickes für Sie, Praktisches für Ihn!“

„Das ist wohl die angemessene Rollenverteilung“, sage ich

„Diese Winter Comfort-Bioclogs mit Fußbett in Kork-Gummi-Mischung für 10, 99 wären doch vielleicht was für dich. Ich würde sie dir ja kaufen, aber...“

„Lass mal gut sein, du hast dich schon genug in Unkosten gestürzt. Das ist das schönste Geburtstagsgeschenk meines Lebens.“

Wir sind bei Aldi, genauer: bei Aldi in Spandau. Das ist mein Präsent. Ich bin ja vor einigen Tagen dreißig geworden, und Arthur hat sich nicht lumpen lassen und mir – also uns – diesen Ausflug spendiert. Zwar lässt sein Bankrott sogar die Finanzkrise Berlins wie eine minimale Dispo-Überziehung aussehen, was auch immer das für seinen Sex-Appeal bedeuten mag. Doch mein Freund hat mir gleichwohl unter tiefempfundenen Glückwünschen zwei Euro für einen Fahrschein in die Hand gedrückt. Dann haben wir die U7 genommen, bis zur Endstation Rathaus Spandau. Und jetzt, in diesem Augenblick, betreten wir den Aldi-Markt, der sich exakt dort befindet, wo bis 1987 das Alliierten-Gefängnis seinen Platz hatte, wo Hess, Speer und Baldur von Schirach ihre Strafen verbüßten und das so genannte „Spandau Ballet“ einige umjubelte Aufführungen erlebte. Und heute ist hier eben Aldi. Es ist keine besonders ansprechende, aber auch keine allzu abscheuliche Filiale. Obwohl die Rathausuhr gerade mal fünf zeigte, erweckte Spandau selbst indes bereits einen düsteren, feindseligen Eindruck. Selbst die lichtblaue Aldi-Reklame auf dem Discounter-Dach war erloschen.

„Sogar Reisen bieten sie inzwischen an“, sagt Arthur. „Schau mal: ‚Namibia. Ein Land voller Kontraste. Entdecken sie schmucke Städtchen aus deutscher Kolonialzeit’. Da ist alles dabei: Wildbeobachtungsfahrt, Besuch eines Kunsthandwerksmarktes. Die einzigartige Wüstenpflanze Welwitscha Mirabilis.“

„Mich würde eher Jamaica reizen. ‚Ultra All Inclusive. Alle Mahlzeiten und alle alkoholischen Markengetränke rund um die Uhr inbegriffen.’“

„Das Leben könnte so einfach sein. Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet!“

Wir schieben unseren Wagen durch den ersten Gang. Das Geschäft ist menschenleer. Auf der rechten Seite passieren Arthur und ich eine Reihe von Kaffee- und Teeprodukten sowie verschiedene Saftvariationen. Das Obstangebot lässt keine Wünsche offen und reicht von eher konventionellen Orangen und Bananen bis hin zu Exotika wie Sharon-Früchten aus dem Heiligen Land. Die linke Seite wird von Getränkeflaschen gesäumt. Mineralwasser, diverse Brausesorten und Bier, das leider selbst in Krisenzeiten ungenießbar bleibt. Der erste Höhepunkt jeder Aldi-Visite ist dann eine Auswahl an geistigen Wässerchen und Muntermachern, mit der es auch Harry’s New York Bar nur unter größten Mühen aufnehmen könnte. Mein Freund steht wie gebannt vor dem Regal. Es ist tatsächlich eine Augenweide: Angefangen bei einer griechischen Spirituosenspezialität mit dem klangvollen Namen „Akropolis“ über Mümmelmann Jagdbitter, Rückforth Eierlikör und Robby, den echten, feurigen Übersee-Rum (54 %), bis hin zum Gorch Fock-Aquavit reiht sich eine Preziose an die andere. Wodka Zaranoff, der Alte Weizenkorn von Silberling, Meckstädter Doppelkorn und der fraglos bereits hier und heute olympiareife Ouzo „Pyros“ sowie ein Getränk namens Grafenthaler Gold, das auf die Schnelle keinem Genre zuzuordnen ist. Doch das macht es ja nur interessanter. Es gibt, naturgemäß, ausschließlich allerfeinste Rebensäfte, wir bewundern den Champagner Marke Veuve Durand, aber auch Stolzenfels-Sekt und – für die jüngeren Semester – Lambrusco in einer „stylishen“ pinkfarbenen Mini-Dose. Dieser erste Gang wird abgerundet durch ein paar ausgewählte Fleischdelikatessen, von denen insbesondere die Bockwurst in zartem Saitling und die Schinkenpfefferlinge nach Art einer Mettwurst hervorzuheben sind.

„Gibt’s hier gar kein Red Bull?“ fragt Arthur. „Ich meine: Aldi-Red Bull?“

„Der Aldi-Energy-Drink heißt paradoxerweise Sitting Bull. Scheint ausverkauft zu sein. Wir sind eben in Spandau. Außerdem würde ich dich bitten, dieses Getränk nie wieder zu erwähnen.“

„Nur weil du nichts verträgst.“

„Ich werde meinen Kloaufenthalt niemals vergessen. Wenn Wodka Red Bull eine Stadt wäre, hieße diese Stadt Neuruppin. Oder Frankfurt an der Oder.“

„Gegen beide Orte ist gar nichts, aber auch wirklich rein gar nichts zu sagen“, entgegnet Arthur.

„Wie war denn nun dein Treffen mit Charlotte?“ frage ich. „Hast du vor, mir irgendwann mal davon zu berichten?“

„Es gibt nichts zu berichten.“ Arthur fässt sich an die vernarbte Schläfe. „Es war okay. Sie hat sich nicht für die Traveling Wilburys-Affäre entschuldigt, wohl aber für die Schuhkarton-Affäre. Ich habe mich gar nicht entschuldigt, wofür auch immer ich mich ihrer Meinung nach entschuldigen soll. Wir hatten keinen Sex. Ihr Bauch ist rund und schön. Dimona tanzt.“

Wir haben inzwischen das hintere Ende des in typisch moderner Hufeisenform angelegten Geschäfts erreicht. Hier beginnt der Kühlbereich: Fisch, Salat- und Aufschnittsliebhabereien, die immer wieder durch überraschende Innovationen ergänzt werden.

„Warum heißt die Firma, die diesen köstlichen Räucherschinken produziert, eigentlich ‚Abraham’?“ Arthur ist leicht irritiert. „Da scheint mir etwas nicht ganz koscher zu sein.“

Doch das Angebot ist ohne Zweifel überwältigend: Frische Pasta (Ravioli, Tortellini und Gnocchi) sowie deutscher, französischer, holländischer und eidgenössischer Käse, Milchprodukte in jeder Form und Konsistenz. Für diätbewusste Humus- und Bierfreunde wie Arthur und mich hat Aldi eigens ein Light-Label kreiert: „Grazil“. Ich lege es meinem Freund dringlich ans Herz.

Er streicht sich über den Bauch: „Wir sind übrigens am Wochenende zum Essen eingeladen. Bei Lulu.“

„Ich wusste nicht, dass Lulu kochen kann“, sage ich.

„Ich auch nicht. Wahrscheinlich gibt es Speed an Jägermeister. Und einen Kasten Bionade für meine Freundin. Auf jeden Fall hat sie uns eingeladen.“

„Nur Charlotte, dich und mich? Was soll das denn?“

„Keine Ahnung. Wir sollen Fotos von Israel zeigen.“

„Wir haben keine Fotos gemacht.“

„Ich weiß“, sagt Arthur. „Darf ich bitte auch mal den Einkaufswagen schieben?“

Das Frischfleisch von Bauernglück zieht vorbei, es folgt eine monumentale Tiefkühltruhe, die jeden Feinschmecker vor Glück erzittern lässt: südamerikanische Rindersteaks aus der Hüfte, Mozarella Sticks, Boeuf Stroganoff, Ćevapčići-Pfannen und Scampi-Spieße und sogar Sushi und Hummer! Ein besonders schöner Platz ist für die Königin des ewigen Eises reserviert – die Tiefkühlpizza. Sie präsentiert sich hier in raffinierten Gourmet-Variationen, die noch vor einigen Jahren von Berufsskeptikern als bloße Hirngespinste und Luftschlösser abgetan worden wären. Seinen gebührenden Abschluss findet dieser Gang auf der – in Laufrichtung – linken Seite durch die beliebte Dosenananas, bei deren Anblick einem nicht von ungefähr sofort der Sinn nach ‚Toast Hawaii’ steht. Arthur zumindest weist darauf hin.

„Vergiss bitte angesichts dieser schlaraffenlandähnlichen Zustände nicht, dass wir uns auf historisch kontaminiertem Boden bewegen“, sage ich.

„Natürlich nicht.“ Mein Freund berührt sachte sein entstelltes Auge.

„Genau hier, wo wir jetzt mit diesem leeren Einkaufswagen unsere Aldi-Runde drehen, hat früher Albert Speer seine Runden gedreht. Im Gefängnishof. Ohne Einkaufswagen.“

Des Führers liebster Baumeister hätte nämlich, erkläre ich Arthur, im Unterschied zum wehleidigen Hess in der Haft ein strenges Regime gegen sich selbst geführt, von dem er sich mitunter sogar eigenhändig und somit offiziell „Urlaub“ erteilte. Zum Tagesplan zählten als Kontrastprogramm zur Niederschrift der bekannten Münchhausen-Memoiren auch abenteuerliche Reisen in entlegenste Erdregionen, die er im Geiste unternahm. Basierend auf geographischen Abhandlungen und Forschungsberichten, die Speer sich aus der Bibliothek kommen ließ, versäumte er niemals den täglichen Hofgang, auf dem er sich diese Entdeckungsreisen mit akribischer Präzision vorzustellen pflegte.

„Unromantisch ist dies nicht“, bemerkt Arthur. „Abenteuer – ohne Freiheit.“

„Ingesamt hat Speer während seiner Spandauer Haftzeit auf diese Weise über 31. 000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt.“

Doch ich habe noch nicht erwähnt, was sich dem interessierten Kunden auf der linken Seite des Ganges darbietet. Neben einer kleinen feinen Auswahl verschiedener Brot- und Brötchensorten kommen dort Hunde- und Katzenliebhaber voll auf ihre Kosten. Dieses qualitativ sogar den Fachhandel beschämende Tiernahrungsangebot besticht vor allem durch verführerische Snacks wie Vitalknochen mit Raucharoma, Erzeugnisse der Firma Edel Cat und den legendären Long-Seller Schnucki mit Anti-Hairballfunktion. Am Ende der Regalreihe, schon wieder in Kassennähe, kann sich die Spandauer Hausfrau nach Herzenslust bei Reinigungs- und Waschmitteln sowie verschiedenen Varianten Toilettenpapier (doppellagig, vierlagig etc.) bedienen.

„Feefein Feinwaschmittel!“ ruft Arthur. „Und Solo Saugwunder! All diese Aldi-Alliterationen!“

„Die hat man in Israel schon vermisst“, sage ich. „Siehst du irgendwo die Non-Food-Section?“

„Ich will nicht, was ich sehe, ich will, wovon ich träume“, singt mein Freund und steuert auf den ersten Mittelgang zu, den wir bisher, vielleicht unbewusst, gemieden haben. Zwar gibt es, Rücken an Rücken mit dem Obstbereich, Gemüse in Hülle und Fülle, doch unter den Non-Food-Angeboten findet man selbst als Kenner nichts, was das Kaufinteresse animieren würde. Die geizigen Spandauer müssen die Top-Seller längst aufgekauft haben, denke ich. Das Regal mit den Nahrungsergänzungsmitteln und Anti-Aging-Produkten, an dem man noch vor dem Basics-Bereich – Mehl, Zucker, Öl, Eier und so weiter – vorbeiflaniert, wirkt hingegen erstaunlich unberührt.

„Du bist jetzt dreißig.“ Arthur schlägt mir auf die Schulter. „Was du brauchst, sind ein, zwei vernünftige Rheumasalben, viel Magnesium und dann und wann etwas Johanniskraut.“

„Was du brauchst, ist ein Glasauge. Schau mal: Die Weihnachtszeit hat schon begonnen!“

Tatsächlich gelingt es Aldi mühelos, bereits im Spätsommer eine heimelige, besinnliche Atmosphäre zu erzeugen. Das Sortiment an Spekulatius-Keksen, Dominosteinen, gutmütig winkenden Schokoladenweihnachtsmännern und Marzipankartoffeln ergibt alles in allem – unmittelbar an die Kosmetika angrenzend – ein rundum stimmiges Ensemble. Aber wir sind ja auch in Spandau, wo alljährlich einer der schönsten Weihnachtsmärkte der Republik Hunderttausende begeisterte Besucher anzieht.

„Im Dezember kommen wir wieder“, sage ich – doch Arthur hat Weihnachtsgebäck Weihnachtsgebäck und Knabberwaren Knabberwaren sein lassen und befindet sich längst im zweiten Mittelgang, wo weitere schmackhafte Tiefkühlprodukte offeriert werden: Suppenhühner, Gemüsesorten aus der ganzen Welt und natürlich die Backofen-Wellenschnitt-Pommes frites. Zudem findet der Hobby-Grillmeister hier die bei jedem Barbecue hochwillkommenen Schlemmersaucen von Delikato plus diverse Eis- und Kuchenträume.

„Mmmh...“, mein Freund leckt sich die Lippen: „Diese zwölf Minischnecken würden mir jetzt aber munden.“

„Die gibt’s erst, wenn du deine postmoderne Frau gefunden hast.“

„Die Annonce ist noch nicht mal erschienen”, erwidert er betrübt.

Das Ende unseres Rundgangs kündigt sich an, auf der rechten Seite ziehen in einem seltsam undefinierten Niemandsareal Cerealien von Gletscherkrone, Bon-Ri-Kochbeutelreis gepaart mit Grillkohle und Kartoffelpüree vorüber. Zum Abschluss, gleichsam als Dessert und vis-à-vis von den deftigeren Konserven à la „Zigeunertopf“, der Süßwarenbereich. Was soll ich sagen. Es ist, als würde man die Herrlichkeit eines Alpenpanoramas bei Neuschnee preisen. Riesenschokoküsse, Matador Mix, Nussbeisser-Tafeln – jeder von uns weiß wohl genau, wie man sich fühlt, wenn man sich bei diesen Leckereien rein mengenmäßig mal ein bisschen verkalkuliert hat.

„Unser Wagen ist immer noch leer“, sagt Arthur, als wir schon an der Kasse stehen – doch er hat die beiden Lambrusco-Dosen übersehen, die ich heimlich, von meiner Tasche verdeckt, auf dem Kindersitz verstecken konnte und nun unter großem Hallo auf das Laufband lege. Plötzlich gibt es Ärger, ein Spandauer Faschist, für den allein sich der Wiederaufbau dieses Naziknasts – zum Beispiel anstelle des Stadtschlosses – schon lohnen würde, weist uns in seinem Gossenjargon darauf hin, dass wir vergessen hätten, den so genannten Trennstab hinter den beiden Lambrusco-Dosen auf dem Band zu platzieren. Wir ignorieren ihn beflissen, das heißt, ich ignoriere ihn und Arthur flüstert ihm ein kaum hörbares „Spandau-Nazi“ zu.

„Einsfünfund-pfirsich“, sagt die Kassiererin.

Arthur schaut mich an: „Happy Birthday“, ruft er und zückt seine Brieftasche.

„Ich bin immer noch nicht über die Niederlage von Wembley hinweg“, bemerke ich, während wir den Wagen entleeren.

„Ach, England“, sagt mein Freund. „Israel hat einfach keine Lobby. Bei der UEFA, meine ich.“

„Ich wette, Michael Owen hört zum Einschlafen Duran Duran.“

„Wusstest du, dass Andy Warhol nach eigenen Angaben zu Duran Duran-Videos masturbiert hat?“

„Das ist bemerkenswert.“ Ich öffne mein Lambrusco-Döschen. „Dann handelt es sich ja gar nicht um emotionale Pornographie, sondern, na ja, um Pornographie halt.“

„Wenn Lambrusco aus der Dose ein Stadtteil wäre“, sagt Arthur, „hieße dieser Stadtteil Spandau. Und der Bezirksbürgermeister Rudolf Hess.“

„Eher Baldur von Schirach.“

Beim Verlassen des Marktes stellen wir erfreut fest, dass das blaue Aldi-Emblem auf dem Dach wieder mit ausreichend Elektrizität versorgt wird. Spandau ist dunkel, doch Aldi leuchtet.

Sonntag, 9. September 2007

I'm not there
























"Being noticed can be a burden. Jesus got himself crucified

because he got himself noticed. So I disappear a lot."

Cate Blanchett ist Lucky Wilbury

Samstag, 8. September 2007

Spandau Ballet

„Was ich haben will, das krieg’ ich nicht“, sagt Arthur und wirft noch ein Eurostück in den Flipper. „Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.“

„Was hast du denn bestellt?“

„Ein Beck’s. Ein Beck’s vom Fass. Und was bringt sie mir? Ein Beck’s Gold. In der Flasche.“

„Das ist in der Tat eine Unverschämtheit“, sage ich.

„Ich will sofort zurück nach Israel.“ Der Flipper, ein Batman-Modell, gibt ein infernalisches Geräusch von sich. Mein Freund fährt fort: „Eine israelische Kellnerin hätte sich einen derartigen Fauxpas niemals erlaubt. Und selbst wenn, hätte sie mich garantiert nicht so vorwurfsvoll angeschaut. Berlin-Mitte ist wirklich das Allerletzte.“

„Ist das hier überhaupt noch Mitte?“ frage ich.

Wir befinden uns in jenem Teil der Stadt, der neuerdings unter dem armseligen Akronym NoTo firmiert: North of Torstraße. Eigentlich wollten wir frühstücken, doch Arthur frühstückt ja nie, außer im Breakfast Club, Tel Aviv. Zudem sieht das hier eher aus wie eine Eckkneipe, in der man ohnehin keine Croissants essen würde, auch wenn die Kellnerin eindeutig ein Mitte-Mädchen ist und die Goldvariante von Beck’s sich erschreckender Beliebtheit erfreut. Doch wo gibt es sonst schon noch einen Flipper? Der Flipper an sich teilt das Schicksal des Blauwals und des deutschen Volkes und ist, soviel steht fest, von der Auslöschung bedroht. Ein Fernseher läuft, tot und stumm. Ich bestelle einen Kaffee.

„Wie lange flipperst Du hier schon?“

„Seit heute morgen um neun“, erwidert Arthur. Sein Auge ist inzwischen dunkelgelb, die Schrammen sind immer noch gut zu erkennen.

„Hast du geschlafen?“

„Ich treffe mich morgen mit Charlotte“, sagt mein Freund.

„Was hat sie denn auf deine sms geantwortet?“

„Sie meinte nur, wir könnten ja vielleicht mal eine Bionade zusammen trinken gehen. Heute pennt sie bei Lulu.“

„Nachher spielt England gegen Israel“, sage ich. „Wembley wird wanken. Während du hier geflippert hast, war ich übrigens auf den ‚Kreuzberger Festlichen Tagen’.“

Tristesse totale: ein augenscheinlich vom Sofortzerfall bedrohter Jahrmarkt im Viktoriapark, um 10 Uhr morgens, im kalten Sprühregen. Der Park war leer. Alle Fahrgeschäfte standen still, nur ein paar türkische Kinder spielten mit den toten Autoscootern. Der Losverkäufer nahm einen großen Schluck Schnaps. Man konnte förmlich fühlen, wie dieser Jahrmarkt vor sich hinfaulte.

„Das Schaustellergewerbe ist – noch vor dem horizontalen – das elendigste Metier weit und breit“, schließe ich meinen Bericht. „Ich habe John Barry gehört und bin von Karussell zu Karussell gegangen. Im Regen.“

„Klingt romantisch.“

„Heute abend singt der Chor der Deutschen Bahn. Daran ist überhaupt nichts romantisch.“

„Vielleicht haben sie ‚Hatikva’ im Repertoire.“ Arthur lächelt sanft.

„Du hast recht“, sage ich, „Berlin ist die Hölle. Ich will auch zurück nach Tel Aviv.“

Mein Freund bestellt sich ein weiteres Bier.

„Hast du deine Annonce schon aufgegeben?“ will ich wissen.

„Ich muss mit dir reden.“

„Okay.“

„Wir sollten unbedingt noch mal über Chris de Burgh sprechen.“

„Auf gar keinen Fall.“ Ich muss unwillkürlich an die Toilette im Breakfast Club denken – zwei Quadratmeter, die ich in diesem Leben bitte nicht mehr wiedersehen möchte.

„Doch. Ich habe nachgedacht. Die New Romantics. Duran Duran und Lady Di.”

„Kannst du mal bitte mit dem Flippern aufhören?“

„‚Lady in Red’ war Dianas Lieblingslied.“ Arthur lässt sich nicht beirren. „Sie dachte sogar, Chris de Burgh hätte es für sie persönlich geschrieben. Hatte er aber gar nicht.“

„Wie ärgerlich. Seit wann interessierst du dich für Princess Diana?“

„Es ist jetzt genau zehn Jahre her, dass in den Straßen von Paris endlich wieder blaues Blut verschüttet wurde.“ Mein Freund will mit mir anstoßen, doch ich habe ja nur meinen Kaffee. „Damals waren wir beide fast noch Teenager. Da kann man sich schon mal einen kleinen Rückblick gestatten.“

„Von mir aus.“

„Diana ist für mich genau wie der Song ‚Lady in Red’ ein besonders abstoßendes Beispiel für diese so genannte Romantik, die gar keine ist. Im Gegenteil: Es ist eine falsche, gemeingefährliche Anti-Romantik, die die Köpfe und Herzen verklebt und nicht befreit.“

Ich weiß nicht, was mit Arthur los ist. Seit sein blutverklebter Kopf in der Jewish Princess-Bar auf den Tresen geknallt ist, verhält er sich einigermaßen bizarr. Geradezu unpostmodern, könnte man sagen.

„Warum redest du plötzlich immer von Romantik?“ frage ich ihn. „Wenn Tony Wilson und Factory romantisch sind, können Diana und Chris de Burgh es natürlich nicht sein. Schon weil es hier um Beton und Industrie geht und nicht um englische Gartenromantik.”

„Aber Dianas Lieblingsband waren Duran Duran. Die Speerspitze der New Romantics. Auf dem Rückflug habe ich einen Artikel gelesen, der schilderte, wie diese einsame, magersüchtige Prinzessin alleine und barfuss durch den Buckingham Palace tanzt, bevor sie es sich mit einem Fertiggericht vor dem Fernseher bequem macht. Und zu welcher Musik tanzt sie?“

„Duran Duran. Klar. Ich muss sagen, diese Szene wirkt auf mich schon fast wieder romantisch.“

„Na ja“, erwidert Arthur nachdenklich. „Die Bezeichnung New Romantics ist auf jeden Fall anmaßend. Nur weil man sich kostümiert und drei Stunden lang schminkt und föhnt, ist man noch lange nicht romantisch. Duran Duran. Spandau Ballet. Das sind doch alles Pornographen.“

„Der Name ‚Spandau Ballet’ ist übrigens gar nicht so beschissen, wie wir dachten.“

Arthur bittet die Kellnerin um Wechselgeld.

„Hörst du mir zu?“ Ich tippe ihn an. „In Wahrheit ist der Name eine Art Gegenstück zu ‚Joy Division’. Er bezieht sich nämlich auf das Spandauer Alliiertengefängnis, wo die in Nürnberg verurteilten Super-Nazis einsaßen.“

„Ernsthaft?“

„Ja. Und das so genannte ‚Spandau Ballet’ wurde immer dann aufgeführt, wenn sich mal wieder ein Häftling erhängt hatte. Er baumelte dann in seiner Zelle in der Luft, am Ende des Stricks, und tanzte eben das ‚Spandau Ballet’.“

Arthur starrt mich mit seinem Monsterauge an: „Das glaube ich nicht.“

„Musst du ja nicht. Rudolf Hess war der letzte Tänzer. Der einzige verbliebene Häftling in diesem riesigen Knast. Bis er sich aufgehängt hat.“

„Wie Ian Curtis“, murmelt mein müder Freund, während er weiterhin flippert und flippert. „Und Diana war die letzte Tänzerin in ihrem riesigen leeren Prinzessinnenpalast. The Princess Has Come Of Age. Vielleicht sollten wir da mal hinfahren. Nach Spandau.“

Ich schüttele den Kopf: „Da ist nichts mehr zu sehen. Nicht mal Ruinen. Das ganze Gebäude wurde praktisch pulverisiert und über der Nordsee verstreut. Damit kein Staubkorn übrigbleibt. Heute ist da nur eine Aldi-Filiale.“

„Vielleicht sollten wir trotzdem hinfahren. Dann gehen wir eben zu Aldi. Schön, dass wir wieder in Deutschland sind.“

„Wir sind in NoTo“, sage ich fröstelnd. „Ich glaube, ich nehme jetzt auch ein Bier.“

„Scheiße!“ Arthur tritt gegen das blinkende Spielgerät. „Kein Freispiel mehr!“

Freitag, 7. September 2007

Herbst in Berlin [1963]


Tonight I'm all alone.